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Red Apollo – The Laurels Of Serenity

Nachdem es einige Jahre lang eher ruhig an der Sludge-Front war, scheint es so, dass immer mehr Bands zu diesem Musikstil zurückkehren und damit, zumindest subkulturell, Erfolg haben. Ein Beweis dafür sind RED APOLLO, die in den letzten Jahren mit schweißtreibenden Live-Shows und brachialen Gitarrenwalzen auf sich aufmerksam machen konnten. Innerhalb von nur sieben Jahren Bandgeschichte legt die Band mit „The Laurels Of Serenity“ ihr drittes und bisher stärkstes Album vor.

Der wütende, leidenschaftliche Post-Black-Metal, den RED APOLLO auf dem Vorgänger „Altruist“ fokussiert haben, ist auf „The Laurels Of Serenity“ nur noch in der Stimmung zu spüren. So finden sich auf „Ides Of March“ einige Gitarrenläufe, die dieser Spielart unverkennbar entnommen sind, auch wenn der Song generell als einer der weniger überzeugenden Momente auf diesem starken Album fungiert. Der Gesang erinnert immer wieder an Crust-Bands, was sich auch in den dreckigen Gitarrenläufen und den gelegentlichen Tempoausbrüchen festmachen lässt. Gepaart mit aus dem Progressive Rock entlehnten Melodien und Rhythmusspielereien, wie im Titeltrack, dominiert auf „The Laurels Of Serenity“ dennoch ganz klar Sludge: Zentnerschwere Gitarrenriffs treffen auf ein wuchtiges Schlagzeug, tiefes, fast schon tierisches Gebrüll trifft auf ruhige Melodien, all das überlagert von einer beklemmenden, melancholischen Atmosphäre.

Seien es der Basslauf in „Anguish & Purgatory“, die Melodieführung in „Rituals & Repulsion“, die groß angelegten Flächen auf allen Nummern, die wuchtigen Ausbrüche oder das charismatische Zusammenspiel zwischen Melodie und Härte, wie zu Beginn von „Deathwaters Of Acheron“: Unverkennbar stehen die großen Isis Pate für RED APOLLO. Dazu passt, dass „The Laurels Of Serenity“ mit der Auseinandersetzung mit pathologischen Ängsten ein durchgehendes Thema besitzt. Durch die Einflüsse von Black Metal, Crust und Progressive Rock klingt die Band aus NRW allerdings nie wie eine Kopie der Band aus Kalifornien, sondern besitzt einen eigenen Sound. RED APOLLO haben mit ihrem dritten Album ihren eigenen Sound gefunden – es wird spannend sein, die weitere Entwicklung dieser Band zu verfolgen.

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Crowbar: Bassist Todd Strange verlässt die Band

Todd Strange, Gründungsmitglied der aus New Orleans, Louisiana stammenden Sludge-Metaller CROWBAR, der erst 2016 nach 16-jähriger Abstinenz zurückgekehrt war, wird nicht mehr länger Mitglied der Band sein.

CROWBAR sagten hierzu: „Alle von uns denken, dass die Familie zuerst kommen muss.“

Wer Strange ersetzen wird, wurde bisher noch nicht bekanntgegeben.

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Amenra w/ Myrkur

Im Februar kündigten mit AMENRA und MYRKUR zwei Bands, die sich atmosphärisch dichter Musik verschrieben haben, eine gemeinsame Tour in Deutschland und der Schweiz an. Beide brachten 2017 viel beachtete und geschätzte Alben heraus: Die Post-/Sludge-Metal-Formation AMENRA mit ihrem Opus „Mass VI“ und MYRKUR, das Black-Metal-Projekt der dänischen Sängerin Amalie Bruun, mit ihrem zweiten Werk „Mareridt“. An diesem Abend macht das Duo im Hansa 39 des Münchner Feierwerks halt.

In der schon gut gefüllten Halle betreten die den Abend eröffnenden MYRKUR die Bühne, auf der ein hübsch mit Pflanzen geschmückter Mikroständer an der Front platziert wurde. Zu einem sehr langsamen Drone-Riff nimmt Sängerin Amalie Bruun den Platz dahinter ein und beginnt, ihre sphärischen Gesänge darüberzulegen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Schwermütigkeit und Mystik, die sich während MYRKURs Auftritt im Zuschauerraum breitmacht. Musikalisch bleibt die Band meist im Doom-Bereich, wechselt aber dann ab und zu auf einen Post-Black-Metal-Teil oder eine folkige Passage.

