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Foscor – Les Irreals Versions

Die eigene Musik neu auszurichten, geht für die jeweiligen Bands in den meisten Fällen mit einem gewissen Risiko einher. Schließlich wird es wohl nur den wenigsten komplett egal sein, ob sie damit ihre Fans verscheuchen und die Kritiker auf den Plan rufen. Für FOSCOR hat sich der stilistische Kurswechsel zuletzt jedoch definitiv ausgezahlt. Indem die Katalanen ihre Black-Metal-Einflüsse auf „Les Irreals Visions“ größtenteils in die Vergangenheit verbannt haben, ist es den Dark-Metallern gelungen, einen markanten und eigenständigen Sound zu kreieren. Dennoch war auf dem besagten Album offenbar noch nicht alles gesagt, denn bloß ein Jahr später veröffentlicht das Trio mit „Les Irreals Versions“ neu überarbeitete Fassungen einiger Songs der besagten Platte.

Die Hinwendung zu ätherischeren Soundgefügen, die FOSCOR auf „Les Irreals Visions“ vermeintlich bereits abgeschlossen hatten, treiben die Iberer auf dem Remix-Album auf die Spitze. Mit Metal hat selbst die Alternativ-Version von „L.amor.t“, dessen Original auf der letzten Black-Metal-Platte („Those Horrors Wither“) der Band zu finden war, kaum noch etwas zu tun. Stilistisch sind die neu arrangierten und aufgenommenen Songs am ehesten als Post-Rock mit einem Schuss Ambient einzuordnen, weshalb sie selbst mithilfe der weitestgehend 1:1 übernommenen Gesangslinien kaum wiederzuerkennen sind.

Die Befürchtung, FOSCOR hätten aus dem Erfolg ihres Season-Of-Mist-Debüts mit möglichst wenig Aufwand noch mehr Kapital schlagen wollen, erscheint unbegründet. Man darf also davon ausgehen, dass das Trio tatsächlich nur darauf abgezielt hat, den eigenen Stücken weitere Facetten zu entlocken – was der Band auf „Les Irreals Versions“ durchaus gelungen ist. Indem die Südwesteuropäer die kräftigen Riffs und Drums auf Songs wie „Instants“ oder „Altars“ gegen Clean-Gitarren, Piano und dezente Perkussionen ausgetauscht haben, ist es ihnen gelungen, die geisterhafte Stimmung, die insbesondere der Gesang schon auf den ursprünglichen Stücken vermittelte, deutlicher hervorzukehren.

Dass sich FOSCOR dennoch nicht selbst übertroffen haben, ist eigentlich nur den Songstrukturen geschuldet, die doch nicht ganz darüber hinwegtäuschen können, dass es sich nicht um eigenständige Neukompositionen handelt. Folglich machen die Variationen zum Teil einen etwas unfertigen Eindruck – als Beispiel seien etwa die hintergründigen, subtil unheilvollen Tremolo-Melodien genannt, die ob ihres allzu glatten Klangs etwas zu bieder daherkommen.

Die eigentliche Herausforderung, der sich eine Band, die sich selbst covert, zu stellen hat, ist, den überarbeiteten Versionen ein unabhängiges Eigenleben zu schenken. Diese Aufgabe haben FOSCOR auf „Les Irreals Versions“ leider nicht ganz gemeistert. Doch obwohl es allzu offensichtlich ist, dass die Originale von „Les Irreals Visions“ ihren „unwirklichen Versionen“ weiterhin überlegen sind, haben FOSCOR mit ihrem Ausflug in die ungreifbaren Sphären des Post-Rock und des Ambient keineswegs eine Bruchlandung hingelegt. Am Einfallsreichtum und an der akustischen Qualität scheitert es hier überhaupt nicht, den Aufbau der Tracks hätte man jedoch besser mit der andersartigen Stilrichtung in Einklang bringen können.

Somali Yacht Club – The Sea

Die Ukraine ist nicht unbedingt das erste Land, das einem in den Sinn kommt, wenn man an Stoner Rock denkt. Allerdings fügen SOMALI YACHT CLUB ihrer Interpretation des drogengeschwängerten Wüstensounds auch andere, kühlere Elemente aus Post-Rock sowie Psychedelic und sogar eine Prise Doom hinzu – und diese Mischung klingt ziemlich cool und kurzweiliger, als man aufgrund der recht naheliegenden Kombination besagter Musikstile vermuten würde.

