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Johanna Sophie Krins

Frauen in Führungspositionen, Gleichberechtigung und Co. – diese Themen sind in den Medien präsenter denn je. Doch wie verhält es sich in der Folk- und Mittelalterszene? Wie sehr muss das vermeintlich schwache Geschlecht um Anerkennung und gegen Vorurteile kämpfen? In unserer neuen Interview-Serie „Frauen im Folk“ widmen wir uns diesem Thema. Den Anfang macht Johanna Sophie Krins, Sängerin bei Bannkreis und das Gesicht von DELVA. Wir sprachen mit ihr unter anderem darüber, warum sie lieber mit Männern zusammenarbeitet und wie sie die Unterschiede wahrnimmt.

Hallo Johanna! Mit dir beginnen wir unsere Interview-Serie „Frauen im Folk“. Für dich zum Einstieg: Wie bewertest du das Standing von Frauen in der weit gefassten Folk- und Mittelalterszene?
Hallo! Also, ich für meinen Teil fühle mich sehr wohl als Frau im Folk und hatte nie den Eindruck, weniger ernst genommen zu werden als ein Mann; dazu gäbe es ja auch gar keinen Grund *lacht* Von Vorteilen kann man aber meiner Meinung nach auch nicht sprechen. Mir fällt höchstens manchmal auf, dass Frau ab und an leichter gut gefunden wird, als es aus musikalischer Sicht verdient wäre; einfach nur, weil eine Person des „schöneren Geschlechts“ schnell mal was hermacht auf der Bühne. Das mag als Unterhaltungsfaktor auf dem ein oder anderen Mittelaltermarkt vielleicht ausreichen, für eine ernstzunehmende Band genügen das kurze Röckchen und der knallige Lippenstift allein jedoch nicht als Qualitätsmerkmal.

(c) Helge Roewer, www.hr-pictures.de

Du hast bereits mit Szenegrößen wie der Letzten Instanz, Eric Fish und vielen anderen die Bühne geteilt. Wie waren deine persönlichen Erfahrungen mit männlichen und weiblichen Musikern?
Ich arbeite sehr gerne mit männlichen Kollegen zusammen. Aber auch da gibt es hin und wieder Zickereien oder Eitelkeiten, um Menschen mit ebendiesen Vorurteilen mal den Wind aus dem Segel zu nehmen *grinst* Genauso gibt es aber auch unkomplizierte Kolleginnen, mit denen ich sehr gerne und ohne Neid und dergleichen auf der Bühne stehe. Ich glaube, der Neid zwischen Frauen ist auch noch viel mehr hinter und vor allem vor der Bühne zu finden, also unter den Fans: Wer ist als Freundin, Fanclubmitglied, Mercherin oder Tourbegleiterin näher an der Band und hat die interessantesten Informationen? Da fehlt, denke ich, vielen vor lauter „dem Musiker gefallen wollen“ oft das eigene Selbstbewusstsein. Aber gerade die Zusammenarbeit mit den von dir genannten Kollegen war und ist immer total angenehm. Somit gebe ich gerne zu, dass es mir persönlich tatsächlich meistens leichter fällt als Frau unter Männern denn als Frau unter Frauen.

Und wie waren deine Erlebnisse mit Fans?
Die meisten Fans sind sehr respektvoll; wenn aber mal welche nicht wissen, wo die Grenze ist, dann hat das meistens wenig mit dem Geschlecht zu tun. Diese Grenze ist für mich z.B. erreicht, wenn sich nach meinem Privatleben erkundigt wird. Das muss jeder Künstler für sich so handhaben, wie er es für richtig hält, aber ich halte das gerne aus der Öffentlichkeit heraus. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Fans; Männer sind meistens mehr gerade heraus, während die Frauen eher die Beobachter sind, die alles analysieren.

Es fällt auf, dass keine der erfolgreichsten Folk- und Mittelalter-Bands eine einzelne weibliche Frontfrau besitzt. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Ich glaube, es gibt einfach weniger weibliche Rockstimmen in diesem Bereich. Die meisten singen zart und wenn es mal kräftiger wird, dann meistens in Form einer Klassikstimme, die über dem Metalgewitter thront. Wahrscheinlich weil das auch einfacher ist für eine Frau, als die Stimme in Richtung Rock auszubilden. Ein Mann kann schon leichter Raubbau an seiner Stimme betreiben, um interessante Dinge damit anzustellen, ohne dabei gleich dauerhaften Schaden anzurichten. Nicht ohne Grund hört man sehr oft, dass viele Leute mit Frauenstimmen weniger anfangen können, als mit Frontmännern. Mir geht es übrigens genauso. Druck und Eigenständigkeit in eine weibliche Stimme zu bekommen ist nicht einfach und ich habe großen Respekt vor den Ladys, die das geschafft haben.

Nach zwei Studioproduktionen mit deinem eigenen Projekt DELVA steckst du gerade mitten im Veröffentlichungsstress zum ersten Bannkreis-Album „Sakrament“. Kannst du kurz zusammenfassen, wie die Zusammenarbeit von dir und Subway to Sally entstanden ist?
Ich habe Eric über sein Soloprojekt kennengelernt, wodurch es auch zur Gründung von DELVA kam. Wir haben immer wieder miteinander Musik gemacht und bald war uns klar, dass daraus etwas Gemeinsames und Längerfristiges entstehen muss. Mit dem Zusammenklang unserer Stimmen wollten wir unbedingt etwas anstellen und als nach langem Songwriting und vielen Umwegen klar wurde, dass daraus etwas Größeres wird als gedacht, haben wir uns überlegt, in wessen Händen wir uns kompositorisch am wohlsten und sichersten fühlen würden. Und so ergab es sich, dass genau diese Hände, nämlich die von Ingo Hampf, Simon Michael und Bodenski die Wiege für diese neue Band formen sollten.

