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Hämatom – Bestie der Freiheit

Etwas weniger als zwei Jahre nach dem (im wahrsten Sinne des Wortes) göttlichen „Wir sind Gott“ feiern die NDH-Rocker/-Metaller HÄMATOM ihre neuerliche irdische Niederkunft mit „Bestie der Freiheit“. Mit neuem Produzenten, neuem Label und persönlicheren Texten im Gepäck entfernen sich die vier Himmelsrichtungen allerdings etwas von liebgewonnenen Qualitäten. So fletscht die Bestie zwar mehrfach ihre Zähne, unter anderem auf dem Cover, doch meistens bleibt es dabei.

Auf ihren letzten drei Alben, die sozusagen in „Wir sind Gott“ kulminierten, standen Nord, Ost, Süd und West für kompromisslose Härte und deutliche Inhalte. Der Hass und die Wut im New-Metal-Rock-Mix begeisterten immer mehr Fans und umso erstaunlicher gerät die Erkenntnis, dass „Bestie der Freiheit“ erstmals wie ein Kompromiss aus vielen (neuen) Köchen daherkommt. Die Vorab-Auskoppelung „Zeit für neue Hymnen“ ist ein deutlich besserer Titel für die insgesamt 15 Kompositionen, die wie „Mörder“ nur noch selten jene Energie, Kraft und auch Aggression transportieren, welche HÄMATOM bis dato auszeichneten. Die Produktion von Vincent Sorg erinnert an Szenegrößen wie die Toten Hosen, In Extremo oder auch die Broilers, die der Betreiber der Principal Studios an den Reglern bereits begleitet hat. Qualitativ gibt es wenig zu beanstanden, nur gerade langjährige Fans bzw. Freaks werden sich vermutlich schnell fragen, was von ihrer Lieblingsband übrig geblieben ist: So wirkt „Mein Leben – meine Regeln“ wie die teils keyboardgeschwängerte Variante von „Meine Sache“ der Broilers. Die Refrains von „Warum kann ich nicht glücklich sein?“, „Lange nicht perfekt“ und „Ich hasse dich zu lieben“ gestalten sich eingängig, aber eben auch nicht primär durch die Härte, welche meist von Süd und seinem Schlagzeug ausgeht, sondern durch eine gewisse bekannte Eingängigkeit vom Rock-Reißbrett.

„Zur Hölle mit eurem Himmel“ ist wiederum der Inbegriff für eine Nummer, die vor einigen Jahren wohl noch nicht unter dem Namen HÄMATOM erschienen wäre: Es fehlen Biss, Ecken und Kanten und so ziemlich alles, wofür die Franken stehen. Der Refrain „Wir stehen unter Strom, bereit zur Kollision“ nebst Mitgröhl-Part für die „Armee der Außenseiter“ wirkt weniger wie eine ernstzunehmende Drohung sondern vielmehr wie eine handzahme Ankündigung, ebenso wie die eher bescheidene Forderung nach etwas mehr Druck im Trommelfell in „Lauter“. Die Parole aus „Unter Strom“ stünde wiederum auch Mittelalter-Rockern wie In Extremo oder Saltatio Mortis gut zu Gesicht. Mit „Wehleidige Monster“ und netten Thrash-Riffs positionieren sich die Deutschrocker erneut politisch gegen Stammtischparolen und Co., wenngleich auch nicht mit derselben Deutlichkeit und dem gleichen Nachdruck wie in „I Have A Dream“ vom Vorgänger. „Dass diese Welt keine Nazi-Spasten braucht“ passt lyrisch vielleicht nicht in den Sony-Kosmos, dafür bellen die Hunde nun nicht mehr nur im übertragenen Sinne. Leider beißen sie nicht mehr wie früher bzw. zu selten. Im mehr als gelungenen Abschluss „Bon Voyage“ fordern HÄMATOM das Ende vom Stock im Arsch – man hätte sich eben jenes auch etwas vom aktuellen Longplayer gewünscht, der irgendwie ein bisschen so wirkt, als ob das Gaspedal noch mehr hergegeben hätte, aber jemand die hymnische Handbremse angelegt hat.

Nord ist am Mikro vielseitig wie nie, reißt bei den persönlichen Botschaften aber nur vereinzelt mit  – wie in „Lichterloh“, das an die jungen Jahre und damit die beste Zeit des Lebens erinnern soll, oder „Todesmarsch“, das balladesk die Sinnlosigkeit von Krieg anprangert. Beides sicherlich keine neuen Ideen, aber gut umgesetzt. Besaßen fast alle Stücke von „Wir sind Gott“ ein Eigenleben, so ist das Ergebnis dieses Mal musikalisch relativ gleichförmig und auch in den Botschaften auf die breite Masse der typischen Deutschrock-Hörer zugeschnitten. Der Wunsch von HÄMATOM, auch über die deutschen Grenzen hinaus bekannter zu werden, ist nachvollziehbar, nur im jetzigen Zustand ist das Ergebnis auf „Bestie der Freiheit“ ein halbgarer Kompromiss, der besonders einige ältere Anhänger überraschen und auch verprellen dürfte. Spannend bleibt, ob sich durch neue Hymnen statt altbekannter Härte weitere Hörerschaften erschließen lassen und wie stark die (etwas zu offenkundig kommerzielle) Zäsur in der Vita letztlich ausfällt.

Hämatom

Nach dem durchschlagenden Erfolg von „Wir sind Gott“ entfesseln die Deutschrocker HÄMATOM nun ihre „Bestie der Freiheit“. Mit neuem Produzenten, neuem Label und einem persönlicheren Ansatz in den Songtexten will der Vierer erneut die Herzen seiner Freaks erobern – zunehmend auch international, wie Schlagzeuger Süd im Interview mit uns ankündigt. Außerdem verrät der Mann an der Schießbude, warum die vier Himmelsrichtungen immer noch keine Liebesschlager schreiben und dennoch mit ihrem neuesten Werk autobiografischer denn je geworden sind.

