Archives

Rome – Le Ceneri Di Heliodoro

(Chanson Noir/ Post-Folk) Wer dachte, dass Jerome Reuters Herzensprojekt ROME mit solchen grandiosen Tracks wie „Die Brandstifter“ („Masse Mensch Material“) oder „Querkraft“ („Confessions D’Un Voleur D’Ames“) seinen Höhepunkt erreicht hat, der irrt. Denn der Luxemburger legt seit 2006 stets so gute bis brillante Alben vor, dass ROME keinen Höhepunkt zu erreichen gedenkt, da es sich bereits auf diesem befindet – und auch völlig unbeirrt dort bleibt.

Mittlerweile im Chanson Noir/ Post-Folk angekommen, rasten ROME zuvor durch einige Haltestellen im Neofolk, Martial Industrial und Apocalyptic Folk, denn im Abstand von mitunter weniger als einem Jahr brachte das Luxemburger Projekt neue Alben auf den Markt.

Mag sich die musikalische Ausrichtung ab und ab geändert haben, so ist Reuters Anspruch an gehaltvolle Texte allerdings stets geblieben. Die Protagonisten von ROMEs Texten sind dabei zumeist vergessene Helden der Geschichte sowie Außenseiter des 20. Jahrhunderts. Neben anarchistischen Rebellen („Flowers From Exile“) und dem französischen Widerstand („Nos Chants Perdus“) widmete sich Reuters auch schon dem Freiheitsbestrebungen Südafrikas („A Passage To Rhodesia“).

Auf dem nunmehr 13. Album „Le Ceneri Di Heliodoro“ (Die Asche von Heliodoro“) beschäftigt sich ROME erneut mit einem politisch eher schwer im Magen liegenden Thema, nämlich der auflösende Einheit Europas sowie der zerbrechlichen Brüderlichkeit einer Nation. Was die Rolle dieses geheimnisvollen Heliodoros darin ist, ob dieser als Prophet oder Dämon, Retter oder Jäger auftritt, bleibt Reuter als Antwort allerdings schuldig.

Auf den elf Tracks tritt ROME dabei gewohnt souverän auf: Die Verschmelzung von historischen Liedaufnahmen, von Sprachsamples, dem Klavier sowie Reuters tiefer Bassstimme und seiner Akustikgitarre ergeben eine Dreiviertelstunde Klangkino pur. Das sich gemächlich erhebende „Sacra Entrata“ ist dabei der ideal Einstieg in „Le Ceneri Di Heliodoro“, mit dem sich ROME verstärkt dem Neofolk zuwenden.

Die starken Refrains blühen in der minimalen Instrumentierung auf („A New Unfolding“, „The West Knows Best“), Reuters Talent für beinah schon sexy Rhythmen suchen ihresgleichen („Feindberührungen“, „Black Crane“) und mit „Fliegen wie Vögel“ erinnert ROME an Death In June’s unterschätzten Apocalyptic-Folk-Meisterwerk „Operation Hummingbird“.

Überraschend ist es nicht, deutlich gesagt werden sollte es dennoch: Auch auf dem 13. Studioalbum bündelt Reuter sämtliche kreativen Kräfte, um mit ROME ein weiteres hervorragendes, modernes Neofolk-Album zu veröffentlichen!

Heavy Trip

“Welche Musik spielt ihr Dumpfbacken überhaupt?”
“Symphonic post-apocalyptic reindeer grinding christ abusing extreme war pagan Fennoscandian metal!”


Mit HEAVY TRIP startet am 10. Januar 2019 eine charmante, schwarzhumorige Road-Trip-Komödie aus Finnland in den deutschen Kinos, das eine kleine Hobby-Metal-Band auf ihrem Weg aus dem Keller hinaus in die Welt (und hoffentlich auch auf die große Festivalbühne?) begleitet, und dabei so liebevoll wie augenzwinkernd die Metal-Szene aufs Korn nimmt und diese dabei tief (oder noch tiefer) ins Herz schließen lässt.