Wodurch unterscheidet sich Subway to Sally von Bannkreis bzw. wo würdet ihr Bannkreis musikalisch einordnen?
Wenn man unbedingt in Schubladen denken möchte, dann würden wir unsere mit dem selbsterklärenden Begriff „Epic-Folk-Rock“ beschriften. Denn von alldem steckt etwas in unserer Musik. Die unterscheidet sich vor allem natürlich durch die Zweistimmigkeit von StS und dem ein oder anderen Metalfan mögen vielleicht die charakteristischen Gitarrenriffs fehlen. Aber genau dadurch wollen wir die „schwarze Szene“ auch ein bisschen aufbrechen. Wir wissen, wo wir herkommen und ich denke, wir haben auch unseren Platz in der düsteren Folkszene. Unsere Musik ist eben für jeden da, der sie hören will und etwas dabei fühlt. Wenn die schwarze Szene so offen ist, wie sie immer behauptet, wird dieser experimentelle Sound, glaube ich, durchaus die meisten mitreißen können.

Was wollt ihr mit dem Bandnamen ausdrücken?
Meine Kollegen fanden den Namen damals sehr stark für ihr Album und dieses kraftvolle und vielschichtige Wort hat sich bei der Namenssuche auch heute durchgesetzt. Man kann es eigentlich interpretieren, wie man möchte und wie man es selbst empfindet, aber im Endeffekt sind wir einfach ein Kreis aus Musikern, die sich gefunden haben um neues auszuprobieren und die euch in unseren Bann ziehen wollen.

(c) Alex Schlesier, www.skulls-n-gears.com

Wie fiel die Wahl auf „Lebewohl“ als Vorab-Single?
Dieser Song war die Initialzündung für die ganze Band und liegt vor allem Eric und mir sehr am Herzen, weil wir ihn schon sehr lange im irischen Original zusammen singen und auch mitunter dadurch die Magie dieser Zweistimmigkeit entdeckt haben. Die große Melancholie der irischen Musik, die aber dennoch nicht depressiv ist, trifft den Geist unserer Musik sehr gut.

Welche Songs von „Sakrament“ liegen dir besonders am Herzen?
Natürlich „Lebewohl“, weil es die Band ohne diesen Song nicht gäbe, dazu „Rabenflug“, weil mich auch dieses Traditional, auf dem der Song basiert, schon lange begleitet, „Nimmermehr“, weil er live besonders viel Spaß macht, und „Sakrament“, weil er so viel in sich vereint, was unsere Musik ausmacht; diesen gewissen Weltschmerz, die großen Fragen nach dem eigenen Stellenwert im Universum, und natürlich die charakteristische Instrumentierung unter andere mit Laute und Cello. Zudem ist ein Sakrament nichts anderes als ein trostspendendes Zeichen und das soll unsere Musik auch sein, deshalb heißt nun auch das ganze Album wie dieser Song.

Bannkreis scheinen viel vor zu haben: Für den Herbst ist bereits die erste größere Deutschland-Tour geplant, davor seid ihr auf vielen namhaften Festivals gebucht. Stehst du nun unter einem anderen Erfolgsdruck als bisher? Wenn ja, wie gehst du damit um?
Ich habe auf jeden Fall großen Respekt vor alldem, was uns erwartet. Aber ich glaube, dass diese Band gerade live erst ihren wahren Geist entfalten wird und freue mich daher wahnsinnig auf die Saison. Leistungsdruck ist natürlich da, aber der besteht auch hauptsächlich darin, sich gesund und fit zu halten, um alles geben zu können.

Ist die Johanna Krins bei DELVA die gleiche wie bei Bannkreis?
Es steckt viel Johanna in der Musik von Bannkreis. Trotzdem unterscheiden sich natürlich viele Dinge; gerade was das Songwriting angeht, da bin ich bei DELVA im Prinzip mein eigener Herr. Bei Bannkreis müssen viele liebenswerte Dickköpfe unter einen Hut gebracht werden, was das ganze aber nur noch spannender macht. Immer nur das zu tun, was man selbst in dem Moment für richtig hält, bringt einen auf kurz oder lang nicht wirklich weiter, sondern schränkt den Horizont ein. Nichtsdestotrotz muss man natürlich hinter dem stehen, was man tut, das ist hier insgesamt der Fall; auch wenn ein Mensch nie ganz der gleiche ist bei solch unterschiedlichen Projekten.

Bei DELVA stehst du mit deiner Familie auf der Bühne, bei Bannkreis mit mindestens vier erfahrenen Musikern. Worin liegen die Unterschiede für dich?
Mit Familienmitgliedern zusammenzuspielen ist immer etwas ganz Spezielles. Es hat Vor- und Nachteile, wie man sich sicher vorstellen kann. Vor allem aber kommen wir bei DELVA aus total unterschiedlichen Musikrichtungen, während bei Bannkreis eigentlich alle schon lange in diesem Musikbereich unterwegs sind. Ich lerne viel aus der Erfahrung der Kollegen und bin dankbar dafür. Ich hingegen bringe dafür das gewisse Quäntchen frischen Wind mit, womit nicht zwangsläufig das Alter, sondern einfach die Lust auf Neues und die Energie, sich selbst zu fordern gemeint ist. Bei DELVA werden Ideen und Gefühle einfach noch unmittelbarer umgesetzt, aber ich möchte betonen, dass ich auch da mit erfahrenen und sehr begabten Musikern zusammenarbeiten darf, ohne die die Umsetzung vieler Ideen sicher schwierig wäre.

