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Sunn O))) – Life Metal

2019 ist alles ein bisschen anders im Hause SUNN O))): Greg Anderson ist Papa geworden, was seine Sichtweise auf Musik, das Leben, das Universum und den ganzen Rest grundlegend geändert hat, das neue Album wurde von Producer-Legende Steve Albini ausschließlich analog produziert, auf Mayhem-Frontmann Attila Csihars eindringlichen Gesang wurde verzichtet und das Ding heißt auch noch „Life Metal“ (in Anlehnung an den angeblichen Ausverkauf des Genres „Death Metal“ in den 1990er Jahren – natürlich mit einem Augenzwinkern). Ist das Drone-Duo nun doch im Hipster-Pop-Kosmos angekommen oder ist SUNN O))) 2019 genauso böse und intensiv wie eh und je?

Auch wenn „Life Metal“ für SUNN O)))-Verhältnisse beinahe positiv klingt (Andersons erklärtes Ziel war es, harte, aber nicht zu düstere Musik zu schreiben), kann von wirklicher Zugänglichkeit oder gar Pop-Attitüde selbstverständlich keine Rede sein: Das Album bietet rund 70 Minuten feinsten Drone-Metal, der sich aber hier und da durchaus von den vorangegangenen Releases der Band unterscheidet. Auffällig ist schon mal das beinahe songorientierte Arrangement im Opener „Between Sleipnir’s Breaths“, welcher eine eindeutig erkennbare Strophe-Chorus-Struktur hat und nicht zuletzt durch die Vocal-Performance der Isländerin Hildur Guðnadóttir so etwas wie Ohrwurmcharakter bekommt.

Ähnlich intensiv und fast schon catchy ist das mit Orgelklängen des australischen Komponisten Anthony Pateras aufgepeppte „Troubled Air“ – manchen Passagen auf Anna von Hauswolffs letztem Longplayer „Dead Magic“ oder Hans Zimmers dronigem „Interstellar“-Soundtrack nicht ganz unähnlich. Auf Vocals verzichten SUNN O))) im weiteren Albumverlauf allerdings, auch die letzten beiden Titel sind instrumental und bestehen größtenteils aus den ausufernden Gitarrenwänden von Stephen O’Malley und Greg Anderson sowie dem obligatorischen Moog-Bass-Synthesizer von Langzeitkollaborator Tos Nieuwenhuizen plus Bassspuren von Tim Midyett – lediglich der Schlusstrack „Novæ“ hat noch Cello- und Haldorophone-Parts (das ist ein Cello-ähnliches Saiteninstrument) von Guðnadóttir in petto.

Erwähnung verdienen noch das durchaus bunte und damit quasi lebensbejahende Artwork der Künstlerin Samantha Keely Smith und die zuvor erwähnte Produktionsweise: „Life Metal“ wurde unter den wachsamen und erfahrenen Ohren von Steve Albini (der unter anderem auch Nirvana, Neurosis und Godspeed You! Black Emporer produziert hat) in dessen „Electrical Audio“ Studio in Chicago ausschließlich auf analogem Band aufgenommen, mit einer analogen Mixkonsole gemischt und anschließend (zumindest die LP-Version) von Matt Colton entsprechend gemastert. Resultat ist ein ausgesprochen warmer Sound, der die… nennen wir es scherzeshalber: „positive“ Energie des neuen SUNN O)))-Albums definitiv verstärkt.