Die vier Freunde Turo, Lotvonen, Pasi und Jynkky haben eine Metalband, die in zwölf Jahren weder eigene Songs, geschweige denn einen Bandnamen hervorgebracht hat. Die jungen Metaler begnügen sich mit dem Nachspielen bekannter Metalsongs im elterlichen Keller, während sie untertags ihren gutbürgerlichen Jobs wie Pfleger oder Rentierschlachter nachgehen und im Dorf weithin als Loser und schräge Typen belächelt werden. Doch als es den Manager eines norwegischen Metal-Festivals auf der Suche nach Rentierblut in das kleine finnische Dorf verschlägt, wittern die Musiker ihre große Stunde und drücken dem fleischgewordenen Wink des Schicksals eine Kassette mit ihrem ersten selbstgeschriebenen Song in die Hand. Zwar bleibt der genervte Manager den Jungs vorerst eine Antwort schuldig, doch dass die Möglichkeit auf einen Gig im Ausland besteht verbreitet sich im Dorf wie Lauffeuer. Bald sind Turo, Lotvonen, Pasi und Jynkky in ihrer Heimat gefeierte Stars, bevor sie überhaupt einen einzigen Auftritt vor Publikum bestritten, geschweige denn eine Zusage für das Festival haben. Und trotzdem – der “Heavy Trip” nach Norwegen muss natürlich schonmal sorgfältig geplant werden …

Mit HEAVY TRIP haben die Regisseure Juuso Laatio und Jukka Vidgren ein Kleinod mit Potential zum Kultfilm geschaffen. Dem einen oder anderen mögen die zahlreichen humorvollen Szenen rund um Bandnamens- und Soundfindung, lange Haare, schwarze Kleidung, Särge und Bühnenidentität zu klischeebeladen sein, doch die vielen kreativen Einfälle, ironischen Seitenhiebe und einfühlsamen Beobachtungen machen trotzdem einen großen Spaß und sorgen für viele Lacher. Die schon oft verfilmte Geschichte rund um Außenseiter auf dem Weg zum Ruhm bekommt dadurch eine ganz eigene Identität und Sprache, und lässt nicht nur Szenekenner schmunzeln. Ganz im Gegenteil, wer die Metal-Szene bisher nur von außen als gefährliche und sonderbare Subkultur verstanden hat, findet in HEAVY TRIP nicht nur ein Plädoyer für Akzeptanz, für Herausstellung der eigenen Einzigartigkeit, und auch dafür, nie aufzugeben, sondern auch für den Metaler an sich, bei dem harte Schale und weicher Kern nicht selten zusammengehören. Eine sympathische Wohlfühl-Komödie mit Wiederholungspotential.

Noch ein Hinweis für die Menschen, die besonderen Wert auf das “audio” in “audio-visuelle Medien” legen: Der Soundtrack des Films wurde von Lauri Porra komponiert, dem Bassisten der finnischen Power-Metal-Band Stratovarius.

HEAVY TRIP läuft vom 10. bis 12. Januar 2019 in ausgewählten deutschen Kinos. Ab dem 21. Februar 2019 ist HEAVY TRIP digital erhältlich und ab dem 1. März 2019 auf DVD und Blu-ray.

Alithia – The Moon Has Fallen

(Progressive Rock / Alternative Rock / Post-Rock) Seit ihrer Gründung 2004 haben ALITHIA vor allem im Prog-Sektor einiges erreicht. Neben einem viel gelobten Debütalbum „To the Edge Of Time“ (2014) durften sie zuletzt als Vorband von Leprous und Agent Fresco auftreten. Aktuell steht eine Tour mit den norwegischen Shining an. Auch mit The Ocean, Animals As Leaders, Alcest oder Ne Obliviscaris teilten sich die Australier schon die Bühne. Nun haben die sechs Musiker ihr zweites Album „The Moon Has Fallen“ veröffentlicht.

