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AFI – The Missing Man (EP)

Bereits 1991 gründeten sich AFI in Ukiah, Kalifornien und haben seitdem einige Genrewechsel von Hardcore Punk über Power Pop und Post-Hardcore bis zu Alternative Rock hinter sich gebracht. Beachtenswert ist auch ihre stete Besetzung, die sich seit 1998 nicht mehr verändert hat. Neben dem Hit „Miss Murder“ schrieb die Band mit „This Time Imperfect“ auch eine der intensivsten Balladen der Rockgeschichte.

Dem 2017 erschienenen Longplayer „The Blood Album“ folgt nun knapp ein Jahr später die EP „The Missing Man“ mit fünf neuen Titeln. Insgesamt kommen die Songs auf rund 15 Minuten Laufzeit, die mit dem vom Punk Rock geprägten „Trash Bat“ flott-eingängig eingeläutet werden. Glücklicherweise lassen die Musiker auch andere Einflüsse zu Trage treten und so gestaltet sich „Break Angels“ als Rock-Song mit Synth-Pop-Einflüssen, während „Back Into The Sun“ mit seinen Gitarrenmelodien an Weezer erinnert. Im Anschluss kokettieren AFI mit Post-Punk und Gothic Rock („Get Dark“) und bieten mit dem abschließenden Titelsong „A Missing Man“ eine melancholisch-düstere Ballade, die mit ihren Streicher-Elementen und hoffnungslosen Atmosphäre punktet.

EPs sind immer ein zweischneidiges Schwert und oft nur für die Die-Hard-Fans der jeweiligen Band bedenkenlos zu empfehlen. So ist es auch im Fall von „The Missing Man“, obwohl man AFI qualitativ eigentlich nichts ankreiden kann und auch die Abwechslung nicht zu kurz kommt. Dennoch passiert insgesamt zu wenig spektakuläres, um den Kauf für die breite Musikhörerschaft zu untermauern. Trotzdem eine gute EP mit interessanten Ideen, die sich für Anhänger von Davey Havok und seinen Kollegen sicher lohnt.

The Monkees – Christmas Party

Die US-amerikanische Band THE MONKEES wurde erstmals 1965 gegründet, löste sich viermal auf und vereinigte sich genauso oft wieder. Die letzte Reunion war 2011, ein Jahr später starb Sänger und Perkussionist Davy Jones mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt. Seitdem erschienen mehrere Best-Ofs und Kompilationen sowie 2016 das Studioalbum „Good Times!“. Ihren insgesamt 15. Longplayer tauften die Musiker „Christmas Party“ und machen logischerweise das Weihnachtsfest zum Thema der 13 Titel.

Bei den meisten Songs übernahm Schlagzeuger Micky Dolenz den Gesang, so auch beim Opener „Unwrap You At Christmas“, der von XTC-Frontmann Andy Partridge geschrieben wurde oder dem folgenden „What Would Santa Do“, für das sich Rivers Cuomo (Weezer) als Songwriter betätigte. Musikalisch bewegen sich THE MONKEES zwischen poppigem Rock und Beat, an dem das mittlerweile stattliche Alter der Musiker scheinbar spurlos vorbeigegangen ist. So vermischen sie frisch und frei diverse andere Einflüsse in die neuen Songs, wie beispielsweise beim hawaiianischen „Mele Kalikimaka“, welches posthum den Gesang von Davy Jones einbindet.

Gerade diese weniger bekannten oder extra für THE MONKEES geschriebenen Titel machen „Christmas Party“ zu einer wilkommenen Abwechslung im alljährlichen weihnachtlichen Musikreigen. „House Of Broken Gingerbread“ wurde vom Kurzgeschichtenautor Michael Chabon und Bassist Adam Schlesinger (Fountains Of Wayne, Ivy, Tinted Windows) geschrieben. Letzterer produzierte den Longplayer gemeinsam mit Christian und Jonathan Nesmith, den Söhnen von Gitarrist und Sänger Michael Nesmith. Weitere Highlights sind das kraftvolle „I Wish It Could Be Christmas Every Day“ und das swingende „Wonderful Christmastime“, im Original von Paul McCartney.

