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Me And That Man: Vertrag mit Napalm Records

ME AND THAT MAN, das 2013 von Adam „Nergal“ Darski (Behemoth) gegründete Projekt, haben einen weltweiten Vertrag mit dem Label Napalm Records unterzeichnet, welcher lediglich Darskis Heimatland Polen ausschließt.

Nergal sagt über die Vertragsunterzeichnung: „It’s a pleasure to be working with a brand new team of people on a project which in many ways is brand new to me. We have some big surprises for you in the coming months so keep ‚em peeled. The record has been a lot of hard work; some blood, some tears but just wait and see, it was totally worth it!“

Sebastian Münch von Napalm Records äußerte sich wie folgt: „As I’ve been a Johnny Cash fan for many years, Songs of Love and Death turned out to be like a memorial to the country music god himself! Nergal´s creative and musical brilliance redefined an entire genre, and the album’s dark and sinister vibes were most certainly noticed in distant Nashville. Welcome, ME AND THAT MAN, to the Napalm family!“

Tvinna

Die holde Weiblichkeit, vereint in mehreren Stimmen, verbunden durch nordische Klänge und offen für vieles. Das ist TVINNA! Im ersten Interview überhaupt sprechen die Gründerinnen Laura und Fiona unter anderem über die Hintergründe des Projekts, weibliche wie männliche Wegbegleiter und warum sich Fans von Faun keine Sorgen machen müssen.

Hallo Laura, hallo Fiona! Ihr habt zusammen mit Fabienne Erni von Eluveitie und Fieke van den Hurk euer neues Projekt TVINNA ins Leben gerufen. Wie ist die Idee entstanden und warum ist ausgerechnet 2019 der richtige Zeitpunkt, um das Projekt erstmals öffentlich zu machen?
Laura: Im Prinzip liegt TVINNA die Idee zugrunde, eine Band zu gründen die den absoluten Fokus auf mehrstimmigen, weiblichen Gesang legt und die Frauen innerhalb der Gruppe legt – im Laufe der Zeit ist die Idee dann weiter gewachsen und es hat sich ein Kollektiv-Gedanke gebildet: Wir wollten einen sicheren Hafen für all jene schaffen, die an TVINNA beteiligt sind.
Fiona: Die Idee gab es zwar schon länger, aber wir haben erst im März 2019 sehr intensiv mit dem Songwriting begonnen. Von Anfang an war ein richtiger Flow drinnen, der uns sogar selbst überrascht hat. Ab dann ging alles wirklich sehr schnell: Video, Label, Artwork – alles lief wie am Schnürchen, sodass wir jetzt einfach schon in die Öffentlichkeit treten können.

Könnt ihr kurz schildern, was bis dato alles – sozusagen im Geheimen – passiert ist?
Fiona: Hinter den Kulissen haben wir im August 2019 ein Video in Dänemark gedreht – mit dem tollen Filmemacher Gaui H Pic aus Island. Wir haben alle Requisiten und das Skript selbst erschaffen bzw. geschrieben und das ganze – damals noch ohne Label – komplett selbst organisiert und finanziert.
Laura: Nebenbei haben wir in den neun 9 Monaten ungefähr 13 Songs geschrieben, und eine feste Besetzung gefunden – Rafael Salzmann und Jasper Barendregt an Gitarre, Bass und Schlagzeug – zwei auch menschlich unfassbar bereichernde Musiker.
Fiona: Der Kollektiv-Gedanke hat es ermöglicht, dass Fabienne – die mit Eluveitie und Solo-Projekt sehr eingespannt ist – als Gast unserem Kreis angehört.
Laura: Außerdem hatten wir Anfragen von einigen großen Labels und haben uns dann für ByNorse Music entschieden. Wir sind sehr, sehr stolz mit Bands wie Wardruna, Eivør und Enslaved sozusagen unter einem Dach zu hausen.