Singst du lieber deutsch oder englisch, lieber alleine oder im Duett?
Ich singe lieber auf Deutsch, weil das für mich ehrlicher und direkter ist. Gerade weil man sich dadurch aber seelisch noch mehr entblößt, kann ich auch gut verstehen, dass viele Künstler sich lieber auf Englisch ausdrücken, um noch so einen hauchdünnen Vorhang zwischen sich und dem Zuhörer zu haben. Man ist auf Deutsch, finde ich, noch verletzlicher. Aber die Fähigkeit, Geschichten und Emotionen in der Muttersprache transportieren zu können, ist vielleicht auch die größte Gemeinsamkeit von Erics und meinem Gesang. Ich singe weder lieber alleine, noch im Duett. Alleine hast du eine ganz andere Aufgabe und auch Entfaltungsmöglichkeit, beim Duett ergänzt das Eine das Andere und man muss sich in gewisser Weise anpassen, aufmerksam sein, ohne dabei den Ausdruck zu verlieren. Das klingt aber viel verkopfter als es auf der Bühne dann tatsächlich ist. Man muss nur auf einander hören und darf nicht für sich allein bzw. Gegeneinander ansingen.

Wie verhält sich DELVA zu Bannkreis?
Meine Kollegen freuen sich über das neue Projekt und jeder von ihnen hat ja auch eigene musikalische Aufgaben neben DELVA. Es wird also keinem langweilig und ich glaube, dass musikalisch das eine Projekt auch jeweils vom anderen profitieren wird.

Wie sehen eure Pläne nach „The Raven’s Prophecy“ aus?
Wir arbeiten gerade an neuen Songs für unser nächstes Album. Nach unseren beiden EPs möchten wir nächstes Jahr einen Longplayer rausbringen und sammeln gerade Ideen für neue Ufer. Wir möchten unseren Horizont ein bisschen erweitern und etwas weg von diesem rein ruhigen Image. Eventuell wollen wir auch mit Elektronik experimentieren und mit einem Schlagzeug arbeiten. Der nachdenkliche Stil wird nicht verlorengehen, aber wir wollen etwas tanzbarer werden und die ohnehin schon vielen Einflüsse aus aller Welt noch mehr in den Vordergrund rücken. Auch wenn wir gerade nicht viel live spielen, befinden wir uns also in keiner kreativen Pause.

(c) Bernd Sonntag, www.konzertreport.de

Wie findest du bei so vielen Projekten noch Zeit für dich?
Ich versuche, mich bewusst zwischendrin abzuschotten, indem ich lese, spazieren gehe und hoffentlich auch bald mal wieder in den Urlaub fahre. Ein bisschen ist die Zeit auf der Bühne ja auch Zeit für mich. Zumindest ist es bei aller Anstrengung ja das, was wir Musiker uns als unseren Beruf und unsere Bestimmung ausgesucht haben.

Mit welchem Künstler würdest du gerne einmal die Bühne teilen und was würdet ihr zusammen performen?
Ich lasse mich überraschen! Habe immer großen Spaß bei Duetten oder überhaupt an Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Bands. Ich hoffe, die Zeit hält da noch einiges bereit.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?

Lügenpresse – gefährlich
Auszeit – gutes Buch, Irland
München DELVA
Freunde – Empathie, Hilfe, Ausgelassenheit
Florian Silbereisen – Die Möglichkeit zu nutzen, sich im TV einem größeren Publikum zu zeigen, macht einen noch nicht zu einer Schlager-Band. Man sollte Bands nicht danach beurteilen, wo sie auftreten, sondern was sie vor allem live ausstrahlen. Alles andere halte ich für engstirnig und voreilig.

Die letzten Worte gehören dir …

Ich möchte mich von Herzen für all die positive Resonanz auf unser erstes Album bedanken und alle, die (vielleicht zu Recht) noch skeptisch sind, bitten, uns eine Live-Chance zu geben :-) Nach der ganzen Studioarbeit freue ich mich sehr auf die Festivals und die Oktobertour! Ich hoffe sehr, der ein oder andere wird dann vor der Bühne genauso viel Freude haben wie wir schon jetzt auf der Bühne! Bis bald!

Hardcore Anal Hydrogen – Hypercut

(Grindcore/ Death Metal/ Elektro/ Jazz) HARDCORE ANAL HYDROGEN. Klingt nach Porngrind, ist aber sehr experimenteller Metal, dessen Einflüsse von Elektro, Dub Step über Grindcore und Death Metal sowie Jazz reichen. Wem also die norwegischen Shining schon zu unberechenbar sind, sollte das französische Duo Sacha und Martyn tunlichst meiden. Lediglich die Hörer, die Gefallen an einem „Savage Sinusoid“ (Igorrr) finden, könnten bereit sein, um sich der vierten HARDCORE ANAL HYDROGEN-Platte namens „Hypercut“ zu stellen.