Hallo Süd! Ihr steht kurz vor dem Release von „Bestie der Freiheit“. Wie geht es euch?
Wie immer vor einem Release wird auf allen Ebenen gerödelt. Wir haben ja Veröffentlichung der CD, eine Release-Tour und verschiedene Autogrammstundenauftritte gleichzeitig, so dass es uns bezüglich der Vorbereitung gerade nicht langweilig wird!

Ihr seid mit „Wir sind Gott“ auf Platz 5 der deutschen Albumcharts eingestiegen und wart auch in Österreich und der Schweiz erfolgreich. Hat euch der Erfolg in diesem Ausmaß im Nachhinein überrascht?
Auf jeden Fall! Wir wissen, dass dieser Erfolg nicht selbstverständlich war. Klar, wir waren wirklich fleißig in unserer Bandhistorie, aber natürlich wissen wir auch, dass so tolle Platzierungen und volle Hallen nicht zu erzwingen sind. Es ist und bleibt eine komplexe Angelegenheit, die man irgendwie immer im Nachhinein, aber selten im Vorfeld erklären kann.

Auf „Wir sind Gott“ habt ihr mit zwei Produzenten zusammengearbeitet, die beide für jeweils die Hälfte der Songs verantwortlich gewesen sind. Wie war es dieses Mal und wie stellt ihr sicher, dass ihr bei unterschiedlichen Menschen an den Reglern ein homogenes Ergebnis erzielt?
Das stimmt nicht ganz. „Wir sind Gott“ wurde komplett von „Kohle“ produziert, lediglich die Touredition dazu mit weiteren Studiosongs war von Sascha Paeth produziert, was sich aber bei dieser speziellen Auflage problemlos zusammenführen ließ. Beim nun erscheinenden neuen Werk namens „Bestie der Freiheit“ ist für die Produktion einzig und allein Vincent Sorg (Die Toten Hosen, Broilers, In Extremo) verantwortlich. Und diese Zusammenarbeit erstreckte sich weit über’s Recording und Mixing hinaus. Er stand schon bei der Bearbeitung der Demos mit Rat und Tat zur Seite.

Wie würdest du den Weg von „Wir sind Gott“ zu „Bestie der Freiheit“ beschreiben?
Es fängt immer mit einer ersten Session an, die „Spatenstich-Session“. Man unterhält sich, man probiert herum, stellt in Frage usw. Letztendlich kamen wir dabei zu dem Entschluss einen neuen Produzenten ausprobieren zu wollen, um wieder frischen Wind in unsere Demos blasen zu lassen. So kam es dann schon sehr frühzeitig zu einer Session mit Vincent Sorg, in der uns nach zwei Tagen Probieren klar wurde, dass wir gerne für das kommende Album die Zusammenarbeit mit ihm suchen würden. Und nach kurzer Überlegung hat er sich auch auf diese Reise mit uns eingelassen. Das Besondere an ihm ist, dass er wirklich jede Idee zerpflückt, um sie wieder neu zusammenzubauen, so dass das Songwriting bzw. die sogenannte Vorproduktion so zeitintensiv wie noch nie in der Bandhistorie wurde. Und so wurde es eben bis zur Geburt der Bestie wie immer ein langer, steiniger Weg.

Ihr habt euch dieses Mal zum Songwriting in die Sonne nach Formentera zurückgezogen. Thematisch bewegt ihr euch wieder in eurem inzwischen bekannten Themenkomplex aus Gesellschaftspolitischem und Zwischenmenschlichem. Wie seid ihr eure neue Platte im Bandcamp angegangen?
Im Bandcamp waren wir dann wirklich unter uns. Nur wir vier, kein Produzent, Techniker, Koch oder was man sonst noch mit sich führt *lacht* Und neben den musikalischen Experimenten und natürlich zwischenmenschlichen Erlebnissen denke ich, dass die textliche Vision der Scheibe in diesem Zeitraum gereift ist. Nämlich die Idee, unsere Bestie emotionaler und persönlicher auf die Menschheit loszulassen. Haben wir bisher einen Spiegel der Gesellschaft vorgehalten, wird dieses Mal unsere eigene Perspektive nicht weiter ausgeblendet, sondern auch in Songs mit verarbeitet.

Die neue Platte erscheint nicht mehr bei eurem Haus- und Hoflabel Rookies and Kings. Was hat euch dazu bewogen, bei Sony Music anzuheuern?
Zum einen finden wir Wechsel ab und zu sehr wichtig, um eingefahrene Automatismen aufzubrechen und zum anderen und das war kein unerheblicher Grund, schielen wir schon länger in Richtung Ausland. Seit wir mit Rammstein Sofia gerockt haben, wenn man das so sagen darf, spüren wir, dass unsere Musik durchaus Potential über die deutschsprachigen Grenzen hinaus hat. Und da ist es natürlich toll mit einem Vertrieb wie dem von Sony aufgestellt zu sein. Im März sind wir übrigens auch auf einer ersten Tschechien-Tour unterwegs. Letzten Sommer hatten wir das erste Festival in Rumänien – es tut sich also was!

Auf „Bestie der Freiheit“ ist kein Song über vier Minuten lang, mit einer Ausnahme bewegen sich alle Lieder zwischen drei und vier Minuten. Wolltet ihr mit euren einzelnen Kompositionen dieses Mal besonders auf den Punkt kommen?
Das haben wir auch schon festgestellt, ist aber wirklich Zufall.  Wir machen die Songs, wir arrangieren sie und wenn was fehlt, wird gestreckt. Wenn der Song Längen hat, wird natürlich gekürzt. Letzteres fällt immer schwerer, klar, da ist aber Vincent gnadenlos. Wenn sich was nach Länge anfühlt, muss es raus.

