Archives

Lento – Fourth

Leuten, denen bei dem überaus selten fallenden Schlagwort Instrumental Atmospheric Sludge Metal nichts in den Sinn kommt, sei vergeben, schließlich existiert wohl kaum eine bemerkenswerte Zusammenstellung verschiedener Subgenre. Dennoch: So wie es für jeden Topf den passenden Deckel gibt, so musiziert auch irgendwo in den terrestrischen Gefilden eine Band, die genau das, nämlich Instrumental Atmospheric Sludge Metal, auf einem Silberling verewigt. Und das nicht bei den üblichen Verdächtigen, bei den Amerikanern oder den Skandinaviern, sondern in Italiens Hauptstadt.

Bereits seit 2004 nehmen LENTO dort Musik auf, die mit einem gigantischen Alleinstellungsmerkmal aufwarten kann. Nicht so doomig wie Omega Massif, nicht so psychedelisch-melodisch wie Ufomammut, dafür aber wesentlich schleppender als Pelican und noch druckvoller als Godflesh – irgendwo dazwischen ist die Diskografie des mittlerweile zum Trio geschrumpften Projektes einzuordnen. Und auch ihre vierte Scheibe, folgerichtig „Fourth“ betitelt, unterstreicht diese Einzigartigkeit von LENTO.

Die Schwierigkeit im instrumentalen Bereich liegt besonders darin, dass – plump formuliert – die Arbeit an den Instrumenten gut genug sein muss, um das Fehlen eines Gesangs verkraften zu können, denn wie viele Bands wären ohne charismatischen Gesang plötzlich nur noch in Ordnung, aber nicht mehr mitreißend? LENTO schaffen es seit ihrem Debüt „Earthen“ (2007) durchweg, trotz ohne gesanglicher Unterstützung kantige Platten auf den Markt zu bringen, die trotz fehlendem herkömmlichen Song-Gerüst stets begeistern können.

Ihr Vorgehen hat sich auf „Fourth“ demnach erneut nicht geändert, was bedeutet, dass die Italiener an ihrem persönlichen Erfolgsrezept festhalten. Mag genau dieses Vorgehen bei vielen Bands zum Aufschrei führen, da ihnen Stagnation und Ideenlosigkeit vorgeworfen werden, verhält es sich bei LENTO deswegen anders, da deren Erfolgsrezept prinzipiell das Ausloten der musikalischen Grenzen darstellt. Nicht anders ist ihr Vorgehen auf den zehn neuen Tracks, die stets mit noch soviel Eingängigkeit versehen sind, dass der Hörer den Eindruck hat, tatsächlich Herr über das gebotene Chaos aus Sludge und Post-Metal zu sein.

Brutal und erdrückend, zugleich aber auch fragil und stimmig, so zeigen sich LENTO auch auf „Fourth“ von ihrer besten Seite. Wer musikalischen Grenzgängern wie Krallice viel abgewinnen kann und sich nach mehr als gewöhnlicher Rhythmik in gewohnter Struktur sehnt, ist bei den Italienern mehr als gut aufgehoben!

Briqueville – II

Die drei Musiker von BRIQUEVILLE kleiden sich in schwarze Nazgûl-Mäntel und tragen goldenen Masken – auch bei den Proben. Ihr Ziel ist es, hierdurch Gleichheit zu erzeugen und sich gegen Personenkult zu wenden. Die Möglichkeit eines dadurch unbemerkten Mitgliederwechsels ist ein angenehmes Nebenprodukt. Trotz ihrer mehr als zehnjährigen Bandkarriere haben BRIQUEVILLE erst 2014 ihr erstes Album veröffentlicht, auf den sie vier Zehnminüter gepackt haben. Daran anschließend beinhaltet das zweite Album der Post-Metaller nur noch drei Stücke, von denen eines sogar fast 20 Minuten Spielzeit besitzt.

Ohne Umschweife eröffnet ein repetitives Riff das zweite Album von BRIQUEVILLE. Der Weg für die folgenden 43 Minuten ist damit vorgegeben: Brachiale, häufig stumpfe Gitarrenwalzen paaren sich mit strukturlosen Noise-Ausbrüchen, wuchtigem Schlagzeug und tiefen Basstönen. Diese nahezu infernalischen Momente werden immer wieder von ruhigen, atmosphärischen, zugleich aber zutiefst beunruhigenden und verstörenden Momenten unterbrochen. Dazwischen bahnen sich geradlinige Riffs ihren Weg, um das brutale Chaos aufzulösen. Dabei türmen BRIQUEVILLE wahre Sludge-Ungetüme auf, die trotz ihrer bewussten Monotonie abwechslungsreich sind.