Bruun gelingt der Gesang dabei unheimlich gut und präzise – etwas zu sehr, um nicht zumindest ein wenig misstrauisch zu werden, wie viel da nachgeholfen wurde. Zumal ihr Gesang leider nicht gerade selten von etlichen sie begleitenden, vom Band abgespielten Hintergrundgesängen unterstützt wird. Dennoch: Mit viel Hall ausgestattet bringt sie einige sehr schöne Momente zustande, auch wenn es heute fast ausschließlich bei Klargesang bleibt. Ob es für die Wirkung des Auftritts musikalisch überflüssiges, optisch dramatisches Schlagen einer Handtrommel braucht, muss wohl jeder selbst entscheiden. Einen gelungenen Abschluss finden MYRKUR jedoch mit der von Bruun solo vorgetragenen, mittelalterlichen Ballade „Villemann og Magnhild“.

Setlist MYRKUR

  1. Drone Intro
  2. The Serpent
  3. Ulvinde
  4. Dybt I Skoven
  5. Onde Børn
  6. Vølvens Spådom
  7. Jeg Er Guden, I Er Tjenerne
  8. De Tre Piker
  9. Elleskudt
    Måneblôt
  10. Skøgen Skulle Dø
  11. Skaði
  12. Villemann Og Magnhild


Nach einer halben Stunde Umbaupause erscheint das Logo der Church Of Ra im Hansa 39, das zwar nicht ausverkauft, aber doch beeindruckend voll ist. Als AMENRA unspektakulär die Bühne betreten, ertönen erste Jubelschrei, das klassische Pausengemurmel verstummt dann allerdings erst auf einen Schlag, als Drummer Bjorn Lebon zwei Klangstöcke zusammenschlägt und die Messe eröffnet. Über gut fünf Minuten baut sich eine kaum auszuhaltende Spannung aus, bis die erste brachiale Wall of Sound über das Publikum hinweg walzt. Die Abmischung ist kristallklar, das Publikum headbangt in Slow Motion und AMENRA reißen mit einer bedrohlichen, packenden Atmosphäre mit, die inhaltlich fast alle Alben der Belgier abdeckt.

Es dauert fast 40 Minuten, bis Sänger Colin van Eeckhout sein Shirt auszieht und sein imposantes Rückentattoo offenbart. Auch wenn AMENRA wie immer auf jede Form der Publikumsinteraktion verzichten, überrascht es, dass Colin dieses Mal ganze Passagen dem Publikum zugewandt singt – den Großteil der Show verbringt er allerdings in seiner eigenen Welt, tief vergraben in den Visuals. Diese wirken auf der recht kleinen Bühne des Hansa 39 heute fast etwas verloren – die Kranhalle wäre insgesamt die stimmigere Location für ein Konzert von AMENRA gewesen. Nach 70 Minuten Brutalität, Fragilität, Leidenschaft und Sehnsucht ist es plötzlich still und die Musiker verlassen die Bühne – zurück bleibt nur das Logo der Church Of Ra.

Setlist AMENRA

  1. Boden
  2. Plus Près De Toi (Closer To You)
  3. Razoreater
  4. Diaken
  5. Thurifer et Clamor ad te Veniat
  6. Nowena | 9.10
  7. Terziele
  8. Am Kreuz
  9. Silver Needle. Golden Nail


Die mythische und apokalyptische Stimmung des Abends wird von beiden Bands auf unterschiedliche Weise transportiert. Während Myrkur verträumter, schöner und außerweltlicher agieren, sind Amenra eine grollende, aus der Tiefe stammende Urgewalt. Egal, wie oft man eine Show der Belgier auch sieht: Es ist immer wieder aufs Neue beeindruckend und umwerfend.

Hemelbestormer – A Ring Of Blue Light

2012 im belgischen Diepenbeek gegründet, wussten HEMELBESTORMER bereits mit ihrem Debüt-Album „Aether“ an allen Fronten zu überzeugen: Zunächst die Verantwortlichen des französischen Black-/Doom-Labels Debemur Morti Productions, anschließend Presse und Fans. Auf dieser Sympathiewelle schwimmend, legen die Instrumental-Doomer nun ihr zweites Album nach – diesmal über das nicht weniger namhafte deutsche Szene-Label Ván Records.