Dass „Life Metal“ im Gegensatz zum rund zweijährigen Produktionszeitraums des 2009er Albums „Monolith & Dimensions“ in nur zwei Wochen aufgenommen wurde, tut der Qualität keinen Abbruch – man kann der Band sogar eine (in diesem Genre nicht selbstverständliche) Weiterentwicklung attestieren. SUNN O))) bleiben ihrem Grundprinzip der repetitiven „Wall Of Sound“ treu, glänzen dabei nicht unbedingt durch extrem abwechslungsreiche Songstrukturen (wir sprechen ja immer noch von Drone-Metal), ergänzen die Rezeptur allerdings um neue Klangfarben, Texturen und Details, die durch die Bank Freude bereiten – zumindest, wenn man mit dieser Musikrichtung überhaupt etwas anfangen kann. Im weiteren Verlauf des Jahres 2019 soll „Life Metal“ übrigens noch durch ein „Schwesteralbum“ namens „Pyroclasts“ ergänzt werden – man darf also gespannt sein, was die Röhrenfetischisten noch im Köcher haben.

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Sâver – They Came With Sunlight

Wenn eine bisher unbekannte Band ihr Debüt auf Pelagic Records veröffentlicht, darf man aufhorchen: Das Berliner Label ist bekannt für hochwertigen Output in den Bereichen Post-Metal, Sludge und Artverwandtes. Vollausfälle in Form von musikalischen Belanglosigkeiten gibt es faktisch nicht zu verzeichnen. SÂVER sind ein Trio aus Norwegen, das sich dem Sludge-Metal verschrieben hat und „They Came With Sunlight“ ist ihr erstes, rund 50 Minuten langes Lebenszeichen.

Dieses startet ausgeprochen verhalten und irritiert so erst einmal: Bass und Hi-Hat spielen leise ein monotones Pattern vor sich hin, bis sich nach ungefähr einer halben Minute ein klassischer Moog-Synthesizer-Sound dazugesellt. Auf der Bassgitarre scheint kein einziger Effekt, nicht einmal ein Hauch von Kompression zu liegen. Man bekommt ein wenig Angst und fragt sich, ob SÂVERs neues Album möglicherweise eine akustisch recht dünne Angelegenheit werden könnte. Doch weitere anderthalb Minuten später zeigt sich, dass diese Angst unbegründet ist: Ein tonnenschweres Riffgewitter bricht über den Zuhörer herein und macht den Opener „Distant Path“ zu einem schleppenden und knurrenden Sludge-Ungetüm. Wohl denjenigen, die ihre Anlage in Anbetracht des leisen Intros nicht volle Kanne aufgerissen haben.

In Sachen Vocals gibt es genretypisches, etwas dezenter gemischtes Gekeife auf die Ohren. Das bietet zwar auf den ersten Blick kein hohes Maß an Abwechslung, nervt aber auch nicht durch Überpräsenz. Dass die Norweger wenig Berührungsängste in Bezug auf andere musikalische Einflüsse haben, zeigt sich bereits in der zweiten Hälfte des Openers: Black-Metal-Riffing auf schleppenden Beats, dronige Doom-Gitarren und noisige Feedbackorgien geben sich die Klinke in die Hand und sorgen dafür, dass „They Came With Sunlight“ eine abwechslungsreiche Nummer wird.

Damit ist das kreative Potential von SÂVER noch lange nicht ausgeschöpft: Der durchaus melodisch-groovige Zwischenpart von „I, Vanish“ hat schon fast so etwas wie Stoner- oder sogar Grunge-Atmosphäre und lässt aufhorchen. Das rund sechs Minuten lange „Influx“ ist mehr als eine Art Interlude zu verstehen: Mysteriöse, soundtrack-artige Flächen und lange ausklingende Gitarrenwände ergeben für den Zuhörer fast so etwas wie eine Atempause nach den ersten beiden Brettern mit rund 20 Minuten Laufzeit. Eine weitere Überraschung bieten SÂVER in „Dissolve To Ashes“ zu Anfang in Form von traurigen Clean-Gesang, ergänzt um eine ausgesprochen markante Moog-Synthesizer-Line. Für die Sounddesign- und Arrangementarbeit schon mal beide Daumen hoch.

