Archives

Letzte Instanz: Noch ein neues Video

Die deutschen LETZTE INSTANZ haben ein neues Musikvideo zum Song „Morgenland“ veröffentlicht. Es handelt sich dabei um den Titeltrack des am 16. Februar erschienenen neuen Albums der Band.

Legend Of The Seagullmen – Legend Of The Seagullmen

Vor sieben Jahren begann die Geschichte des Projektes, dessen Debüt nun in den Läden steht. Gegründet als ein Performance-Kollektiv namens LEGEND OF THE SEAGULLMEN, welches unregelmäßig die amerikanischen Bühnen mit einem irrwitzigen Mix aus Theaterstück, Puppenspiel und Konzert beglückte, veröffentlicht dieses Projekt nun das gleichnamige Erstwerk. Das Besingen vieler Schiffsbrüche, eines gigantischen Tintenfischs und des Möwen-Gottkönigs ist dabei aber noch nicht einmal das spektakulärste an LEGEND OF THE SEAGULLMEN.

Obgleich diese Vorgeschichte an sich schon irrwitzig genug ist, stellt das Line-Up die weitaus größere Überraschung dar: Tool-Schlagzeuger Danny Carey, Mastodon-Gitarrist Brent Hinds, Giraffe Tongue Orchestra-Bassist Pete Griffin, „Jonah Hex“- sowie „Horton hört ein Hu“-Direktor Jimmy Hayward an der Gitarre sowie Chris DiGiovanni (Synth), Tim Dawson (Gitarrist) und Sänger David Dreyer stecken hinter dieser Formation, die sich der „aquatic fantasy“ und des „cinematic psychedlic rock“ verschrieben hat.

Und tatsächlich handelt es sich dabei nicht um eine übertriebende Zuspitzung: LEGEND OF THE SEAGULLMEN lieben die tiefen Gewässer ebenso wie die deutsche Nautik-Instanz Ahab, allerdings ist Carey und Co.’s Interpretation der Meere wesentlich abwechslungsreicher und quirliger. Grundsätzlich verpackt in Vintage-Rock, spicken LEGEND OF THE SEAGULLMEN ihre Songs nämlich mit viel psychedelischen Synthi-Sounds, allerlei Gitarren-Soli und sogar orchestraler Untermauerung. Darüber fegt Dreyer mit seiner kräftigen, ausdrucksstarken Stimme, deren Dramaturgie ähnlich der eines Bjørnar Erevik Nilsen (Vulture Industries) von erzählerisch und warm hin zu kratzig und beklagend reicht.

Die facettenreichen Rock-Songs mit Ohrwurm-Charakter sowie der ebenso charakteristische Gesang lassen dieses Debüt von Track zu Track ähnlich wachsen wie den besungenen „giant squid“: LEGEND OF THE SEAGULLMEN zeigen bereits mit dem Opener, dass sich hinter der Formation kein Piraten-Klamauk ähnlich Alestorm verbirgt, sondern kreativ und stimmungsvoll umgesetzte Erzählungen von „the seagullmen„. Dabei gelingt es der Supergroup spielerisch, das Befinden dieser rauen Männer auf See bedrückend, pathetisch und abenteuerlustig abzubilden, sodass jeder der acht Tracks für sich stehend begeistert.

Glücklicherweise hat Hinds nach Mastodon’s „Leviathan“ nicht die Lust an der nautischen Thematik verloren, sondern im Gegenteil, diese mit LEGEND OF THE SEAGULLMEN in einem anderen Licht neu definiert. Großartig!

Letzte Instanz – Morgenland

Nach der Rückkehr aus dem Sony-Kosmos ist „Morgenland“ der zweite Longplayer von LETZTE INSTANZ, der bei AFM/Soulfood erscheint. „Liebe im Krieg“ deutete als Einstand bei der neuen Label-Heimat altbekannte Qualitäten wieder an, die Brachialromantik schien nach mehreren (unter-)durchschnittlichen Veröffentlichungen wieder zu florieren. Die Hoffnungen auf weitere Steigerungen hält bei „Morgenland“ nur kurz.