Der vorsichtige Konjunktiv ist deswegen angebracht, weil die 14 Tracks in Summe doch eines sind: anstrengend. Und das besonders, weil es kaum eine greifbare Struktur gibt, an der sich der Hörer langsam ins Geschehen hangeln kann, noch eine eingängige Melodie, die das Ganze aufbricht. Vielmehr agieren HARDCORE ANAL HYDROGEN so wild, so verschroben und so ohne Regeln, dass „Hypercut“ ein 42-minütiger Drahtseilakt zwischen Bewunderung ob der Wahnwitzigkeit und Irritation darstellt. Lediglich der einzige long track „Phillip“ zeigt die Franzosen von einer Seite, die ihnen gut zu Gesicht steht: sich aufbauende Atmosphäre, nicht zu krasse Stilbrüche und die verhältnismäßig lange Beibehaltung eines Motivs.

Davor und danach pressen HARDCORE ANAL HYDROGEN so ziemlich alles auf die Platte, was sich der Hörer nicht vorgestellt hat: Grindcore-Ausbrüche in einem 8-Bit-Song, Verzerrungen, die nach einem Sprung in der Platte klingen, schräge Saxophon-Klänge, bluesige Akustikgitarren, düstere Orgel-Begleitung. Permanente Abwechslung und ungezügelte Kreativität ist schön und gut, allerdings wirkt Musik erst dann, wenn eine solche Charakteristik eine Struktur ergibt, die mit einem Wiedererkennungswert ausgestattet ist. Natürlich wird ein jeder HARDCORE ANAL HYDROGEN-Song als solcher enttarnt, schließlich gibt es kaum eine wirr musizierendere Band. Aber an einem weiteren Charakteristikum fehlt es den Franzosen allerdings; sie kommen nicht über das Einfach-nur-wirr-Spielen heraus.

„Hypercut“ mag eine gute musikalische Untermalung für das Innenleben eines hyperaktiven Menschen sein, der auf einer Achterbahnfahrt Kokain zu sich nimmt, so sprunghaft und unschlüssig agieren HARDCORE ANAL HYDROGEN auf ihrer vierten Platte. Darüber hinaus gelingt es Sacha und Martyn allerdings nicht, nach dem anfänglichen Staunen zu begeistern. Weder während der ersten Runde der Platte noch auf Dauer.

Beatsteaks w/ Turbostaat

Mit ihrem neuen Album „Yours“ haben sich die BEATSTEAKS nach einer kurzen Pause so abwechslungsreich wie nie zuvor zurückgemeldet. Anklänge an ihre Punkvergangenheit werden dabei mit elektronischen, poppigen und experimentellen Elementen gemischt. Ihre Clubtour 2017 war ein voller Erfolg, weswegen im Frühjahr 2018 die großen Hallen der Republik bespielt werden. In München ist dabei niemand geringeres als Turbostaat Support, die unter anderem mit einem Push der Beatsteaks vor einigen Jahren einen Bekanntheitsschub erlangt haben.

Zu lauten Drone Tönen betreten TURBOSTAAT pünktlich um 20 Uhr die Bühne. Da erst dieses Jahr ein neues Album der Flensburger ansteht, spielen sie sich munter durch bekannte und weniger bekannte Lieder ihrer Diskographie. Scheinbar erinnern sich nicht mehr allzu viele Beatsteaks-Fans an den sympathischen Fünfer aus dem Norden; das wäre zumindest eine Erklärung dafür, dass das Münchner Publikum seinem Ruf mal wieder alle Ehre macht und bis auf wenige Ausnahmen wie die Ölgötzen auf der Stelle verharrt. Die nach eigener Aussage „älteste Newcomerband der Welt“ kommt im Laufe ihrer halben Stunde immer besser in Schwung und beendet ihre Show mit dem obligatorischen und mitreißenden „Schwan“. Der laute Jubel am Ende des Konzerts und einige Zugaberufe zeugen davon, dass TURBOSTAAT ein zunächst skeptisches Publikum mit ihren Qualitäten überzeugen konnten. Hoffentlich sind die Flensburger bald mit einem neuen Album wieder in einem kleinen Club zu sehen.

Setlist TURBOSTAAT

  1. Ruperts Grün
  2. Tut es doch weh
  3. Insel
  4. Harm Rochel
  5. Alles bleibt konfus
  6. Abalonia
  7. Vormann Leiss
  8. Schwan


Auch wenn das sowohl stilistisch als auch alterstechnisch bunt gemischte Publikum in der Umbaupause stärker gen Bühne pilgert, ist es auch weiter vorne nicht heillos überfüllt. Beeindruckend laut ist dafür der Jubel, als pünktlich um 21 Uhr das Licht erlischt. Zunächst entert allerdings ein DJ die Bühne. Nach einer kurzen Turntable-Einlage kommen die BEATSTEAKS mit „Yours“ auf die Bühne. Nach diesem groovenden Beginn verwandelt das anschließende „Hello Joe“ das Zenith in einen schwitzenden, tanzenden und springenden Hexenkessel. Unterstützt von Turntables und Percussion feuern die fünf Berliner einen Hit nach dem anderen ab. Als Sänger Arnim während „Automatic“ sehr früh im Set darum bittet, die Handys wegzustecken, folgen die MünchnerInnen dieser Aufforderung brav – den Rest der Show sind nur noch selten vereinzelte Smartphones zu sehen.

Dass mit „Schlecht“ und „Shiny Shoes“ auch frühe Nummern den Weg ins Set finden, passt zur ausgelassenen Stimmung. Sympathische Ansagen und eine, besonders für das Zenith, druckvolle Abmischung, tun ihr übriges. Mit „Badfish“ von Sublime und „I Want To Break Free“ bauen die BEATSTEAKS stimmig Coverversionen in ihr Set ein. Neben dem Auftritt von Jan Windmeier von Turbostaat beim Fu-Manchu-Cover „Frieda und die Bomben“ folgt die größte Überraschung zur ersten Zugabe nach ein eindreiviertel Stunden: Niemand Geringeres als Deichkind entern die Bühne. Gemeinsam liefern die Hamburger mit den BEATSTEAKS „L auf der Stirn“ und „So ‘ne Musik“ ab, bevor nach zwei Stunden mit „I Don’t Care Aa Long As You Sing“ ein großartiges Konzert sein Ende findet. Zumindest vorläufig: Als krönender Abschluss kommt die Band noch einmal zurück und liefert eine knallende Version von „Sabotage“ von den Beastie Boys ab.