Auch produktionstechnisch gibt es nichts zu beanstanden: „They Came With Sunlight“ ist sehr fett, sehr verzerrt und sehr kalt geworden. Gerade diese Kälte hebt SÂVERs neuestes Album von der oftmals analog-warmen, Stoner-Rock-beeinflussten Konkurrenz ab und erinnert (auch durch den immer wieder stark verzerrten und komprimierten Bass und die lange ausklingenden Gitarren in den ruhigeren Passagen) in seiner Klangästhetik und -atmosphäre an die Genre-Mitbegründer Godflesh. Auch nicht verkehrt.

SÂVER haben ein in jeder Hinsicht äußerst ansprechendes Debüt veröffentlicht: Das Album bietet eine großartige Atmosphäre und in Sachen Kälte und Negativität durchaus auch Parallelen zu Kapellen wie Phantom Winter. Dazu bleibt „They Came With Sunlight“ wie ein Kaugummi unterm Schuh (besser gesagt: in den Gehörgängen) hängen – und das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in dieser musikalischen Schublade. Überraschend großartig!

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Last Rizla – Mount Machine

Do It Yourself: Dass sich diese Philosophie im Zeitalter der sinkenden Erlöse auch in der Musik durchgesetzt hat, dürfte nicht überraschen. Zumal die technischen Möglichkeiten auch vieles erleichtert haben. Die Stoner-Sludge-Metal-Truppe LAST RIZLA aus Athen ist eine dieser Bands, die von Design und Druck des Artworks bis hin zum Booking das Meiste einfach selbst macht und dabei gerne kompakte EPs oder auch einzelne Tracks veröffentlicht. In die erste Kategorie gehört mit knapp über 20 Minuten Spielzeit auch das 2018er Release „Mount Machine“.

Mit der Bandinfo beweisen LAST RIZLA schon mal Humor: Gleich einer Krankenakte sind hier alle vergangenen oder aktuellen Wehwehchen der vier Bandmitglieder aufgelistet – von Gallensteinen und Hämorrhoiden bis zu Depressionen unterschiedlicher Stärke ist alles dabei, was den durchschnittlichen Metalhead so ausmacht. Gott sei Dank keine Leiden, die die Spielfreude oder -fertigkeiten beeinflussen und hier kann man den vier Griechen nichts vorwerfen: Klassische Sludge- und Stoner-Gitarrenarbeit wird spieltechnisch sauber mit dem für diese Musikrichtung typischen, kehligen Vocals, Post-Metal-Elementen und ausschweifenden, beinahe Jam-artigen ruhigen Passagen verknüpft. Dass die Musiker von Kapellen wie Old Man Gloom, Ufomammut oder den Melvins beeinflusst wurden, ist dabei offensichtlich. Und live zu ein paar Drinks kann man sich das ziemlich gut vorstellen – auf „Mount Machine“ funktioniert die Geschichte leider nur bedingt.

Das liegt einmal an der recht dünnen Produktion, die gerade in den ersten anderthalb, zwei Minuten des Openers „Dive“ den für diese Musikrichtung notwendigen Druck vermissen lässt. In besagten entspannteren Parts auf „Mount Machine“ stört das nicht wirklich – diese haben durch ihren repetetiven und improvisiert wirkenden Charakter (sogar garniert mit einigen Dub-Delays) schon fast etwas psychedelisches. Es sind die härteren Songabschnitte auf „Mount Machine“, die zumindest produktionstechnisch nicht mit der Genre-Konkurrenz mithalten können. Das geht auch im Zeitalter des Homerecordings mit begrenztem Budget besser.

Der zweite Punkt ist die leider etwas langweilige Arrangementarbeit über weite Strecken. Der Zuhörer wird gerade im ersten Song selten überrascht. Das nachfolgende „Rambo“ wäre vielleicht der bessere Opener gewesen und ist mit seinen doomigen Riffs schon wesentlich cooler und griffiger, hinterlässt aber auch keinen nachhaltigen Eindruck – ebensowenig wie die dritte und finale Nummer „Χάλυβας“.

