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Grave Pleasures – Doomsday Roadburn

(Post-Punk / Rock) Was als Beastmilk gegründet und nach bandinternen Streitigkeiten kurzerhand als GRAVE PLEASURES neu gegründet wurde, hat sich in den letzten Jahren zur vielleicht spannendsten Post-Punk-Band unserer Zeit entwickelt: Auf „Climax“ (Beastmilk), „Dreamcrash“ und „Motherblood“ präsentierten sich die Musiker um Fronter Mat McNerney (Hexvessel) nun schon dreimal in Folge als Meister ihres Fachs – jetzt soll ein Live-Album die Qualität der Band auf der Bühne dokumentieren.

Und wo ließe sich dieser Beweis besser führen als auf dem Roadburn Festival, diesem Liebhaber-Event, underground und legendär zugleich, bei dem Atmosphäre und perfekter Sound stets im Zentrum aller Bemühungen stehen? Wohl nirgends. Die Entscheidung, die dortige Show von 2018 als erstes Live-Dokument von GRAVE PLEASURES zu veröffentlichen, ist damit so naheliegend wie richtig: Am Resultat, „Doomsday Roadburn“, stimmt entsprechend fast alles bis ins kleinste Detail.

Da wäre zunächst der Sound: Das Gros der Live-Alben krankt bekanntlich daran, dass sie entweder nach billigem Bootleg klingen oder aber so sehr auf Studio-Sound poliert sind, dass gar kein Konzertflair mehr zu spüren ist. Bei „Doomsday Roadburn“ reicht es, die Augen zu schließen, schon wähnt man sich im Publikum: Applaus, der weder ein- noch ausgeblendet klingt, Ansagen, die nicht geschnitten wirken und ein lebendiger, perfekt eingepegelter Sound – genau so muss ein Live-Album klingen! Ob hier besonders viel nachbearbeitet wurde, um diese Atmosphäre zu rekonstruieren, oder besonders wenig verändert wurde, weiß nur der Experte im Tonstudio. Fakt ist: Er sollte Schulungen geben – von seinem Wissen könnte mancher Star-Produzent lernen.

Ist diese Klippe umschifft, steht und fällt die Atmosphäre eines Live-Mitschnitts mit der Performance der Band. Auch hier liegt mit „Doomsday Roadburn“ ein Paradebeispiel einer rundum gelungenen Live-CD vor: McNerney führt mit wenigen, aber wohlgewählten Worten durch ein Set, dessen Fokus zwar auf „Motherblood“ liegt, das aber natürlich auch bis zurück in Beastmilk-Zeiten reicht. So ist das bisherige Schaffen der Band in der knapp einstündigen Show nicht nur verdammt lässig und lebendig, sondern auch allumfassend repräsentiert.

Ob es nach dem rundum stimmigen Live-Mitschnitt die beiden Bonus-Tracks aus der „Motherblood“-Session als heimatlose Anhängsel wirklich noch gebraucht hätte, ist eine Philosophiefrage. In Anbetracht der sonstigen Qualität von „Doomsday Roadburn“ sollten jedoch selbst pedantische Live-Album-Puristen über diesen „Affront“ hinwegsehen können.

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Lotus Thief – Oresteia

(Black Metal / Doom Metal / Post-Rock / Ambient) Auf antike Mythen und andere historische Quellen Bezug nehmende Metal-Alben sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Kaum eine Musikgruppe zeigt in ihrem Schaffen jedoch ein derart umfangreiches und substantielles Fachwissen über die Menschheitsgeschichte und die verschiedensten Glaubenskonzepte wie LOTUS THIEF. Drei Jahre nach ihrem herausragenden zweiten Album „Gramarye“, das sich thematisch auf okkulte Schriften wie etwa Aleister Crowleys „Buch der Lügen“ stützte, veröffentlichen die studierte Frontfrau Bezaelith und ihre neu hinzugekommenen Bandgefährten mit „Oresteia“ eine weitere Platte, die schon durch ihr Konzept neugierig macht. Diesmal nehmen sich LOTUS THIEF nämlich der titelgebenden, dreiteiligen Tragödie des altgriechischen Dichters Aischylos an.

