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The Dark Red Seed – Stands With Death (EP)

Was genau Musik interessant macht, ist eine Frage, über die wohl schon seit den frühesten Anfängen der Tonkunst eifrig debattiert wird. Muss ein Lied schwer zu spielen oder komplex arrangiert sein oder ist es nicht auch ein Kunststück, eine Melodie zu schreiben, die sich vielen verschiedenen Menschen ins Gedächtnis brennt? Ausnahmebands wie King Dude oder das kürzlich aus ebenjenen hervorgegangene Duo THE DARK RED SEED machen die Beantwortung dieser Frage nicht gerade leichter. Auf ihrer Debüt-EP „Stands With Death“ präsentieren sich die Letztgenannten nämlich als äußerst minimalistische Songwriter und lösen damit im Hörer eine eigentümliche Mischung aus Skepsis, Neugier und Faszination aus.

Das drei Songs starke Minialbum soll – wie der Albumtitel und das überaus ästhetische, aber auch subtil düstere Artwork nahelegen – eine Studie über den Tod sein. In jedem der Tracks behandeln THE DARK RED SEED diese morbide Thematik in einem anderen Kontext. Doch auch musikalisch inszenieren sich die Dark-Folk-Rocker als Mysterium. Reduziert und monoton sind die Arrangements, die die Amerikaner gute 20 Minuten lang zum Besten geben. Im politisch ausgerichteten „The Antagonist“ beschränkt man sich beispielsweise auf rauchigen Gesang in der Tradition von Nick Cave und Johnny Cash, ein paar vereinzelte bluesige Gitarrentöne und schlurfende Perkussion.

Lässig ist der Opener auf alle Fälle, dennoch wäre er wohl eine kleine Enttäuschung, würde sich darin das klangliche Repertoire von THE DARK RED SEED erschöpfen. Besieht man sich den Rest der EP, macht die Nummer im Zusammenspiel jedoch eine gute Figur. Im über neun Minuten langen „The Master And The Slave“ packt das Duo dann nämlich stampfende Rhythmen und rohe, mit viel Hall unterlegte und doomige Gitarren aus. Auch zurückgelehnte Bassläufe und Soli sind mit von der Partie, zum Schluss verdreschen THE DARK RED SEED ihre Instrumente dann in einem chaotischen Crescendo.

Das Highlight in puncto Atmosphäre ist auf „Stands With Death“ jedoch eindeutig „The Tragedy Of Alesund“. In seinem Aufbau sogar fast noch karger als „The Antagonist“ spiegelt der Abschlusstrack das in den Texten umschriebene Endzeitszenario mit nachdenklichem Gesang und improvisiert wirkendem Gitarrenspiel sehr überzeugend wieder. Besonders hier zeigen THE DARK RED SEED, wie viel Ausdrucksvermögen in den leisesten Tönen stecken kann, wenn man sich ihrer gekonnt bedient.

„Stands With Death“ ist gewiss keine bahnbrechende Offenbarung, genau genommen ist das Kurzalbum nicht einmal besonders raffiniert komponiert. Melodie und Rhythmik werden im Lauf der drei Songs wenig bis gar nicht abgewandelt. Die Strukturen sind derart simpel, dass man meinen könnte, die beiden beteiligten Musiker hätten sie im Zuge eines entspannten Nachmittags spontan aus dem Hut gezaubert und noch am selben Tag aufgenommen. Doch gerade dass THE DARK RED SEED ihr Schaffen auf die grundlegendsten Elemente beschränken, macht ihre Musik so spannend und unverfälscht. Die Neugierde auf die für den Sommer 2018 angekündigte Full-Length-Fortsetzung „Becomes Awake“ haben die zwei Amerikaner damit jedenfalls schon kräftig geschürt.