Leider bleiben die 2009 gegründeten MOUNT RIZLA hinter ihren Möglichkeiten zurück: „Mount Machine“ enthält auf dem Papier viele schmackhafte Zutaten, leidet aber unter einer dünnen Produktion und einer gewissen Beliebigkeit. In Anbetracht des ausgesprochen fairen Preises im bandeigenen Bandcampshop können Fans der genannten Bands und Schubladen bedenkenlos zugreifen – dürfen aber auch nicht die Platte des Jahres erwarten.

Bong – Thought And Existence

Es gibt Bands, deren Schaffen man nicht nur im musikalischen Kontext bewerten kann. Dies trifft auch auf die meisten Platten aus dem Drone-Sektor zu, die sich oftmals nicht durch außergewöhnliche Virtuosität im instrumentalen Sinne oder extrem abwechslungsreiches Songwriting auszeichnen – vielmehr scheint es das erklärte Ziel zu sein, den Zuhörer auf eine akustische hypnotische Reise jenseits von Zeit und Raum mitzunehmen. Die Briten BONG verfolgen auf „Thought And Existence“ auch konzeptionell und inhaltlich einen derartigen Ansatz und so beginnt der Opener „The Golden Fields“ mit einem Zitat von Fyodor Dostoyevsky: „It happend as it always does in dreams when skip over space and time and the laws of thought and existence and only pause upon the points on which the heart years.“

Bei einer Spieldauer von rund 36 Minuten bietet „Thought And Existence“ lediglich zwei Tracks, der zuvor erwähnte Opener nimmt etwas weniger als die Hälfte des Albums ein. Die Länge der Songs unterstreicht den schamanistischen Charakter von BONGs inzwischen achten Album ebenso wie der monotone, mönchsartige Gesang, der in der zweiten Hälfte von „The Golden Fields“ einsetzt. Die mantraartigen Wiederholungen der dronigen Riffs, die anklagenden Leadgitarren sowie das schleppende Drumming wirken wie der Soundtrack zu einem heidnischen Ritual – den Genrekollegen von Sunn O))) nicht ganz unähnlich, aber musikalisch nachvollziehbarer, da das Schlagzeug dem Zuhörer eine zugänglichere rhythmische Struktur verleiht.

Der zweite Track „Tlön Uqbar Orbis Tertius“ ist ein wenig schneller angelegt und verändert dahingehend die Wahrnehmung, als dass er weniger nach Drone sondern mehr wie eine Art Stoner-Doom-Mischung und damit fast songorientiert wirkt. Und in einer Hinsicht machen BONG ihrem Namen definitiv alle Ehre: Der Wirkung des durch selbiges Rauchgerät zu konsumierenden Substanz entsprechend verliert man beim Anhören von „Thought And Existence“ jegliches Zeitgefühl. Die Platte kommt einem wesentlich länger vor als sie ist, langweilt dabei aber zu keiner Minute. Dies ist auf die Feinheiten in der Arrangementarbeit zurückzuführen – eine kleine Steigerung hier, ein Akzent da sorgen dafür, dass BONGs erster Longplayer seit drei Jahren durchaus abwechslungsreich und kurzweilig ist – für Drone-Verhältnisse, das muss noch einmal betont werden.

BONG verändern auf „Thought And Existence“ nichts wirklich an ihrer Rezeptur und strotzen nicht unbedingt vor Variationen, aber wie so oft kommt es auf die Details an. Wer Kapellen wie SunnO))), Nadja oder auch Sleep etwas abgewinnen kann und ein wenig Geduld mitbringt, bekommt ein Album auf die Ohren, in dem man sich wunderbar verlieren kann – wenn man denn in der richtigen Stimmung ist, denn von Easy Listening ist man doch meilenweit entfernt. Sehr speziell, aber schon schön.