Dass blutige Rache ein zentrales Motiv der mythologischen Geschichte um das Haus des Königs Atreus darstellt, bringen LOTUS THIEF auch in Form einer dezenten Anpassung ihres charakteristischen Musikstils zum Ausdruck. So speist sich der Sound der Band zwar nach wie vor aus gemeinhin als betont atmosphärisch wahrgenommenen Musikströmungen wie Black Metal, Doom Metal, Post-Rock und Ambient, doch in mancherlei Hinsicht gibt sich das Quintett auf „Oresteia“ rabiater als zuvor. Bezaeliths vielschichtiger, schwerelos durch den von ihr erdachten Klangkosmos gleitender Gesang ist nun griffiger denn je, in einigen Momenten sogar regelrecht energisch, und wird erstmalig gelegentlich von bedrohlich gehissten Screams abgelöst („Libation Bearers“).

Auch in ihrer Instrumentierung erreichen LOTUS THIEF stellenweise ein Level an Intensität, das man so von ihnen noch nicht gehört hat, womit die Amerikaner ihren ätherischen Grundton auf ungeahnt stimmige Weise kontrastieren. Ein Paradebeispiel für die kohärente Verschmelzung dieser beiden Klangpole findet man etwa in „The Furies“, das sich zu Beginn noch als zauberhaft verträumte Post-Rock-Nummer präsentiert, sich später jedoch mittels unheilvoller Gitarrenmelodien und Blast-Beats zu einer imposanten Vertonung der in dem Track thematisierten Rachegöttinnen wandelt.

Nicht minder eindrucksvoll ist die Entwicklung, die „Sister In Silence“ durchläuft: Richten LOTUS THIEF den Fokus hier anfänglich noch unter Einsatz wehmütiger Streicher und trister Doom-Leadgitarren auf das tragische Element der Erzählung, so spiegeln die im weiteren Verlauf wild pulsierenden Rhythmen den Gewaltaspekt der Handlung wider. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht, wie schlüssig die getragenen, ruhigen Parts und die heißblütigeren Passagen ineinander übergehen. Lediglich die zwischendurch eingeschobenen Ambient-Zwischenspiele („Banishment“, „Woe“) tragen nicht wirklich zum Flow der Platte bei, obgleich sie durchaus wohlklingend und nicht allzu lang sind, sodass sie auch kaum störend ins Gewicht fallen.

LOTUS THIEF sind vermutlich die erste und bislang einzige Musikgruppe, die Aischylos‘ mythologisches Trauerspiel über den Teufelskreis der Vergeltung und dessen Überwindung durch die Etablierung einer funktionierenden Justiz in Form eines Metal-Albums adaptiert hat. Dafür sowie für die mit dem Konzept Hand in Hand gehende Weiterentwicklung ihres ohnehin schon außergewöhnlichen Musikstils gebührt der Band uneingeschränkter Respekt. Letztlich sind es aber schlichtweg die unvergleichlich stimmungsvollen, auf magische Weise fesselnden Songs, die „Oresteia“ schon jetzt ohne jeden Zweifel zu einem der musikalischen Highlights des Jahres machen.

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Sadness – Circle Of Veins

(Black Metal / Shoegaze) Durchforstet man die schummrigen Untiefen des Black-Metal-Undergrounds auf der Suche nach außergewöhnlicher Musik, stößt man früher oder später mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf das eine oder andere Projekt, das einen derart aberwitzig großen Output hat, dass einem vor Unglauben unweigerlich die Kinnlade herunterklappt. Der aus Mexiko stammende Solomusiker Elisa liefert hierfür mit seinem Blackgaze-Outlet SADNESS ein anschauliches Beispiel: Seit 2014 hat die Ein-Mann-Band sage und schreibe dreizehn Alben veröffentlicht, dazu auch noch einige Demos und Splits. „Circle Of Veins“ ist somit bereits die vierzehnte Full-Length-Platte in sechs Jahren, inzwischen wurde mit „I Want To Be There“ sogar schon der Nachfolger veröffentlicht – selbst als bloßer Hörer ist es da nicht leicht, Schritt zu halten.