Der Großteil von „II“ ist instrumental gehalten, gelegentlich setzen BRIQUEVILLE allerdings Gesang ein. Dabei werden Erinnerungen an das Monotone von Michael Gira von Swans geweckt, sowohl textlich als auch stilistisch. Am Anfang von „Akte VI“ werden durch orientalisch angehauchte Melodien Einflüsse von Godspeed You! Black Emperor und Isis deutlich. Das schlüssige und hypnotische Songwriting derartig monolithischer Nummern beeindruckt. Dennoch verzetteln sich BRIQUEVILLE an einigen Stellen und können die Spannung nicht durchgehend halten.  Dennoch legen BRIQUEVILLE mit ihrem zweiten Album einen mysteriösen, hypnotisierenden und mitreißenden Trip vor.

Amenra – Mass VI

AMENRA, die Hohepriester des belgischen Musik- und Kunstkollektivs Church Of Ra, laden zur nächsten Messe. Nachdem ihre Mitstreiter von Wiegedood und Oathbreaker neue Alben vorgelegt und AMENRA selbst einen Ausflug in akustische Gefilde gewagt haben, steht nun der nächste verstärkte Langspieler der Post-Metaller an. Bereits der Titel „Mass VI“ weist darauf hin, dass die Belgier ihren Stil konsequent weiterführen – und behutsam, aber stimmig weiterentwickeln.

Zu Beginn erzeugen AMENRA mit ruhigen Gitarrentönen eine bedrückende Stimmung, deren Intensität von einer schier übermächtigen Wall Of Sound zur Explosion gebracht wird, die jegliche Luft aus den Lungen drückt. Colin Van Eeckhouts manisches, im Mix vergrabenes Schreien und Kreischen zieht auf „Mass IV“ einmal mehr eine zusätzliche emotionale Ebene in die ohnehin packende und mitreißende Musik ein. Das Tempo ist schleppend, die Gitarrenflächen schier endlos, der Bass tief und brummend. Als plötzlich alles ruhig wird und Colin einen geflüsterten, hohen und fast brechenden Klargesang einsetzt, wird die verzweifelte Stimmung von aufkeimender Hoffnung durchzogen, nur um erneut von Wut, Resignation und erdrückenden Soundwänden verschluckt zu werden.

„Mass VI“ ist von derartigen Kontrasten durchzogen. Durchgängig in einem verschleppten Tempo gehalten, treffen ruhige Parts auf pure Gewalt sowie gigantische Flächen auf zurückgenommene Töne. Obwohl AMENRA bereits auf den Vorgänger-Alben eine Laut-Leise-Dynamik eingesetzt haben, verleiht die Prominenz des Klargesangs „Mass VI“ einen ganz speziellen Charakter. Dennoch setzen die vier fast zehnminütigen Songs alle auf das gleiche Prinzip: von bewusst minimalistischen und repetitiven Riffs geprägt, herrscht keine große Variation. Diese Einheitlichkeit nutzen AMENRA allerdings dazu, einen beeindruckenden Albumfluss und eine umwerfende Atmosphäre zu kreieren.

Einzelne Momente auf „Mass VI“ stechen schließlich doch heraus: Wenn in „A Solitary Reign“ eine doomige Melodie den dominierenden Klargesang unterstützt und im Hintergrund verzweifelte Schreie erklingen, zeigen AMENRA eine verletzliche Seite von sich, die in dieser Form bisher nicht zu hören war. Die beiden flämischen Spoken-Word-Interludes entzerren die bedrückende Stimmung, ohne für Entspannung zu sorgen. „Plus Près De Toi“ startet mit fast Black-Metal-artigen Gitarren, während AMENRA im abschließenden „Diaken“ mithilfe von heftigen Riffwalzen „Mass VI“ zu einem abrupten, schmerzhaften und stimmigen Höhepunkt führen.