Der Titeltrack als Auftakt gerät direkt zum Prunkstück der gesamten Veröffentlichung. Ähnlich wie die schnelleren Rocknummern von „Liebe im Krieg“ und einigen Vorgängern geht „Morgenland“ gut ins Ohr, das Tanzbein wippt vor allem dank gutem Streichereinsatz im Takt. Im Anschluss deutet das gediegenere „Ikarus“ gleich zu Beginn mit Hausfrauen-Lyrik wie „Hochmut kommt vor dem Fall“ oder „Für eine bessere Welt, warst du der letzte Held“ an, wohin die textliche Reise (erneut) geht. „Reim dich oder ich fress dich“ heißt dann es dann auch direkt im Refrain eben jenes Liedes, das genau wie „Schwarz“ noch mit einem zusammengekniffenem Auge erträglich ist. Für das temporäre Durchhaltevermögen entschädigt „Disco D’Amour“ mit viel Cello und einer netten Textidee, die sich an emotional abgestumpfte Menschen richtet. Kein Zweifel, Halbballaden und schnellere Rocknummern zählen nach all den Jahren zu den Stärken der INSTANZ.

Dass Holly und Co. erneut mit ihrem Produzenten Markus Schlichtherle (u.a. Polarkreis 18) zusammenarbeiten, offenbart wiederum der aalglatte Klang der gesamten Platte. Lediglich die genannten Nummern und mit Abstrichen auch „Mein Land“ sowie „Für immer sein“ als Abschluss brechen etwas aus dem Korsett aus, wenngleich „Mein Land“ auch die erste Lektion im Schlagzeugunterricht für Anfänger sein könnte und Rammstein mit ihrem namensgleichen Stück die INSTANZ locker wegbügeln. Dass die Brachialromantiker musikalisch andere Ziele als ihre Berliner Kollegen verfolgen, ist offenkundig, doch so simpel gestrickt wie viele der Texte, so naheliegend darf auch mancher Vergleich sein, speziell wenn er sich wie hier anbietet. Spätestens ab „Glücksritter“ geht „Morgenland“ schließlich auf ähnliche Weise vor die Hunde wie es bereits „Im Auge des Sturms“ tat: Bieder, gefällig, anschmiegsam, konstruiert, ungefährlich und offensichtlich klingt das neueste Oeuvre der Dresdener mit Ausnahme des bereits erwähnten Abschlusssongs. Max Giesinger, Adel Tawil und Marc Forster könnten auf die übrigen Kompositionen insgesamt aber stolzer nicht sein. Rein instrumentale Stücke fehlen vollends, dafür reiht sich ein Plattitüdensalat an den nächsten und am Ende wird jeder einzelne Song seiner möglichen Stärke beraubt, da Ecken und Kanten völlig fehlen. Mag „Morgenland“ als Titel durchaus provokativ gewählt sein, so ist die musikalische Verpackung mehr als handzahm und vor allem berechenbar.

Freiheit, Offenheit und Toleranz als Grundgedanken für ein Konzeptalbum über Hoffnung und Verheißung, die Verschmelzung von Morgen- und Abendland – alles gute Grundgedanken, leider ist die Umsetzung überwiegend mangelhaft und entbehrt besonders in der zweiten Hälfte jeglichen Wiedererkennungswerts. Hollys Gesang kommt – genau wie seine Texte – nicht über ein gewohntes Mittelmaß hinaus und scheint damit bereits am Maximum angekommen zu sein. Ein bisschen wirkt „Morgenland“ auch so, als ob es sich die INSTANZ in ihrem Wohlfühl-Einheitsbrei mit gelegentlichen Ausreißern bequem gemacht hätte, vielleicht sogar ohne es zu wollen oder aber auch ohne es besser zu können beziehungsweise zu müssen. Für Gelegenheits-Deutschrockhörer mit einer Affinität zu Phrasen mag das alles irgendwo OK und vielleicht auch manchmal rebellisch sein. Aber gerade bei offenkundig großen Ansprüchen an das eigene Schaffen darf das nicht das Ziel und auch nicht das finale Produkt sein.