Ein solch rasantes Veröffentlichungstempo wirft natürlich zwangsläufig die Frage auf, ob in dem jeweiligen Projekt schlichtweg Quantität über Qualität gestellt wird. Im Fall von SADNESS lautet die Antwort darauf: jein. Mit seiner Laufzeit von 55 Minuten (sofern man die als Bonustrack enthaltene Alternativ-Version des Openers „Eye Of Prima“ mitrechnet, sind es sogar 63 Minuten) ist „Circle Of Veins“ zwar tatsächlich ausgesprochen üppig ausgefallen, dabei handelt es sich jedoch keineswegs bloß um musikalisch gehaltloses Füllmaterial. Der bereits erwähnte Opening-Track etwa braucht anfangs noch ein wenig Zeit, um in die Gänge zu kommen, entpuppt sich mit seinen erhebenden, mehrstimmigen Clean-Vocals und seinen hoffnungsvollen, hellen Tremolo-Gitarren schließlich jedoch als Vorzeigebeispiel für wahrhaft berührenden Blackgaze.

In weiterer Folge löst sich SADNESS außerdem zunehmend von der Basis des Genres und lässt vermehrt elektronische Klänge in die Songs einfließen. Sphärische Keyboards und Pianonoten hüllen beispielsweise „Cerrien“ in einen wundersamen Mantel aus vertontem Sternenlicht, wohingegen die energiegeladenen Electro-Sounds auf „Lana“ eher in die Trance-Richtung gehen. Dabei ist „Circle Of Veins“ trotzdem kein banales Feel-Good-Album. Es steckt ein Schmerz in diesen Liedern, aber eben auch eine unbeugsame Lebensfreude – eigentlich ein todsicheres Rezept für eine tief bewegende Platte zwischen Black Metal und Shoegaze.

Dennoch kann man SADNESS den Status eines unbedingt empfehlenswerten Geheimtipps nicht ohne Vorbehalte zusprechen. Neben dem Umstand, dass sich zwischen den wundervollen, Gänsehaut auslösenden Melodien doch immer wieder auch nichtssagende Kompositionen eingeschlichen haben (insbesondere im beinahe 26 Minuten langen „I Follow Rivers“), leidet „Circle Of Veins“ an einem schweren Fall von Amateurproduktion. Vor allem die Distortion-Gitarren und der Schreigesang klingen derart dröhnend und unausgeglichen, dass sie im Grunde völlig unanhörbar sind und der Schönheit der übrigen Musik schwer zusetzen.

Angesichts der unfassbaren Geschwindigkeit, mit der Elisa neues Songmaterial hervorbringt, hat der unermüdliche Einzelmusiker mit „Circle Of Veins“ ein wirklich beachtenswertes Album geschaffen. In einigen Momenten gelingt es SADNESS tatsächlich, die in den Stücken verarbeiteten Gefühle derart ergreifend zu kanalisieren, wie es sonst nur die ganz Großen des Genres schaffen. Der fürchterlich unausgegorene Sound lässt sich jedoch leider nicht gänzlich ausblenden. Wer hohe Anforderungen an die Tonqualität einer musikalischen Veröffentlichung stellt, kann „Circle Of Veins“ somit getrost ungehört lassen. Wer hingegen auch Bands wie Falaise trotz ihrer offensichtlichen Schwächen in Bezug auf Performance und Produktion zu schätzen weiß, sollte SADNESS unbedingt Gehör schenken.

Ad Nemori – Akrateia

(Melodic Death Metal / Post-Black Metal) Auf ihrer EP „Pyre“ zeigte die Nachwuchs-Band AD NEMORI vor drei Jahren bereits viel Gespür für schöne Melodien und eine melancholische Stimmung in ihrem Keyboard-lastigen Melodeath, allerdings wurde die EP leider nicht auf einem akzeptablen Niveau, sondern laienhaft in Eigenregie produziert. Mit ihrem Debütalbum „Akrateia“ wollen die Münchner nun erstmals richtig beweisen, was ihr von ihnen selbst als Atmospheric Death Metal bezeichneter Sound alles zu bieten hat.

Es fällt direkt auf, dass AD NEMORI ihre Musik nun merklich professioneller haben produzieren lassen, wenngleich die Produktion noch immer etwas dünn und mit einem leider ziemlich misslungenen Snaresound daherkommt. Doch nicht nur in Sachen Produktion, sondern offensichtlich auch in Bezug auf ihren Stil streben die Jungs hier einen tiefgründigeren, künstlerischen Ansatz an: Orientierte sich „Pyre“ noch auf recht klassische Art und Weise am Melodeath von Bands wie Insomnium und Be’lakor, klingt „Akrateia“ im Gegenzug vielseitiger und ist dabei noch mehr von Einflüssen aus dem (Post-)Black Metal durchzogen.