Ihr beide seid die weiblichen Stimmen von FAUN, Fabienne spielt Harfe und singt bei Eluveitie. Fieke hat wiederum ihr eigenes Studio in den Niederlanden. Gibt es bei TVINNA eine klassische Rollenverteilung oder wie habt ihr euch organisiert?
Laura: Fiona, Fieke und ich sind das Herz von TVINNA. Das heißt, wir organisieren alles im Hinter- und Vordergrund, schreiben im Wesentlichen sämtliche Musik, kreieren das Artwork und alles was darüber hinaus geht und am wichtigsten: Wir entscheiden hier immer gemeinsam.
Fiona: Dadurch dass wir alle langjährige Erfahrung als Musiker haben, sind wir auch in der Lage, alles selbst zu recorden und zu produzieren. Wir haben uns mit Rafael und Jasper mit zwei hochkarätigen Musikern zusammengetan, mit denen wir musikalisch auf dem gleichen Level zusammenarbeiten können.

Worin liegen die größten Unterschiede, wenn nur Frauen zusammen Musik erschaffen?
Fiona: Unsere Musik wird in einem vertrauensvollem Umfeld erschaffen – wir versuchen jeglichen Konkurrenzgedanken draußen zu halten! Es ging für uns wirklich immer darum, sich komplett fallen lassen zu dürfen, auch kreativ frei zu sein und mit Konventionen zu brechen.
Laura: Es ist ja auch so, dass man im Schaffungsprozess irgendwie sensibler ist, da man ein Stück von sich offen legt und hergibt. Wenn man das aber in einem geschützten Rahmen, wie das bei TVINNA der Fall ist, machen darf, erreicht man mehr Tiefe und traut sich aus unergründeten Quellen zu schöpfen.

Wie habt ihr bei euren sehr zeitintensiven Hauptprojekten überhaupt die Zeit gefunden, um dezidiert an TVINNA zu arbeiten, euren Sound zu finden und erste Stücke zu schreiben?
Laura: Naja, wenn wir loslegen sind wir extrem effektiv und bei TVINNA sind die Ideen einfach so aus uns rausgesprudelt, wir hatten von Anfang an einen super tollen, gemeinsamen Workflow – einfach so.
Fiona: Es ist wie als hätte TVINNA einfach geschlummert und darauf gewartet, von uns erweckt zu werden.

Mit dabei ist auch Eluveitie-Gitarrist Rafael Salzmann. Was ist sein Job – als männlicher Bestandteil des Projekts?
Fiona: Inzwischen ist Rafael ja durch den Beitritt von Jasper nicht mehr der einzige männliche Bestandteil von TVINNA. Beide sind mittlerweile am Songwriting beteiligt, was super läuft, und auch so werden sie in alle Entscheidungen usw. involviert, sie sind ja fixe Bandmember.

TVINNA beschäftigt sich viel mit dem weiblichen Geschlecht, verschiedenen Rollenbildern und auch spirituellen Themen rund um die Weiblichkeit. Erfolgsprojekte wie Heilung arbeiten mit ähnlichen Bildern. Wo liegt der Unterschied zu euch bzw. wo sind vielleicht auch die Gemeinsamkeiten?
Laura: Verbinden könnte uns eventuell eine gewisse Trance, ansonsten sind wir musikalisch grundverschieden, alleine von der Instrumentalisierung.
Fiona: Wir beschäftigen uns nicht im geschichtlichen Sinne mit Frauen oder deren unterschiedlicher Rollenbilder, sondern wollen uns einfach in unserer eigenen Kraft spüren.

Wie würdet ihr den Sound von TVINNA kurz und prägnant zusammenfassen? Was ist euer Alleinstellungsmerkmal und in welchen Kreisen seht ihr primär euer Publikum?
Fiona: Electronica, episch und intim.
Laura: Wir sehen TVINNA eigentlich ganz unterschiedliche Menschen erreichen. Wir denken daher, dass unsere Musik über die Metal- und Nordic-Szene hinausgehen wird.