Die Platte gleich mit dem längsten Track, dem fast elfminütigen „The Sun“ zu beginnen, war sicherlich nicht die beste Idee. Im Grunde wäre es jedoch mehr oder weniger egal gewesen, welchen Song die Band dafür wählt, denn so richtig spannend oder herausragend ist kaum ein Stück auf „The Moon Has Fallen“. ALITHIAS Progressive Rock schwimmt sehr offensichtlich im Fahrwasser von Bands wie Anathema, erreicht aber zu keiner Zeit dessen Eingängigkeit, Emotionalität oder spielerische Klasse.

In den meisten Abschnitten des Albums legen ALITHIA Synthesizerteppiche vor, die sie mit generell für Progressive Rock arg banalen Grooves und Beats versehen. Erinnerungswürdige Riffs oder Synthesizerlicks sucht man dagegen vergeblich. Zwar ist die Musik, wie eben bei Anathema auch, stark auf die Gesangsperformance fokussiert und ausgerichtet. Leider aber irrt Sänger John Rousvanis eher ziellos in der Musik umher, meist ohne die Fähigkeit, eine packende Melodie zu finden. Obwohl er durchaus bemüht ist, seinen angenehmen Gesang zwischen verhaucht-sanften Chören und aggressiv angezerrten Rock-Vocals zu variieren, fehlt es ihm vor allem an echten Emotionen.

ALITHIA beherrschen ihre Instrumente zweifellos und die Arrangements sind durchaus liebevoll und sorgfältig ausgearbeitet, die Songs als Ganzes kann man allerdings auch nach mehreren Durchläufen nur schwer voneinander unterscheiden. Wann immer die Band den Eindruck erweckt, sie sei einem tieferen Gefühl auf der Spur, verharrt die Band an der glatten Oberfläche, statt wirklich mal ins Rohe, Ungeschliffene einzutauchen.

Das ist sehr schade, denn grundsätzlich haben ALITHIA einen durchaus interessanten, eigenen Sound entwickelt, der das Potential hätte, viel vermitteln zu können. Einige der Percussionelemente sind stimmig eingesetzt und auch die verträumte Stimmung der Musik hat in vielen Momenten eine fast schon hypnotische Wirkung. Letztlich lässt das Album aber – bis auf in einigen sehr gelungenen Passagen in „Empress“, „Diamonds“ oder „Faces In The Leaves“ – sein Potential an zu vielen Punkten ungenutzt, als dass man es uneingeschränkt empfehlen könnte.

Sowohl was den Anteil an Post-, Alternative als auch Progressive Rock in ihrer Musik angeht, haben ALITHIA stets einen Plan davon, wie man diese Klangwelten professionell erzeugt. Was allerdings zu häufig fehlt, sind greifbare Momente. Zu ausschweifend, zu wenig zielgerichtet und stellenweise auch zu süßlich ist das alles, um einen wirklich packen zu können. Irgendwo tief in der Musik steckt viel, das es zu Erkunden wert wäre, aber ALITHIA trauen sich nicht so ganz, es freizulegen und begnügen sich lieber mit der reibungsfreien, risikoarmen Hülle.

Deth Crux – Mutant Flesh

(Post-Punk / Industrial Rock) Ein greller Neonschein. Der Geruch von billigem Parfüm, ein allzu leicht durchschaubarer Versuch, den Gestank von Lust und Verdorbenheit zu übertünchen. Und dann von irgendwo ein beinahe unmenschlicher Schrei – der Verzückung oder des Entsetzens? Schauplatz dieser Szenerie ist die Unterwelt von Los Angeles und die Band, die uns an diesen auf morbide Weise faszinierenden Ort lockt, nennt sich DETH CRUX. „Mutant Flesh“, das Debüt der amerikanischen Death-Rocker, versteht sich als Hommage an die finsteren Seiten ihrer Heimatstadt, scheint aber auch mit dem gefährlichen Sex-And-Crime-Charme von Filmen wie Sin City zu liebäugeln. Wer könnte einer solch verführerischen Einladung widerstehen?