So legt „Tellurian Doom“, eines der gelungensten Stücke des Albums, nach dem stimmigen Intro „Miasma“ direkt mit einem eingängigen Tremoloriff über einem Blastbeat los. Bereits hier tritt jenes Element ihrer Musik, das auch schon die EP so spannend gemacht hatte, in den Fokus der Aufmerksamkeit: das Keyboard. Milos Ilics Spiel, das viel auf Streicher und Klavier setzt, verleiht der Musik stets eine gewisse Tragik und Melancholie, die sich durch die gesamte Platte zieht. Herausragend sind auch die mächtigen Growls von Sänger Raphael Weller, die die im Vergleich geradezu schwachbrüstig und damit überflüssig wirkenden Backing-Vocals der anderen Bandmitglieder komplett in den Schatten stellen.

Ein großes Problem des durchaus ambitionierten Erstlingswerks jedoch liegt in der Strukturierung der Songs: Wenn man die Scheibe am Stück hört, fällt es nicht schwer, auf Anhieb zahlreiche schöne Melodien und Riffs zu entdecken. Nur schaffen AD NEMORI es auf „Akrateia“ noch nicht immer, diese in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen. Die Songs dauern teilweise bis zu zehn Minuten, können aber den Spannungsbogen meist nicht so lange aufrechterhalten, sodass es schwerfällt, den hin- und herwechselnden, manchmal nicht sonderlich gut zusammenpassenden Riffs und erzeugten Stimmungen zu folgen. Nach einer Weile wirkt das alles deshalb zwischenzeitlich arg beliebig.

Musterbeispiele hierfür sind etwa das doomige „Kenosis“, welches wie auf Sparflamme gehalten wirkt und nie aus sich herauskommt, oder das ziellos mäandernde „Diverging From The Black“. „Above The Tide“ hingegen hätte mit Leichtigkeit der Überhit des Albums werden können mit seinen fantastischen Melodien und seinem an Alcest erinnernden Post-Black-Metal-Segment, wäre der Song nicht derart zerfahren aufgebaut, dass er den Hörer schon nach kurzer Zeit verliert. Dass die Musik noch immer nicht gänzlich sauber und frei von Unsicherheiten eingespielt ist, hilft diesem Umstand nicht gerade weiter. Dem gegenüber finden sich aber auch einige Songs auf dem Album, die der Band deutlich besser gelungen sind. Neben dem bereits erwähnten Opener „Tellurian Doom“ stechen hier das düstere „Obey The Sovereign“ sowie das gleichermaßen epische wie eingängige „The Stars My Destination“ hervor.

Nach „Akrateia“, dem Debütalbum der Münchner Band AD NEMORI, kann man davon überzeugt sein, dass von den Jungs in den nächsten Jahren potenziell noch Großes folgen könnte. Die kreativen Ideen sind bereits vorhanden, auch einen wiedererkennbaren Stil haben die Musiker inzwischen entwickelt. Einzig in Sachen Komplexität und Ausschweifen bei der Songstrukturierung sollten AD NEMORI lieber etwas öfter auf das Prinzip „weniger ist mehr“ setzen. Und beim nächsten Mal darf es dann auch gern eine wirklich professionelle Produktion sein, damit ihre Musik auch in der Art und Weise erklingt, wie sie es verdient.

Trans-Siberian Orchestra – The Ghosts Of Christmas Eve

(Progressive Metal / Symphonic Metal / Klassik / Musical)  „The Ghosts Of Christmas Eve“ wurde erstmals 1999 als Teil des „25 Days Of Christmas“-Programms des Senders Fox ausgestrahlt und 2001 als DVD veröffentlicht. Die Musik erzählt die Geschichte einer Ausreißerin, die sich Heiligabend in ein verlassenes Theater flüchtet. Alle Songs werden als gespenstische Visionen aus der Vergangenheit des Theaters dargestellt. Die Aufnahmen fanden im historischen Loew’s Jersey Theatre in Jersey City statt. 2016 wurde das Material als Soundtrack-Album auf CD und Vinyl veröffentlicht. Dieses Release soll im folgenden Review näher betrachtet werden.