Und habt ihr „Bestie der Freiheit“ mit verstärktem Blick auf eure Konzerte aufgenommen? Viele der Songs wirken mit ihren Melodien, Chören und Refrains bereits in der Studioversion wie gemacht für euer Publikum.
Ganz ausblenden kann man das natürlich nicht. Wir spielen viel, wir wissen es zu schätzen, wenn das Publikum die Songs mitabfeiert und stemmen uns nicht gegen tanzbare Rhythmik. Aber es ist am Ende auch nicht so viel Kalkül, wie es gerade klingen mag. Schließlich bastelt man einfach an Material herum und irgendwann sind alle glücklich.

Würdest du die Live-Qualitäten als besonderes Kennzeichen von „Bestie der Freiheit“ oder auch von Hämatom allgemein sehen?
Ich würde sie als Kennzeichen von Hämatom bezeichnen. Von Anfang an haben wir versucht, nicht zu kleckern, sondern mit einer Bühnenshow zu klotzen. Wir haben immer draufbezahlt pro Show, Hauptsache es knallt. Und Irgendwann war dann mehr Geld zum Ausgeben da, weil mehr Leute zu den Konzerten kamen und dann haben wir eben einen zweiten Sprinter vollgemacht mit Bühnendeko, dann einen dritten und jetzt sind wir mit LKW und Nightliner unterwegs und unser Chef-Techniker – oder ich möchte sagen Live-Designer – Jarek Zyla hat sich wieder tolle visuelle Überraschungen ausgedacht – also das wird schon geil, wenn die Bestie losgelassen wird.

Bei „Mein Leben – Meine Regeln“ habt ihr einen Keyboard-Part nach schnellem Beginn eingestreut, in „Warum kann ich nicht glücklich sein?“ steigert ihr euch von langsam auf schnell. Eure Besetzung mit Gesang, Bass, Gitarre und Schlagzeug lässt generell nur einen begrenzten Spielraum zu. Worauf legt ihr noch Wert, um neben Tempowechseln euren Stil zu variieren?
Neben wie oben schon erwähnt dem Fokus auf den Texten, stand insgesamt der Gesang sehr im Mittelpunkt. Wir haben mehr dynamische Nuancen entwickelt, so dass man nicht die ganze Zeit von Nord angeschrien wird, sondern es auch zu gesungenen und zu leisen Parts kommt. Er hat uns teilweise mit neuen Klängen seiner Stimme überrascht und so eben mehr Dynamik in die Songs gebracht. Aber auch an den anderen Instrumenten wird permanent experimentiert: So waren auch die Drums noch nie so fett wie auf „Bestie der Freiheit“. Hierfür haben wir uns von amerikanischen Produktionen inspirieren lassen, die sich durchaus nicht scheuen, auch einzelne Instrumente mal viel zu laut zu machen, wie man es sich in Europa eher nicht trauen würde.

Bei „Lichterloh“ zelebriert ihr Erinnerungen an Freunde und gemeinsame Zeit, bei „Bis zum letzten Atemzug“ beschreibt ihr den Abschied von einem wichtigen Menschen. Wieviel Autobiografisches steckt in den Inhalten?
Sehr viel, 100%. „Lichterloh“ beschreibt die wohl geilste Zeit deines Lebens: Es ist Aufbruchstimmung, du hängst in deiner Clique, du glaubst die Welt aus den Angeln heben zu können, deine Träume lenken dich usw. – eine Zeit, die man nie wieder reproduzieren kann. Und „Bis zum letzten Atemzug“ untermauert musikalisch das Abschiednehmen eines guten Freundes, den wir 2017 verloren haben. Ein sehr trauriges Lied, das aber hoffentlich Mut macht.

Ihr scheut euch nicht, in euren Texten zeitgenössische Missstände anzuprangern, wie u.a. in „Mörder“. Wie wichtig ist euch Zeitgeist in euren Texten?
Uns ist Zeitgeist nach wie vor sehr, sehr wichtig. Man muß ja nur die Zeitung aufschlagen und schon sprudelt es Ideen für neue Songs. Wir sehen das ja auch als Auftrag von Hämatom, dass man sich mal wieder für all den Wahnsinn, der um einen herum passiert, sensibilisiert und sich auch traut, etwas zu sagen, wenn es einem nicht passt. Uns würde es langweilen, nur Pseudoliebeslieder wie Helene Fischer zu singen. Da fehlen dann doch zu sehr Ecken und Kanten, das würde uns keinen Spaß bereiten.

Zusammen mit „Lange nicht perfekt“ und „Zeit für neue Hymnen“ habt ihr „Mörder“ als Video vorab ins Netz gestellt. Stellvertretend für das gesamte Album oder mit anderen Absichten?
Naja, das ist schon immer die Intention, sich Songs rauszupicken, die stellvertretend für das gesamte Album stehen. Nur leider sieht das jeder anders. Jedes Bandmitglied, Manager, Label und noch viele mehr, alle lassen wir mitreden und am Ende des Tages weiß man gar nichts mehr. Aber ich denke die Auswahl ist nicht verkehrt und es kommt ja noch mehr. Und es sind einfach auch nur gute Songs auf dem Album *lacht*

Wenn man „Lange nicht perfekt“ auf Hämatom bezieht: Wo könnt ihr noch besser werden, was wollt ihr noch anders machen?
Wir versuchen ja, jeden Tag daran zu arbeiten und direkt vor einer Veröffentlichung ist der Zeitpunkt des Infragestellens eher ungünstig, da man jetzt erst eimal sehen muss, wie die Menschen da außen unser Werk finden. Ziel ist es aber natürlich weiter nach oben zu kommen, um die größte Show der Menschheitsgeschichte auf die Bühne zu bringen. Da hätten wir auch schon tolle Ideen für!