Ursprünglich 2011 als Jam-Band gegründet, präsentiert das Trio aus Lviv mit „The Sea“ seinen zweiten Longplayer. Ihre Wurzeln verleugnen die drei Musiker dabei nicht: Das Zusammenspiel ist ausgezeichnet und bisweilen improvisiert wirkende, ausschweifende und atmosphärische Instrumentalparts sind auf „The Sea“ eher die Regel als die Ausnahme. Schon im Opener „Vero“ vollbringen SOMALI YACHT CLUB in den ersten Minuten, aber auch im Mittelteil des Songs, das Kunststück, sowohl nach Isis zu „Oceanic“-Zeiten als auch nach Kyuss zu klingen. Sicher nicht die schlechtesten Referenzen. Dieses Wechselspiel setzt sich dann auch über die gesamte Spielzeit des Albums fort und wäre dies die einzige Trumpfkarte der Band, würde „The Sea“ wahrscheinlich trotz der durchaus interessanten Kombination unterschiedlicher Stile in der Masse der Post-Rock-Veröffentlichungen gnadenlos untergehen.

Aber da ist noch das ziemlich gute Händchen für catchy Melodien, welches SOMALI YACHT CLUB auszeichnet: Sei es das unwiderstehliche Gitarren-Lead in „Religion Of Man“, die Gesangsmelodie in der Strophe von „Blood Leaves A Trail“ oder das Finale des zu Anfang beinahe jazzigen „Hydrophobia“, in dem die ukrainische Truppe auch mal ordentlich rockt und aufs Gaspedal tritt. Auch die durchaus gelungene Produktion, die verwendeten Gitarrensounds sowie die cleane Vocalarbeit in den ruhigeren Passagen erinnern immer wieder an besagte Bostoner Post-Metal-Institution in den frühen Zweitausendern. Gerade die zahlreichen und sehr unterschiedlichen Gitarreneffekte, die SOMALI YACHT CLUB verwenden, sind maßgeblich für den Charakter der einzelnen Songabschnitte verantwortlich. Ob Post-Rock-artig unterkühlt oder fuzzy Desert-Rock-Attitüde – die Bandbreite ist groß und macht „The Sea“ zu einer spannenden Angelegenheit.

Klar, das Rad wurde hier nicht unbedingt neu erfunden, trotzdem macht SOMALI YACHT CLUBs aktuelles Album Spaß. Von den genannten Melodiehighlights mal abgesehen hat man hier und da sicher das Gefühl, das eine oder andere Riff schon mal gehört zu haben – im Post-Rock leider keine Seltenheit, in diesem Fall allerdings Meckern auf hohem Niveau. Wer neben alten Isis-Platten auch Alben von Bands wie Kyuss oder Elder im Regal stehen hat, sollte „The Sea“ mal eine Chance geben.

Ancestors – Suspended In Reflections

Sechs Jahre sind seit dem letzten ANCESTORS-Album vergangen. Eine lange Zeit, die auch einige Veränderungen für die inzwischen auf Triogröße geschrumpfte Formation aus Los Angeles mit sich brachte. Hat sich das Warten gelohnt?

„Ich denke, wir sind in den letzten sechs Jahren bessere Songwriter geworden“ erklärt Gitarrist und Sänger Justin Maranga und betont, dass es sich beim aktuellen Album „Suspended in Reflections“ um eine Teamleistung handelt, bei der die einzelnen Musiker-Egos keine Rolle gespielt haben. Und tatsächlich klingen die Songs extrem homogen, ein in sich geschlossenes, atmosphärisches Werk, in dem sich keiner der Beteiligten in den Vordergrund drängen muss. Zurückhaltung heißt die Devise über weite Strecken – bis es zum Ausbruch kommt.