The Rolling Stones arbeiten an neuem Album

In einem Interview mit dem Wall Street Journal bestätigte Keith Richards, dass THE ROLLING STONES an einem neuen Studioalbum arbeiten. Im Moment befindet sich die Band aber noch ganz am Anfang der Produktion:

„Derzeit befindet sich die Produktion jedoch noch in der Frühphase. Wir haben bereits ein paar interessante Ideen, allerdings gestaltet sich das Songwriting umso schwieriger, je weiter wir voneinander entfernt leben. Andererseits hat dies auch Vorteile, da wir alle mit einem frischen Blickwinkel an die Sache herangehen.“

Produziert wird die neue Scheibe von Don Wanes, der die Spannung auf das neue Material der Band zu schüren weiß:

„Für das, was Keith und Mick gerade schreiben, solltet ihr euch wirklich warm anziehen. Wenn wir zu dritt im Studio uns gegenüber sitzen, dann passiert etwas Magisches, das sich so frisch wie am Anfang der Band anfühlt.“

Das letzte reguläre Studioalbum der ROLLING STONES erschien bereits 2005.

Radio Havanna – Utopia

Die Wahlberliner RADIO HAVANNA sind seit 2002 aktiv, politisch sehr engagiert und haben sich inzwischen einen gewissen Stand in der deutschen Rock-Szene erspielt. Touren im Vorprogramm von Sum 41, Flogging Molly oder den Toten Hosen sprechen dabei für sich.  Die Band tritt außerdem für Organisationen wie Oxfam, Amnesty International oder Kein Bock auf Nazis ein und gibt sich sowohl auf Konzerten als auch in Sozialen Medien politisch. Soweit so gut und richtig für eine Punk-Band; dumm nur, dass das neue Album „Utopia“ irgendwie nicht so zu dieser Attitüde passt.

Dies betrifft sowohl die musikalische als auch lyrische Seite der Platte. Die Musik wirkt zu sehr auf Mainstream und Popigkeit getrimmt, fast so als würde man verzweifelt versuchen die Toten Hosen zu imitieren. An jeder Ecke lauert ein weiterer „Wohoo“-Mitsing-Part und wirklich harte Punk-Gitarren vermisst man komplett. Zu Beginn des Titelsongs „Utopia“ fragt man sich gar, ob das die richtige Platte ist. Der Einstieg mit Gitarre und Klavier erinnert stark an „Im Ascheregen“ von Casper. An sich ist das musikalisch keinesfalls schlecht. Man muss RADIO HAVANNA auch zugutehalten, das sie abwechslungsreich agieren und handwerklich durchaus etwas auf dem Kasten haben. Dennoch driftet die Musik zu häufig in Pop-Belanglosigkeiten ab.

Einen Teil zu diesem Eindruck tragen sicherlich auch die Texte bei. In „Faust hoch“, „Homophobes Arschloch“ und „Mein Name ist Mensch“ werden zwar wichtige gesellschaftliche Themen behandeln, aber ansonsten regiert auch hier die Belanglosigkeit. Von einer politisch so aktiven Band wie RADIO HAVANNA hätte man mehr erwartet, als nur Songs übers Saufen („Früher oder Späti“, „Anti alles“, „Ich hab die Zeit“). Man wird das Gefühl nicht los, die Band sei dauervoll. Der Gipfel der Peinlichkeit ist aber „Schwarzfahrer“. Das das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel ohne Fahrschein ein heldenhafter Akt der Revolte gegen das System ist, erscheint schon arg kindisch.

„Phönix“ beendet „Utopia“ und steht sinnbildlich dafür, wie sich RADIO HAVANNA auf diesem Album darstellen: hoffnungsvoll, immer etwas betrunken, nicht zu politisch und immer bereit zu feiern. Wie gesagt, das ist an sich nichts Schlechtes und macht live bestimmt richtig Laune. Nur passt es irgendwie nicht zu der Art und Weise, wie sich die Band sonst gibt. Denn von Wut über die aktuelle Situation im Land, dem Bedürfnis auf Missstände hinzuweisen und diese zu beseitigen oder dem Wunsch die Menschen aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen, merkt man auf „Utopia“ wenig. Was bleibt, ist ein wenig eigenständiges Album irgendwo zwischen Pop und Punk, das durchaus Spaß machen kann, aber immer einen schalen Beigeschmack behält.

The Rolling Stones mit neuen Tourdaten für Deutschland

THE ROLLING STONES legen nach ihren Konzerten hierzulande im letzten Jahr noch einmal nach. Die neuen Termine ihrer „No Filter“-Tour umfassen Stuttgart und Berlin. Der Vorkverkauf startet am Mittwoch, den 28.02.2018 um 10 Uhr.