Mit insgesamt mehr als zweieinhalb Stunden Rockmusik kann sich an diesem Abend wirklich niemand beschweren. Turbostaat konnten beweisen, dass sie auch auf einer großen Bühne zu Hause sind und die Livequalitäten der Beatsteaks sind nach wie vor nahezu unerreicht groß. Mit einer gesunden Mischung aller Alben und etlichen Überraschungen liegt beim Heimweg ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

Seventh Genocide – Toward Akina

(Post-Black-Metal / Psychedelic Rock) Black Metal und Psychedelic Rock? Da werden wohl viele zuerst an die Amerikaner Nachtmystium denken. Die italienischen Post-Black-Metaller SEVENTH GENOCIDE haben sich derselben eigentümlichen Mischung verschrieben, klingen jedoch gänzlich anders. Für sein zweites Album „Toward Akina“ hat sich das Quartett nämlich direkt von den Urgesteinen des psychedelischen Rocks inspirieren lassen, sodass man die Platte gewissermaßen als hypothetisches Beispiel dafür sehen kann, wie Pink Floyd als Schwarzmetall-Kapelle geklungen hätten. Mit ihrem knapp einstündigen Zweitwerk wollen SEVENTH GENOCIDE dem Genre neues Leben einhauchen und den Hörern eine Alternative zu Oathbreaker, Agalloch und Wolves In The Throne Room bieten.

Eine ganze Musikrichtung umkrempeln zu wollen, ist ein gewagtes Vorhaben, das nur die wenigsten Musiker auch wirklich umsetzen können. Dementsprechend hat man zu Beginn noch das Gefühl, dass SEVENTH GENOCIDE den Mund ein wenig zu voll genommen haben, denn der Opener „Astral Bliss“ klingt eigentlich wie eine herkömmliche Post-Black-Metal-Nummer – wenn auch eine äußerst gelungene. Wuchtige, aber auch gefühlsbetonte Riffgewitter, eher tief im Mix versteckter, verzweifelter Schreigesang und ungezügelte Schlagzeugeinlagen mit viel Geblaste machen regelmäßig Platz für melancholische Clean-Passagen, in denen man schwelgend die Gedanken schweifen lassen kann.

Erst im darauffolgenden „Life Is Poison“ schlagen SEVENTH GENOCIDE die psychedelischen Töne an, die sie sich auf die Brust geschrieben haben. Von da an verlassen die Italiener immer öfter bekanntes Genre-Terrain und versuchen sich an träumerischen, lieblichen Gitarrenmelodien, die oft auch von schwungvollen und friedlichen Akustikklängen und bewusst improvisiert wirkenden Drum-Rhythmen begleitet werden („Transparent“). In ebenjenen ausgedehnten, kaum greifbaren Instrumentalpassagen zeigen die Post-Black-Metaller tatsächlich den notwendigen Willen und Einfallsreichtum zur Innovation.

In einigen Momenten kann man sich richtig treiben lassen und sich verlieren. Der Band scheint es beim Schreiben der Songs jedoch genau so ergangen zu sein, denn einige sind doch ein wenig zu ausschweifend geraten. Davon abgesehen ist „Toward Akina“ aber durchaus sehr ansprechend komponiert. Die Black-Metal- und Psychedelic-Rock-Stilmittel hätten die Südeuropäer zwar ruhig noch etwas enger miteinander verweben können, doch für sich betrachtet bringen SEVENTH GENOCIDE beiderlei Einflüsse souverän in ihre Tracks ein.

Dass SEVENTH GENOCIDE mit ihrer zweiten Veröffentlichung nicht einfach nur Post-Black-Metal nach dem üblichen Muster spielen wollen, merkt man den meisten der Songs eindeutig an. Dennoch könnten die Italiener noch ein wenig mehr an dieser neuen Herangehensweise feilen. Etwas kompaktere Strukturen und eine dichtere Verflechtung der verschiedenen stilistischen Ausrichtungen wären sehr zu begrüßen. Nichtsdestotrotz eignet sich „Toward Akina“ hervorragend als Ausgangspunkt, von dem aus die Band sich weiterentwickeln kann. Hörenswert und wiedererkennbar ist das Album auf alle Fälle, insbesondere die feinfühlige Melodieführung birgt so manchen kleinen Schatz. SEVENTH GENOCIDE sind jedenfalls eine Band mit großem Potential, die es aufmerksam im Auge zu behalten gilt.

Oceans Of Slumber – The Banished Heart

(Doom Metal / Progressive Metal / Extreme Metal) Vor ziemlich genau zwei Jahren, tauchte quasi aus dem Nichts diese Band auf, die auf unvergleichliche Weise Progressive, Doom, Black und Death Metal sowie Post-Rock vermischte und sie mit dem unverwechselbaren, gefühlvollen Frauengesang verdelte. „Winter“ heißt jenes Album der Formation OCEANS OF SLUMBER aus Texas, von der hier die Rede ist. Ein Album, das durch seine melancholischen und emotionalen Melodien und Riffs Genre-Fans im Sturm eroberte und die Fachpresse begeisterte. Entsprechend sehnlichst wurde der Nachfolger „The Banished Heart“ erwartet, der nun erneut über Century Media erschienen ist.