Mit „Christmas Party“ ist THE MONKEES ein entschleunigtes und leicht zugängliches Weihnachtsalbum gelungen, welches die Weihnachtsatmosphäre im typischen Klangbild der 60er Jahre, allerdings mit moderner Produktion, verpackt. Auch die posthume Ehrung ihres verstorbenen Mitgliedes Davy Jones bildet zwei gelungene Momente. Viel Action oder große Experimente darf man nicht erwarten, dann ist dieses Album ein schöner Kontrast zum kitschbehafteten weihnachtlichen Musikeinerlei. Wer die frühe Rockmusik der 50er- und 60er-Jahre heute noch verehrt, der sollte sich „Christmas Party“ definitiv anhören. Abseits von der Thematik zeigen sich die Musiker nämlich in einer erstaunlich guten Verfassung.

Eric Clapton – Happy Xmas

Als 17-fachen Grammy-Gewinner und Mitglied der Rock And Roll Hall Of Fame muss man ERIC CLAPTON, musikalisch seit 1963 aktiv, nicht mehr näher vorstellen. Sein erstes und selbstbetiteltes Soloalbum erschien im Jahr 1970, sein aktueller Longplayer „Happy Xmas“ ist nicht nur sein 20. Studioalbum, sondern auch das erste Weihnachtsalbum in seiner 55-jährigen Karriere. Produziert wurde es von Clapton selbst in Zusammenarbeit mit Simon Climie. Neben den Interpretationen mehr oder minder bekannter Weihnachtstitel sind auch sechs Eigenkompositionen zu hören.

Der Opener „White Christmas“, geschrieben 1940 von Irving Berlin, ist ein typischer Blues-Rock-Song in erdigem Gewand, dem das in die gleiche Kerbe schlagende Traditional „Away In A Manger (Once In Royal David’s City)“ folgt. Auffällig ist die spärliche Instrumentierung, die sich auf seichtes Schlagzeug, dezente Gitarrenklänge und begleitendes Piano beschränkt. An der Produktion kann man in diesem Fall auch nichts aussetzen, die glasklar geraten ist und die wichtigen Akzente an den richtigen Stellen in den Vordergrund schiebt.

Stilistisch wagt sich ERIC CLAPTON über den Blues Rock, den er nach all den Jahren nahe der Perfektion beherrscht, kaum hinaus. Lediglich zwischen einer rockigeren und balladenhafteren Herangehensweise wechselt Mr. Slowhand in kleineren Nuancen. „Home For The Holidays“, im Original von Perry Como gesungen, bindet Country-Momente und überzeugenden mehrstimmigen Gesang ein. „Jingle Bells“ ist wohl das untypischste Stück auf „Happy Xmas“, stellt es einen Hybriden aus Claptons Gitarrenspiel und House-Beats dar.  ERIC CLAPTON widmete den Titel dem am 20. April 2018 verstorbenen schwedischen DJ Avicii.

ERIC CLAPTON hat ein grundsolides weihnachtliches Rockalbum mit kleineren Experimenten aufgenommen, bei dem eigentlich in Sachen Produktion, musikalischem Können und Interpretation der Songs alles stimmt. Dabei kommt er auch weitgehend ohne den üblichen Kitsch aus Glockengebimmel und Co. aus. Dennoch mag der Funke des vom US-amerikanischen Blues geprägten Rocks in Kombination mit dem Weihnachtsfest nicht so recht überspringen. Keine Begeisterungsstürme also, die „Happy Xmas“ auslöst, aber auch keine schmerzhaften Krampfanfälle. So billig wie das Artwork ist es das Album aber glücklicherweise nicht geworden.