„Mass VI“ ist unverkennbar AMENRA, unverkennbar Church Of Ra und ein überwältigendes Album zwischen Sludge, Doom und Post Metal. Obwohl die großen Highlights fehlen und sich alle Songs stilistisch oft bis aufs Haar gleichen, ist auch die sechste Messe der Belgier ein Pflichtkauf für alle Freunde melodischer, harter und atmosphärischer Musik.

Der Weg einer Freiheit w/ Regarde Les Hommes Tomber

Knapp einen Monat nach dem Release ihres fantastischen vierten Albums „Finisterre“ haben DER WEG EINER FREIHEIT im September eine etwa dreiwöchige Tour begonnen, die noch vor ihrem Start die erste schlechte Nachricht hervorbrachte: Die für die Tour als Support angekündigten INTER ARMA mussten wegen einer folgenschweren Panne mit ihren Pässen die komplette Tour absagen. DER WEG EINER FREIHEIT beschlossen daraufhin, dass sie in jeder Stadt einer lokalen Band einen Opener-Slot für sie und die mittourenden Franzosen REGARDE LES HOMMES TOMBER anbieten wollen. So geschah es dann auch in den meisten Städten – nicht aber in München. Dort tritt die deutsche Black-Metal-Formation ohne weitere Vorband auf. Als Grund nannten sie den Veranstalter, der keine dritte Band mit ins Boot holen wollte.

 

REGARDE LES HOMMES TOMBER

So beginnt der Abend dann etwas später um 20:30 mit REGARDE LES HOMMES TOMBER, viel Weihrauch und Kerzen. In der dunklen, bereits vor Konzertbeginn gut gefüllten Kranhalle des Feierwerks betritt die Truppe zu wabernder Musik die Bühne und beginnt sogleich ihr etwa 50-minütiges Set. Mit schweren Doom-Riffs, Hardcore-Ausbrüchen und viel atmosphärischem Black Metal inszeniert das Quintett, das 2015 sein zweites Album „Exile“ veröffentlichte, ein gleißend-rotes, infernales Szenario, das heute merklich fast jeden in der Halle sofort begeistern kann. Zwischen den Songs erntet die Band stürmischen Applaus, bis sie kurz vor 21:30 Uhr ihren sehr starken Auftritt beendet.

 

DER WEG EINER FREIHEIT

Knappe 20 Minuten später laufen die Headliner des Abends, DER WEG EINER FREIHEIT, zu ruhiger, klassischer Klaviermusik ein und starten gleich sehr rasant mit „Einkehr“ von ihrem 2015 erschienenen Meisterwerk „Stellar“. Langjährigen, treuen Besuchern der Konzerte dieser Band dürften bereits nach den ersten 30 Sekunden Freudentränen die Wangen herunterlaufen: Wo die Formation aufgrund ihres Blastbeat- und Doublebass-lastigen Stils und der furchtbaren Angewohnheit von Metal-Tontechnikern, den Attack der Bassdrum zu stark aufzudrehen und damit die komplette Musik zu begraben, sonst live immer mit teils enormen Soundproblemen zu kämpfen hat, schallt dieser heute glasklar abgemischt aus den Boxen. So schafft die Truppe es an diesem Abend mühelos, diverse Gänsehautmomente zu erzeugen.

Obgleich natürlich ihr neues Opus „Finisterre“ im Vordergrund steht, haben DER WEG EINER FREIHEIT für die Tour ein vollkommen ausgewogenes, aus den absoluten Highlights ihrer gesamten Diskographie bestehendes Set zusammengebastelt, das die Zuschauer an diesem Abend restlos zufriedenstellen dürfte. Wieder einmal zeigen sich die Post-Black-Metaller, nach dem Ausstieg von Sascha Rissling erstmals mit Gitarrist Nico Rausch unterwegs, spielerisch topfit. Wie immer ist es aber vor allem das geradezu maschinell-perfekte Spiel von Schlagzeuger Tobias Schuler, das besonders begeistert. Nach dem mit leider gerade einmal einer Stunde relativ kurzen Set verabschiedet sich die Band dann schon gegen 22:45, kommt dann aber für eine Zugabe zurück auf die Bühne, bei der sie für ihre Fans der ersten Stunde „Lichtmensch“ von ihrem zweiten Album „Unstille“ sowie „Ruhe“, den Bonustrack ihres Debütalbums, zum Besten geben.