Nein, nein, nein. Was die LETZTE INSTANZ auf „Morgenland“ großteils abliefert, erinnert an die dunklen Stunden der „Schuldig“/„Heilig“/„Ewig“-Trilogie sowie das völlig indiskutable „Im Auge des Sturms“. Balladeske Schmonzetten im Alltagslyrikbrei mögen zwar radiotauglich sein, doch gemessen an den Qualitäten, die anfangs und später besonders instrumental zweifellos vorhanden sind, ist die neueste Veröffentlichung unter dem Strich erneut eine riesige Enttäuschung.

Dool mit Video zu „The Alpha“

Mit „The Alpha“ veröffentlichen DOOL einen weiteren Song ihres Debütalbums „Here Now, There Then“ als Video. Sängerin Ryanne van Dorst kommentiert dieses Video so:

„In dem Video zu „The Alpha“ feiern wir unsere Willensstärke – gleichzeitig ist auch eine Ode an die Veränderung, quasi parallel zu den Lyrics. Es ist wirklich sehr inspirierend für uns gewesen, an diesem Video zu arbeiten und wir hoffen, dass es euch genau so viel Kraft gibt wie uns auch.“

Jess And The Ancient Ones – The Horse And Other Weird Tales

Der ganz große Hype um Retro-/Vintage-Rock mit okkulten Texten und weiblichem Gesang ist ja schon seit einiger Zeit wieder vorbei. Dennoch gibt es immer noch eine ganze Reihe hörenswerter Bands, die dieser Spielart frönen. Neben den legendären The Devil’s Blood oder Blood Ceremony, sind JESS AND THE ANCIENT ONES sicherlich eine dieser Bands. Die Finnen haben seit ihrer Gründung 2010 zwei herausragende und eigenständige Alben veröffentlicht. Nun legen sie mit „The Horse And Other Weird Tales“ das berüchtigte dritte Werk vor.

Schon der Blick auf das sehr fantasievolle Cover macht deutlich, wohin die Reise auf dieser CD gehen wird. Und tatsächlich, im Vergleich zum Vorgänger „Second Psychedelic Coming: The Aquarius Tapes“, taucht „The Horse And Other Weird Tales“ noch tiefer ein in den Kosmos aus 60er-/70er-Vibe, Psychedelic und teils recht komplexen Songstrukturen. Ein Großteil der Lieder bewegt sich im drei-Minuten-Bereich, lediglich zweimal wird die sieben-Minuten-Marke geknackt. Deshalb wird zwar nur eine recht magere Spielzeit von knapp 31 Minuten erreicht, aber die hat es in sich.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Platte recht flott ausgefallen ist. Songs wie „Shining“ oder „(Here Comes) The Rainbow Mouth“ haben ordentlich Dampf und reißen einen sofort mit. Besonders auffällig bei „(Here Comes) The Rainbow Mouth“ ist der spektakuläre Einsatz der Orgel. Überhaupt ist dieses Instrument auf allen Songs stark im Vordergrund und verleiht ihnen so einen noch stärkeren 60er-/70er-Touch. Man höre nur das Orgelsolo in „You And Eyes“, einfach phänomenal!