The Sloths – Back From The Grave

1955 war die Menschheit noch nicht bereit für Marty McFlys Gitarrenspiel. 10 Jahre später sah die Sache schon anders aus: Fünf Jungs zwischen 15 und 17 Jahren betraten die Bühne des legendären Clubs Pandora’s Box auf dem Sunset Trip in Los Angeles und präsentierten mit „Makin‘ Love“ einen kleinen Rock‘n‘Roll-Szene-Hit. Bis zur Produktion des Debüts „Back From The Grave“ sollten aber 42 Jahre ins Land ziehen. Welche Geschichte steckt dahinter und wie sollte eine Band heißen, die fast ein halbes Jahrhundert gebraucht hat, um ihren ersten Longplayer zu veröffentlichen? Natürlich THE SLOTHS.

1964 gegründet, dauerte die Karriere der Faultiere zunächst nur bis 1966 an – in den knapp zwei Jahren haben sie aber in buchstäblich jedem Club in Hollywood gespielt und dabei die Bühne mit Bands wie The Doors, Iron Butterfly oder auch The Animals geteilt. Zuvor erwähnter Track „Makin‘ Love“ wurde als Single veröffentlicht, bekam aber aufgrund seiner kontroversen Lyrics kein Airplay im Radio. In den achtziger Jahren tauchte der Song aus dem Nichts auf einem Garage-Band-Sampler namens „Back From The Grave Vol. 4“ auf und die wenigen produzierten Vinylsingles aus den Sechzigern wurden auf Ebay heiß gehandelt – ein Exemplar wechselte 2011 für über 6000 US-Dollar den Besitzer.

Im selben Jahr machte sich der Musikjournalist Mike Stax auf die Suche nach den Musikern von THE SLOTHS und konnte tatsächlich alle originalen Bandmitglieder bis auf die verstorbenen Hank Daniels (Gesang) und Sam Kamrass (Schlagzeug) ausfindig machen. Und siehe da: Tommy McLoughlin (Gesang, Mundharmonika und inzwischen auch ein Emmy-ausgezeichneter Regisseur und Drehbuchautor) und Gitarrist und Bassist Mike Rummans nahmen sich die inzwischen fast 40 Jahre alten Kompositionen noch einmal vor und hatten wohl einen Mordsspaß dabei. Schnell waren neue Bandmitglieder rekrutiert, die bereit waren, nach all den Jahren die Bühnen der Welt erneut unsicher zu machen und so spielte die Truppe über 100 Shows in drei Jahren. THE SLOTHS waren zurück.

„Back From The Grave“ fasst also die Mitte der sechziger Jahre geschriebenen Songs zu einem Album zusammen: bBeeinflusst von den Gitarren-Helden dieser Zeit wie Chuck Berry, Bo Diddley, Muddy Waters und John Lee Hooker bietet die Platte überraschend zeitlosen und schnörkellosen, Blues-beeinflussten Rock’n Roll mit einem minimalen Punkeinschlag. Die Songs bewegen sich längentechnisch größtenteils im Bereich von zwei bis drei Minuten – kompakt und kurzweilig. Sowohl musikalische als auch tontechnische Umsetzung sind gelungen: THE SLOTHs verbreiten eine angenehme Nostalgie, während sie über „A Cutie Named Judy“ oder das erfolgreiche Überleben des siebenundzwanzigsten Lebensjahres („I Survived 27“) singen. McLoughlins  Mundharmonika setzt dabei zur richtigen Zeit die richtigen Akzente. Und selbstverständlich darf die einstige Hitsingle „Makin‘ Love“ nicht fehlen und findet sich in einer aufgepeppten Version auf dem Album wieder. Wobei aber auch andere Songs auf „Back From The Grave“ wie „One Way Out“ durchaus Single-Charakter haben.