Ein kurzes Intro geleitet den Hörer mit der bekannten Melodie von „The First Noel“ und der düsteren Erzählerstimme in die rund 46-minütige Geschichte, worauf mit „O Come All Ye Faithful / O Holy Night“ der erste Song folgt. Als Instrumental legt es den Fokus klar auf die E-Gitarre, die die Melodien der allseits bekannten Weihnachtssongs in qualitativ hochwertiger Weise wiedergibt. Die weiteren Titel leben, wie bereits von TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA bekannt, von der Verwebung des Symphonic Metal mit Klassik- und Musical-Elementen, woraus ein bombastisches Klangbild entsteht. So wird mal Gospel/Soul („Good King Joy“) oder choraler Gesang („Christmas Canon“) in den Vordergrund gestellt. Zwischen den Stücken kommt auch der Erzähler wiederholt zum Einsatz, um den Charakter eines Theaterstücks aufrecht zu erhalten und die Story schlüssig zu erzählen.

Schade ist vor allem, dass mit „Hark! The Herald Angels Sing“ und „O Holy Night“ zwei starke Titel des DVD-Releases nicht ihren Weg auf diese Veröffentlichung fanden. Die von Jewel und Michael Crawford gesungenen Titel gehören nämlich zu den besten Songs der ursprünglichen TV-Show. Hochwertig produziert ist von den Solosängern über die Chöre bis hin zur Instrumentierung natürlich alles, aber dennoch überzeugt „The Ghosts Of Christmas Eve“ nicht auf voller Länge. Das liegt neben der veränderten Songauswahl vor allem auch an den Titeln an sich, die man bereits alle auf den ersten drei Weihnachtsalben schon zu hören bekam. Als Bonus gibt es zum Abschluss eine Live-Version von „Music Box Blues“, die anlässlich des Todes von Daryl Pediford bei einem Tribute-Konzert entstand, der den Titel ursprünglich gesungen hat.

„The Ghosts Of Christmas Eve“ ist ein gegenüber anderen Weihnachtsalben hochwertiges Release, das für die Verhältnisse von TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA aber doch einige Fragen aufwirft. Nachdem bereits bewährte Songs lediglich in ein neues Konzept oder vielmehr eine andere Story gepresst wurden, bekommt der geneigte Fan hier nichts neues geboten. Trotzdem können die Musiker anhand ihrer Erfahrung und Klasse weiterhin einiges wett machen und dem Weihnachtsfest mit ihrem symphonischen Metal einen alternativen Touch aufdrücken, der aber trotzdem als ernstzunehmendes, festliches Release bestehen kann.

Mannheim Streamroller – Christmas Extraordinaire

(Progressive Rock / Klassik / New Age) 2001 wurde mit „Christmas Extraordinaire“ das vierte weihnachtliche Studioalbum von MANNHEIM STEAMROLLER veröffentlicht. Vor allem in den USA konnte die Band um Chip Davis damit wieder große Erfolge feiern. So erhielt das Album 2004 dort eine dreifache Platin-Auszeichnung für drei Millionen verkaufte Einheiten und wurde 2014 auf Rang 14 der meistverkauften Weihnachtsalben der Vereinigten Staaten geführt. An ihrem Stil haben sie wenig verändert, fokussieren sich weitgehend auf klassische Weihnachtslieder und haben mit Johnny Mathis („O Tannenbaum“) einen namhaften Gastsänger gewinnen können.

Mit breiten Synthie-Flächen und 80er-Jahre-Sound beginnt der Opener „Hallelujah“, das aus Georg Friedrich Händels „Messias“-Oratorium entnommen worde. Festlich wird es durch die elektronisch imitierten Bläser, aber auch altertümliche Instrumente wie das Cembalo. Dennoch ein gewöhnungsbedürftiger Einstieg, der stark an Synthwave erinnert. Dass die Songs dabei weitgehend instrumental gehalten sind und die Instrumentierung etwas abgespeckt wurde, das fördert ihre oft weltbekannten Melodien stärker zutage und steht ihnen daher sogar ganz gut.

Hier seien beispielhaft das sehr andächtige „White Christmas“ oder das jazzige „Silver Bells“ genannt. Auffällig ist, dass diese eingesetzten Genres zwar im Grunde gleich geblieben sind, MANNHEIM STEAMROLLER aber den Fokus etwas verrückt haben. So sind die früher progressiv-rockigen Parts eher in den Hintergrund gerückt oder wurden gänzlich außen vor gelassen, dafür wurden Klassik, Ambient und New Age stärker in den Mittelpunkt der Musik gestellt. Trotz einer hochwertigen Produktion ist das schade, da aus der Mischung zwischen (Progressive) Rock und barocken Elementen auf früheren Releases eine spannende Stimmung entstand, die man hier oft vermisst.