Denn laut sein können die Postrocker schon auch, obwohl die ruhigen Momente deutlich überwiegen. Phasenweise sind die ANCESTORS eine Spur härter als Artgenossen wie Mogwai unterwegs. Etwas metallischer gerade den Gitarrensound betreffend, wovon man sich beispielsweise im recht doomigen Schlusstrack „The Warm Glow“ überzeugen kann. Dass dies auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich ist, liegt in erster Linie an den über die gesamte Albumlänge hinweg getragenen, sehr melodischen Vocals von Maranga: durchaus vergleichbar mit Bands wie Khoma, Jesu oder Iroha, aber doch anders, (emotional) weniger kaputt – und somit leider über die gesamte Albumlänge ein wenig eintönig und wenig abwechslungsreich. Auch die sehr saubere Produktion führt dazu, dass gerade die Post-Metal-Passagen etwas geschliffener als bei der Konkurrenz wirken. Weniger Ecken und Kanten.

Daran kann man sich beim Hören der ersten Minuten der Platte schon stören, gerade wenn man „Suspended In Reflections“ ausschließlich im Post-Rock- bzw. Metal-Kontext sieht. Aber die ANCESTORS haben neben den melancholischen, manchmal beinahe pathetischen Gitarren-Soundwänden noch etwas anderes, durchaus Spannendes in petto: jede Menge Ausflüge in den klassischen Progressive Rock der siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts in Form von ausufernden Instrumentalpassagen, in denen die drei Musiker sowohl von diversen Synthesizern (man beachte die nach Vangelis klingenden Flächen in „Gone“) als auch von einer Aeolian-Skinner-Kirchenorgel mit fast 2000 Pfeifen unterstützt werden. Sehr schön zu hören im Song „Release“, welcher auch ein paar jazzige Passagen am Start hat. „Into The Fall“ bietet ein ziemlich cooles, proggy Streicherarrangement und all diese Kleinigkeiten machen letztendlich den Unterschied aus und zeugen von den Fähigkeiten und Qualitäten der beteiligten Musiker. Hier lohnt es sich also, genauer hinzuhören.

Was musikalisch auf den ersten Eindruck etwas zu poliert oder vielleicht sogar unspektakulär wirkt, bietet bei genauerer Betrachtung eine bemerkenswerte klangliche Vielfalt und Detailreichtum. Eine äußerst atmosphärische, ineinanderfließende Soundlandschaft, die einlädt, der Fantasie freien Lauf zu lassen und die perfekte Filmmusik für das eigene Kopfkino darstellt. Dass die Post-Metal-Parts nicht unbedingt vor Innovation strotzen, ist schade, allerdings wird man dafür mit den gelungenen, progressiven Elementen entschädigt. Und man muss zugeben, dass „Suspended In Reflections“ in manchen Momenten recht knapp am Kitsch vorbeischrammt. Auch eine Gratwanderung, die gekonnt sein will – aber hier soweit gelungen ist. Freunde des melodischen Post-Metals können problemlos ein Ohr riskieren. Es tut auch garantiert nicht weh.

Sylvaine – Atoms Aligned, Coming Undone

Bisweilen kreuzt man einen Weg, der vorgezeichnet scheint. Den von SYLVAINE etwa. Seit die in Frankreich lebende, gebürtige Norwegerin 2014 ihr erstes Album „Silent Chamber, Noisy Heart“ vorlegte, war klar: Von SYLVAINE wird man noch oft hören – und vermutlich nie enttäuscht werden. Das legt, nach dem grandiosen 2016er-Werk „Wistful“ auch Album Nummer drei nahe: „Atoms Aligned, Coming Undone“.

Hinter dem in allen Wortbedeutungen fantastischen Artwork verbirgt sich ein weiteres Album, das man guten Gewissens schon als gelungen bezeichnen kann, als die ersten Tönen des Titeltracks erklingen – gespielt auf einem wunderbar erdig-lebendig abgemischten Bass, zu dem sich erst langsam die weiteren Instrumente und SYLVAINEs kristallklare Stimme gesellen. Bereits hier kommt die bereits auf „Wistful“ stark ausgeprägte Ähnlichkeit zu Alcest zum Vorschein: Wie Neige auf „Kodama“, zelebriert auch SYLVAINE das Wechselspiel zwischen sanft und düster, mischt ruhige Cleangitarren mit atmosphärisch-verträumten Zerrgitarren oder lässt ihre sanfte Stimme in wilde Screams übergehen.