Was das Layout angeht, sind sich HEMELBESTORMER im Großen und Ganzen treu geblieben: Auch diesmal ziert ein eindrucksvoller Gipfel vor Sternenhimmel das Cover. Wenig gelungen ist dabei jedoch die grafische Umsetzung des Albumtitels: Schon mit ein paar simplen Effekten hätte man den babyblauen MS-Paint-Kringel zu einem glaubhaften „Ring Of Blue Light“ werden lassen können. So jedoch fehlt der Darstellung jedwede Strahlkraft, um beim Thema zu bleiben.

Das sieht bei der Musik zum Glück anders aus – wenn hier auch bei Weitem nicht alles beim Alten geblieben ist. Düster und rein instrumental agieren HEMELBESTORMER zwar auch auf ihrem zweiten Album. Doch auch der Stil der Band hat sich sehr konkret weiterentwickelt: Während der Opener „Eight Billion Stars“ mit seinem schleppenden, Sludge-Doom-Riffing und seinem extrem dreckigen Distortion-Sound zu Beginn fast noch böser klingt als das „Aether“-Material, überrascht das Stück in der zweiten Hälfte mit sanften Melodien, ja, zwischendurch sogar einem filigranen, unverzerrten Part.

Diese neue Seite zeigt sich im Folgenden immer häufiger: „Towards The Nebula“ wartet mit melodischen Cleangitarren und anderen Post-Rock-Elementen auf, „Redshift“ offenbart Ambient-Anleihen und der Quasi-Titeltrack „Blue Light“ klingt – nur mit Cleangitarre und minimalistischem Schlagwerk arrangiert – für HEMELBESTORMER fast zärtlich. Dem stehen nicht nur mit dem Zwischenspiel „Clusters“, sondern auch mit dem finalen „The Serpent Bearer“ (zumindest in dessen erster, harscher Hälfte) zwei stark Noise-/Drone-geprägte Nummern entgegen.

War das Debüt noch geprägt von „düsteren, vollen Riffs, die griffig und zugleich schroff“ aus den Boxen dröhnten, gehen HEMELBESTORMER auf ihrem zweiten Album deutlich feinfühliger zu Werke. Was einerseits ohne Frage die Vielseitigkeit steigert, entschärft andererseits die Gesamtatmosphäre etwas: An die alles mitreißende, zähe Düsternis von „Aether“ kommt „Ring Of Blue Light“ deswegen trotz harscherer Produktion, herausragender Momente und einem durchgehend sehr hohen musikalischen Niveau leider nicht ganz heran.

Amenra

Mit „Mass VI“ haben AMENRA ihr vielleicht bisher bestes, auf jeden Fall aber ihr ausgereiftestes Werk vorgelegt. Wir sprachen mit Sänger Colin Van Eeckhout über die Entstehung des Albums, das tiefere, symbolische Konzept und dessen Inhalt, den Mythos der Church Of Ra und das Tourleben der Band.

Colin, vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast! Wie geht es dir?
Mir geht es ganz gut, danke. Gerade fahren wir über Nacht nach Leipzig. Wir spielen heute Abend dort. Und unser Bassist Levy fährt 1300 km direkt vor einer Show. Es ist Wahnsinn! Die Leute merken es meistens nicht, dass wir um 2 Uhr morgens zu Hause aufbrechen, um eine Show um 23 Uhr zu spielen.

Zunächst herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album „Mass VI“. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis und den Reaktionen der Fans und der Presse?
Vielen Dank! Ja, es war das erste Mal, dass ich an das Album geglaubt habe, sobald es aufgenommen war. Meistens bin sehr unsicher gegenüber dem Resultat, und Rezensionen und Zeugnisse überzeugen mich erst nach einer Weile von seinem „Erfolg „. Wir freuen uns sehr über die Resonanz und die guten Bewertungen und Kommentare. Ich glaube, es ist ein neuer Meilenstein in unserer Bandgeschichte.

(c) Stephan Vanfleteren

Ihr habt euch entschieden, der Platte zwei verschiedene Mixe und zwei unterschiedliche Artworks in Europa und den USA zu geben. Worin unterscheiden sie sich und was sind die Gründe dafür?
In AMENRA wissen wir, was wir wollen, klanglich und ästhetisch. Wir tun also gerne so viel wie wir können, um es so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

Je mehr Menschen involviert sind, desto mehr weicht man von seinem eigenen gewollten Ziel oder Wunsch ab. Das ist der größte Grund, warum wir eine EU-Version haben, bei der wir uns mit der Vinyl-Ausgabe ausgetobt haben und eine 2x180gr LP 45rpm Vinyl gemacht haben, optimale Klangergebnisse, eine maßgeschneiderte Hülle etc. Das war aber keine kluge wirtschaftliche Entscheidung, was Porto und Produktion etc. betrifft. Aber für uns muss es immer ein Kunstobjekt sein, oder etwas, das so nah wie möglich dran ist. Es ist uns sehr wichtig, dass die Dinge so sind, wie wir es wollen.