Als zweites fallen beim Hören von „The Horse And Other Weird Tales“ die vielen Samples auf.  JESS AND THE ANCIENT ONES haben dabei eine recht, wie soll man sagen, illustre Auswahl getroffen. Während „Radio Aquarius“ erzählt ein Mann, wie es ist, auf einem Drogentrip zu sein. Am Beginn von „Minotaure“ grunzt einem der Minotaurus entgegen. Am spektakulärsten ist aber wohl der Sprecher im letzten Song „Anyway The Minds Flow“. Dies ist nämlich niemand anders als Mark Chapman. Der Mann, der John Lennon erschossen hat. Er führt aus, wie er sich nach den Schüssen auf Lennon gefühlt hat und wie sein Leben danach weiterging. Sicherlich gewagt, so einen Mann zu Wort kommen zu lassen, aber unbestreitbar stimmig und passend für das Album. Durch all diese Samples erhält „The Horse And Other Weird Tales“ einen beinahe hörspielartigen Charakter, der das Hören der Scheibe schon fast zu einem Happening macht.

Vom musikalischen Standpunkt aus zeichnen sich die Songs durch teils recht abrupte Tempo- und Rhythmuswechsel aus. Auch jazzige Passagen sind wieder vertreten, fast noch stärker als auf dem Vorgängerwerk. Wie schon gesagt, sind die Nummer recht kurz ausgefallen. Und genau hier liegt in einigen Fällen das Problem, das Ende kommt einfach zu plötzlich. Besonders bei „(Here Comes) The Rainbow Mouth“ und „Minotaure“ scheint es so, als ob mitten im Stück aufgehört wurde. Das ist sehr schade, da beide Tracks wirklich Spaß machen und gerne noch zwei bis drei Minuten länger hätten sein können.

An sich ist „The Horse And Other Weird Tales“ aber ein wirklich gelungener Release. JESS AND THE ANCIENT ONES untermauern damit einmal mehr ihre Ausnahmestellung in der Szene. Allein die Gesangsleistung von Fronterin Jess ist einmal mehr große Klasse. Natürlich ist diese Mischung aus Rock, Psychedelic, jazzigen Momenten, Synthie-Sounds und einer großen Portion 60er-/70er-Vibe keine einfache Kost, aber es lohnt sich, sich in das Album reinzuhören.

Bouncing Betty – Pull The Plug (EP)

Eine deutsche Springmine aus den 1930er Jahren  – darauf stößt man zuerst, wenn man im Internet nach BOUNCING BETTY sucht. Denn genau jenen zynischen Spitznamen gaben amerikanische Soldaten der tödlichen Explosionswaffe während des Zweiten Weltkriegs. Weniger gefährlich, dafür in anderer Hinsicht explosiv sind BOUNCING BETTY aus Stuttgart. Die Rocker haben sich 2014 gegründet und geben nun mit der EP „Pull The Plug“ ein erstes, schlagkräftiges Lebenszeichen aus dem Studio von sich.

In den drei Nummern, die es auf den Silberling geschafft haben, zockt das Quintett energetischen, geradlinigen Rock, der sich leicht in den Gehörgängen festsetzt. Der Gitarrensound ist bratig und laut, letzteres allerdings in erster Linie, weil die Produktion zwar transparent, allerdings offenbar auch an den Rand der Verzerrung komprimiert wurde. Schade, ein etwas organischerer, dynamischerer Sound hätte gerade bei dieser musikalischen Ausrichtung den Songs gut zu Gesicht gestanden.

Über jene lässt sich sagen: Mit „B.B.I.T“ (kurz für „Biggest Bitch In Town“) steigen die Jungs unvermittelt ein, finden in den zwei Minuten des knackigen Openers aber auch noch Zeit für ein zackiges Gitarrensolo. An Stellen wie dieser merkt man, dass trotz rotziger Ausrichtung unterm Strich mehr Hard als Punk Rock in „Pull The Plug“ steckt – und dass die Herrschaften mit ihren Instrumenten umzugehen wissen. Zudem sorgen die Süddeutschen mit mehrstimmigem Gesang, kompakten Songstrukturen und simplen, aber effektiven Gitarren-Leads für eine gewisse Eingängigkeit, die den Hörer bei Laune halten (was bei einer Spielzeit von rund zehn Minuten aber zugegebenermaßen auch kein Hexenwerk ist). Nicht selten fühlt man sich an die Backyard Babies, Psychopunch oder die V8 Wankers mit größerer Radiotauglichkeit erinnert. Den stärksten Song haben BOUNCING BETTY an die letzte Position nach dem flotten, mittleren Track „Fallen Angel“ gesetzt: „Why“ überzeugt mit starkem, leicht poppigen Refrain und einem Break im zweiten Drittel des Songs, der sich langsam zum Finale steigert.