THE SLOTHS sind aus der Zeit gefallen und ihre Bandgeschichte ist derart bemerkenswert, dass sie schon fast ein klein wenig Narrenfreiheit in ihrem Schaffen genießen. Aber es ist schon erstaunlich, wie gut sie den Geist des Sechziger-Jahre-Rock‘n‘Roll transportieren und wie gut diese Musik auch heutzutage noch funktioniert. So macht „Back From The Grave“ in erster Linie gute Laune und animiert jederzeit, ganz Faultier-untypisch, zum Mitschunkeln. Marty McFly würde es gefallen und das Plattencover ist sowieso der Hammer.

Blood Of The Sun – Blood’s Thicker Than Love

Henry Vasquez bedient nicht nur das Schlagzeug bei den Doom-Legenden von Saint Vitus, sondern ist auch noch Kopf einer eigenen Band. BLOOD OF THE SUN nennt sich die Truppe, ist seit 2002 aktiv und veröffentlicht dieser Tage mit „Blood’s Thicker Than Love“ ihr viertes Album. Im Vorfeld der neuen Scheibe verließen fast alle Mitglieder die Band und so nahm Vasquez die aktuelle Scheibe mit nahezu vollständig neuer Besetzung auf.

Beim rasanten Opener „Keep The Lemmys Comin'“ hört man BLOOD OF THE SUN diese Neubesetzung aber nicht an. Die Truppe rockt wie eine Einheit durch diese dreckige Hommage an Lemmy Kilmisters Lieblingsgetränk. Überraschend ist hier sofort die Länge des Songs, sind doch über fünf Minuten für Stücke dieses Genres eher selten. BLOOD OF THE SUN können aber noch viel länger und schaffen es, auch Acht-Minuten-Songs wie „Livin‘ For The Night“ nicht langweilig klingen zu lassen. Wo sich andere Bands dieser Spielart gerne mal in psychedelischen Jams ergehen, nutzen die Jungs einfach die Zeit für noch mehr derbe Riffs und fette Soli. Dabei verlassen sich BLOOD OF THE SUN aber nicht nur auf erdigen Hard Rock, sondern lassen auch spacige Sounds („Air Rises As You Drown“) oder ruhigere, groovende Momente in ihre Musik Einzug halten („Stained Glass Window“).

Im Laufe des Albums wird aber doch deutlich, dass BLOOD OF THE SUN in der aktuellen Besetzung noch nicht so ganz als Einheit funktionieren. Während sich die Instrumentalfraktion in raumfüllenden Riffsalven ergeht, fristet der neue Sänger Sean Vargas eher ein Nischendasein. Die Leistung des Frontmanns ist gut, wird aber durch die Instrumente erdrückt. Auch wirken die Jungs in ihrem treibenden Vorwärtsdrang stellenweise etwas hektisch und zerfasert, fast so als wollten sie mit aller Macht immer noch ein Stück schneller oder dreckiger spielen.

„Blood’s Thicker Than Love“ ist sicherlich kein Meilenstein des Genres, aber dennoch ein mehr als solides Album. BLOOD OF THE SUN müssen erstmal in der neuen Besetzung zusammenfinden und sich aufeinander abstimmen, bevor sie ein weiteres Highlight wie das vorhergehende „Burning On The Wings Of Desire“ einspielen können.

 

The Joy Formidable – AAARTH

Mit dem mittlerweile vierten Studioalbum zeigt sich das Waliser Rocktrio THE JOY FORMIDABLE weiterhin angetrieben von dessen Rastlosigkeit und Neugier. Einen großen Schritt nach vorn kündigt der beiliegende Promotext an und zählt die Musiker zur Spitze der originellen und aggressiven Gitarrenmusik. „AAARTH“ enttäuscht unter dem Strich nicht, kann diesen hohen Ansprüchen aber nur bedingt gerecht werden.