Die Stilmittel, derer sich DETH CRUX bei der Vertonung ihrer urbanen Gruselgeschichten bedienen, sind denen ihrer musikalischen Vorbilder, zu welchen etwa Fields Of The Nephilim, Bauhaus und Christian Death gehören, gar nicht so unähnlich. Dass einige Mitglieder des Quintetts zuvor in Buried At Sea und Lightning Swords Of Death im extremen Metal unterwegs waren, merkt man „Mutant Flesh“ kaum an. Kurz gesagt: DETH CRUX spielen astreinen Post-Punk, mit allem was dazugehört. Der überwiegend stoische Gesang, der nur gelegentlich stärkere Emotionen zum Ausdruck bringt, hat eine subtil unheimliche Note an sich, wohingegen die Gitarren durchwegs unheilvoll klingen und die simplen, schmissigen Drums einen treibenden Rhythmus vorgeben.

Es braucht eine Weile, bis die Post-Punker voll in die Gänge kommen, doch spätestens als zu Beginn von „Black Abominable Lust“ die schauderhaften Keyboards einsetzen, wird klar, dass DETH CRUX es vortrefflich verstehen, ihr unterhaltsames Narrativ mit der passenden Musik zu untermalen. „Chrome Lips“ und „Yellow Sky“ überraschen beispielsweise mit schrillen Saxophon-Einlagen, der Titeltrack und „Xenophilia“ begeistern hingegen mit ihren verspielten, beinahe dramatischen Leadmelodien und ihren dynamischen Arrangements, die auf Anhieb ins Ohr gehen.

Mithilfe der kalten Keyboard-Schauer wie etwa auf „Lycanthropic Prostitution“ vermitteln DETH CRUX indes ein unbehagliches Gefühl der Paranoia, fast so, als würde man im Drogenrausch durch ein Rotlichtviertel irren – immer auf der Flucht vor etwas, das schon längst kein Mensch mehr ist. Der einzige Aspekt, hinsichtlich dessen „Mutant Flesh“ kein absolut stimmiges Bild abgibt, ist die etwas zu verwaschene Produktion – obwohl man durchaus auch argumentieren kann, dass ein gestochen scharfer Sound gar nicht so gut zur Grundstimmung des Albums gepasst hätte.

„Mutant Flesh“ hat durchaus seine Schwachpunkte: Die leicht unscharfe Produktion ist sicher nicht jedermanns Sache und DETH CRUX hätten ihre kleinen Experimente ruhig noch ein wenig weiter treiben können. Was die Amerikaner jedoch vielen ihrer Post-Punk-Revival-Kollegen voraus haben, ist die in sämtlichen Punkten konsistente Umsetzung ihres Konzepts. Schon auf ihrem Erstwerk haben die Death-Rocker durch die stimmige Verknüpfung der Texte, des Artworks und des Klangs der Musik ihre eigene, kleine, verruchte Welt geschaffen, in der die Grenzen zwischen Begierde und Gefahr zu verschwimmen scheinen.

The Algorithm – Compiler Optimization Techniques

(Progressive Metal / IDM) Wer auf der Suche nach facettenreicher Musik ist, die beispielsweise Electronica mit Prog Metal verbindet, sollte aktuell seinen Blick gen Frankreich lenken. Nach Pryapisme und Hardcore Anal Hydrogen schicken sich nämlich nun THE ALGORITHM an, die Metal-Welt mal wieder ins Staunen zu bringen.