Setlist DER WEG EINER FREIHEIT

  1. Einkehr
  2. Der stille Fluss
  3. Repulsion
  4. Skepsis Part I
  5. Skepsis Part II
  6. Ewigkeit
  7. Zeichen
  8. Aufbruch

  9. Lichtmensch
  10. Ruhe


Obgleich der Abend durch eine fehlende dritte Band und die kurzen Sets der beiden Acts etwas kurz ausfiel, darf sich jeder der Anwesenden auf dem Konzert glücklich schätzen, Zeuge eines der wohl besten Live-Auftritte des Jahres geworden zu sein. Mit den stimmungsvollen REGARDE LES HOMMES TOMBER und der deutschen Ausnahmeformation DER WEG EINER FREIHEIT hat sich erneut gezeigt, dass man nicht immer zu den gleichen, über Jahrzehnte hinweg etablierten Szenelegenden pilgern muss, um grandiosen Black Metal zu bekommen. Das wussten an diesem Samstagabend glücklicherweise erfreulich viele Konzertgänger, die die Kranhalle im Münchner Feierwerk füllten.

Poseidon – Prologue

Die Band Light Bearer hat das Schicksal getroffen, dass viele Bands aus dem Umfeld des Hardcore ereilt: Sie haben sich viel zu früh aufgelöst. Während Light-Bearer-Sänger Alex CF in etlichen anderen Bands aktiv ist, haben sich einige frühere Mitglieder von Light Bearer nun zu POSEIDON zusammengetan. Unter dem Titel „The Medius Chronicle“ dominiert auch hier ein Narrativ, das inhaltlich den Zusammenbruch der Zivilisation und ihre Rekonstruktion im Rahmen einer Sci-Fi-Oper behandeln soll. „Prologue“, das erste Album der Band aus East London, stellt entsprechend den Auftakt dieser Geschichte dar.

Zunächst arbeiten sich in „The Beginning The End The Colony“ dröhnende Gitarren aus dem Nichts empor, bis sich nach einer Minute vereinzelte Trommelschläge in den Song schmuggeln und eine knappe Minute später eine erste Melodie anklingt. Nach gut knapp drei Minuten schleppt sich die Nummer in bester Sludge-Manier dreckig nach vorne, bevor POSEIDON in Richtung 70s-Doom-Gefilde abbiegen, was sich neben dem zunehmenden Groove auch im vibrierenden Gesang manifestiert. Erst nach neun Minuten erklingt heiseres, wütendes Geschrei. Die tonnenschweren Riffs des Openers werden mit „Mother Mary Son Of Scorn“ von Akustikgitarren und melancholischem Clean-Gesang abgelöst. Dabei verstärken POSEIDON mit minimalem Klaviereinsatz die „Nach, aber auch vor dem Sturm“-Stimmung, was zur Mitte durch Schlagzeug und Slide-Gitarren intensiviert wird.

„Chainbreaker“ setzt die Reise durch die Apokalypse stimmig fort: Nach einem Sample des Studentenführers Mario Savio, wird das Tempo ordentlich angezogen. Dass der Schreigesang so sporadisch eingesetzt wird, verleiht der Mischung aus Sludge und 70s-Doom auf „Prologue“ schlüssige, dynamische Spannungsmomente. Den stärksten Song haben sich POSEIDON allerdings zum Schluss von „Prologue“ aufgehoben: „Omega“ ist ein sechzehnminütiger Par-Force-Ritt durch Stimmungen und Musikstile. Nach Spoken-Word eines Priesters zu Beginn entwickelt sich Eindruck eines langsam aufschäumenden Meers, was durch Drone-Klänge ergänzt wird. Über brachiale Riffs, Tempowechsel und leidenschaftliche Gitarrenmelodien entwickelt sich ein episches – vorläufiges – Finale.

„Prologue“ ist ein extrem starkes Album, das zwischen Sludge, Doom und Drone eine bedrückende (post-)apokalyptische Stimmung erzeugt und stimmig komponiert ist. Noch mehr Gespür für Melodien und demnach auch mehr Abwechslung in den brutalen Riffwalzen können POSEIDON weit nach vorne in ihrem Genre bringen. Dieser „Prologue“ macht auf jeden Fall große Lust auf die Fortsetzung der Geschichte.