Der Opener „Y Bluen Eira“, was aus dem Walisischen übersetzt soviel wie „Schneefeder“ bedeutet, präsentiert sich in psychedelischer Atmosphäre, die von Synthie-Beats unterlegt wird und gegen Ende exzessives Drumming einbindet. So sperrig sind THE JOY FORMIDABLE aber nicht auf voller Albumlänge. Was im Verlauf des Longplayers regelmäßig wiederkehrt ist die poppige Attitüde („The Wrong Side“, „You Can’t Give Me“) und damit einhergehend prägnante Refrains, die man bereits beim ersten Hören problemlos mitschmettern kann. Wiederum gibt es auch Balladen („All In All“) oder post-rockige Stücke im isländischen Stil („Absence“) zu hören.

Der Produktion kann man keine größeren Mängel attestieren, setzt sie die Musik der drei Waliser doch gekonnt in Szene und gibt ihr je nach Stimmung die notwendige Härte oder auch softe Note. Vor allem die Gitarren setzen mit markanten Melodien wiederholt Akzente, die aufhorchen lassen. Durch den Einsatz von genfrefremden Instrumenten in kürzeren Sequenzen bleibt auch die Spannung beim Hörer erhalten. So setzen THE JOY FORMIDABLE beispielsweise auf klirrendes Piano, Spieluhr-Melodien oder verzerrte Streicher. Gesanglich schwebt Frontfrau Bryan fast hypnotisch über dem Sound ihrer Band, variiert dabei aber nur minimal die Herangehensweise.

Rastlos und neugierig sind THE JOY FORMIDABLE ohne Zweifel auch nach einem Jahrzehnt und ebenso bunt bzw. vielfältig wie das zugehörige Artwork. So entstehen interessante Songs, die „AAARTH“ zu einer spannenden Reise durch die Rockmusik machen. Vor allem die Gitarrenarbeit von Ritzy Bryan macht dabei eine gute Figur. Insgesamt zählt die Band sicherlich zur Spitze originellen Rocks, über die Härte kann man allerdings diskutieren. Hierfür mischen sich zu oft poppige oder Indie-Elemente in den Klang der Waliser, was aber im Gesamtbild nicht weiter negativ ins Gewicht fällt.

Kadavar – Live In Copenhagen

Herbst 2017. Nordkorea und die USA liefern sich ein Kräftemessen, Joachim Herrmann würde gerne bayerischer Ministerpräsident werden und KADAVAR betouren ausgiebig die Konzerthallen Deutschlands. Nicht nur, dass mit Mantar und Death Alley zwei überragende Support-Acts mit von der Partie waren, auch die Headliner selbst befanden und befinden sich noch auf einem absoluten Hoch in Sachen Performance. Da erscheint ein Live-Album zu dieser Tour mehr als angebracht. Etwas merkwürdig ist aber die Art der Veröffentlichung. „Live In Copenhagen“ ist nämlich als CD nur in Kombination mit KADAVARs aktuellem Album „Rough Times“ erhältich, lediglich die Vinyl-Variante ist einzeln zu erwerben und wartet sogar mit zwei Bonus-Tracks auf.

Aufgenommen wurde „Live In Copenhagen“ am 09. November 2017 im Pumphuset in der namensgebenden Stadt in Dänemark und die zwölf Songs der CD-Version stellen nahezu die gesamte Setlist des Abends dar. KADAVAR boten auf dieser Tour einen gelungenen Querschnitt durch ihr bisheriges Schaffen und räumten mit Stücken wie „Black Sun“ oder „Living In Your Head“ auch ihrem eher unbeachteten Debüt einen Platz ein. Besonders herausragend sind aber die neuen Songs der Band. Klangen sie in der Studioversion auf „Rough Times“ schon deutlich roher und wuchtiger als alles, was man bis dato von den Berlinern gehört hat, legen die Live-Versionen noch einmal eine Schippe drauf. „Die Baby Die“ groovt deutlich mehr als auf Platte, „Skeleton Blues“ macht seinem Namen richtig Ehre und „Into The Wormhole“ verschlingt und erdrückt den Hörer mit der Wucht seiner Riffs wie ein echtes schwarzes Loch. Mit der 13-minütigen Version von „Purple Sage“ als Schlusspunkt, krönen sich KADAVAR selbst zu den Königen der Retro-/70er-/Stoner-Rock-Szene. Musikalische Virtuosität auf höchstem Niveau!