22.06.2018 Berlin // Olympiastadion
30.06.2018 Stuttgart // Mercedes Benz Arena

 

 

Auch Stone Broken mit neuem Song und Video

Die britischen Rocker von STONE BROKEN zeigen zu ihrem neuen Song „Heartbreak Away“ ein Video mit brisantem Inhalt. Es geht um das Thema des häuslichen Missbrauchs. Die Protagonisten sind ein junges Paar und deren Nachbar, der immer wieder mitbekommt, wie die Frau von ihrem Partner geschlagen wird. Da er sich aber nicht sicher ist wie er sich verhalten soll, greift er nicht ein.

Auch die Lyrics des Songs behandeln dieses Thema. Frontmann Rich Moss bezeichnet „Heartbreak Away“ als sehr persönlichen Song und führt weiter aus:

„“Das Thema steht mir näher als die anderen Texte, die ich geschrieben habe. Mitzuerleben, welche Auswirkungen häusliche Gewalt auf die Betroffenen und die Menschen, die ihnen nahestehen hat, ist keine schöne Erfahrung. Ich wollte die Aufmerksamkeit auf etwas lenken, das normalerweise hinter verschlossenen Türen stattfindet, verborgen vor der Gesellschaft. Ich denke, die Leute spüren, dass es ein sehr persönlicher Song ist und dass ich jedes Wort ernst meine.“

„Heartbreak Away“ stammt vom am 02.03.2018 erscheinenden neuen Album „Ain’t Always Easy“.

Phil Campbell And The Bastard Sons – The Age Of Absurdity

Mit Motörhead veröffentlichte Gitarrist Phil Campbell 16 Studioalben, gewann einen Grammy, zwei golden God Awards des Metal Hammer, einen Kerrang!-Award und unzählige weitere Preise. Vor allem aber schrieb der Waliser gemeinsam mit Lemmy Kilmister und Mikkey Dee ein unvergessliches Kapitel Rockgeschichte.

Geld dürfte Campbell damit genug für den Rest seines Lebens verdient haben – und auch, dass sich der Erfolg, den er mit Motörhead genießen durfte, wohl nicht wiederholen lässt, dürfte Campbell wissen. Die Motivation dafür, trotzdem nochmal mit einem neuen Projekt klein anzufangen, kann also eigentlich nur in einem unstillbaren Drang, Musik zu machen, liegen. Eigentlich keine schlechten Vorraussetzungen für guten Rock’n’Roll, oder?

Nach der selbstbetitelten EP aus dem November 2017 erscheint nun unter dem Namen „The Age Of Absurdity“ über das deutsche Metal-Label Nuclear Blast Records das Albumdebüt von PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS.

Der Projektname kommt nicht von ungefähr: Von Sänger Neil Starr abgesehen, sind die BASTARD SONS tatsächlich allesamt Phils Söhne – wenn auch, ganz un-rockstar-klischee-mäßig, mit seiner Ehefrau Gaynor. Rein aus väterlicher Fürsorglichkeit und blind (beziehungsweise: taub) machender Vaterliebe hat Phil Campbell Todd (Gitarre), Tyla (Bass) und Dane (Schlagzeug) aber – das sei an dieser Stelle klargestellt – gewiss nicht in die Band geholt. Vielmehr liefern alle Beteiligten auf „The Age Of Absurdity“ eine astreine Rock’n’Roll-Leistung ab.

Das gilt neben dem Campbell-Nachwuchs aber auch und vor allem für Sänger Starr: Mit bisweilen frappierender stimmlicher Ähnlichkeit zu Stone Sours Corey Taylor geleitet dieser den Hörer durch die elf Songs und steht dabei – erfreulicher Weise – zumeist im Mittelpunkt des Geschehens: Übertrieben lange, aus reiner Egozentrik in die Songs gepresste Soli, wie man sie von anderen Solo-Alben bekannter Gitarristen her kennt, finden sich auf „The Age Of Absurdity“ erfreulicher Weise keine.

Im insofern sehr 90er-Rock-typischen Gesang liegt dann auch der Haupt-, wenn auch bei Weitem nicht einzige Unterschied zu Phil Campbells bisherigem Schaffen: Zwar könnte das das Album eröffnende erste Riff von „Ringleader“ ebenso gut ein Motörhead-Album einleiten. Im weiteren Verlauf von „The Age Of Absurdity“ räsentieren sich PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS aber über weite Strecken doch merklich softer und mit unüberhörbarer Alternative-Rock-Schlagseite – wenn Phils in all den Jahren bei Motörhead eingeübte Handschrift im Songwriting auch stets unverkennbar durchscheint.