Der Fotograf, mit dem wir gearbeitet haben, Stephan Vanfleteren, hat auch eine wunderschöne Fotoserie gemacht, und es lag für uns auf der Hand, damit zu‘ spielen‘, anstatt den einfachen Weg zu gehen und die Bilder einfach in verschiedene Vorlagen einzufügen.

Was die Mixe angeht, haben wir uns immer gefragt, was mit unserer Musik passieren würde, wenn sie an verschiedene Produzenten/Soundtechniker geht. Und diesmal hatten wir die Mittel dazu. Also hatten wir Billy als Mixer und Produzent für eine Version (US) und Jack Shirley für eine andere Version (EU). Es war interessant, die verschiedenen Nuancen zu hören und die Bedeutung von Mixen und Mastern zu erkennen.

Was ist deiner Meinung nach die Botschaft des Cover-Artworks und wie ist es mit der Musik und den Texten auf „Mass VI“ verknüpft?
Es gibt einen Ausdruck in verschiedenen Sprachen.“Svanesang“, “ La mort du cygne“, usw. Uns gibt es jetzt seit fast 20 Jahren und dieses Mal ist es uns gelungen, ein weiteres Album zu schreiben. Es gibt ein Ende für alles, und je länger wir existieren, desto bewusster bin ich mir darüber, dass dieses Ende näherkommen könnte oder präsenter wird. Auch wir sind nur Menschen und es gibt wahrscheinlich eine Grenze für unser musikalisches Können oder unsere kreativen Fähigkeiten. Ich habe Schwierigkeiten, daran zu glauben, dass es möglich ist, als Band weiter zu wachsen oder sich selbst zu verbessern.

Zum Artwork selbst: Das Foto des Schwans hat wirklich zu mir gesprochen. Es verkörpert und visualisiert das, was wir mit „Mass VI“ geschaffen haben. Ich suche immer nach einem Bild, das dem, was wir geschrieben haben, so nahe wie möglich kommt. Der Schwan ist ein wunderschönes und graziöses, aber wildes Tier. Es verlangt einen gewissen Respekt und zwingt einen dazu, Distanz zu wahren und gleichzeitig seine Schönheit zu beobachten. Und hier ist das Leben des Schwans zu Ende. Auch nach seinem Tod verlangt es noch immer Respekt. Er hat immer noch seine Schönheit und Anmut. Die Stille, die von diesem Bild ausgeht, ist umwerfend. Die Ruhe. Ewiger Schlaf. Es ist ein Abschied. In allem, was wir tun, versteckt sich eine Verabschiedung. Wir sagen Auf Wiedersehen in allem, was wir tun.

Worin unterscheidet sich „Mass VI“ von seinen Vorgängern und was ist die Gemeinsamkeit dieser Reihe?
Die Reihe der Messen, meinst du? Ich kann sagen, dass „Mass III“ und „Mass VI“ dem entsprechen, was ich als Wendepunkte in unserer „Karriere“ bezeichnen würde. Dazu kann man leicht meinen Essay im Independent googeln, in dem ich das analysiere. Gleiches gilt für unser Buch 2009-2014. „I“ und „II“ sind der Ort, an dem wir den Weg in die musikalische Welt gesucht haben. „III“ ist der Moment, an dem wir unseren Weg gefunden haben, „IIII“ und „V“ sind die Stellen, an denen wir ihn perfektioniert haben. Und vermutlich ist „VI“ der Moment, in dem wir wieder eine neue Tür geöffnet haben.

Könnt ihr euch vorstellen, ein hartes Album zu veröffentlichen, das keine Fortsetzung der „Mass“-Reihe ist?
Natürlich, warum nicht? Wir sind unsere eigenen Herren. Wenn es für uns keinen Sinn ergibt, es „Messe“ zu nennen, werden wir es nicht tun. Wir haben bereits Afterlife und Alive, usw.