Bei Faun singt ihr überwiegend deutsch, auf den letzten Veröffentlichungen geht die Musik dazu oft in den Bereich Schlager/Pop. Wie verhält sich TVINNA dazu im Vergleich, besonders im Hinblick auf den Gesang und zugrundeliegende Sprachen?
Fiona & Laura: TVINNA gibt uns einfach die Freiheit, Musik zu schreiben wie sie uns ungefiltert entspringt. Dadurch dass wir mit einem Indie-Label zusammenarbeiten stehen wir auch einfach nicht unter dem selben Druck wie Faun, kommerziell erfolgreiche Key-Songs zu produzieren, sondern können einfach ein Album schreiben, dass von vorne bis hinten uns entspricht.

Einige Faun-Fans werden sich nun womöglich Gedanken machen, ob ihr durch euer neues Projekt auf andere musikalische Wege schielt und vielleicht euren Ausstieg vorbereitet. Wie ist der Stand der Dinge?
Fiona: Faun ist eine gewachsene Gruppe und wir fühlen uns dem Gemeinschaftsgedanken in Faun einfach sehr verbunden.
Laura: TVINNA ist komplett unabhängig von Faun und wir haben in keiner einizigen Sekunde an einen Ausstieg bei Faun gedacht.

Am 22. November erscheint mit „The Gore“ eure erste Single. Wieso habt ihr euch für diesen Song entschieden, was ist daran besonders charakteristisch?
Laura: „The Gore“ war der allererste Song, den Fiona, Fieke und ich gemeinsam geschrieben haben und auch inhaltlich thematisiert er Verbundenheit und Erwachen, was sehr schön ist, um ein Projekt zu starten.

Wie geht es anschließend weiter? Habt ihr bereits einen fixen Fahrplan für 2020 oder bereitet ihr die nächsten Schritte gerade erst vor?
Laura: Wir haben einen fixen Fahrplan für 2020 und bereiten aber auch gleichzeitig weitere Schritte vor – aktuell läuft sehr vieles gleichzeitig und Hand in Hand. Noch dürfen wir vieles nicht verraten, aber das kommt noch früh genug!

Plant ihr ein Album, eine EP oder andere Veröffentlichungen?
Fiona: Wie gesagt, wir haben schon 13 Lieder fertig – das ist mehr als auf ein Album passt, da unsere Songs tendenziell eher lang sind. Der Release unseres ersten Albums ist für Juli 2020 geplant.

Gibt es andere Frauen oder auch Männer, mit denen ihr im Rahmen von TVINNA zusammenarbeiten werdet oder wollt?
Laura: Auf jeden Fall und sowohl als auch! In „The Gore“ ist ja Fabienne mit vertreten.
Fiona: Und wir haben schon fixe – noch geheime – Zusagen von fantastischen Sängerinnen, die unser Kollektiv bereichern werden.

Wie ist der größtenteils schwarzweiße Look entstanden, den ihr auf sozialen Medien bei TVINNA in Fotos und Designs verwendet? Was wollt ihr damit zum Ausdruck bringen?
Laura: Wir wollten von Anfang an und ganz bewusst eine gewisse Kühle ausstrahlen, damit man sich auf das Wesentliche konzentriert. Es strahlt einfach direkt einen bestimmten Vibe aus ruft bestimmte Gefühle hervor.
Fiona: Außerdem entspricht es unser aller persönlichem ästhetischem Empfinden.

Was sollten unsere Leser über TVINNA unbedingt noch wissen?
Laura & Fiona: TVINNA spiegelt uns zu 100% wider, deshalb hat in TVINNA auch nur das Platz, was uns zu 100% gefällt.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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Lingua Ignota – Caligula

(Neoklassik / Noise / Spiritual) Der Mythos, wonach große Kunst stets großem Leid entspringt, ist sicherlich diskutabel. Wenn es jedoch einen Menschen gibt, der als das Körnchen Wahrheit in dieser romantisierten Vorstellung angesehen werden kann, dann ist es Kristin Hayter alias LINGUA IGNOTA. Nachdem die Amerikanerin jahrelang von ihrem Partner, einem einflussreichen Noise-Künstler, physisch und psychisch misshandelt worden war, entschied sich die klassisch ausgebildete Multi-Instrumentalistin dazu, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, indem sie die Waffen ihres Peinigers zu den ihren machte – zumindest in verbaler und klanglicher Hinsicht. Das Ergebnis trug den bewusst misogyn anklingenden Titel „All Bitches Die“, ein zwischen Klassik, Spiritual und Noise rangierendes Album von tieftrauriger Schönheit und furchteinflößender Schwärze, wie sie selbst die böseste Black-Metal-Band nicht zu evozieren vermag.