Wenngleich diese Alcest-Parallele in „Mørklagt“ mit seinen neun Minuten, in denen das Stück zwischen süßer Melancholie und brachialem (Post-)Black-Metal-Riffing pendelt, noch stärker herausgearbeitet ist, klingt „Atoms Aligned, Coming Undone “ alles in allem doch eigenständiger als sein Vorgänger. Das liegt nicht zuletzt daran, dass mit „Worlds Collide“ und „L’Appel du Vide“ immerhin zwei Songs wieder merklich mehr nach „Silent Chamber, Noisy Heart“ klingen: ruhiger, vielleicht etwas kitschiger, aber im schönsten Sinne des Wortes: In der Reinheit ihrer Stimme braucht sich SYLVAINE nämlich auch vor Sängerinnen wie Sharon den Adel (Within Temptation) nicht zu verstecken.

Mit „Atoms Aligned, Coming Undone“ gelingt SYLVAINE die perfekte Symbiose aus ihren bisherigen Werken: Das ruhige, sanfte Element des Debüts trifft hier auf den atmosphärischen Metal von „Wistful“. In Sachen Sound, Komposition und Gesang perfekt umgesetzt, bietet „Atoms Aligned, Coming Undone“ größere stilistische Varianz als seine Vorgänger und dabei doch alles, was man an der Musik von SYLVAINE zu lieben gelernt hat. Bleibt nur zu hoffen, dass SYLVAINE mit diesem Album endlich auch mit Band durch Deutschland tourt – und nicht mehr nur als Mercherin von Alcest.

Cataya – Firn

Seit einigen Jahren lädt die aktuelle Post-Rock-Welle immer wieder Bands zum Aufspringen ein, so auch die Jungs von CATAYA. Die belgisch-deutsche Combo wurde im Jahre 2014 gegründet und zählt in der aktuellen Besetzung sechs Mitglieder. Nach diversen Shows und Festivalauftritten mit Bands wie Year Of No Light und Toundra, sowie der Veröffentlichung des Erstlingswerks „Sukzession“, steht nunmehr das zweite Album „Firn“ in den Startlöchern.

Die Rezeptur, welche CATAYA für das Album verwenden, ist recht simpel und eingängig, denn auf Gesang oder Sprach- und Gesangssamples wird komplett verzichtet. Diese Beschränkung auf eine rein instrumentale Ebene macht es natürlich umso anspruchsvoller, eine gewisse Spannung zu erzeugen und vor allem aufrechtzuerhalten.
Tatsächlich überzeugt aber schon der Opener „Destiny“ sehr stark durch seine sanften Gitarrenklänge, verspielten Riffs und seine absolut ruhige Grundstimmung, die selbst bei den vereinzelt eingestreuten und sich später steigernden Tempowechseln nicht verloren geht. Das Schlagzeug gerät ebenfalls nie aus dieser Ruhe und passt sich hervorragend dem Fluss an, sodass eine beeindruckende Klanglandschaft entsteht.
Deutlich variabler geht es mit „Madera Sagrada“ und „Vis-à-Vis“ weiter. Es dominieren zwar größtenteils noch immer sehr weit ausladende Gitarrenteppiche, aber das Tempo variiert sehr viel deutlicher und selbst schwarzmetallisch anmutende Passagen halten Einzug in das Klangbild, welches CATAYA auf „Firn“ zeichnen. Es wirkt, als seien die beiden Stücke deutlich zerrissener und doch ist der berühmte rote Faden während des gesamten Albums immer deutlich erkennbar und führt auch in „Ausblick“ ganz klar auf ein gewolltes Ende hin.

CATAYA schaffen es mit „Firn“ wirklich ohne Umschweife, den Hörer abzuholen und ihn mit auf eine Reise zu nehmen, bei welcher man die Gefilde von Post Rock, Shoegaze und Post Black Metal streift, nur um unweigerlich an Einflüsse wie Alcest, Russian Circles und Toundra erinnert zu werden. Das deutsch-belgische Sextett liefert hier also ein bisweilen sehr gutes Werk ab und auch die Produktion ist absolut sauber und passend.
Am Ende muss man aber der Wahrheit ins Auge sehen. Das letzte Quäntchen Inspiration fehlt. Die Strukturen, Klänge und Arrangements sind gut, jedoch an einigen Stellen noch zu generisch. Aber wie so oft ist dies wirklich Kritik auf hohem Niveau.