Am Ende des Tages spielen BOUNCING BETTY auf ihrer ersten EP eingängigen, ohrwurmverdächtigen Rock, der trotz nicht optimalem Sound Freude beim Hören macht. Das hat man so auch schon an anderer Stelle vorgesetzt bekommen (siehe nicht zuletzt obige Bands), aber als die Neuerfinder des Rades wollen sich die Stuttgarter mit „Pull The Plug“ sicherlich nicht verstanden wissen – sondern vielmehr als fünf Männer, die Bock auf Rock und Spaß an der Sache haben. In diesem Sinne kann man ihnen nur wünschen, dass ihr Full-Length-Debüt schneller fertig wird als ihr Hauptbahnhof.

Erik Cohen – III

Seinem Zwei-Jahres-Rhythmus bleibt ERIK COHEN treu und hat mit dem schlicht betitelten „III“ bereits sein drittes Soloalbum vollendet, das wieder komplett in Eigenregie entstanden ist. Das Hauptaugenmerk auf Wave und klassischen Pop, wie noch beim Vorgänger „Weisses Rauschen“, hat man zugunsten der „alten Tante“ Rockmusik und dem Fokus auf die Gitarre hintangestellt. So soll uriger Metal auf Hardcore-Anleihen, Punk und Alternative Rock treffen. Zumindest das Artwork macht einen morbideren und düstereren Eindruck, als man es bisher vom Kieler gewohnt war.

Und tatsächlich ist bereits der Opener „Mexikanische Lieder“ ein raues Stück Rockmusik, das auch deutlichen Punk-Einschlag aufweist. Vor allem die Gitarrenarbeit ist zwischen wuchtigen und melodiösen Parts ein echter Earcatcher geworden. Diese rockige Seite verstecken auch die folgenden Songs nicht und so wirken sie, wie man gerne sagt, wie „aus einem Guss“ entstanden. Was ebenfalls geblieben ist, ist die nachdenkliche und auch melancholische Seite der Texte. Mal geht es um Fernweh („Fährwolf“), dem Wunsch nach bessere Zeiten („Sonne“) oder vergangene Momente des Lebens („Altes Feuer“).

An der Produktion gibt es weitgehend nichts zu bemängeln. Klar und frisch, aber auch mit ausreichend druckvoller Attitüte rauschen die Songs aus den Boxen. Was allen Titeln gleichermaßen innewohnt, ist ein deutlicher Ohrwurmcharakter, hier hat „III“ gegenüber dem Vorgänger „Weisses Rauschen“ deutlich die Nase vorne. Klanglich erinnert ERIK COHEN mal an Broilers („Fehmarn“) oder schielt in Richtung Oi-Punk-Bands mit Fußballthematik („Englische Wochen“). Da verzeiht man sogar die obligatorischen Ohohoh-Chöre im Hintergrund. Platz für viele Experimente bieten die neuen Songs natürlich nicht, das brauchen sie dank ihrer Glaubhaftigkeit aber auch gar nicht.

„Lieder von Blutrausch und Liebe“ werden im Eröffnungssong besungen und das bringt die folgenden Titel ganz gut auf den Punkt. Mal werden die Geschichten geradeheraus erzählt, dann wieder etwas verschachtelt verpackt. ERIK COHEN ist aber auch auf „III“, trotz der wieder rockigeren Momente, das nachdenkliche und doch hoffnungsvolle, aber vor allem zu jeder Zeit authentische Nordlicht geblieben, als das man ihn bereits kennt. Es wird spannend, welche musikalische Ausrichtung der vielseitige Künstler auf seinem nächsten Longplayer angehen wird.