Von da an war es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis LINGUA IGNOTA die Aufmerksamkeit der Musikwelt auf sich ziehen würde. Dies scheint ihr mit dem im Juli 2019 erschienenen Nachfolgealbum „Caligula“ tatsächlich gelungen zu sein. Die Platte wurde von der Fachpresse umjubelt – und das vollkommen zu Recht. Dass sich die Musik von LINGUA IGNOTA in den zwei Jahren seit „All Bitches Die“ verändert hat und doch nach wie vor radikal persönlich ist, ergibt sich bereits aus dem Coverbild, welches abermals Hayter selbst im Portrait zeigt: nicht mehr ganz so mitgenommen, mit resoluterem Blick als auf dem Vorgänger, jedoch mit einem subtil beunruhigenden blauen Fleck auf den Lippen.

Mit ihrer Vergangenheit hat die Solokünstlerin offensichtlich noch nicht abgeschlossen, wie insbesondere aus den Texten hervorgeht, in welchen LINGUA IGNOTA religiöse Bildsprache („Faithful Servant Friend Of Christ“) mit schockierenden Gewaltmotiven („If The Poison Won‘t Take You My Dogs Will“) verbindet. Der beißende, lyrische Kontrast spiegelt sich auf „Caligula“ jedoch auch in der Musik wider. Im Zentrum der Instrumentierung, die unter anderem verstörende Noise-Anstürme, geschmeidige Streicher, geschmackvolles Barock-Cembalo („I Am The Beast“) und bombastische Perkussionen umfasst, steht unzweifelhaft das Klavier. Mögen es mitunter auch nur verhältnismäßig wenige Noten sein, die LINGUA IGNOTA darauf spielt, so sagen diese doch unfassbar viel aus. Auf „Fragrant Is My Many Flowered Crown“ etwa fühlt man sich trostspendend umarmt, die tief grollenden Töne auf „Spite Alone Holds Me Aloft“ könnten hingegen kaum bedrohlicher sein.

Die größte nervliche Zerreißprobe stellt jedoch Hayters expressive Gesangsperformance dar. Obwohl die Ausnahmemusikerin über eine immense Stimmgewalt und -beherrschung verfügt, sind es gerade die Momente, in denen sie über ihre eigene Kontrolle hinausgeht und ihre Emotionen auf die hässlichste Weise aus sich hervorbrechen lässt, die besonders nahegehen. Beinahe vermag man ihren Schmerz am eigenen Leib zu spüren, wenn sie auf „Do You Doubt Me Traitor“ atemlos schreit: „I don’t eat / I don’t sleep / I don’t eat / I let it consume me“ oder auf „Butcher Of The World“ mit ihren gemarterten, unmenschlich verzerrten Screams zu den bedrückenden Bläsern aus Henry Purcells Trauermusik für Queen Mary die ganze Welt zu Grabe trägt.

LINGUA IGNOTA predigt auf ihrem Durchbruchsalbum keine Vergebung und gibt auch keine Antwort auf die Frage, wie man das Trauma körperlichen und geistigen Missbrauchs überwinden kann. Eher das Gegenteil ist der Fall: „Caligula“ ist Qual, Zorn, Resignation – und genau deshalb eines der wichtigsten Alben der letzten Jahre. Weil es nichts an den Hintergründen von LINGUA IGNOTA verklärt oder beschönigt. Weil es in seiner aufrichtigen, elendigen Ausweglosigkeit und unverblümten Unversöhnlichkeit ein Stück Verständnis für etwas schafft, das Nichtbetroffene vermutlich niemals ganz nachvollziehen können. Und weil es das abscheulichste Neoklassikalbum und zugleich die beseelteste Noise-Platte seit „All Bitches Die“ ist.