Abschließend kann man festhalten, dass das Potenzial für die Zukunft da ist und man sollte CATAYA definitiv auf dem Zettel haben. Dennoch schafft es „Firn“ noch nicht, dauerhaft im Kopf zu bleiben oder einen richtigen „Wow“-Effekt auszulösen.

The Ocean Collective – Phanerozoic I: Palaeozoic

Für die Fans des THE-OCEAN-Kollektivs aus Berlin, welches mit „Aeolian“ 2005 und „Precambrian“ 2007 zwei Meilensteine des (durchaus post-Hardcore-geprägten) Post-Metals veröffentlicht hatte, war der Sprung zur „richtigen“ Band THE OCEAN und dem Album „Heliocentric“ ein recht großer. Gitarrist Robin Staps und seine Mitstreiter haben seitdem sicherlich viele neue Fans dazugewonnen – aber auch ein paar alte verloren. Grund hierfür waren neben den (wohlgemerkt technisch hervorragend umgesetzten) cleanen Gesangspassagen des damals neuen Frontmanns Loïc Rossetti auch die insgesamt Metal-lastigere Ausrichtung im Songwriting der inzwischen in der Schweiz angesiedelten Truppe.

Die Zeiten waren vorbei, in denen Staps komplette Alben mit Sessionmusikern und verschiedenen Gastsängern aufgenommen hatte, unter denen auch prominente Namen wie Nate Newton (Converge, Old Man Gloom, Doomriders), Tomas Hallbom (Ex-Breach), der leider kürzlich verstorbene Caleb Scofield (Old Man Gloom, Cave In) oder auch Sean Ingram (Coalesce) zu finden waren. THE OCEAN waren zu einer Band mit einer festen Besetzung gereift. Das Missing Link: die Verbindung zwischen dem offenen Kollektiv der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts und den „neuen“ THE OCEAN, die nun statt der wütenden, ungezügelten Converge-artigen Energie durchaus ansprechende, beinahe radiokompatible Songstrukturen ausspuckten, als hätten sie nie etwas anderes getan.

„Heliocentric“ folgten mit „Anthropocentric“ und „Pelagial“ zwei weitere (subjektiv wieder etwas härtere) Alben mit Rossetti am Mikrofon, doch inzwischen sind fünf Jahre ins Land gezogen, in denen die Musiker auf Tour waren und von Irkutsk, Sibirien, bis Quito in Ecuador so ziemlich den gesamten Planeten bespielt haben – und die Welt wartet nun gespannt auf „Phanerozoic I: Palaeozoic“, den ersten des zwei Teile umfassenden Gesamtwerks … und siehe da: auf dem Cover steht doch tatsächlich THE OCEAN COLLECTIVE.

Gleich der erste Track nach dem Intro lässt einen an „Precambrian“ zurückdenken: „Cambrian II – Eternal Recurrence“ ist ein grollendes, ultrafettes Riffmonster mit einer fragilen Synthesizer-Melodie, auf dem Loïc Rossetti seine Zeilen so hart und kompromisslos wie nie zuvor ins Mikrofon brüllt – auch wenn melodischere Passagen nicht lange auf sich warten lassen. Sogar ein Blastbeatpart gesellt sich dazu und das gefällt, kombiniert es doch geschickt die (vor allem gesanglichen) Qualitäten der „neuen“ THE OCEAN mit der Roughness des „alten“ Kollektivs. Der Schlußpart des anfangs sehr atmosphärischen „Devonian – Nascent“ (auf welchem neben Rossetti auch Katatonia-Sänger Jonas Renske zu hören ist) hätte so auch auf „Aeolian“ sein können. Über derbe Parts zu schreien wäre zu offensichtlich, meinte Staps noch vor kurzem in einem Interview, trotzdem fühlt sich der Zuhörer aufgrund der harten Vocalpassagen und rifforientierten Instrumentals immer wieder an die Frühwerke des Wahl-Berliners erinnert.