In Teilen können „Faeries“ (angelehnt an Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“) oder „Fum, Fum, Fum“ (ein traditionelles katalanisches Weihnachtslied) diesen Spirit wieder zurückholen. Das reicht aber nicht für eine große Aufwertung von „Christmas Extraordinaire“, denn mit dem schnarchigen „Do You Hear What I Hear?“, dem fast unkenntlich gemachten „The First Noel“ oder dem durch schräge Synthies verschandelten „Winter Wonderland“ haben einige in dieser Form überflüssige Titel ihren Weg auf das Album gefunden.

An einer Auswahl von Weihnachtsliedern scheitern MANNHEIM STEAMROLLER nicht und liefern komplett neue Interpretationen ab, die sich aber immer mehr vom rockigen Spirit ihrer frühen Weihnachtsreleases entfernen. So entstehen im Bezug auf die Komposition einige qualitative Schwankungen, die von spannenden Umsetzungen bis hin zu langweiligen und vernachlässigbaren Songs reichen. In ihrer bisherigen Weihnachtsdiskografie wirkt „Christmas Extraordinaire“ angesichts des Release-Jahres etwas angestaubt. Durch die seichten New-Age-/Ambient-Songs taugt es vielleicht noch als seichte Hintergrundbeschallung zur alljährlichen Bescherung.

Coppelius w/ Liliath

Was folgt auf die Bühnenabstinenzankündigungskonzertreise? Richtig, die Bühnenabstinenzverweigerungskonzertreise. Zumindest bei COPPELIUS. Kurz gesagt melden sich die Berliner mit ihrem neuen Album „Kammerarchiv“ nach rund zwei Jahren Pause auf den Bühnen der Republik zurück. Mag sich bis auf einen neuen Mann am Schlagzeug auf den ersten Blick nicht viel geändert haben, so offenbart gerade die aktuelle Tour, dass die Kammercore-Musikanten an einigen Ecken und Enden gefeilt haben. 

Den Abend eröffnet zunächst LILIATH, das Orchester in seltsamer Besetzung. In viktorianischen Kostümen gekleidet vertonen die Musiker ihr Liedgut irgendwo zwischen Filmmusik, Steampunk, Gothic und Jazz. Kurzum: Sowohl optisch wie auch akustisch ist eine gewisse Avantgarde-Attitüde allgegenwärtig. Tim Burton lässt grüßen! Ausgestaltet wird die Art-Performance mit Songs voller skurriler Figuren, Formen und Farben. Dazwischen wendet sich Sängerin und Namensgeberin LILIATH immer wieder charmant an die Zuschauer, spricht über ihr seelisches Labyrinth oder den Ort, an dem einst das Licht geboren wurde. Mit einem Blick nach innen und außen lädt der Fünfer zur vertonten Suche nach dem eigenen Selbst ein. Für einige mag dies – zusammen mit dem ab und an arg esoterischen Anstrich des surrealen Musik-Kabaretts – zu viel des Guten sein, als Gesamtkonzept machen LILIATH ihre Sache aber ordentlich, ohne groß mit einzelnen Lieder zu brillieren.

Nach kurzer Pause melden sich COPPELIUS zurück bzw. sie werden zurückgemeldet: Ganz wie gewohnt betritt zunächst Diener Bastille die Bühne, bereitet alles für die Herren vor und stellt diese anschließend mit humoristischer Note einzeln vor. Neu im Line-Up ist Schlagzeuger Linus von Donnerschlag, der Nobusama an der Schießbude ersetzt und sich allein optisch stimmig einfügt. Auch musikalisch hat sich bei den Berlinern etwas getan: Metallischer wirkt die Gangart, weniger in der Breite verspielt und auch nicht mehr so wie ein kunterbunter Ritt durch den Gemüsegarten, sondern in sich geschlossener und vielleicht auch stimmiger. Das hat sich bereits auf der letzten Veröffentlichung „Kammerarchiv“ abgezeichnet, dort bekam unter anderem der Klassiker „I Get Used To It“ eine Generalüberholung spendiert. Symbolisch dient eben jener Song in seiner aktuellen Version auch als Opener des heutigen Abends. Das Backstage ist zu diesem Punkt gut gefüllt, wenngleich nicht ausverkauft, und einigen Gästen merkt man bereits zu Beginn an, dass sie sehnsüchtig auf das Comeback der Kammercore-Musiker gewartet haben. Was live auffällt: Ältere Stücke wie „Operation“, „Moor“, „Gumbagubanga“ und „Reichtum“ – allesamt von Le Comte Caspar gesungen – gehen nun mehr in Richtung Sprechgesang und erhalten dadurch einen völlig neuen Anstrich. Bei Ersterem schiebt der Klarinettist auf den finalen Publikumspart „…der schafft das schon“ noch ein überdeutliches „Nein“ hinterher. Später greift er dann bei „Luftmaschinenharpunist“ zum Megafon als Verstärker und abseits des Mikros zum zur Gitarre umgebauten Stoppschild bei „Bitten Danken Petitieren“ sowie weiteren instrumentale Eigenkonstruktionen.