Wer an PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS in Erwartung eines musikalischen Motörhead-Nachfolgers herangeht, dürfte sich mit dem Material schwer tun. Denn trotz gewisser Parallelen ist „The Age Of Absurdity“ alles, nur kein unter neuem Namen erschienenes Motörhead-Album – und das nicht nur, weil Starr den Gesang gänzlich anders gestaltet als Lemmy das getan hätte. Wer sich dem Projekt aber mit offenem Ohr und ohne unerfüllbare Erwartungen nähert, bekommt mit „The Age Of Absurdity“ ein angenehm unverkrampftes, ja, sogar ziemlich lässiges Modern-Rock-Album geboten, das vielleicht nicht das Rad neu erfindet, aber durchweg Spaß macht. Und das ist am Ende doch, worauf es ankommt.

Birth Of Joy – Hyper Focus

Bereits seit 2005 besteht die Psychedelic-/Blues-Rock-Band BIRTH OF JOY, die an der Herman-Brood-Akademie in Utrecht gegründet wurde. Der Bandname ist eine Anspielung auf Nietzsches Werk „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Mit „Hyper Focus“ legt das Trio mittlerweile das fünfte Studioalbum vor und wird Freunden von Kadavar, Blues Pills, Motorpsycho oder All Them Witches ans Herz gelegt. Keine schlechten Referenzen also, an die die Niederländer mit den 13 neuen Songs anknüpfen wollen.

Langsam baut sich der Opener auf, der passenderweise „Join The Game“ getauft wurde. Nachdem das Schlagzeug einsetzt folgt kurz darauf das beeindruckende Keyboard, das hier eher an eine Hammond-Orgel erinnert. Der Gesang ist mit viel Hall versehen und reiht sich so in die Retro-Atmosphäre gekonnt ein. Die Erinnerungen an frühe Deep Purple werden hier nicht zum letzten Mal im Lauf der Platte ins Gedächtnis gerufen. Gesanglich ist Frontmann Kevin Stunnenberg sehr variabel und liefert zwischen hohen Tonlagen auch gesprochene Passagen und sehr rockige Vocals ab. Aber auch das Wechselspiel der Saitenfraktion zwischen wuchtigen Parts und den melodiösen Momenten ist sehr gelungen in Szene gesetzt.

Zu dem Old-School-Charme der Songs gesellt sich aber immer auch eine moderne Seite, die am ehesten im Punk oder Indie Rock fußt. So entsteht ein Drive, der altgedienten Bands zu ihrer Anfangszeit oft verwehrt blieb, da das Vermengen diverser Einflüsse noch nicht derartig praktiziert wurde. Im Großen und Ganzen ist die Atmosphäre auf „Hyper Focus“ eine sehr entspannte, die Titel sind eher im mittleren Tempo angesiedelt. Natürlich mit kleineren Ausreißern in flottere oder schleppendere Gangarten. Auch kleine Experimente binden die Niederländer ein, beispielsweise die fast meditative Percussion zu Beginn von „You Are Many“ oder das an Santanas Latin Rock erinnernde „Poor Duffy“. Die drei instrumentalen Intermezzi, simpel mit der jeweils treffenden Ziffer benannt, sind verzichtbares Stückwerk, dass dem Albumfluss wenig bis keinen Mehrwert verschafft.

BIRTH OF JOY sind entspannte Rocker, die zwar der so genannten Retrowelle durchaus angehören und auch größtenteils alten Helden ihren Tribut zollen, aber ebenfalls moderne Elemente in ihre Musik einbinden. Mit „Hyper Focus“ haben sie ein atmosphärisch dichtes, aber nicht überstrapazierendes Werk erschaffen. Vor allem das als Hammond-Orgel getarnte Keyboard sorgt wiederholt für große Momente in diesem Rahmen. Der Longplayer ist somit perfekt für einen entspannten Nachmittag geeignet, eventuell in Kombination mit einem guten Buch. Aber auch ansonsten bietet das organische und ehrliche Album einiges für den Entdecker in dir.