Wie verhindert ihr, dass ihr selbst die von euch angeprangerten „Wehleidigen Monster“ mit den immer gleichen Botschaften werdet?
Da mache ich mir gar keine Sorgen. Die „Wehleidigen Monster“ wechseln nie ihr Thema und versuchen mit Stammtischparolen und Pauschalisierungen zu hetzen. Wir sind aufgeschlossen und vielseitig und stehen auf der anderen Seite wie diese Monster. Und unsere Seite würde ich als die weltoffenere und tolerantere bewerten.

Könnte Hämatom auch mit mehr Metaphern, Allegorien und subtilen Inhalten funktionieren oder lebt ihr auch davon, dass eure Texte ähnlich hart und direkt wie die dazugehörige Musik daherkommen?
Das halte ich für schwierig. Zum einen gibt es Rammstein, die das mit Bravour erledigen, und zum anderen würde wirklich etwas wegbrechen, bestimmt auch Härte, aber auch Format, wodurch ein Stück von Hämatom auch sterben würde.

Daran anschließend: Braucht bzw. wollt ihr überhaupt Abwechslungsreichtum oder seht ihr euren Stil mittlerweile auch als eine Art Markenzeichen?
Wir wollen Abwechslung innerhalb unseres Stils. Der Freak, so wie wir unsere Fans nennen, soll auf jeden Fall das bekommen, was er von Hämatom erwartet. Er soll aber auch überrascht werden durch frische Texte und musikalische Experimente. Und mit Nords markanter Stimme kann man auch vieles machen im musikalischen Unterbau, ohne dass das typische „Hämatomige“ wegfällt.

Vor „Wir sind Gott“ habt ihr eine ausführliche Kampagne in den sozialen Medien gestartet und dabei u.a. die zehn Gebote neu illustriert. Wer hatte die Idee dazu und wie blickt ihr darauf zurück, auch jetzt im Vergleich zu „Bestie der Freiheit“ mit eigenem Adventskalender etc.?
Die Idee kam wiedermal vom Ost, der für diesen Bereich immer wahnsinnig viele Einfälle hat. Zur „Bestie der Freiheit“ gab es neben den genannten Adventskalender auch das „Banner der Freiheit“ – rin großes Banner, dass sich unsere Freaks durch die Republik schicken, unterschreiben, sich damit treffen und ablichten lassen und was zum Release wie das olympische Feuer wieder zu uns zurückkommt. Ist auch eine tolle Aktion, die viele Menschen zusammenbringt.

Dank eurer Masken und eurem Auftreten profitiert ihr davon, eure Musik auch audiovisuell zu vermarkten. Sind YouTube und Co. für euch ausschließlich positiv oder u.a. durch vorgeschlagene Verknüpfungen mit Bands wie Frei.Wild immer noch schwierig?
Nein, ich finde diese Plattformen sind für eine Band wie wir es sind auf jeden Fall positiv zu bewerten. Früher hätte uns VIVA bestimmt nicht gespielt und so können wir eben Videos produzieren, die Millionen von Menschen anschauen – eigentlich Wahnsinn. Und klar gibts mal Shitstrom und Dislikes, und das schmerzt auch temporär, aber trotzdem ist diese Möglichkeit fantastisch.

Ihr habt inzwischen mit unzähligen Formationen zusammen gespielt, auf Festivals oder auf Touren. Wer oder was ist im Laufe der Jahre besonders bei euch hängengeblieben und warum?
Auf jeden Fall Rammstein, aber auch die gemeinsame Tour mit In Extremo war ein toller Spaß, den man gerne wiederholen möchte. Die waren einfach so locker drauf und wir saßen jeden Abend zusammen und haben gefeiert. Und solche Erlebnisse sind einfach super, vor allem wenn man sie mit einer so bekannten Band erlebt. Da könnten sich mal so manche kleinen, unbekannten Gruppen eine Scheibe abschneiden, wenn sie glauben, sie müssten arrogant sein und verkrampfen – ist doch alles Quatsch.

Welcher war der beste Support, den ihr je hattet?
Oh, schwierige Frage, aber apRon waren schon eine tolle Truppe. Sie kamen super beim Publikum an, waren saunett und haben mich immer wieder mit nach München genommen, was schon sehr praktisch war *lacht* Aber es gab viele weitere super Begegnungen mit Supports, da will ich jetzt gar nicht werten.

Euer „Dämonentanz“ in Trockau kurz nach Weihnachten ist inzwischen in der szenerelevanten Festivallandschaft etabliert. Stoßt ihr langsam bei der Location und den verfügbaren Bands an ein Limit oder wollt ihr euer Festival auf dieser Größe belassen?
Die Frage stellen wir uns jedes Jahr und dieses Jahr haben wir ja den Saal durch einen zweiten erweitert, so dass mehr Tickets verkauft werden konnten. Und ich denke, dass wir deshalb auch erstmal Trockau die Treue halten. Es ist ja ein historischer Ort, an dem Ost und Nord ihre ersten musikalischen Gehversuche gewagt haben und auch nach der Gründung von Hämatom gab’s immer Support von Trockau, weswegen man diesen Ort nicht einfach so ersetzen kann.