Einziger Wermutstropfen von „Live In Copenhagen“ ist die Qualität der Abmischung, die nicht vollends überzeugen kann. Bei einigen Songs ist Sänger Lupus kaum zu verstehen und wird von den Instrumenten nahezu komplett übertönt. Klar sind diese dafür sehr gut eingefangen und natürlich spiegeln diese Kleinigkeiten eine Live-Show besser wieder als eine sterile Aufnahme, aber dennoch stören diese Unsauberkeiten.

Trotz kleiner Makel untermauern KADAVAR mit „Live In Copenhagen“ ihren Status als eine der Ausnahmebands der letzten Jahre und strafen alle Kritiker Lügen, die in ihnen nur eine weitere Hipster-Retro-Band sehen wollen. Da bekommt man richtig Lust, das Trio mal wieder live zu sehen – wie gut, dass KADAVAR im Herbst wieder auf Tour sind.

 

The Vintage Caravan – Gateways

Eigentlich könnte sich diese Review auf einen Satz beschränken: THE VINTAGE CARAVAN ist mit „Gateways“ ein perfektes Album gelungen, das mit Sicherheit jetzt schon zu den besten Alben im klassischen Rock gehört und ein echter Klassiker werden wird.

Weitere Worte sind müßig, da man selbst die Kraft und Intensität dieser Scheibe hören und fühlen muss, um zu verstehen, welches Meisterwerk die Isländer da erschaffen haben. Aufgenommen wurde „Gateways“ im Studio von Islands Wunderkind Sigur Ros, wobei (zum Glück) nichts von dessen teils kruden musikalischen Ergüssen einen Weg auf das Album gefunden hat. Stattdessen treten THE VINTAGE CARAVAN nahezu durchgehend aufs Gas und feuern einen Hit nach dem anderen aus allen Rohren. Der Opener „Set Your Sights“ braucht nur Sekunden um zu zünden und von da an zockt das Trio seine Mischung aus Classic-, Hard- und Blues-Rock so cool und tight herunter, dass man meinen könnte, es handle sich hier um eine alteingesessene Truppe. Dabei sind die Jungs gerade mal Anfang zwanzig.

Gerade in Sachen Songwriting haben THE VINTAGE CARAVAN noch einmal ordentlich zugelegt und präsentieren nun neben straighten Rockern wie „The Way“ auch verspielte Nummern wie „Nebula“, welches mit psychedelischen Elementen hervorsticht oder dem gigantischen Abschlusstrack „Tune Out“. Dieser vereint pathosfreie Epik mit ganz großem Stadionrock und einen Crescendo, bei dem Drummer Stefán Ari sogar die Double Bass auspackt. Wer hier nicht ehrfürchtig vor den Boxen kniet hat was auf den Ohren. Natürlich hört man der Band ihre Einflüsse immer noch an, aber der Sound von Deep Purple, Led Zeppelin oder Blue Öyster Cult ist nicht mehr omnipräsent, sondern dient eher als Fundament für frische neue Ideen.

Einen gehörigen Anteil an der Wucht und Intensität von „Gateways“ hat sicherlich auch der Sound der Scheibe. Produzent Ian Davenport hat seine ganze Magie spielen lassen und dem Album eine druckvolle und klare Produktion verliehen. Vielen Genre-Puristen mag das zu modern klingen, aber dafür hat man oft genug das Gefühl, auf einer Liveshow der Isländer zu sein und nicht nur ein Studioalbum zu hören.

Und damit sind wir wieder am Anfang des Textes und es bleibt nichts hinzuzufügen außer, dass THE VINTAGE CARAVAN neben Kadavar und Greta Van Fleet zu den größten Hoffnungsträgern des klassischen Rocks gehören.