Wer sich allerdings auf eine Fortführung dieses Stils gefreut hat, wird möglicherweise (wie schon durch das unerträglich kitschige Cover-Artwork angedeutet) enttäuscht sein. Von all den Genre-Elementen, die sie noch auf „Winter“ einsetzten, haben sich die Musiker bei Album Nummer drei 90er Jahre Doom und Death Metal herausgepickt und eine Art Hommage-Album an diese Musik geschaffen. Das bekommen sie tatsächlich auch sehr gut hin: In Songs wie dem schwermütigen „The Decay Of Disregard“, dem mit messerscharfen Death-Metal-Riffs ausgestatteten „At Dawn“, dem groovigen „Etiolation“ oder dem verspielten „A Path To Broken Stars“ gelingt der Band der Spagat zwischen diesen beiden Genres problemlos. Und dennoch macht sich hier im Vergleich zum Vorgänger die Mutlosigkeit bemerkbar, mit der OCEANS OF SLUMBER schon Dagewesenes lediglich reproduzieren und ihm einen neuen Anstrich verpassen.

War „Winter“ noch von einer ganz eigenen, gleichermaßen tieftraurigen und hoffnungsvollen Stimmung durchzogen, weicht diese auf „The Banished Heart“ bleierner Schwere, wie man sie aus dem Doom Metal schon bestens kennt. Das alles funktioniert an sich auch wunderbar, aber es fehlen dadurch wirkliche Highlight-Momente, die in Erinnerung bleiben. Gerade Cammie Gilbert, die auf „Winter“ unzählige herzergreifende, sich sofort in den Gehörgängen festsetzende Gesangsmelodien fand, wirkt hier wie eine eher lustlose Erzählerin, die mit fast schon beliebig und zufällig wirkenden Tonabfolgen irgendwie zwar nach schönen Melodien zu suchen scheint, sie aber in ihrer Ziel- und Orientierungslosigkeit nicht findet. Lediglich im famosen Titeltrack, der auch zweifellos das gelungenste Stück des Albums darstellt, erreicht das Quintett im genialen, eingängigen Outro für einen kurzen Augenblick jene Brillanz, die „Winter“ so herausragend machte.

Ansonsten spielt sich die Band aber in über einer Stunde Laufzeit überwiegend durch solide Ideen, von denen zwar keine misslungen, aber eben auch nur wenige wirklich exzellent sind. „Fleeting Vigilance“ etwa zieht sich mit seinen schleppenden Riffs ziemlich. „No Color, No Light“ ein Doom-Duett mit Evergrey-Vokalist Tom Englund erinnert dagegen unschön daran, wie furchtbar kitschig 90er-Jahre-Doom häufig war. Viel besser funktioniert dagegen beispielsweise die gelungene Neuinterpretation des Gospels „Wayfaring Stranger“ aus dem frühen 19. Jahrhundert. Mit sparsam, aber gezielt eingesetzten Ambient- und Industrial-Elementen gelingt OCEANS OF SLUMBER hier einer der atmosphärisch dichtesten Momente des ganzen Albums. Jene Gospel-Einflüsse sind auch im nicht weniger schönen „Howl of the Rougarou“ erkennbar, das sich vom sanften, akustischen Dark-Country-Stück zum brachialen Post-Black-Metal-Track steigert. Hätte die Band mehr derartige Versuche gewagt, wäre die Platte wohl wesentlich spannender ausgefallen.

„The Banished Heart“ ist also leider nicht das ersehnte Meisterwerk geworden, das man sich nach dem großartigen Vorgänger „Winter“ erhofft hat. Zu sehr verlassen sich OCEANS OF SLUMBER auf Altbekanntes und können diesem durch ihren Versuch, die Bausteine neu und überraschend sperrig untereinander anzuordnen, letztlich zu wenig Neues hinzufügen. Und doch merkt man zu jeder Sekunde, mit welch fantastischen Musikern man es hier zu tun hat, die ihre Lieblingsgenres bestens studiert und verstanden haben. Als Hommage-Album ist „The Banished Heart“ sehr gelungen, als eigenständiges Werk aber „nur“ gut und zufriedenstellend. Hoffentlich wagt sich die Band nächstes Mal doch noch mal ein paar Schritte weiter nach vorne statt zurück.

Sol Invictus – Necropolis

(Neofolk/ Rock/ Neoklassik)Das war möglicherweise der größte Fehler meines Lebens. Ich bedaure das sehr.“ Das sind Tony Wakefords Worte aus dem Jahre 2007, genau zwei Dekaden nach der Abwendung vom britischen National Front und Wakefords grundsätzlicher Abkehr aus der rechten Szene. Noch drei Jahre zuvor, 1984, musste er aufgrund dieser Ideologie Death In June verlassen, nachdem ihn Douglas Pearce, Gründungsmitglieder sowie Aushängeschild dieser Band und des Genres Neofolks also solches, dazu gedrängt hatten. Wakeford schoss mit der Gründung einer im rechten Milieu angesiedelten Band zurück, allerdings löste er diese nach zwei Veröffentlichungen auf und fand wohl wieder zurück zu seinem Menschenverstand; Wakeford begann sich von der rechten Szene und dessen Weggefährten zu distanzieren und gründete 1987 SOL INVICTUS.