Mit „Das laute Abendmahl“ habt ihr einen weiteren fixen Termin am Karfreitag in euren Kalender integriert. Habt ihr schon konkrete Vorstellungen, ob ihr damit ein ähnliches oder ein anderes Konzept im Vergleich zum Dämonentanz verfolgen wollt?
Wir haben dieses Jahr J.B.O. Im Gepäck und der Vorverkauf ist fantastisch, also schaut auch hier alles sehr vielversprechend aus. Das Konzept ist und bleibt: Wir laden Bands ein, auf die wir einfach Bock haben. Das sind unsere Shows, die wollen wir auch musikalisch mitgestalten. Und es sind meist Bands, zu denen es irgendeine musikalische oder private Verbindung aus der Vergangenheit gibt. Eigentlich eine tolle Sache!

Abschließend noch unser bekanntes Brainstorming: Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
Der dunkle Parabelritter –
Strafschnaps
Maskenball – Geiler Albumtitel
Alternative für Deutschland – … ist keine Alternative für Deutschland!!!
Wut – Aller Anfang ist schwer.
Provokation – Lass dich nie drauf ein.
Machtspiele – Der Klügere gibt nach.
Das elfte Gebot – Wenn du glaubst christlich zu sein, dann verhalte dich auch so.

Süd, vielen Dank für deine Zeit! Hast du noch ein paar letzte Worte an unsere Leser?
Danke für das Interview und ich hoffe, wir sehen uns auf einer der Release-Shows!

Ghost – Ceremony And Devotion

Ob 2011 im White Trash in Berlin auf der Tour zum Debütalbum vor rund 50 Leuten oder 2017 auf der „Popestar“-Tour im rappelvollen Münchner Zenith vor gut 5000 Menschen – GHOST waren und sind eine Macht auf der Bühne. Von den spannenden Ursprüngen als Gruppe unbekannter und maskierter Musiker bis zu den großartigen Performern, die heute auf der Bühne stehen, war es ein langer Weg, dessen (gegenwärtiger) Höhepunkt nun für alle Fans und Novizen unter dem Titel „Ceremony And Devotion“ festgehalten wurde.

Aufgenommen wurde eine Show in San Francisco im Sommer 2016, also während der Tour zu den beiden Veröffentlichungen „Meliora“ und „Popestar“ (EP), dessen Hit „Square Hammer“ das Konzert eröffnet und den Hörer sofort gefangen nimmt. Mit einem so simplen und geradlinigen wie mitreißenden Drumbeat und einem mörderisch packenden Riff beinhaltet der Track alles, was GHOST innerhalb von nur drei Alben zu einer Band machte, die 2017 das Bloodstock-Festival in England headlinte. Dabei darf natürlich auch ein Refrain nicht fehlen, den man mitsingt. Ob man will oder nicht.

Aber die Leute wollen ja mitsingen, was auf „Ceremony And Devotion“ mehrfach überdeutlich wird. Denn der Titel der Veröffentlichung ist sicher nicht zufällig gewählt. Zum einen mangelt es den (anwesenden) Fans nicht an Hingabe an die Band, sei es durch den Kauf von Tickets und Merchandise oder eben – wie bereits erwähnt – durch das ausgiebige, lautstarke und textsichere Mitsingen der satanischen Hymnen. Denn das ist der zweite Aspekt des Titels der Veröffentlichung – Shows von GHOST sind eben mehr als nur Konzerte. Es sind exzellent inszenierte und sicher auch überzeichnete Zeremonien. Diese wandeln zwischen rituell angehauchten Tracks („Con Clavi Con Dio“, „Per Aspera Ad Inferi” oder auch „Body And Blood”) und krachenden Rocknummern („Square Hammer”, „From The Pinncale To The Pit“ oder „Mummy Dust“) und bringen die Besucher dazu, fröhlich Hymnen an den Gehörnten zu singen. Die Ernsthaftigkeit des Ganzen lässt sich sicher hinterfragen, doch ist es unbestreitbar faszinierend, zu welchen Gesängen GHOST ihre Fans (von denen beileibe nicht alle knallharte Metalheads oder Satanisten sind) bewegen.

Auf „Ceremony And Devotion“ ist die Band dabei in absoluter Topform festgehalten, auch Sänger Papa Emeritus III, live nicht immer ohne Wackler, liefert perfekt ab. Die Setlist enthält Songs aller drei Studioalben, wodurch sich die Entwicklung der Band wunderbar nachvollziehen lässt. Von den relativ simplen Kompositionen des Debüts wie „Elizabeth“ oder „Ritual“ über die Epik von „Infestissumam“ („Guleh/ Zombie Queen“ und „Monstrance Clock“) hin zu „Meliora“, auf dem die Band mit Songs wie „He Is“, „Absolution“ oder auch „Cirice“ (neben den bereits genannten) alle ihre Trademarks vereint und damit ihre Fans beglückt.
Das Ganze ist in einem super Sound festgehalten, der sowohl die Feinheiten der Kompositionen zur Geltung bringt, GHOST zugleich aber auch mit ordentlich Wucht aus den Boxen dröhnen lässt.

Somit ist „Ceremony And Devotion“ ein Muss für alle Fans der Band, da man sich bereits ab den ersten Tönen zurück zur einer der besuchten Liveshows transportiert fühlt. Einsteigern wiederum bietet diese Veröffentlichung ein perfektes Best-of einer genialen Band und somit einen optimalen Einstiegspunkt. Fragt sich eigentlich nur, warum eine Band wie GHOST, die so viel Wert auf den optischen Aspekt legt (siehe Cover und Booklet), bei einer Liveveröffentlichung auf das Bildmaterial, sprich eine DVD-Version verzichtet…

Anette Olzon – Shine

Was macht man eigentlich als Sängerin einer renommierten Symphonic-Metal-Band, wenn man nicht mehr Sängerin jener Band ist? Die Antwort, die Tarja Turunen, ihres Zeichens Ur-Vokalistin der finnischen Symphonic-Metal-Großmeister Nightwish, darauf geben würde, dürfte lauten: Die Sache selbst in die Hand nehmen – hierfür sprechen jedenfalls die bisher fünf Soloalben, die sie seit ihrer Zeit nach Nightwish veröffentlicht hat.
Doch auch ihre schwedische Nachfolgerin ANETTE OLZON wollte nicht in der musikalischen Versenkung verschwinden, nachdem die Zusammenarbeit mit der Band im Jahr 2012 zu einem Ende gekommen war (respektive nachdem die Sängerin, zumindest laut eigener Darstellung, gegangen worden ist). So erschien 2014 das erste ANETTE OLZON’sche Soloalbum „Shine“, welches sich dann doch maßgeblich von nightwishesker Musik unterscheidet.