Erik Cohen

Mit dem neuesten Album „III“ hat ERIK COHEN wieder einen rockigeren Weg eingeschlagen. Wir sprachen mit dem Sänger über den pragmatischen Titel, das okkulte Cover-Artwork, möglichen neuen Songs von Smoke Blow und seinen Job als Erzieher.

Mit „III“ wurde jetzt logischerweise dein drittes Soloalbum auf den Markt gebracht. Warum dieser pragmatische Titel?
Der entstand eher zufällig. Ich hatte in einem guten Moment eine grobe Form des Coverfotos im Kopf, das den Albumtitel ja direkt beinhaltet und dachte mir, dass das Ganze ziemlich gut mit dem recht schnörkellos nach vorn gehenden musikalischen Inhalt korrespondieren könnte. Also eine Session gemacht, Foto für sehr gut befunden und den Gedanken somit in die Tat umgesetzt.

Und wie fiel das erste Feedback von Fans und Presse aus? Wie viel Wert legst du allgemein auf diese Kritik?
Ich erhalte derzeit recht viel aufmunterndes Feedback und freue mich darüber. Ich habe das Gefühl, nach nunmehr drei Platten grundsätzlich auf etwas mehr Akzeptanz zu stoßen, als noch zu Beginn. Aber es ist natürlich nicht so, dass ich Musik mache, um Kritiker zu begeistern oder es drauf anlege, möglichst vielen Leuten zu gefallen. Dennoch ist es durchaus spannend, von Menschen, die sich in bestimmten musikalischen Bereichen wirklich gut auskennen Feedback zu bekommen. Wenn das dann positiv ausfällt, gibt einem das selbstverständlich ein gutes Gefühl. Allerdings begleitet mich wie angedeutet seit dem ersten Album auch Skepsis und tendenzielle Ablehnung – und auch damit muss man umgehen. Am Ende bleibt die Hauptsache, dass ich voll hinter dem stehe, was ich musikalisch abliefere.

Das Artwork ist dieses Mal noch ein Stück düsterer ausgefallen und hätte so problemlos auch auf einer okkulten Rockplatte seinen Platz finden können. Was steckt dahinter und wer hatte die Idee für das Cover?
Das war meine Idee, ich habe es ja bereits angerissen. Ich mag das Spiel mit Images und denke mir etwas dabei. Das Frontcover ist auch in Kombination mit dem zweiten Foto im Innenteil des Booklets bzw. im Innenteil des Gatefold-Sleeves der LP zu sehen. Grüße ich vorn noch recht düster aus dem Jenseits, erfreue ich mich im Inneren durchaus entspannter Lebendigkeit am Piratenstrand. Totgesagte leben länger.

Mit „Hart am Overkill“ und „Belphegor“ befinden sich zwei Lieder auf der Platte, die bekannte Metal-Bands im Titel führen. Ist das Zufall? Was hältst du persönlich von den genannten Bands?
Das ist in der Tat ein Zufall, die beiden Titel stehen in keinem Verhältnis zu den genannten Bands.

„Englische Wochen“ thematisiert des Deutschen Lieblingssport Fußball. Hast du einen Bezug zu diesem Sport? Falls ja, welchem Verein drückst du die Daumen?
Den Bezug habe ich natürlich, sonst hätte ich den Song nicht im Repertoire. Ich halte es mit Holstein Kiel und für „Englische Wochen“ stand das Scheitern in der Relegation im Juni 2015 gedanklich klar Pate. Ich wollte hierüber einen grobkörnigen musikalischen Film schreiben und einen Fußball-Song präsentieren, der zu ERIK COHEN passt und einen einigermaßen frischen Ansatz bietet.