Seitdem steht die englische Neofolk/ Rock/ Neoklassik-Formation, die Wakeford selbst als Folk Noir bezeichnet, für eine Vielzahl von spannenden Veröffentlichungen, zuletzt in aller Munde mit ihrer 2014er Platte „Once Upon A Time“, die in Zusammenarbeit mit Agalloch entstand. Vier Jahre sollten vergehen, bis sich SOL INVICTUS mit „Necropolis“ zurückmelden würden. Darauf befinden sich 15 Tracks, die trotz ihrer jeweiligen Andersartigkeit stets auf einen Namen zurückgeführt werden können: Tony Wakeford. Zu dominant tritt das Trademark von SOL INVICTUS, der tiefe Sprechgesang des Engländers, in jedem der Lieder auf, zu sehr transportiert ein „Necropolis“ diese ureigene SOL-INVICTUS-Atmosphäre, mit der Wakeford bereits 1990 auf dem phänomenalen „Lex Talionis“ die Hörer für sich gewinnen konnte.

So gut es Wakeford mit jeder neuen Veröffentlichung auch gelingt, ein SOL INVICTUS-Album auch genau danach klingen zu lassen, so enttäuschend ist der Sound einer jeden Platte aus dem Backkatalog der Formation: weder kristallklar noch mit ausreichend Druck auf den Instrumenten versehen, klingen SOL INVICTUS immer eher wie das besser abgemischte Demo-Tape eines Newcomers anstatt nach einer etablierten Größe dieser Szene. Warum sich jede Minute der 50-minütigen Spielzeit von „Necropolis“ dennoch über alle Maßen lohnt, hat zwei Gründe: 1. Der Inhalt und 2. es wird aller Wahrscheinlichkeit nach das letzte Album von SOL INVICTUS sein.

Auf „Necropolis“ zeichnet Wakeford ein düster-apokalyptisches Bild von London, in dem er die städtische Eisenbahnlinie Necropolis Railway in den Fokus rückt. Eine Linie, mit der im 19. Jahrhundert die Verstorbenen sowie ihre Trauergesellschaft direkt bis zu einem Bahnsteig auf dem  Friedhof Brookwood transportiert wurden. SOL INVICTUS nutzen dies als Steilvorlage für den ganz persönlichen Abgesang auf die britische Metropole, der instrumental kaum stimmiger verpackt sein könnte: Sanftes Violinen- und Flötenspiel treffen auf ein schneidig inszeniertes Piano, durchbrochen von verschiedenen Sprachsamples. Dazu gesellt sich begleitend die Gitarre von Don Anderson (ex-Agalloch) sowie das minimalistisch eingesetzte, aber dennoch hochgradig wirkungsvolle Drumming, was „Necropolis“ zu einem kontrastreichen und dennoch homogen klingenden Werk wachsen lässt.

Darauf heben SOL INVICTUS besonders den Zauber von einem mehrstimmigen Gesang auf eine neue Stufe; nicht nur, dass mehrere klare Gesänge, zusammengeführt zu einer Stimme, dem Song einen starken Ausdruck und eine einnehmende Atmosphäre verleihen, auch die Abwechslung durch die Kombination zwischen Tony Wakefords eher montonen Sprechgesang und den hellen weiblichen Klargesang webt die Musik zu einem dichten Klangteppich.

Umso trauriger, dass „Necropolis“ das letzte Album von SOL INVICTUS sein könnte, wenn man einem entsprechenden Post von Wakeford persönlich Glauben schenken mag. Sollte dem so sein, ist es der würdige Abschluss eine Formation, die viel für die Ausprägung des Neofolks geleistet hat und ihren Stellenwert mit diesem Album nur noch weiter zementiert.

Foul Body Autopsy – This Machine Kills Zombies

(Death Metal / Thrash Metal) Endlich liefert FOUL BODY AUTOPSY das, worauf die Fans des Ein-Mann-Projekts gewartet haben: ein Nachfolge-Album zum 2013er Debüt. Nachdem Mastermind Tom Reynolds in letzten acht Jahren mit sechs EPs positiv aufgefallen ist und besonders die beiden Veröffentlichungen „Perpetuated By Greed“ (2016) sowie die „So Close To Complete Dehumanization“ (2014) die Neugier anheizten, serviert der Brite nun endlich Material, dessen Spieldauer mal wieder länger als zehn Minuten anhält. Getauft auf den Namen „This Machine Kills Zombies“ legt FOUL BODY AUTOPSY die zweite Full-Length nach dem gleichnamigen Debüt vor.  

Ausgestattet mit acht Tracks „inspired by the work of director George A. Romero” stellen diese “tales of blood, guts, brains and the zombie apocalypse” dar. Somit steht „This Machine Kills Zombies“ textlich in direkter Nachfolge zu den bisherigen Veröffentlichungen; musikalisch hingegen überrascht der Engländer mit weniger Grind und mehr Thrash in einem überraschend unspannenden Death-Metal-Gebräu. Stand der Name FOUL BODY AUTOPSY zuvor für ein explosives Gemisch aus schnellen Soli, coolen Riffs und abwechslungsreichen Motiven, lassen diese auf „This Machine Kills Zombies“ auf sich warten. Stattdessen presst die dominante Thrash-Schlagseite die Songs in eine kaum wandelfähige Struktur, woraus eher kurzweilige Songs resultieren anstatt die quirligen Tracks, mit denen FOUL BODY AUTOPSY zuvor punkten konnte. 