Twinesuns – The Empire Never Ended

Dass es kein Schlagzeug braucht, um heftige und harte Musik zu schreiben, ist kein Geheimnis: Zusammenbrechende Konzertbesuchter bei Konzerten von Sunn O))) oder orchestrale Musik, die einen aufgrund ihrer Präsenz fast erdrückt, stellen nur zwei Belege für diese These dar. Entsprechend verzichten auch TWINESUNS auf den Einsatz von Drums und beschränken ihr Instrumentarium auf E-Gitarren und Moog-Synthesizer sowie etliche Effektgeräte und Verstärker. Dass die drei Musiker es dennoch schaffen, ihrer Musik auf ihrem zweiten Album „The Empire Never Ended“ eine gewisse Form von Struktur zu verleihen, zeugt von beeindruckendem Musikverständnis. Dabei umgehen TWINESUNS 73 Minuten lang die Gefahr, Bands wie Earth und Sunn O))) zu kopieren. Auch wenn diese musikalischen Ikonen stets als Zitat zu erkennen sind, klingen TWINESUNS auf „The Empire Never Ended“ nie wie eine Kopie.

Dass „The Empire Never Ended“ live in Originallautstärke aufgenommen wurde, verleiht dem fast 80-minütigen Drone-Ungetüm, bestehend aus sieben zumeist überlangen Stücken, einen gleichzeitig unmittelbaren und durch die Kühle der Synthesizer doch kühlen und schon fast abweisenden Sound. Diesen präsentieren TWINESUNS musikalisch in Form einer Mischung aus Dröhnen, Quietschen, elektronischen Einsprengseln und langsamen, extrem heftigen Riffs. Dabei nimmt „The Empire Never Ended“ immer wieder kurz repetitive Strukturen an und entwickelt in einem Wechselspiel zwischen zerfaserten Momenten und bewusst eingesetzter Monotonie einen ganz eigenen Sog. Im Titeltrack wird die Kombination beider Stile nahezu perfektioniert: Chaotische Gitarrentöne und eiskalte Synthies, ruhige Momente und ins Mark fahrende Gitarrenwalzen prallen hier aufeinander.

Zwischen pulsierenden Beats aus Synthies und Riffs, wie in „Die Zeit is da“, und Bildern endloser, in blaues Licht getauchter Gänge, wie in „System Regained“, decken TWINESUNS die Palette düsterer, atmosphärischer Musik beeindruckend ab. Dass sie „The Empire Has Never Ended“ auf die maximale Spielzeit einer CD ausweiten, ist allerdings etwas zu viel des Guten. Leider kann auch der bewusst hässliche Gesang auf „Going Through Life The Eyes Closed“ nicht wirklich überzeugen, sondern wirkt schon fast zu böse für die zwar düsteren, aber nicht auf fies getrimmten Songs. Ebenso fällt auf, dass sich die einzelnen Motive der Lieder aufgrund ihres Minimalismus nur rudimentär unterscheiden. Von diesen kleinen Schwächen abgesehen, legen TWINESUNS mit „The Empire Never Ended“ aber ein beeindruckendes, extrem atmosphärisches und für die Musikrichtung überraschend diverses Drone-Album vor.

Cranial – Dark Towers / Bright Lights

Das Ende einer Band ist für die Fans immer eine traurige Angelegenheit – zumal, wenn es sich um eine Szenegröße wie die deutschen Drone-Doomer Omega Massif handelt. Doch zumindest etwas Gutes hat der Split dieser Band: Während Bassist Boris Bilic nun die Stoner-Rocker Blacksmoker verstärkt, haben sich die anderen Musiker mit Phantom Winter und nun CRANIAL auf zwei neue Bands aufgesplittet.

Von diesen Formationen wandeln die um Gitarrist Michael Melchers 2014 formierten CRANIAL am ehesten auf den Spuren von Omega Massif: 45 Minuten lang widmen sich die Würzburger einem düsteren Mix aus Post-Metal, Sludge und Doom.

Der Opener, „Dark“, ist mit dem Titel gut umschrieben: Atmosphärisch bedrückend und auch hinsichtlich des basslastig gemischten Sounds druckvoll, stampft der Track mit tonnenschweren Riffs über den Hörer hinweg. Davon ausgehend entwickeln CRANIAL ihren Sound im Folgenden weiter in mit vermehrt auch flottem Riffing in Richtung des Songs „Lights“, der am Albumende zwar alles andere als aufhellend klingt, verglichen mit dem Beginn des Reigens jedoch zumindest etwas leichtfüßiger… über die Hörerschaft hinwegstampft. Dazwischen bieten „Towers“ und „Bright“ eine ausgewogene Mischung aus akzentuiertem Gitarrenspiel, atmopshärischen Synthesizern und weiteren Wagenladungen Sludge.