Gibt es einen oder mehrere der neuen Songs, die dir besonders viel bedeuten? Und wenn ja, warum?
Ja, natürlich gibt es die. Eigentlich bedeuten mir nahezu alle meiner Songs etwas, denn sonst hätte ich sie nicht auf Tonträger gebannt. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich, aber das Allermeiste, was ich textlich zu Tage fördere, ist in irgendeiner Form aus meinem Leben gegriffen. Es ist jedoch in den meisten Fällen so, dass ich mir große Mühe gebe, auf lyrischer Ebene eine individuelle Fläche anzubieten, um es den Leuten zu ermöglichen, ganz eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen und selbst kreativ zu werden. Hierüber versinken meine ganz persönlichen Ansätze etwas im Hintergrund und sind nicht immer unmittelbar greifbar. Das finde ich für alle Seiten aber durchaus spannend.


Smoke Blow spielen ja weiterhin Konzerte. Besteht vielleicht doch noch Hoffnung, dass irgendwann neues Material veröffentlicht wird?
Hierzu haben wir eigentlich alles gesagt und am gegenwärtigen Status der Band wird sich nichts mehr ändern. Ein achtes Smoke-Blow-Album kann also weiterhin beruhigt ausgeschlossen werden. Wir machen, was wir möchten, wann wir es möchten und dieser Ansatz hält die Band soweit auf Live-Ebene leidenschaftlich und auf bestimmte Art auch immer wieder frisch. Solange wir dies – und hier ist unser Publikum ausdrücklich mit eingeschlossen – so empfinden und gemeinsam mit viel Freude dabei sind und eine Art Budenzauber entsteht, solange wird es auch gelegentliche Konzerte geben. Wir würden aber aufhören, zu spielen, wenn wir merkten, dass das einfach nicht mehr wirklich Smoke Blow ist, was live passiert.

Ich habe im Netz gelesen, dass du verheiratet bist und vier Kinder hast. Stimmt das und falls ja, wie viel Einfluss hat deine Familie auf deine Musik?
Ich habe seit wenigen Wochen sogar fünf Kinder. Und bin verheiratet, das ist korrekt.

Außerdam stand dort geschrieben, dass du hauptberuflich als Erzieher arbeitest. Gehst du diesem Job noch nach? Inwiefern siehst du ein Spannungsfeld zwischen dem Erzieher und dem Rockstar ERIK COHEN?
Natürlich gehe ich meinem Job noch nach, denn von der Musik kann ich nicht leben. Es ist in meiner Position als unabhängiger Künstler, der sich seit der ersten Platte selbst herausbringt und in kleinen Schritten selbst aufbauen muss nicht gerade einfach. Denn du musst ja nahezu alles, was reinkommt, gleich wieder investieren, um eine weitere Platte angehen und auf einem halbwegs vernünftigen Niveau herausbringen zu können. Mit „Rockstar“ sein hat das nicht viel zu tun. Eher mit harter, oft unbezahlter Arbeit. Aber nicht von der Musik leben zu müssen, hat auch seine Vorteile. Denn ich kann immer genau das machen, was ich möchte, ohne dabei größeren Zwängen ausgesetzt zu sein. Als DIY-Künstler geht’s natürlich auch immer um die Wurst, aber immerhin hätte ein Abrauchen „nur“ zur Folge, dass ich keine Platten mehr machen und das Label einmotten kann. Die Musik brauche ich ganz allgemein als Ausgleich, ich bin diesbezüglich ein leidenschaftlich Getriebener und muss mich hierüber kreativ austoben und verwirklichen.

Ok, dann danke ich dir an dieser Stelle. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
In Extremo: Bin ich musikalisch nicht so im Thema.
Große Koalition: Kleine SPD.
Dein Lieblingsalbum: Germs – (GI)
Winter: Folgt immer auch ein Frühling drauf.
Chester Bennington: R.I.P.
ERIK COHEN in fünf Jahren: Das entscheidet sich nicht von allein.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Hört und schaut ruhig mal rein und bringt offene Ohren mit!