Im Jahre 2009 als Einmannprojekt des Wahl-Kölners Rémi Gallego gegründet, brachte THE ALGORITHM seitdem drei Studioalben auf den Markt, eine verschrobener als die andere. Dabei kehrt Gallego die Zusammensetzung einer Djent-Platte um: Anstatt kühl produziertes Palm Muting mit Samples zu unterlegen, nutzt THE ALGORITHM typische Elemente der IDM (Intelligent Dance Music) die von Djent- sowie Mathcore-Elementen begleitet wird. Unter Verwendung eines Midi (Musical Instrument Digital Interface) Controllers verbindet Gallego zwei Genres, die handwerklich unterschiedlicher kaum sein könnten, aber vom gleichen Antrieb getrieben sind: Innovation, out-of-the-box-Denken, Facettenreichtum.

Selbst in der fortschrittlichen Prog-Szene stellen THE ALGORITHM ein Novum dar. Ein Umstand, den die aktuelle Platte „Compiler Optimization Techniques“ nur noch erhärten wird: Dort treffen druckvolle Basslinien auf elektronische Sounds, die sich mit den sieben Saiten der Gitarren zu einem Ungetüm erheben („Fragmentation“) oder in dem jene sieben Saiten in feinster Prog-Metal-Manier in einen Song einleiten, der sich im weiteren Verkauf ebenso geschmeidig wie heavy gibt („Binary Space“, „Superscalar“). Gerade in diesen beiden Songs zeigt sich, dass Prog Metal und Electronica in Symbiose leben können, denn nachteilig ist diese Verbandelung für keine der beiden Richtungen.

Wenngleich nicht nachteilig, ist dieses Zusammenspiel allerdings fordernd für den Hörer: Was Periphery und Tesseract an Komplexität mit warmen melodischen Klargesang wieder wett machen, gelingt THE ALGORITHM nicht. Als reines Instrumentalprojekt auslegt, müssen allein Gallegos Ideen am Sequenzer reichen, um „Compiler Optimization Techniques“ auf Dauer nicht zu anstrengend und wirr werden zu lassen. Wer Celldweller trotz Klaytons Gesang zu unkoordiniert empfindet, sollte gehörig Abstand halten von THE ALGORITHM!

Besonders auf dem denkbar schlecht platzierten Opener „Cluster“, immerhin einem knapp zwölfminütigen Track, zeigt sich diese Schwierigkeit. Zu viele wechselnde Motive, zu unharmonisch die Übergänge, eine Herausforderung ohne klaren roten Faden. Als Grundsteinlegung für die restlichen vier Songs schlecht gewählt, versucht THE ALGORITHM hier etwas, was wesentlich mehr Tiefgang und Steigerung bedarf, um den Hörer nicht restlos zu überfordern.

Mit „Compiler Optimization Techniques“ zeigt das Einmannprojekt THE ALGORITHM sowohl seine größte Stärke als auch seine noch deutlich hörbare Schwäche: Die Kunst, dauerhaft gut zu unterhalten. Noch gelingt das Gallego nicht mit jedem seiner Songs, mit dem einen oder anderen Track hingegen grandios („Fragmentation“). Das Lot schlägt sowohl nach oben als auch nach unten noch zu sehr aus, was allerdings bei dem mutigen Unterfangen, Prog Metal und IDM zu verbinden, nicht überrascht.

Duncan Evans – Prayers For An Absentee

(Folk / Post-Punk / Singer-Songwriter) Vor allem im Black-Metal-Umfeld ist es nicht unüblich, dass man neben der „Hauptband“ auch ein Soloprojekt betreibt. Bei den meisten dieser Ein-Mann-Bands unterscheidet sich die Musik jedoch allenfalls geringfügig von der ihrer mehrköpfigen Pendants. Nicht so im Fall von DUNCAN EVANS, dessen Mischung von Folk, Post-Punk und Singer-Songwriter-Klängen kaum ein Indiz dafür liefert, dass der Brite vormals bei den Avantgarde-Black-Metallern A Forest Of Stars Gitarre spielte. Mit „Prayers For An Absentee“ veröffentlicht DUNCAN EVANS zum zweiten Mal unter eigenem Namen, diesmal allerdings mit einer ganzen Band im Rücken, ein Album, dessen Einflüsse nicht etwa bei Darkthrone, sondern bei Nick Cave und Leonard Cohen zu finden sind.