Diesmal gibt es viel mehr Klargesang als auf euren bisherigen Platten. Wie kam es dazu?
Ich denke, ich bin sicherer in meinem Cleangesang geworden, unter anderem durch das Spielen von akustischen Shows, durch mein Soloprojekt CHVE und durch zahlreiche Kooperationen und gesangliche Beiträge in befreundeten Projekten. Ich war dort frei und konnte quasi über ein neues Land regieren. Im Laufe der Zeit hat sich das zu einer neuen Stimme in meinem Kopf entwickelt. Wo früher meine innere Stimme noch „Schrei-Gesang“ war, habe ich jetzt eine zweite Stimme.

Wie schreibt ihr eure Songs normalerweise? Treffen Sie sich alle oder komponiert jemand?
Für dieses Album fehlte uns die Zeit, um endlos zu jammen und jede gespielte Note zu besprechen, wie in der Vergangenheit. Alle Gitarristen arbeiteten zu Hause und suchten nach Teilen und Ideen. Dieses Mal hat zum ersten Mal Levy bei uns mitgeschrieben, der sich mit diesem Verfahren bereits wohl fühlte. So hat er die Maschine wirklich in Bewegung gesetzt und viele Gitarren für „Mass VI“ geschrieben. Er kannte und mochte die Band, bevor er überhaupt in ihr spielte, also konnte er aus einer ganz anderen Perspektive arbeiten, während wir alle mindestens schon sechs AMENRA-Alben geschrieben hatten. Es war wirklich schön, diesen neuen Wind in den Schreibprozess zu bringen.

Hatte euer Akustik-Album einen Einfluss auf die Art und Weise, wie ihr Songs und Texte geschrieben habt, vor allem im Vergleich zu euren früheren Platten?
Ich glaube, wir haben uns dadurch wohler in den akustisch und cleanen Teilen des Albums gefühlt. Es kam natürlicher, es war wie eine neue Sprache, die wir gerade gelernt hatten.

Es gibt drei Sprachen auf dem Album. Wie entscheidest du, welche Sprache für welchen Song die richtige ist?Es kommt von selbst. Ich schreibe ständig etwas in Bücher, manchmal hatte ich Phrasen in niederländisch, französisch oder deutsch; Dinge, die Sinn für mich ergaben, mit mir sprachen. Es ist nur eine Entscheidung, die man treffen musst, indem du dieser inneren Stimme folgst. Die Sprache, die du dort hörst, ist die Sprache, die du nimmst.

(c) Stephan Vanfleteren

Wofür stehen die beiden flämischen Interludes und warum habt ihr euch diesmal für Interludes entschieden?
Sie sind das, was die Franzosen „des points de repères“ nennen. Momente, in denen alles wieder „eins“ wird, in denen du zu dir selbst zurückkehrst, in denen du dein Wesen zentrierst. Schwer zu erklären. Wir dachten, dass es diese Momente auf dem Album braucht. Sie sollten sich wie ein Moment anfühlen, in dem jemand seinen Arm auf deine Schulter legt und dir in die Augen sieht. Ein schwaches Lächeln. Kurz bevor du wieder hineintauchst.

Es sind niederländische Gedichte. Unsere Muttersprache macht es uns möglich, Worten stärker zu ‚ bearbeiten‘, damit sie richtig klingen und einen symbolischen Unterton haben, der nur von denen verstanden werden kann, die die Sprache sprechen. Diese Interludes sind das, in denen wir alles, was AMENRA tut, so knapp sagen wie möglich. Mehr mit Weniger sagen.

Ihr habt ein sehr symbolisches und atmosphärisches Video für „Children Of The Eye“ veröffentlicht. Warum habt ihr euch für diesen Song entschieden und kannst du ein wenig über die Symbolik des Videos sprechen?
Unser Freund Wim Reygaert, der die ersten AMENRA-Visuals live während der „Mass III“-Veröffentlichung gemacht hat, hat das Video gedreht. DOP Maxim Dierickx hat die „COR“ und „23.10.“-DVD für uns 2008 gemacht. Es liegt auf der Hand, dass wir auf Freunde zurückgreifen, die uns seit über einem Jahrzehnt kennen. Wir brauchen weniger Worte, um uns gegenseitig Dinge zu erklären.