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Earthship – Resonant Sun

Nach einem kurzen Ausflug zum Label Napalm Records hat das EARTHSHIP wieder in seinem Heimathafen angelegt und so wird das fünfte Album „Resonant Sun“ (wie die ersten drei Platten) auf Pelagic Records veröffentlicht. Ein naheliegender Entschluss, hat doch schon 2011 auf der ersten Deutschland-Tour der Berliner Stoner-Sludge-Doom-Band Pelagic-Chef und The Ocean-Kopf Robin Staps neben Frontmann Jan Oberg die Klampfe geschwungen. Ansonsten neu an Bord des Erdenschiffes: Drummer Basti Grim, der auf dem aktuellen Album seinen Einstand feiert.

Lange Rede, kurzer Sinn: „Resonant Sun“ ist eine richtig runde Geschichte geworden. Große Stärken des Trios sind definitiv das abwechslungsreiche Songwriting und der facettenreiche Gesang von Oberg, dessen stimmliche Bandbreite von kehligem Knurren bis zu mehrstimmigen, cleanen Vocals, die bisweilen sogar an Alice In Chains erinnern („Barren“), reicht. Aber auch sonst werden das eine oder andere Mal die 90er-Jahre zitiert: So klingt das Riff von „Smoke Filled Sky“ ein wenig an Soundgarden zu „Badmotorfinger“-Zeiten und „Crimson Eyes“ wartet mit einem Intro auf, welches man sogar eher auf einer beliebigen Metal-Platte aus den 80ern erwarten würde, bevor die Nummer wieder Richtung tiefergestimmtes Riffgewitter kippt. Die Rhythmusgruppe, bestehend aus Obergs Ehefrau Sabine am Bass und zuvor erwähntem Neuzugang am Schlagzeug, weiß zu gefallen und groovt sich souverän durch die neun bzw. zehn Tracks (wenn man den Bonustrack „Children Of The Revolution“, ein T-Rex-Cover, mitzählt). Produziert wurde der neue EARTHSHIP-Longplayer übrigens von Jan Oberg persönlich im bandeigenen „Hidden Planet Studio“ in Berlin, welches gleichzeitig das Zuhause des Ehepaars ist. Die Mischung ist ausgewogen und passt ausgezeichnet zum Sound der Band – vor allem die auf Vocals und Schlagzeug eingesetzten, teilweise sehr dominanten Effekte verleihen den Songs jederzeit die passende Würze.

Ja, „Resonant Sun“ ist definitiv eine Sludge-Platte, zeugt aber, von den bereits angesprochenen 90er-Jahre-Vibes mal abgesehen, auch von anderen Einflüssen: Neben den naheliegenden Stoner-Rock- und Sludge-Passagen verbreiten EARTHSHIP beim Titeltrack „Resonant Sun“ durch die flächige, verhallte Leadgitarre und den cleanen Vocals regelrecht Postpunk-Feeling – eine schöne Abwechslung, zumal es viele Bands aus dieser Schublade gibt, die sich beim Songwriting fortwährend der gleichen Zutaten bedienen und dadurch auf Albumlänge auch gerne mal ein wenig langweilen. Wer also etwas für den Katalog von Pelagic Records übrig hat und Bands wie The Ocean, Baroness oder auch Crowbar mag, darf getrost zuschlagen.

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Lesser Glow – Ruined

LESSER GLOW verstehen sich als Antwort auf die in ihren Augen suboptimale Entwicklung der harten Gitarrenmusik in den letzten Jahren. Ihr Debüt „Ruined“ ist ein dreckiger Bastard aus Sludge, Doom und Noise Rock. Die Platte stellt die Antithese zur Aussage der Musiker dar, dass im modernen Metal oftmals Unzulänglichkeiten im Songwriting durch Technologie, durch Überproduktion kaschiert werden – und so mehr als ein Stück Seele verloren gegangen ist.