Die Dramatik und Intensität, die man von A Forest Of Stars gewohnt ist, spielen auf „Prayers For An Absentee“ nicht einmal im Ansatz eine Rolle. An ihre Stelle setzt DUNCAN EVANS eine zumeist sehnsüchtige, tröstende und vertraute Grundstimmung. Das treffendste Beispiel dafür steht mit „Bring Your Shoulder“ gleich am Beginn des Albums: Verwässerte Gitarren im altbekannten The-Cure-Stil, einfühlsamer Gesang und unkompliziertes Drumming und Klavierspiel nehmen den Hörer sanft in den Arm, wo er sich, wie in den Texten ersehnt, ohne Scham ausweinen kann.

Zwar fühlt man sich nicht bei jedem der Songs derartig geborgen – „Us And Them And You And Me“ klingt anfangs noch eher beklemmend und „Christabel“ bringt mit seinem schnittigen Post-Punk-Pepp ein wenig mehr Hektik ins Spiel –, doch im Allgemeinen ist „Prayers For An Absentee“ von einem Gefühl verständnisvoller Nähe geprägt. Insbesondere am Piano bringt DUNCAN EVANS seine Emotionen nachvollziehbar zum Ausdruck und verpackt sie in leicht zu merkende Melodien, sogar und insbesondere im zehnminütigen „Trembling“.

Doch die Gefühlsduselei, der DUNCAN EVANS so ausgiebig frönt, hat auch ihre Tücken. Zum einen trällern die Gitarren oftmals recht ziellos vor sich hin, zum anderen legt der britische Einzelgänger manchmal ein bisschen zu viel Pathos in seine Vokalperformance. Dies hat unter anderem zur Folge, dass es manche der Lieder mit ihrem schrulligen Classic-Rock-Kitsch übertreiben („Poppy Tears“) und andere in ihrer Struktur schlichtweg banal erscheinen („Borderlands Prayers“, „I Know“). Dem gefühlvollen Flair, den die Platte in ihren stärkeren Momenten verströmt, versetzen die mittelmäßigen Stücke leider einen deutlichen Dämpfer.

Obwohl DUNCAN EVANS auf „Prayers For An Absentee“ kaum jemals Langeweile aufkommen lässt und in einigen Tracks sogar eine starke, emotionale Wirkung aussendet, begeistert das zweite Album des Briten nicht auf ganzer Linie. Die immer mal wieder zu harmlosen oder beliebigen Arrangements zehren genauso an einigen der Songs wie der bisweilen über das Ziel hinausschießende, affektierte Gesang. Seinen Ruf als talentierter Musiker setzt DUNCAN EVANS damit zwar nicht zwangsläufig aufs Spiel, zumal das Album aus technischer Sicht einwandfrei ist, doch für eine unbedingte Kaufempfehlung reicht es im Gegensatz zur aktuellen Platte von A Forest Of Stars dann doch nicht.

The Lion’s Daughter – Future Cult

(Extreme Metal / Synthwave) „Existence Is Horror“. Nicht nur eine sehr pessimistische Aussage, sondern auch der Titel des letzten Albums von THE LION’S DAUGHTER. Mit garstig bösen Riffs zwischen Death, Sludge, Doom und Black Metal machten sie dem Albumnamen alle Ehre. Auch auf ihrer neuen Platte „Future Cult“ geht es in gewisser Weise um Horror, allerdings auf eine etwas andere Art und Weise. Wer nämlich eine geradlinige Fortführung des Stils der US-Metaller erwartet, der wird sich bereits bei den ersten Tönen des Album wundern. Denn auf ihrem dritten Album nehmen sich THE LION’S DAUGHTER jenem Synthwave-geprägten Sound von Bands und Komponisten wie Goblin oder John Carpenter an, die besonders in den 80er Jahren oft für die Soundtracks von Horrorfilmen verantwortlich waren. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Filme von Zombie-Legende George A. Romero, Giallo-Experte Dario Argento oder John Carpenter selbst.