Dabei besinnt sich die Band aber regelmäßig auf ihre neuen Tugenden und lässt melodischeren und zugänglicheren Elementen in den Songs jederzeit genug Luft zum Atmen. Die Arrangements wirken weniger verspielt, aufgeräumter, zwar detailverliebt, aber nicht zu überladen. Vielleicht scheint „Phanerozoic I: Palaeozoic“ dadurch phasenweise härter als „Pelagial“ zu sein und stellt somit wirklich so etwas wie ein Bindeglied zwischen „Precambrian“ und „Heliocentric“ dar, verbindet es doch gekonnt die beiden musikalischen Welten. Übrigens auch inhaltlich, denn es geht um das Erdzeitalter, welches auf das Präkambrium folgte – und dessen Artenvielfalt durch ein Massensterben massiv dezimiert wurde. Und es geht um den ewigen Kreislauf (des Lebens), es geht um Zeit, sich wiederholende Muster und die Wahrnehmung derselbigen.

Robin Staps hat „Phanerozoic I: Palaeozoic“ weitestgehend im Alleingang geschrieben, völlig isoliert in einem Haus am Meer. Von Loïc Rossetti abgesehen ist er dabei von neuen Mitstreitern umgeben – zumindest in Sachen Albumproduktion, der eine oder andere Musiker stand sicher schon einmal mit ihm auf der Bühne. Sowohl Drummer Paul Seidel als auch Bassist Mattias Hägerstrand sind das erste Mal auf einem THE-OCEAN-Longplayer zu hören. Peter Voigtmann (der jahrelang die spektakulären Lichtshows der Band gestaltet hat) erweitert die klangliche Palette um dystopisch und analog anmutende Synthesizersounds. Auch etwas, was auf den Frühwerken immer wieder Bestandteil der Kompositionen war. Aber auch Piano und Cello durften bei den Aufnahmen nicht fehlen und wurden von Vincent Membrez und Dalai Theofilopoulou in Berlin eingespielt. Für den mächtigen Sound des Albums sind neben Julian Fehrmann (erledigte das Drum-Recording in den Sundlaugin Studios auf Island, in denen schon Sigur Ros oder auch Björk zu Gast waren) auch Magnus Lindberg und Jens Bogren verantwortlich – allesamt Experten auf ihrem Gebiet, die bereits mit THE OCEAN oder anderen Post-Metal-Bands wie Cult Of Luna erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Klar, so richtig Hardcore ist hier auch nichts mehr so wirklich .Trotzdem sind die Jungs gefühlt wesentlich düsterer, rotziger und aggressiver unterwegs als auf ihren letzten Veröffentlichungen. Und das steht ihnen durchaus gut zu Gesicht. „Phanerozoic I: Palaeozoic“ ist auf den ersten Blick nicht so offensiv progressiv und technisch wie „Pelagial“, bietet aber mindestens genauso viele Details, die entdeckt werden möchten. Ein Album in der Tradition der bisherigen THE-OCEAN-Releases, deren Werte sich nicht immer nach dem ersten flüchtigen Anhören offenbart haben – man soll auch dieses Ding mehrmals in die Hand nehmen, sich damit beschäftigen, es bewusst genießen. Das Artwork von Martin Kvamme (inzwischen sein fünftes für die Band) unterstreicht diesen Anspruch: So wird „Phanerozoic I: Palaeozoic“ in verschiedensten Ausführungen angeboten – von der „einfachen“ CD im mit metallisch wirkenden Druck versehenen Mehr-Ebenen-3D-Digipak bis hin zur farbigen LP-Version mit Live-DVD, echten Fossilien (mit Zertifikat) und weiteren Extras, formschön verpackt in einer Holzschatulle. Wer es anspruchsvoll, aber doch auf die Zwölf mag und Bands wie Cult Of Luna oder Abraham etwas abgewinnen kann, sollte sich dieses großartige Album auf keinen Fall entgehen lassen.

LLNN – Deads

Was haben John Carpenter und Meshuggah gemeinsam? „Deads“, der zweite Longplayer der Post-Metal-Band LLNN klingt auf jeden Fall ein wenig so, als ob sich besagte Musiklegenden zusammengetan hätten, um den Soundtrack für die anstehende Apokalypse zu schreiben. Die dänischen Musiker zeigen sich dabei zwar kompromisslos hart (wenn auch rhythmisch nicht ganz so schräg und komplex wie die zuvor genannten Schweden, dafür aber insgesamt (Post-)Hardcore-lastiger), lassen aber melodisch-atmosphärische Passagen nicht missen. Ist das noch Kunst oder kann das weg?