Bereits zu ihrer Zeit als Frontfrau ließ ANETTE OLZON in Interviews durchblicken, dass sie dem Metal zwar nicht abgeneigt sei, er aber nicht ihrem hauptsächlichen musikalischen Gusto entspreche. „Shine“ merkt man an, wo die Präferenzen der Schwedin wohl eher liegen: In einer Symbiose aus Pop- und Rock-Elementen. Wirklichen Metal sucht man vergebens, in weiten Teilen kommt das Album ohne E-Gitarreneinsatz aus. Die rockigen Momente wie im zunächst balladesken, dann aber doch an Energie gewinnenden „Hear Me“ stehen dem Sound jedoch gut zu Gesicht.
Wie das zum Titel der Platte passende Cover, auf dem sich ANETTE OLZON sichtlich fröhlich präsentiert, schon nahelegt, strahlt „Shine“ eine Menge gute Laune aus – nicht umsonst erklärte die Sängerin die Message des Albums so, dass es immer einen Ausweg aus dunklen und finsteren Lebenslagen heraus gebe. Letztere werden allerdings ebenfalls vertont, etwa anhand der vergleichsweise düster angelegten ersten Single-Auskoppelung „Falling“ oder dem nachdenklichen „Moving Away“, in dem ANETTE OLZON textlich die Krebserkrankung ihrer Mutter verarbeitet.
Grundsätzlich ist „Shine“ die ganze Zeit über anzumerken, dass Könner am Werk sind, die um einen hochwertigen Sound bemüht waren. So leistet Niklas Olsson, mit dem ANETTE OLZON schon vor Nightwish in der AOR-Band Alyson Avenue kollaboriert hat, an den Instrumenten ganze Arbeit, mit Anders Bagge fand sich ein namhafter Produzent, der unter anderem schon für Madonna tätig war, und der glasklare Elfengesang der ehemaligen Nightwish-Vokalistin ist ohnehin über so gut wie jeden Zweifel erhaben. Und doch sind es am Ende, fast schon ironischerweise, die eher tristen und finsteren Songs, die sich als Highlights des Albums herauskristallisieren. Denn obwohl „Shine“ eines wirklichen Ausfalls entbehrt, muss sich der Hörer schon eine nicht einfach vernachlässigbare Menge an Pathos und bisweilen auch Kitsch gefallen lassen, um an sich gelungene Stücke wie den rockigen Titelsong oder das verspielt-melodiöse „Floating“ genießen zu können.

Schon zu Release-Zeiten rezipierten Kritiker „Shine“ nicht auschließlich positiv. Auch im Alter von drei Jahren ist der Silberling nicht zu einem vollauf begeisternden Werk herangewachsen, ein für Freunde leichterer Rock-Klänge gutes Album einer sehr talentierten Sängerin ist er aber nach wie vor. Die härtere Richtung, die ANETTE OLZON für das im November erscheinende Debütalbum des Projekt „The Dark Element“ angekündigt hatte und von der wir uns anhand des zugehörigen Titelsongs schon überzeugen konnten, dürfte ihrer Post-Nightwish-Karriere jedoch zweifellos zuträglich sein.

Lynyrd Skynyrd – Christmas Time Again

Mit ihrem elften Studioalbum fokussierte sich die Southern-Rock-Band LYNYRD SKYNYRD auf die Weihnachtszeit und veröffentlichte das Ergebnis „Christmas Time Again“ im September 2000. Traditionelle Weihnachtslieder sind insgesamt weniger präsent, dafür gibt es einige Eigenkompositionen und weniger bekannte Songs zu hören. Zwei Lieder hat die Band aus Jacksonville, Florida gleich komplett von anderen Bands einspielen lassen. In elf Titeln kleiden sie das Fest zu Jesu Geburt damit in ein deutlich amerikanisches Rockmusik-Gewand zwischen Blues, Hard Rock und dem typischen Southern-Style.

Der auf dem Artwork im Truck daherkommende Santa verwirrt im Eröffnungssong ein Kind, da er mit dem Schlüssel durch die Eingangstür kommt, statt wie gewohnt den Kamin zu nutzen. Wahrscheinlich betritt er das Haus mit einem betont lässigen Gang, was sehr gut zum bluesigen Grundkonstrukt passen würde. Damit bewegt sich der Titel auch sehr nah am Original von Eddie C. Campbell. Aber auch die bekannteren Titel wie „Santa Claus Is Coming To Town“ (eingespielt von Country-Musiker Charlie Daniels) oder „Rudolph The Red-Nosed Reindeer“ werden durch einen sehr unaufgeregten Grundstil geprägt. Vor allem die Gitarrensoli machen auch in ihrer quasi weihnachtlichen Aufmachung viel Spaß. „Run Run Rudolph“ bewegt sich trotz einleitendem Kinderchor wohl am nähesten an der Originalversion, so ist es auch hier ein waschechter Rock’n’Roll-Song.