Was sich also beim Titeltrack und Opener des Albums nur andeutet und zunächst als typisches Intro aufgefasst werden kann – welche ja oft Elemente wie Synthesizer nutzen, die später dann nicht mehr vorkommen – bestätigt im Anschluss „Call The Midnight Animal“: THE LION’S DAUGHTER nehmen auf „Future Cult“ markante Synthesizer-Hooks und bauen ihr Extreme-Metal Gerüst um diese herum. Wie fantastisch diese Kombination funktioniert, zeigen vor allem „Suicide Market“, „Call The Midnight Animal“ und „Die Into Us“ äußerst eindrucksvoll. Tatsächlich gelingt es der Formation, den von vielen nostalgisch verehrten Sound dieser 80er-Jahre-Horrofilm-Soundtracks zeitgemäß und stimmig in die Gegenwart zu verlagern, ohne dass diese Idee zum reinen Gimmick verkommt.

Vollständig ausgereift ist das Konzept hier allerdings noch nicht. Zu oft verlassen sich THE LION’S DAUGHTER auf ihre eingängigen Hooks, die sich meist durch einen Großteil der Songs ziehen. Zu wenig weiß der Metal-Anteil dagegen an manchen Stellen zu erzählen. Die Synthesizer einfach nur mit E-Gitarren und Getrommel zu unterlegen, mag für kurze Zeit effektiv sein, für einen Song gehört aber mehr dazu. Perfekt ausbalanciert ist dieses Verhältnis dagegen beispielsweise im Albumhighlight „Die Into Us“: Auch hier führt ein markantes Synthie-Thema durch den Song, liebäugelt dabei aber stets mit einer ähnlich prominenten Black-Metal-Melodie, während sich im Hintergrund die Rhythmusfraktion und der zwar gewöhnungsbedürftige, aber hier zweifellos gut passende Zerrgesang von Fronter Rick Giordano immer weiter zu einem tosenden Sturm aufschaukeln. Dieser Track lässt erahnen, zu welchen grandiosen Meisterstücken die Band fähig ist, wenn sie ihr Konzept noch etwas besser ausarbeitet.

Um es mit den Synthie-Spielereien nicht zu übertreiben, streuen THE LION’S DAUGHTER insbesondere in der zweiten Hälfte Songs ein, die zu großen Teilen von ihrem bekannten Black-/Sludge-Metal getragen werden. So kann das rasante, dissonsante „Galaxy Ripper“ ebenso überzeugen wie das schwermütige Finalstück „In The Flesh“. Etwas misslungen ist dagegen das fade „Tragedy“, welches nie so recht in Fahrt kommt. „The Gown“ wiederum, das als nur von Bass und Synthesizern getragenes Interlude bestens funktioniert hätte, bräuchte das Metal-lastige, wenig spannende letzte Drittel gar nicht.

Doch von diesen kleineren Schwächen des noch in den Kinderschuhen steckenden, neuen Stils der Band abgesehen ist THE LION’S DAUGHTER mit „Future Cult“ ein außerordentlich fieses Nostalgievergnügen gelungen, das durch seine Kombination von Retro-Synthies und modernem Extreme Metal einen einzigartigen Sound formt. Wenn die Band sich in Zukunft darauf fokussiert, die noch nicht so gut funktionierenden Ideen zu verbessern, dann könnte sie damit eine kreative Nische besiedeln, die der Weiterentwicklung von Extreme Metal gut tun würde. So oder so lässt sich die Truppe hoffentlich nicht von den leider doch recht zahlreichen negativen Kritiken verunsichern, die die Band für ihren Mut zu experimentieren abstrafen. Es wäre ein fatales Signal.