„Ruined“ ist laut, scheppert, knallt, rummst und ist so rough, dass es eine Freude ist. Die Band aus Boston versteht es, den Zuhörer in einem Moment eine Strophe um die Ohren zu kloppen, die durch die Bank verzerrt ist, um im nächsten Moment mit einer bluesig angehauchten, angecrunchten Gitarre und cleanen Vocalpassagen im Chorus zu glänzen. Dabei gehen diese Wechsel recht organisch vonstatten, die eher klassisch-songorientiert aufgebauten Arrangements sind durchdacht, dramaturgisch stimmig und sogar die eine oder andere Hookline ist zu vermerken und bleibt im Ohr hängen. Dass die durchaus versierten Musiker ihr Baby live eingespielt haben, verstärkt den homogenen Charakter von „Ruined“ merklich und Alec Rodriguez macht dabei sowohl als Schreihals, als auch als Melodie-liebender Rocker stimmlich eine gute Figur. Instrumental kann man LESSER GLOW in den harten Passagen durchaus mit Aaron Turners Sumac vergleichen, allerdings sind sie durch die regelmäßig auftauchenden, melodischen Lichtblicke weniger sperrig. Da sich die Songs (von einem Interlude an vorletzter Stelle der Tracklist mal abgesehen) alle im Bereich von vier bis sechs Minuten befinden, wird auch nichts unnötig breitgetreten. In dem Zusammenhang sei aber auch erwähnt, dass „Ruined“ mit sechs Stücken und einer Gesamtspielzeit von rund 25 Minuten eigentlich eher EP als Full-Length-Album ist.

LESSER GLOWS Platte ist nicht zuletzt durch die schnörkellose, direkte Produktion und das Riffing ziemlich heavy geworden, bietet aber auch andere Facetten: Neben wirklich schweren, noisigen Sludge-Passagen gibt es auch in jedem Song melodische bis atmosphärische Parts, die die Geschichte erfolgreich auflockern. So ist „Ruined“ ein spaßiges, kleines Album geworden, welches in keinem Augenblick langweilt oder nervt, wobei man sich beim nächsten Mal über ein bisschen mehr Spielzeit und vielleicht noch die einer oder andere kompositorische Überraschung freuen würde. Der Einstand ist zumindest erstmal soweit gelungen – man darf gespannt sein, was da in Zukunft so kommt.

Thou – Magus

(Sludge / Hardcore / Doom Metal) THOU haben sich ihre eigene kleine Nische geschaffen: Aus dem Sumpfwasser von Baton Rouge, Lousiana emporgekrochen, mischt die Band Elemente des Sludge und Doom mit fiesem, schon fast blackmetaleskem Keifen und Progressive-Rock-Attitütde. Dafür wird die Bands von den Großen des Southern Metal und anderer härterer Genres über den grünen Klee gelobt. Ebenso machen die fünf Musiker keinen Hehl aus ihrer starken antifaschistischen Einstellung – in einer oft gezwungen apolitischen Szene eine sympathische Grundhaltung. Mit „Magus“ legen THOU ihr viertes Album vor, mit dem sie ein weiteres Mal die Wände erzittern lassen.

„Magus“ ist in jeder Hinsicht ein Monster: Mit einer Spielzeit von 83 Minuten reizen THOU die Grenzen einer Compact Disc komplett aus. Die meisten Songs bewegen sich um die Zehnminutenmarke, und werden von einigen kürzeren Interludes und kompakteren Nummern begleitet. Trotz des verschleppten Tempos und der tonnenschweren Riffs kommen auf „Magus“ Melodien nicht zu kurz. Dass diese zwar harmonisch, allerdings alles andere als versöhnlich klingen, liegt in der Hässlichkeit, die THOU auf „Magus“ zelebrieren. Diese Mischung wird von einer druckvollen, bewusst dreckig gehaltenen Produktion großartig eingefangen.