Das mag alles im Grunde genommen fein sein, wie gut „Dark Towers / Bright Lights“ funktioniert, hängt aber mehr als bei anderen Alben vom Hörer selbst ab: Ist er bereit, sich auf die Klanglandschaft von CRANIAL einzulassen, wartet diese mit einem atemberaubenden Panorama auf. Ist man es nicht, klingen CRANIAL eben genau so, wie man sich eine Sludge-Doom-Band eben vorstellt, düster, getragen und schleppend – aber eben auch vergleichsweise unspektakulär.

Wem Stoner Rock (Blacksmoker) nicht zusagt und wem Phantom Winter zu Black-Metal-lastig zu Werke gehen, der dürfte in CRANIAL am ehesten Ersatz für Omega Massif finden. Die atmosphärische Tiefe, die das Quartett ausmachte, vermögen CRANIAL zumindest mit ihrem Debüt jedoch noch nicht ganz wiederzubeleben: Was hier fehlt, sind echte Alleinstellungsmerkmale.

Gloson – Grimen

Die kleine Stadt Halmstad, auf halbem Weg zwischen Malmö und Göteborg an der Mündung des Flusses Nissan gelegen, hat als Heimatstadt der Gebrüder Amott (Arch Enemy) und Niklas Kvarforth (Shining) schon zwei namhafte Metal-Acts hervorgebracht.

Bei Letzteren, die ihrer Heimatstadt sogar ihr wohl bekanntestes Album „V – Halmstad“ widmeten, spielte von 2012 bis 2016 auch Christian Larsson, unter seinem Pseudonym Draug zudem Mastermind der Melodic-Black-Metaller Svart. Mit GLOSON wendet sich der talentierte Gitarrist nun noch düstereren Gefilden zu: atmosphärischem Sludge.

Wer Svart kennt, weiß um das große Talent von Larsson, was Komposition und Arrangement angeht. Und tatsächlich: Wenngleich die Band stilistisch gänzlich anders ausgerichtet ist, ist auch der GLOSON-Erstling „Grimen“ ein mehr als hörenswertes Album geworden. Geschickt und mit viel Gefühl arrangiert, transportiert die Musik, die sich hinter dem modernen Artwork, das auch ein Septicflesh-Cover zieren könnte, verbirgt, eine Vielzahl an Gefühlen.

Während das Werk mit „Prowler“ noch vergleichsweise flott beginnt und mit seinen zarten Melodien über treibend-groovigem Riffing direkt an die französischen Genrekollegen von Crown denken lässt, finden GLOSON im weiteren Verlauf ihres Album-Debüts fix ihr Plätzchen zwischen ebenjenen Crown, den polnischen Obscure Sphinx und Neurosis: Gerade die Ruhe, die vom Gesang ausgeht, obwohl mit rauer Stimme durchaus auch mal kraftvoll gegrowlt wird, erweckt hier den Geist der kalifornischen Sludge-Legende.

Ob nun das bedächtige „Antlers“, das bereits im vergangenen Jahr als Single ausgekoppelte „Cringe“, ein majestätisches Opus mit Cleangitarren und Geigen, wuchtigen Riffs und großen Melodien oder „Spectr“, das stilistisch mitunter sogar etwas an Svart erinnert – „Grimen“ wird trotz einer Spielzeit von knapp über 50 Minuten nicht langweilig. Dass GLOSON im Gegenteil mit dem finalen „Embodiment“ in Sachen Atmosphäre noch einen drauflegen können, ist nichts weniger als beeindruckend.

Was dieser Tage als Debütalbum einer (noch) gänzlich unbekannten Band über Art Of Propaganda veröffentlicht wird, zählt definitiv schon jetzt zu den stärksten Releases des Genres in diesem noch jungen Jahr. Für alle Fans der erwähnten Formationen, generell aber atmosphärischem Metal zwischen Sludge und Doom ein mehr als heißer Tipp!