W.A.I.L. – Wisdom Through Agony Into Illumination And Lunacy Vol. II

(Black / Doom Metal / Neofolk) Wenn eine Metal-Band ein Album mit lediglich zwei Songs, dafür aber mit einer Gesamtlaufzeit von einer vollen Stunde veröffentlicht, gibt es dafür üblicherweise zwei mögliche Erklärungen: Entweder handelt es sich um das Werk einer ganz normalen Progressive-Metal-Gruppe oder um eine obskure, experimentelle Kreation aus dem stilistisch extremen Underground. „Wisdom Through Agony Into Illumination And Lunacy Vol. II“, das zweite Album der Finnen W.A.I.L. fällt ganz klar in die zweite Kategorie. Thematisch setzt sich das Quintett darauf mit vermeintlichen Dualitäten wie Gut und Böse auseinander und greift dabei in musikalischer Hinsicht auf Charakteristika von Black Metal, Doom Metal, klassischer und ritueller Musik zurück.

Überraschenderweise ist das, was W.A.I.L. im Verlauf der ersten Handvoll Minuten von „Through Will To Exaltation Whence Descent Into A Bottomless Black Abyss“ spielen, alles andere als außergewöhnlich. Die biestigen, an Nergal (Behemoth) erinnernden Growls und die grobschlächtig schleppenden Gitarren und Drums kommen zwar dank der druckvollen Produktion mit einer satten Portion Wucht daher, bringen aber nichts grundlegend Neues auf den Tisch. Zwar halten W.A.I.L. die Spannung mittels Tempiwechsel und Groove-Passagen auf einem ansprechenden Level, doch erst der ausgedehnte, finstere Clean-Abschnitt mit den lässig schlurfenden Drums, der den Track beschließt, lässt wirklich aufhorchen.

Auf „Reawakening Through Anguish Into Gestalt Of Absolute“ verhält es sich hingegen ganz anders. Angefangen bei dem fünfminütigen, rituell anmutenden Intro mit mysteriösen Akustikgitarren und Tribal-Perkussionen leiten W.A.I.L. den Song über einen kriechenden Doom-Einschub mit tragischen Streichern im Stil von My Dying Bride hin zu einer halsbrecherischen, ausschweifenden Drumroll, ehe der Track den Hörer erneut mit mächtigen Riffs und Double-Bass-Drums überrollt. Es folgt ein Break mit sphärischen Keyboardflächen, die wiederum in ein klassisch inspiriertes Klavierarrangement übergehen.

Nachdem man der ergreifenden Schönheit der Tastenklänge ein paar Minuten lang lauschen durfte, finden W.A.I.L. wieder zum Metal zurück – nunmehr mit trostlosen Leadmelodien, die an alte Paradise Lost denken lassen. Obwohl die Skandinavier etwas Zeit gebraucht haben, um in die Gänge zu kommen, erweisen sich die einzelnen Komponenten der Platte somit letzten Endes doch als herausragend.

Dass W.A.I.L. ihr Songmaterial nicht auf mehrere Nummern aufgeteilt haben, obwohl es ein paar Schnittpunkte gibt, die sich dafür angeboten hätten, wirkt zugegebenermaßen etwas gezwungen, sodass man durchaus behaupten könnte, dass „Wisdom Through Agony Into Illumination And Lunacy Vol. II“ eigentlich nicht mehr als die Summe seiner Teile ist. Obgleich die Experimental-Metaller ihre Musik dadurch übermäßig sperrig präsentieren, enthält das zweite Album der mysteriösen Formation derart viel Großartiges, dass sich das vermeintlich mühsame Hinhören voll und ganz lohnt. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert, dass W.A.I.L. ihre verschiedenartigen Stilmittel beim nächsten Mal enger miteinander verschnüren.