„Greensleeves“ hingegen ist ein Klavier-Instrumental, das man so von LYNYRD SKYNYRD eher weniger erwartet hätte. Die Eigenkompositionen sind aber das eigentliche Herzstück des Albums. Der Titelsong „Christmas Time Again“ und „Mama’s Song“ sind Balladen aus dem Lehrbuch des Rock – wenn Guns N‘ Roses Weihnachtsmusik spielen würden, so ähnlich würde sie vermutlich klingen. „Classical Christmas“ besinnt sich entsprechend des Titel aus Ursprüngliches und ist ein mit Akustikgitarre vorgetragenes Intermezzo. Danach dürfen mit 38 Special weitere Gäste antreten, die mit Donnie damals ein weiteres Mitglied der Van-Zant-Familie in ihren Reihen hatten. „Hallelujah, It’s Christmas Time“ fügt sich trotz veränderter Besetzung sehr schlüssig in die Trackliste ein. Enstprechend macht auch das abschließende „Skynyrd Family“ Sinn, das einen mit sehr beschwingten Country-Klängen aus den rund 36 Minuten entlässt.

Allzu traurig fällt der Grundtenor des Blues auf „Christmas Time Again“ nicht aus, da LYNYRD SKYNYRD ihn gekonnt mit Hard Rock und Southern Rock vermengen. Dennoch liefern die Musiker etwas ab, das viele Weihnachtsalben nicht bieten können: Auf schmalziges Frohlocken und allzu festliche Atmosphäre wird weitgehend verzichtet. Einige Hörer wird diese Herangehensweise sicher verwirren, wie das Kind im Opener „Santa’s Messin‘ With The Kid“. Der Longplayer ein relativ unspektakuläres Stück weihnachtlicher Rockmusik, das ohne viele Schnörkel auskommt und gerade durch seine entspannte Art überzeugen kann.

Lonely The Brave – Things Will Matter (Redux)

LONELY THE BRAVE haben sich ihr letztjähriges Album „Things Will Matter“ vorgenommen und neue Versionen der darauf enthaltenen Songs eingespielt. Lediglich der ursprüngliche Opener „Wait In The Car“ wurde durch einen bisher nicht erschienenen Titel ausgetauscht. Für die Neuinterpretationen nutzen sie Piano und Keyboard, aber auch Geige, Cello, Kontrabass und Trompete.

Eröffnet wird der Longplayer mit dem quasi Titelsong „Things Will Matter“, den die Band bereits live präsentierte, der aber auf dem ursprünglichen Album nicht vertreten war. In diesem persönlichen Titel verarbeitet Frontmann David Jakes die Beziehung zu seinem Vater und singt über die Sterblichkeit. Der Fokus liegt deutlich auf dem emotionalen Gesang, der von einer dezenten Akustikgitarre begleitet wird. Bereits „Black Mire“ zeigt in seiner neuen Version aber Schwächen, die derlei Vorhaben oft mit sich bringen: Man wühlt auch in der elektronischen Mottenkiste, setzt Synthesizer-Beats ein und lässt den Gesang in verzerrter Art auftreten.

Glücklicherweise gelingt es in der Band in der Folge besser ihre reduzierte Herangehensweise umzusetzen. Das federführende Piano in „Rattlesnakes“ verbindet sich in guter Art und Weise mit Jakes‘ Stimme. Mal scheinen sich die Cambridger an Anathema zu orientieren („Radar“) oder sich am Britpop von Coldplay zu versuchen („Tank Wave“). Beides funktioniert erstaunlich gut, ohne dabei als bloßer Abklatsch durchzugehen. Als Highlight kristallisiert sich aber das abschließende „Jaws Of Hell (Redux)“ heraus: Düstere Streicher und wehmütiger Gesang verbinden sich zu einem großen Moment in LONELY THE BRAVEs Diskographie.

„Things Will Matter (Redux)“ ist sicherlich kein Überalbum geworden, dennoch präsentieren sich LONELY THE BRAVE mit den überarbeiteten Versionen bereits bekannter Songs in einem guten Licht. Krachende Rockmusik mit Party-Charakter sucht man natürlich vergebens, dafür bekommt man zwölf Songs voll intensiver Atmosphäre und intimen Einblicken. Die Briten haben ihren Job ordentlich gemacht und landen trotz anfänglicher Schwächen doch über dem Durchschnitt. Für Fans entschleunigter Rockmusik ohne zuviel Hang zum Kommerz durchaus zu empfehlen.

Kellermensch – Goliath

Bereits ihr 2009 erschienenes, selbstbetiteltes Debüt-Album bescherte den Art-Rockern KELLERMENSCH weit über die Grenzen ihrer Heimat Dänemark hinaus einige Aufmerksamkeit. Genug jedenfalls, um die Universal Music Group auf sich aufmerksam zu machen, welche das Werk 2011 schließlich zwei Jahre nach der Veröffentlichung in Dänemark über ihr Sublabel Vertigo auch im deutschsprachigen Raum auf den Markt brachte.

Anfang 2017, als die Band von vielen Fans ob der langen Funkstille schon totgeglaubt war, erschien in Dänemark mit „Goliath“ wie aus dem Nichts ein neues KELLERMENSCH-Album. Die deutschen Plattensammler hingegen mussten sich weiter in Geduld üben. Bis jetzt: Ein dreiviertel Jahr nach seiner Erstveröffentlichung steht der Silberling nun auch hierzulande endlich in den Regalen.

Die Album-Verkäufe dürfte dieser, in der heutigen, schnelllebigen Zeit der Streams und Downloads schier endlos erscheinende Verzug nicht eben steigern. Doch egal, ob gestreamt, gedownloadet oder als CD erworben: „Goliath“ ist nicht nur für Fans des grandiosen Erstlings-Werkes ein Pflichtkauf. Erneut nämlich ist es KELLERMENSCH gelungen, ein Ausnahmealbum zu erschaffen.