Die Zutaten, aus denen LLNN ihren Musikcocktail (besser gesagt: ihren Schierlingsbecher) mixen, sind altbewährt: geshoutete Vocals, tiefergestimmte Gitarren (die tuning- und mischungsbedingt manchmal fast Djent-mäßig rüberkommen können), eine groovig-schleppende, aber hochpräzise Rhythmusgruppe und Synthesizersounds, die durchaus die eine oder andere Erinnerung an die achtziger Jahre wecken – das ist der Stoff, aus dem die Albträume sind und tatsächlich wesentlich spannender, als man zunächst aufgrund der Zusammensetzung vermuten mag. Rein technisch kann man LLNN nichts vorwerfen: Songwriting und musikalische Umsetzung sind spitze, die Produktion ausgesprochen mächtig. Dies überrascht nicht, saß doch Jacob Bredahl (Ex-Hatesphere) hinter dem Mischpult. Für das Mastering holte man sich die Producer-Legende Tue Madsen (der u.a. für Meshuggah, The Haunted oder auch Disbelief gearbeitet hat) ins Boot und der Mann hat „Deads“ ohne Frage die richtige Dosis Bumms verpasst: die Platte ist einfach unglaublich fett, die Drums knallen und die Gitarren knurren angenehm tief. Auch Vergleiche mit Phantom Winter (minus die Black Metal-Elemente, plus eingangs erwähnte Post-Hardcore-Attitüde) sind zulässig, denn LLNNs Musik triggert gerne mal ähnliche Hirnareale wie die Würzburger an.

Ein Alleinstellungsmerkmal sind ohne Frage die sehr speziellen elektronischen Elemente, die gerne mal so klingen, als ob sich Cthulu (oder irgendwas aus „Pacific Rim“) höchstpersönlich aus dem Ozean erheben würde (so gehört bei Minute zwei im recht verschachtelten Song „Parallels“). Hier hat Elektroniker Ketil G. Sejersen ganze Arbeit geleistet, basieren doch manche Sounds auf stark entfremdeten Alltagsgeräuschen wie z.B. einem Wasserkocher. Die auf „Deads“ durchgehend spürbare, beklemmende Atmosphäre bekommt so direkt Soundtrack-Charakter: John Carpenter (u. a. „The Fog“, „Halloween“ oder „Die Klapperschlange“), Vangelis („Bladerunner“) oder auch Brad Fiedel (u. a. „Terminator 2 – Judgement Day“) lassen grüßen. Überraschend ist das nicht, die Jungs von LLNN sind große Fans der genannten Komponisten und haben durchaus ein Faible für die Soundästhetik der Achtziger. Dies zeigt sich zum Beispiel im Interlude „Civilizations“, welches nicht zuletzt durch das Drumming beinahe rituellen Charakter bekommt. Eins der Highlights ist definitiv der mit knapp acht Minuten längste Track des Albums, „Armada“, der sogar richtig schöne Wohlfühlmomente und –harmonien bietet, bevor sich nach ungefähr viereinhalb Minuten die großen Alten unter unglaublichem Höllenlärm erneut aus der Tiefe erheben.

Man könnte es ansatzweise so beschreiben: wer sich schon immer eine Mischung aus Converge, Meshuggah und John Carpenter bzw. eine musikalisch kaputte Metal-Umsetzung von H. P. Lovecrafts Universum gewünscht hat, dürfte an „Deads“ seine helle Freude haben. Ein ausgesprochen elegantes, aber extremes Stück Musik.