Neben diesen Gimmicks ist das gesamte Set auch mit Einflüssen der Oper „Klein Zaches, genannt Zinnober“ gespickt, die Coppelius vor einigen Jahren in Gelsenkirchen auf die Bühne gebracht haben. 2020 folgt mit ihrer coppelianischen Interpretation von „Krabat“ die Fortsetzung. Ihren Höhepunkt erreichen die orchestralen Kompositionen beim instrumentalen „Dark Ice“ im Zugabenblock, das so atmosphärisch dicht wie musikalisch variabel gerät. Davor gibt es viel zu entdecken: Im Mittelteil krönen COPPELIUS ihre Darbietung mit der Kombi aus „Wrathchild“ und „Zeit und Raum“, die live ungemein gut zusammen funktionieren. Beim Iron-Maiden-Cover schrauben die sechs Musiker ihren Härtegrad mit teils growl-artigen Parts von Bastille auf bis dato ungeahnte Höhen und zeigen, dass ihre Zukunft auch im Metal liegen kann. Vielleicht auch in einer Metal Oper? In einigen Teilen erinnert die Inszenierung daran, beispielsweise wenn sich Bastille bei „Urinstinkt“ kurzzeitig als Dirigent verdingt. In anderen Momenten, wie beim System-Of-A-Down-Remake von „Radio Video“, und „Risiko“ dominiert der Ohrwurmfaktor. Die Songauswahl ist exzellent und die Reihenfolge perfekt gewählt, so dass COPPELIUS nach ihrer Pause einen wiedererstärkten Eindruck vermitteln. Die Publikumsinteraktion kommt ebenfalls nicht zu kurz: Konzertgast Niko darf sich bei „To My Kreator“ am Schellenkranz probieren und Bastille schenkt regelmäßig Sekt an die ersten Reihen aus, bis die Flasche leer ist. Die Energie der Musiker scheint indes nicht enden zu wollen, so dass auch im Zugabenblock bei „Schöne Augen“ und dem bereits erwähnten schmissigen „Risiko“ noch einiges geboten ist.

Letztendlich stellt sich aber auch mit einer etwas klareren musikalischen Ausrichtung die Frage, wo COPPELIUS hingehören und hinwollen. In ihrer eigenen Welt sind sie so einzigartig und überzeugend, dass es immer noch schwerfällt, sich diese Form von Musik zusammen mit anderen Metal-, Folk-, Gothic- oder Rock-Acts vorzustellen. Das Spezielle ist (und bleibt vermutlich) das größte Plus der Combo; gleichzeitig ist es aber auch fernab der Oper als eigener Ableger ihr größtes Risiko mit Blick auf größere Hallen, Festivals und eine gewisse Form von Zugehörigkeit, die es besonders allen Unwissenden leichter machen würde, mit dieser extravaganten Form von Darbietung und Vertonung in Berührung zu kommen. Einen Platz in der Musikwelt haben COPPELIUS in jedem Fall verdient, und wenn es nur ihr ganz eigener ist.