„Children Of The Eye“ ist ein klarer Angriff auf einen unsichtbaren Feind. Wir sprechen die Momente in der Zeit oder dem Leben an, in denen es keine klare Person und keinen eindeutigen Ort gibt, wogegen man seine Wut oder Frustration richten kann. Es sind die Momente, in denen man eine Situation aushalten muss, ohne in der Lage zu sein, etwas dagegen zu tun. Die Situationen im Leben, die von einer solchen Größe sind, dass sie das Leben gegen den eigenen Willen auf den Kopf stellen. Aber man muss einfach damit leben und Wege finden, es zu einem Teil seines „neuen“ Lebens zu machen. Dort, wo das Schicksal für dich entscheidet, egal wie sehr du dich auch anstrengst und wie hart du arbeitest. Und dem wirst dich beugen. Es geht darum, nicht aufzugeben und die Hoffnung zu verlieren. Es geht darum, in diesem Moment zusammen zu sein, obwohl es die einsamsten Zeiten im Leben eines Menschen sind.

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So wie eure hypnotisierende Musik sind auch eure Live-Shows fast schon ein Ritual und sehr intensiv. Habt ihr euch von Anfang an dafür entschieden, euch in die Kombination aus Visuals und minimalistischer Beleuchtung zu hüllen?
Quasi von Anfang an; die minimalistische, filmische und repetitive Natur unserer Musik hat uns schnell auf den Gebrauch von Visuals und einer minimalistischen Beleuchtung gebracht. Wir wollten komplett sein. An allen Sinnen arbeiten. Den Leuten helfen, sich im Moment bzw. der Musik zu verlieren. Wir machen den Moment zu unserem eigenen. Je größer wir werden, desto schwieriger wird das allerdings produktionsbedingt.

Dieses Jahr habt ihr gemeinsam mit Converge und Neurosis in den USA getourt. Wie war das, auf der Bühne und hinter den Kulissen?
Umwerfend. Beide haben uns auf unserem Weg beeinflusst und beide sind Bands, die ihren Weg durch die bestehende Musiklandschaft gemacht haben und einfach durch sie hindurch gemäht sind. Sie hatten und haben eine klare Vision, und müssen keine Erwartungen und Forderungen erfüllen. Sie tun einfach, was auch immer in ihren Köpfen oder Seelen vor sich geht. Ich respektiere das wirklich.

Wie beide Bands uns unter ihre Fittiche genommen haben, um diese US-Tournee für uns möglich zu machen, war herzerwärmend. Sie haben uns bei allem geholfen. Wir kannten uns von EU-Shows und wurden im Laufe der Jahre Freunde, sodass alles ganz natürlich verlief. Die beste Tour, die wir je hatten.

Gibt es bestimmte Länder oder Städte, in denen ihr am liebsten spielt?
Ich spreche vielleicht für mich selbst, aber ich schaue mit einer gewissen Melancholie auf unsere Shows in Griechenland und Russland zurück. Europäische Hauptstädte sind natürlich auch schön, ebenso wie einige US-Städte.

Wie unterscheiden sich Festivalshows von Clubshows und was bevorzugt ihr?
Club-Shows natürlich. Es ist intimer. Wir haben mehr Zeit, uns den Ort zu eigen zu machen. Dort hat man einen halben Tag Zeit, um die Produktion vorzubereiten, anstatt einer halben Stunde. Das Coole an Festivals ist, dass man mehr Leute erreicht, es ist eher eine Herausforderung, fühlt sich mehr wie Guerilla-Kriegsführung an. Die Clubs geben uns tendenziell mehr Kontrolle.

Ihr seid ein integraler Bestandteil der belgischen Alternative-Music-Szene, besonders mit der Church Of Ra. Wie würdet ihr die Szene beschreiben und wie unterscheidet sie sich von anderen Ländern?
Es unterscheidet sich wahrscheinlich nicht von anderen Szenen oder Ländern, in denen befreundete Bands sich gegenseitig helfen, soweit sie können. Ich kann es nicht wirklich sagen, denn ich kann nicht für die Welt sprechen.

Wie kam die Idee für Church of Ra damals zustande?
Durch das Wissen, dass wir nicht allein sind, sondern mehr als fünf Musiker, die Musik machen.

Gibt es konkrete Pläne für Shows im nächsten Jahr und ist vielleicht schon neue Musik geplant?
Es wird zahlreiche Tourneen und Auftritte geben. Ich denke, wir werden uns jetzt auf unsere Seiten- und andere Projekte konzentrieren, da dieses Kapitel geschrieben ist. Wiegedood und Oathbreaker schreiben, Absent in Body, CHVE und Syndrome werden folgen, neue Projekte und Kooperationen etc. Ich glaube, dass wir mit AMENRA als nächstes ein akustisches Album machen werden. Aber man weiß nie.