Mit „Bad Sins“ holt „Goliath“ die Fans dort ab, wo die Band sie mit „Kellermensch“ zurückgelassen hatte: Sanfte Melodien und der charakteristische Gesang von Sebastian Wolff prägen das Klangbild. Wirklich groß wird „Goliath“ aber mit „The Pain Of Salvation“. Hier vereinen die Dänen die ganze Bandbreite an Gefühlen in einem Fünfminüter: Mal melancholisch, mal aggressiv ist die Nummer ein wahres Wechselbad der Gefühle.

Vor allem der ausdrucksstarke Gesang, der im Albumverlauf von verletzlich gesungen bis roh herausgebrüllt das ganze Spektrum abdeckt, ist, neben den verträumten Geigen und wankelmütigen Gitarren, nach wie vor das große Plus von KELLERMENSCH. Dieser kommt im kompositorisch simpel gehaltenen „Mediocre Man“, wie auch dem nicht minder eingängigen, geigenbetonten „Remainder“ voll zur Geltung. Wer bis jetzt noch nicht genug Emotionen geboten bekommen hat, muss nur noch kurz ausharren: Auf das flotte „Carrying My Name“ folgt mit dem herausragenden „Lost At Sea“ fast schon eine Ballade, die sich erst in ihrem weiteren Verlauf zu einer waschechten KELLERMENSCH-Nummer mausert.

Eigentlich ein gelungener Abschluss – und in der Tat wirken das forsche „Moth“ und die schon vom Sound her vom Rest des Albums stark abgesetzte Lagerfeuer-Westerngitarren-Nummer „How To Get By“ eher wie Bonustracks denn wie der reguläre Albumausklang.

KELLERMENSCH erfüllen mit „Goliath“ nicht nur die nach vollen acht Jahren Wartezeit schon fast begrabenen Hoffnungen auf ein neues Album, sondern werden damit auch noch den hohen Erwartungen an einen Nachfolger ihres großartigen Debüts gerecht. Sieht man vom etwas ungeschickten Songarrangement am Albumende ab, ist „Goliath“ von vorne bis hinten rund.

Insgesamt etwas düsterer als der Vorgänger und nicht minder abwechslungsreich, vor allem aber von der ersten bis zur letzten Note gefühlsbetont, trifft „Goliath“ voll ins Herz und bleibt zugleich mit mehreren Songs im Gehörgang haften. Fazit: Wenngleich schon lange kein Newcomer mehr, gehören KELLERMENSCH auch nach ihrer Wiederauferstehung mit „Goliath“ noch zu den spannendsten Bands, die die Rock-Szene derzeit zu bieten hat.

Racquet Club – Racquet Club

Mit Blair Shehan, Sergie Loobkoff und Bob Penn haben sich Mitglieder von The Jealous Sound, Knapsack und Samiam mit dem Bassisten Ian Smith zu RACQUET CLUB zusammengeschlossen. Durch ihre Vorerfahrung sind sie bereits mit dem selbstbetitelten Debüt beim renommierten Label Rise Records gelandet. Kategorisiert wird die Musik des Quartetts aus Los Angeles als Indie Rock und gleichzeitig als atemberaubender Longplayer angepriesen. Als Produzent konnte man für dieses Vorhaben Alex Newport (Bloc Party, Frank Turner) gewinnen.

Bereits der Opener „Caldwell Park“ ist ein netter Rocktrack mit einigem Indie-Einschlag, der sich zwischen Melancholie und einem dezenten Hoffnungsschimmer einpendelt. Das liegt vor allem am präsenten Tieftöner, aber auch am Gesang von Blair Shehan, der auf seine Art diese britische unterkühlte Seite, zumindest unterschwellig transportiert. Ein ähnliches Konzept verfolgen die folgenden Songs, was zwar zum Fußwippen animiert und durchaus hochkarätig umgesetzt wurde – dennoch wartet man noch auf die atemberaubende Seite dieses Debüts. Es sind kleiner Aha-Effekte, die die Hoffnung auf etwas Großes befeuern: Beispielsweise in „Head Full Of Bees“, wenn kurz vor Schluss das Tempo heruntergefahren wird, um dann nochmal mit dem Refrain richtig Gas zu geben. Ansonsten dümpeln die Titel eher vor sich her, vermengen sich in einem immer wiederkehrenden Konzept zu einer monotonen Masse. Diese Monotonie mag zwar gelegentlich durchaus ihre Stärken haben, wenn aber jeder Song dem anderen so sehr ähnelt wie im Fall von „Racquet Club“, dann tut man sich selbst als eingefleischter Musikfan auf Dauer schwer. Schade eigentlich, denn die Staccato-ähnliche Gitarre in „Blood On The Moon“ oder der schleppende Aufbau mit wechselnden Rhythmen von „Blue Skies“ zeigen im Ansatz, was möglich gewesen wäre. Dazu hätten die Musiker aber ein wenig mehr über den eigenen Tellerrand blicken müssen.

Erfahrene Musiker und eine einwandfreie Produktion sind leider kein Garant für ein hochklassiges Meisterwerk – das beweisen RACQUET CLUB auf ihrem selbstbetitelten Debüt mit stoischer Konsequenz. Etwas mehr Mut zum Experiment oder individuellen Ideen hätte die zehn Songs deutlich nach vorne gebracht. So ist es ein nettes Album geworden, dass sicherlich im ein oder anderen am Mainstream orientierten Rocksender auf Interesse stößt. Für den angekündigten großen Wurf müssen die Musiker aber noch ein bis zwei Schippen drauflegen.