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Fotos von: Janina Stein (Gastfotografin)

Mosaic – Secret Ambrosian Fire

(Black Metal / Folk / Ambient) MOSAIC ist zweifellos nicht nur eines der außergewöhnlichsten, sondern auch eines der unvorhersehbarsten Musikprojekte im deutschsprachigen Raum. Nachdem Mastermind Martin van Valkenstijn auf „Old Man’s Wyntar“, seiner ersten größeren Veröffentlichung, auf unnachahmliche Weise Black Metal mit Neofolk und Ambient vereint hatte, wandte er sich auf der mitunter rituell anklingenden EP „Harvest“ beinahe gänzlich der akustischen Musik zu. Was die beiden Werke miteinander verband, war ein Gefühl von Urtümlichkeit und Mystik. Doch selbst an diesem Markenzeichen kann man MOSAIC offenbar nicht festmachen, denn zeitgleich mit dem längst überfälligen Debüt-Full-Length „Secret Ambrosian Fire“ erscheint nun auch ein Kurzalbum namens „Fensterverse und Nachtgespinste“, das Gedichte von Ulrike Serowy vertonen und modern-urbane Einflüsse von Einstürzende Neubauten und EA80 aufweisen soll.

„Secret Ambrosian Fire“ selbst steht zwar ganz und gar in der retrospektiven Tradition des Projekts, dennoch wartet MOSAIC auch hier mit mehr als einer Überraschung auf. Wer aufgrund der hitzig brodelnden Vorab-Single „Cloven Fires“ mit einem schwarzmetallischeren Album gerechnet hat, ist Valkenstijn bei dem Versuch, ihn zu durchschauen, einmal mehr auf den Leim gegangen. Tatsächlich ist es kaum möglich, „Secret Ambrosian Fire“ in eine bestimmte Schublade zu stecken. So wird das Album etwa von zwei Variationen desselben kompositorischen Motivs eingerahmt, die aber doch kaum unterschiedlicher sein könnten: „Am Teufelsacker“ eröffnet die Platte mit schwermütigen Vocals, Harmonium und marschierenden Drums, „Im Kohlensud“ schließt sie hingegen nach einer guten Dreiviertelstunde mit tiefem, stoischem Sprechgesang und mysteriösen Electro-Sounds ab.

Auch dazwischen lässt MOSAIC die Grenzen zwischen Genres wie heißes Wachs zerrinnen. Für reinen Folk lauern in den Stücken zu viele unheilverkündende Distortion-Gitarren, für Ambient tut sich zu viel und die verheißungsvollen Klargesänge, die ungreifbaren Clean-Gitarren sowie die oftmals geradezu hypnotischen Perkussionen sind auch nicht gerade das, was man gemeinhin unter Black Metal versteht. Lediglich das spröde, bedrückende „Coal Black Salt“ lässt sich verhältnismäßig leicht als schnörkellose Folk-Nummer einordnen.

Abgesehen von dem explosiven „Cloven Fires“ gibt es noch einen einzigen Track, in welchem MOSAIC mit herkömmlicher Black-Metal-Stilistik arbeitet: „The Devil‘s Place“, das zehn Minuten lange Herzstück und zugleich der Höhepunkt der Platte. Hier und nur hier bedient sich Valkenstijn zur Untermalung seiner geheimnisumwitterten Lyrik, die sich um Mythen aus der Region Thüringen und insbesondere die Hörselbergsagen dreht, ungeschlachter Screams, machtvoller Gitarrenriffs und donnernder Blast-Beats – dies jedoch auch auf äußerst markante Weise. Allein schon den für MOSAIC charakteristischen, bewusst altmodisch abgemischten Monolog, welcher in seiner boshaften Erhabenheit klingt, als spräche der Teufel höchstpersönlich, vermag wohl keine andere Band auf derart imposante Weise vorzutragen.

Dass Valkenstijn und sein fast schon aberwitzig großes Ensemble von Gastmusikern mit „Secret Ambrosian Fire“ den zeitlosen, sich immerfort im Wandel befindenden Charakter von MOSAIC perfekt eingefangen und zugleich die verschiedensten Musikrichtungen untrennbar miteinander verschmolzen haben, lässt sich wohl am besten am Beispiel von „Ambrosia“ veranschaulichen. War der Track bereits auf der B-Seite von „Cloven Fires“ mit seinen nebulösen, finsteren Gitarrenmelodien ein Kuriosum, ist der Song in der von geloopten Vocals und ominöser Perkussion getragenen Albumversion kaum wiederzuerkennen – und doch ebenso stimmungsvoll wie das Original. Auf die Platte als Ganzes bezogen lässt sich dementsprechend feststellen, dass MOSAIC hiermit ein zutiefst atmosphärisches und einzigartiges Tonkunstwerk geschaffen hat, dem ein eigentümlicher, archaischer Zauber innewohnt, welchem man sich kaum entziehen kann.

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