(c) Stephan Vanfleteren

Ich möchte das Interview mit unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was ist das erste, das dir in den Sinn kommt, wenn du die folgenden Begriffe hörst:
Religion: Glaube
Schwarz und Weiß: Licht über Dunkelheit
Kälte: Wärme
Belgien: Heimat
AMENRA in 10 Jahren: Gegenwart

Die letzten Worte sind deine – gibt es noch etwas, was du unseren LeserInnen mitteilen möchtest?
Dankbarkeit. Unendliche Dankbarkeit an alle, die auf unserem Weg begleiten.

Process Of Guilt – Black Earth

Neu im Geschäft sind PROCESS OF GUILT lange nicht mehr: Vor 15 Jahren gegründet, haben die Portugiesen bereits drei Studioalben und zwei Split-EPs herausgebracht. Ausnahmslos starke Veröffentlichungen, sei an dieser Stelle bereits angemerkt. Mit „Black Earth“ legt das Quartett nun nach und sein viertes Album vor und lässt damit qualitativ erneut keine Wünsche offen.

Im Bereich des düster-dreckigen Metal, zwischen Sludge, Death-Doom und Noise, bewegen sich PROCESS OF GUILT ausgesprochen elegant: Massive Riffs, vehementes Drumming und der kraftvolle Gesang von Hugo Santos – was man sich von Musik dieses Genres erwartet, findet sich auch in der Musik der Band aus Évora. Und das überaus geschickt arrangiert.

Das Monumentale aus dem Sound von Neurosis (unter anderem in „(No) Shelter“) findet sich hier ebenso wie die Düsternis der Death-Doomer Omega Massif und der Purismus der deutschen Dreckschleuder Valborg („Feral Ground“, „Black Earth“). Gerade der knapp 12-minütige Titeltrack beweist eindrucksvoll, wie energiegeladen auch schleppend langsame Musik sein kann: Während die Gitarren zäh wie Teer aus den Boxen tropfen, sorgt das Schlagzeugspiel für die Dynamik, der Gesang für die Emotion. Das Ergebnis ist ein so düsteres wie packendes Stück Musik. Wer 12 Minuten kann, kann auch weniger – insofern ist es kein Wunder, dass die restlichen vier Stücke, wie das etwas differenziertere, transparenter arrangierte „Servant“ oder das eher verschwommen dahinwabernde „Hoax“ zu gefallen wissen.

Dass all das so gut funktioniert, ist nicht zuletzt Verdienst der involvierten Tontechniker, Andrew Schnider (Mix) aus New York, der bereits für Unsane, Julie Christmas, Cave In und Rosetta tätig war, sowie Collin Jordan vom The Boiler Room LLC – Music Mastering in Chicago, der schon Wovenhand, Eyehategod oder Minsk zu einem druckvollen Master verholfen hat. Das Resultat ihrer Arbeit kann sich auch diesmal hören lassen: So dreckig und zugleich klar, wie „Black Earth“ aus den Boxen schallt, muss man ein Album erst einmal produzieren können.

„Black Earth“ klingt trotzig und roh, aber auch emotional aufgeladen und tiefgründig. Damit gelingt es PROCESS OF GUILT, sich weit vom durchschnittlichen Slduge-Drone-Doom-Gedöns, bei dem es vor allem brummt und wumst, abzuheben: Vergleiche zu Bands wie den genannten Neurosis, Omega Massif und Valborg, aber auch Isis oder Cult Of Luna sind da keinesfalls vermessen.

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Lento – Fourth

Leuten, denen bei dem überaus selten fallenden Schlagwort Instrumental Atmospheric Sludge Metal nichts in den Sinn kommt, sei vergeben, schließlich existiert wohl kaum eine bemerkenswerte Zusammenstellung verschiedener Subgenre. Dennoch: So wie es für jeden Topf den passenden Deckel gibt, so musiziert auch irgendwo in den terrestrischen Gefilden eine Band, die genau das, nämlich Instrumental Atmospheric Sludge Metal, auf einem Silberling verewigt. Und das nicht bei den üblichen Verdächtigen, bei den Amerikanern oder den Skandinaviern, sondern in Italiens Hauptstadt.