Die Vorfreude darüber, die zweite Platte des kreativen Reynolds in den Händen zu halten, weicht somit schnell der in diesem Zusammenhang negativ konnotierenden Überraschung darüber, dass FOUL BODY AUTOPSY ihren Tech-Death-Schneid gegen eher rückgratlosen, da zu generischen Thrash eingetauscht haben. Der Platte hilft dies nämlich nicht, denn selbst ein Hörer, der mit „This Machine Kills Zombies“ das erste Album des britischen Projekts in den Händen hält, wird von ihr nicht überzeugt werden. Dafür stehen mit Bloodshot Dawn und Revocation eine viel zu starke Konkurrenz im Feld.  

Anna von Hausswolff – Dead Magic

Und plötzlich ist da nichts mehr. Leerer Kopf, leeres Herz, keine Fantasie. Es muss ein dunkler Ort gewesen sein, an dem das vierte Album der Schwedin ANNA VON HAUSSWOLFF entstand. Sie habe nichts mehr fühlen können, auch nicht die Magie ihrer eigenen Kunst, habe das Vertrauen in ihre Kreativität verloren, erzählt die Musikerin in Interviews. Ihre Lebensgeister hat sie mittlerweile wiedergefunden. Was bleibt, ist das Zeugnis einer beschwerlichen Suche: „Dead Magic“

VON HAUSSWOLFFs Klanggebilde zittern, flirren und beben. Die neuen Stücke bieten von vielem mehr: Sie sind im Durchschnitt länger, in der Klangfarbe dunkler, in der Stimmung noch elegischer. Und doch wirkt „Dead Magic“ besonders im Vergleich zum pompösen Vorgängeralbum „The Miraculous“ reduziert. Die 31-jährige Ausnahmekünstlerin konzentriert sich ganz auf ihre Alleinstellungsmerkmale: bluttriefende Totenorgel, drückende Drones, sirenenhafter Gesang. Ein Ansatz, den Produzent Randall Dunn unterstützt haben dürfte, der für seine Arbeit mit Minimalismus-Ikonen wie Sunn O))) oder Earth bekannt ist.

Mit „The Truth, The Glow, The Fall“ öffnet gleich ein Zwölfminüter das Tor zu den Klangkathedralen der ehemaligen Architektur-Studentin. Mit spärlichen Orgeltönen und Streicher-Tupfern gewährt VON HAUSSWOLFF ihren Zuhörern zunächst nur ein vorsichtiges Hineinspitzen in die Räume, die sich auf „Dead Magic“ noch auftun werden. „After the fall/ After the fall / After the fall / I’ll find you.“ Die Musikerin beschwört einen geheimnisvollen Liebhaber in süßer Todessehnsucht und spielt in den Lyrics mit volksliedhaften Strukturen: „My sweet John / My dear John / Oh my love“. Die Musik driftet derweil, sanft geführt von minimalistisch-repetitiven Drums, in beinahe krautrockige Gefilde ab.

Und so ist man als Hörer dem unheilvollen Bann der blondschöpfigen Nordhexe bereits verfallen, wenn mit dem vorab als Musikvideo veröffentlichten „The Mysterious Vanishing Of Electra“ der Albumhöhepunkt aus den Boxen dringt. Die stoischen Akustikgitarren und monotonen Trommeln verleihen der Nummer eine ritualistische Atmosphäre, die ANNA VON HAUSSWOLFF in die Nähe der großen Swans rückt, die sie selbst bereits auf Tour supportete. Dazu hat die Musikerin die bisher emotionalste Gesangsperformance ihrer Karriere auf Tonträger gebannt. Ihre Stimme neckt und bezirzt, kreischt und faucht. „My love is not enough/To save me.“ Wenn das Stück schließlich in einer überwältigenden Klimax kulminiert, scheint sich eine manisch-depressive Kate Bush des Mikros bemächtigt zu haben. Geplättet bleibt der Hörer zurück und kann das folgende Instrumentalstück „The Marble Eye“ als Verschnaufpause gut gebrauchen.

Die zweite Albumhälfte dominiert der Sechzehnminüter „Ugly And Vengeful“, der sich darauf versteht, heftigere Funeral-Doom-Vibes zu verbreiten als manche Genre-Band. Und das ganz ohne verzerrte E-Gitarren, dafür aber mit Gesangslinien, die so auch von Lisa Gerrard (Dead Can Dance) stammen könnten. Im imposanten Finale des Tracks demonstriert „Dead Magic“ noch ein letztes Mal seine drückende Schwere, bäumt sich auf, bevor in „Källans återuppståndelse“ nur noch karge, ambient-artige Orgelflächen zurückbleiben und die Stimme der Schwedin ätherisch sanft ins Endgültige entschwebt.

Auf „Dead Magic“ kommt ANNA VON HAUSSWOLFF der Perfektion ihres Schaffens so nahe wie niemals zuvor. Wirkten die Vorgängerplatten abseits der großen Standout-Tracks oft noch zerfahren, sitzt hier alles am richtigen Fleck und bildet zusammen ein dunkles, homogenes Ganzes, dem sich Freunde abgründiger Tonkunst kaum entziehen können dürften – sofern die Bereitschaft gegeben ist, langsame Songaufbauten, die ihre Wirkung erst nach und nach entfalten, auf sich wirken zu lassen. Mit ihrer vertonten Depressionsbewältigung bildet die Schwedin spätestens jetzt – zusammen mit Chelsea Wolfe, Myrkur und Zola Jesus – die Speerspitze einer losen Bewegung starker Frauen, die die dunkel-alternative Musikwelt um neue Impulse bereichern: Weil sie sich weit abseits bewegen von metaltypischer Kraftmeierei einerseits und gotischem Kitsch andererseits.