Man hört „Magus“ an, dass THOU im Vorfeld drei EPs mit musikalisch komplett unterschiedlichen Zugängen veröffentlicht haben. So stolpern in „My Brother Caliban“ „The Law Which Compels“ neben Drone-Anklängen vereinzelte elektronische Elemente umher, besonders in „Invocation Of Disgust“ Blitzen Spuren von Grunge auf und „Sovereign Self“ könnte mit seiner Hardcore-Stimmung auch eine langsame Converge-Nummer sein. Diese unterschiedlichen Einflüsse sind auch notwendig, da sich THOU nicht gerade durch große Abwechslung im Songwriting auszeichnen, wie es bei derart verschleppter Musik häufig der Fall ist.  Dennoch tritt trotz struktureller Ähnlichkeiten keine Langeweile auf.

„Magus“ fordert die gesamte Aufmerksamkeit seiner Hörer*Innen ein, um seine ganze Größe zu entfalten. Auch wenn THOU das Rad mit „Magus“ nicht neu erfinden, wissen sie mit ihrem ganz eigenen Stilmix dennoch zu begeistern. Der Eindruck, dass diese mächtige Soundwand in einer konzentrierteren Form noch stärker mitreißen könnte, bleibt allerdings.

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Black Tusk – T.C.B.T.

BLACK TUSK, das war zumindest optisch immer in erster Linie Jonathan Athon – der bärige Bassist und Sänger mit dem eindrucksvollen Bart, der mit seiner grundsympathischen Art jeden Zuschauer mitzureißen vermochte. Bis Athon am 09.11.2014 an den Folgen eines Motorradunfalls verstarb. Für die hinterbliebenen Musiker war schnell klar: Es geht weiter – mit seinem Freund Corey Barhorst (ehemals Kylesa) am Bass und jeder Menge Wut im Bauch.

Auf das 2016er-Album „Pillars Of Ash“, an dessen entstehung Athon noch selbst beteiligt war und das sogar noch von ihm eingespielte und -gesungene Tonspuren enthielt, folgt nun das erste Album ganz ohne Athon: „T.C.B.T.“. Der Titel ist die Abkürzung für „Taking Care of Black Tusk“, und in der Tat sorgen BLACK TUSK mit Album Nummer fünf vorbildlich für den guten Ruf der Kapelle, der ihnen schon zu gemeinsamen Touren mit Größen wie Black Label Society, Down, Weedeater oder Eyehategod verholfen hat.

Nach dem eher untypischen, gesprochenen Intro weiß bereits der Opener „Closed Eye“ mit unglaublicher Dynamik zu begeistern: BLACK TUSK sprühen nur so vor Energie, die sich in den kurzen, oft nur knapp über zwei Minuten langen Nummern explosionsartig entlädt: Simple, punkig angehauchte Riffs, Powerplay auf dem Schlagzeug und die Reibeisenstimmen dreier wütender Kerle vereinen sich so zu kraftvollem „Swamp Metal“, wie die Band ihren Stil selbst nennt, der direkt zum Mitmoshen einlädt.

An diesem bereits auf den Vorgängern konsequent durchgezogenen Konzept ändern BLACK TUSK auch im Verlauf von „T.C.B.T.“ nicht viel: Große kompositorische Überraschungen braucht man sich nicht zu erwarten, vielmehr gilt das Prinzip „kennt man einen, kennt man alle“. Damit aber auch: Mag man einen, mag man alle. Denn qualitativ lassen BLACK TUSK über die gebotenen 42 Minuten zu keiner Sekunde nach.

Von der ersten bis zur letzten Sekunde drücken die Jungs aus Savannah, Georgia, USA, auf „T.C.B.T.“ das Gaspedal voll durch und überzeugen mit Lässigkeit, Charme und so viel Spielfreude, dass es schwer ist, sich dieser zu verweigern. Das Bandkonzept ist schnell verstanden, danach geht es einfach nur noch rund. Wem ein einzelner Song dieses Albums zu wenig Finesse zu bieten hat, ist wohl nicht der richtige Adressat für „T.C.B.T.“. Alle anderen dürfen sich über ein BLACK-TUSK Album nach bester Tradition freuen. Ohne Athon – für Athon.

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