Bereits seit 2004 nehmen LENTO dort Musik auf, die mit einem gigantischen Alleinstellungsmerkmal aufwarten kann. Nicht so doomig wie Omega Massif, nicht so psychedelisch-melodisch wie Ufomammut, dafür aber wesentlich schleppender als Pelican und noch druckvoller als Godflesh – irgendwo dazwischen ist die Diskografie des mittlerweile zum Trio geschrumpften Projektes einzuordnen. Und auch ihre vierte Scheibe, folgerichtig „Fourth“ betitelt, unterstreicht diese Einzigartigkeit von LENTO.

Die Schwierigkeit im instrumentalen Bereich liegt besonders darin, dass – plump formuliert – die Arbeit an den Instrumenten gut genug sein muss, um das Fehlen eines Gesangs verkraften zu können, denn wie viele Bands wären ohne charismatischen Gesang plötzlich nur noch in Ordnung, aber nicht mehr mitreißend? LENTO schaffen es seit ihrem Debüt „Earthen“ (2007) durchweg, trotz ohne gesanglicher Unterstützung kantige Platten auf den Markt zu bringen, die trotz fehlendem herkömmlichen Song-Gerüst stets begeistern können.

Ihr Vorgehen hat sich auf „Fourth“ demnach erneut nicht geändert, was bedeutet, dass die Italiener an ihrem persönlichen Erfolgsrezept festhalten. Mag genau dieses Vorgehen bei vielen Bands zum Aufschrei führen, da ihnen Stagnation und Ideenlosigkeit vorgeworfen werden, verhält es sich bei LENTO deswegen anders, da deren Erfolgsrezept prinzipiell das Ausloten der musikalischen Grenzen darstellt. Nicht anders ist ihr Vorgehen auf den zehn neuen Tracks, die stets mit noch soviel Eingängigkeit versehen sind, dass der Hörer den Eindruck hat, tatsächlich Herr über das gebotene Chaos aus Sludge und Post-Metal zu sein.

Brutal und erdrückend, zugleich aber auch fragil und stimmig, so zeigen sich LENTO auch auf „Fourth“ von ihrer besten Seite. Wer musikalischen Grenzgängern wie Krallice viel abgewinnen kann und sich nach mehr als gewöhnlicher Rhythmik in gewohnter Struktur sehnt, ist bei den Italienern mehr als gut aufgehoben!

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Briqueville – II

Die drei Musiker von BRIQUEVILLE kleiden sich in schwarze Nazgûl-Mäntel und tragen goldenen Masken – auch bei den Proben. Ihr Ziel ist es, hierdurch Gleichheit zu erzeugen und sich gegen Personenkult zu wenden. Die Möglichkeit eines dadurch unbemerkten Mitgliederwechsels ist ein angenehmes Nebenprodukt. Trotz ihrer mehr als zehnjährigen Bandkarriere haben BRIQUEVILLE erst 2014 ihr erstes Album veröffentlicht, auf den sie vier Zehnminüter gepackt haben. Daran anschließend beinhaltet das zweite Album der Post-Metaller nur noch drei Stücke, von denen eines sogar fast 20 Minuten Spielzeit besitzt.

Ohne Umschweife eröffnet ein repetitives Riff das zweite Album von BRIQUEVILLE. Der Weg für die folgenden 43 Minuten ist damit vorgegeben: Brachiale, häufig stumpfe Gitarrenwalzen paaren sich mit strukturlosen Noise-Ausbrüchen, wuchtigem Schlagzeug und tiefen Basstönen. Diese nahezu infernalischen Momente werden immer wieder von ruhigen, atmosphärischen, zugleich aber zutiefst beunruhigenden und verstörenden Momenten unterbrochen. Dazwischen bahnen sich geradlinige Riffs ihren Weg, um das brutale Chaos aufzulösen. Dabei türmen BRIQUEVILLE wahre Sludge-Ungetüme auf, die trotz ihrer bewussten Monotonie abwechslungsreich sind.

Der Großteil von „II“ ist instrumental gehalten, gelegentlich setzen BRIQUEVILLE allerdings Gesang ein. Dabei werden Erinnerungen an das Monotone von Michael Gira von Swans geweckt, sowohl textlich als auch stilistisch. Am Anfang von „Akte VI“ werden durch orientalisch angehauchte Melodien Einflüsse von Godspeed You! Black Emperor und Isis deutlich. Das schlüssige und hypnotische Songwriting derartig monolithischer Nummern beeindruckt. Dennoch verzetteln sich BRIQUEVILLE an einigen Stellen und können die Spannung nicht durchgehend halten.  Dennoch legen BRIQUEVILLE mit ihrem zweiten Album einen mysteriösen, hypnotisierenden und mitreißenden Trip vor.