A Storm Of Light – Anthroscene

Obwohl das letzte A STORM OF LIGHT-Album bereits vor fünf Jahren veröffentlicht wurde, war Josh Graham (Ex-Neurosis, ehemals verantwortlich für jegliche visuelle Komponente wie Artworks und Visuals der Sludge-Institution) keineswegs untätig. So gehen neben diversen Cover-Designs (u.a. für Wolfmother oder die Soundgarden-Rereleases von „Badmotorfinger“ und „Superunknown“) auch Licht- und Visualkonzepte (u.a. für die Live-Auftritte von Florence And The Machine, Sleep oder auch Jay-Z) auf sein Konto. Musikalisch war es in den letzten Jahren allerdings ruhiger um den US-Amerikaner – wobei aber spätestens bei der Textzeile „What The Fuck Is Wrong With Us? America Is Sick“ im Song „Blackout“ klar sein dürfte, dass sich einiges an Wut und Frustration in ihm angestaut haben muss.

„Die Texte auf „Anthroscene“ sind meine ehrliche Reaktion auf all das, was in der Welt aktuell passiert“, erklärt Graham und verweist auf den politischen Rechtsruck in einigen europäischen Ländern und natürlich den amerikanischen Präsidenten: „Trump, der vielleicht dümmste Präsident in der Geschichte, verbreitet Angst und Hass und wettert gleichzeitig sowohl gegen die Wissenschaft als auch gegen die Umwelt. Das ist irgendwie beschissen surreal.“ Mit diesen Gedanken scheint er nicht alleine zu sein: wenn Trumps Präsidentschaft schon sonst nichts Gutes hervorgebracht hat, so hat sie doch wenigstens für das eine oder andere bemerkenswerte Release von diversen Bands wie den Prophets Of Rage oder auch Ministry gesorgt.

Und an letztere erinnern A STORM OF LIGHT auf „Anthroscene“ auch gerne mal: sei es das doch im klassischen Sinne recht metallische Riffing oder die Art, wie Graham seine Stimme in manchen Tracks entfremdet, gar verzerrt. Auch Prongs „Rude Awakening“-Album kommt einem ab und an in den Sinn, obwohl das Schlagzeugspiel komplexer und verschachtelter als auf Prongs eher maschinell-straight gehaltenem Album daherkommt: Chris Commons Drumming besticht durch sehr viele Akzente und ausgeprägten Tom-Einsatz. Der gute Mann prügelt seinem Set regelrecht die Seele aus dem Leib, während Bassist Domenic Seita seinen Bass in bester Godflesh-Tradition knurren lässt… die Rhythmusgruppe weiß also zu gefallen, beide Daumen hoch. Wenn die Gitarren mal nicht bretthart sind und der Frontmann einen Hauch von Melodie in seine Stimme packt, bekommt das Album auch durch die immer wieder auftauchenden elektronischen Elemente und Synthesizerparts von Dan Hawkins und Graham selbst ein bisschen Killing Joke-Charakter.

Alles in allem eine verdammt gute Mischung, die auf „Anthroscene“ geboten wird: die Entwicklung, die sich auf dem noch etwas gleichförmig geratenen Vorgänger „Nations To Flames“ abgezeichnet hat, wird konsequent fortgesetzt und in Sachen Abwechslung und Atmosphäre ist sogar noch eine definitive Steigerung spürbar. A STORM OF LIGHT sind nicht mehr die Neurosis– oder Isis-artige Post-Metal-Band, die sie auf ihren ersten drei Alben waren. Aber sie verleugnen diese Wurzeln auch nicht, sondern fügen ihren Kompositionen elegant neue Elemente hinzu. So ist dieses großartige Album eine sehr moderne Variante des seit einigen Jahren recht populären Post-Metal-Themas, die sich anderen, genrefremden Einflüssen gegenüber nicht verschließt und bei der die emotionale Komponente nicht zu kurz kommt. Denn „Anthroscene“ ist eine politische Protestplatte, wütend, hart und kalt, allerdings ohne den Zuhörer völlig hoffnungslos in der Dunkelheit zurückzulassen. Das stylische Artwork von Graham unterstreicht diesen Anspruch: Einige der Aufnahmen aus dem Booklet, die zerstörte Stadtteile zeigen, stammen aus Kiew und Graham hat sie nach den Demonstrationen in der ukrainischen Hauptstadt 2014, als A STORM OF LIGHT dort auf Tour waren, selbst geschossen. Das Cover wiederum zeigt eine Frau in schwerer militärischer Panzerung… und auf ihrer Hand eine weiße Taube. Vielleicht stirbt die Hoffnung ja doch zuletzt.