The Devil Wears Prada – The Act

(Metalcore / Alternative Rock / Post-Rock) THE DEVIL WEARS PRADA war einst eine dieser MySpace-Bands, die aus dem Nichts riesige Klicks generieren konnten und so mit äußerst kitschigem Metalcore sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. 14 Jahre später ist von den damaligen Teenies nicht mehr viel übrig: Der Hype ist schon längst abgeflacht, der Metalcore ist in der Zwischenzeit ein in der Szene akzeptiertes Subgenre und die Band selbst hat auf ihrem siebten Album „The Act“ auch nicht mehr viel mit ihren frühen Werken gemein. Hat sich auf ihrem 2016er-Album „Transit Blues“ schon eine klare Entwicklung weg von ihren Wurzeln bemerkbar gemacht, fällt dieser Schritt auf „The Act“ noch größer aus.

So bewegt sich der neueste Output der Jungs aus Ohio zwischen Metalcore, Post-Rock und Alternative, versetzt mit einer unheilvollen Atmosphäre. Damit entpuppt sich „The Act“ als ein äußerst facettenreiches Album, das während der Dreiviertelstunde Spielzeit immer wieder für Überraschungen gut ist. Der Opener „Switchblade“ ist dabei noch der gewöhnlichste PRADA-Song. Bereits im Anschluss werden die Riffs auf „Lines Of Your Hands“ deutlich rockiger. Mike Hranicas charismatische und unverwechselbar gekrächzte Shouts können sich über der ruhigeren Instrumentierung voll entfalten, bevor Jeremy DePoysters Clean-Vocals im Refrain übernehmen. Überraschend und gut gelungen ist dabei auch das Zusammenspiel des weiblichen Gesangs mit Hranicas Vocals in der Bridge.

THE DEVIL WEARS PRADA gelingt es im weiteren Verlauf des Albums, eine tolle Balance zwischen minimaler Instrumentierung und knallenden Riffs zu finden. So treffen immer wieder totale Gegensätze aufeinander, ergänzen sich gegenseitig und verweben sich zu einem Soundteppich, den man so von den christlichen Metallern weder gekannt, noch erwartet hat. So beispielsweise im grandiosen „Wave Of Youth“, in dem die Band unheilvoll drückende Riffs im Refrain mit einer äußerst fragilen und zurückhaltenden Untermalung in den Strophen verbindet. Noch spannender wird es bei „Isn’t It Strange?“, das mit verstörendem elektronischen Rauschen, sentimentalen Piano-Akkorden und zwei Sängern in Höchstform aufwartet – Hranica und DePoyster haben selten so emotional geklungen wie hier.

Laufen Metalcore-Bands oft Gefahr, bei einer Wandlung hin zu ruhigerem Sound, in völlig übertriebenen Kitsch zu verfallen, gelingt es THE DEVIL WEARS PRADA, Emotion mit Energie zu verbinden. Dabei hilft es ihnen immens, dass sie auch in balladesken Songs wie „Chemical“, „Please Say No“ oder „Numb“ nicht auf gängige Strukturen setzen und mit cleverem Spannungsbogen den Hörer fesseln. So weiß man auf „The Act“ zu keinem Zeitpunkt, was hinter der nächsten Ecke lauert. Für fast jeden Track ließe sich mindestens ein Alleinstellungsmerkmal herausfiltern – diese aufzuzählen würde den Rahmen des Reviews allerdings sprengen.

Im Endeffekt ist „The Act“ das mit Abstand abwechslungsreichste Album von THE DEVIL WEARS PRADA. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Band weitestgehend von ihren Metalcore-Wurzeln losgelöst hat. Hat sich diese Entwicklung auf „Transit Blues“ bereits angedeutet, wird sie auf ihrem neuesten Output stimmig umgesetzt. „The Act“ begeistert letztendlich nicht nur dank des grandiosen Artworks, sondern vor allem durch seine Vielschichtigkeit, Intensität und Emotionen. So sollten auch jene, die THE DEVIL WEARS PRADA bislang nur als weitere Metalcore-Band angesehen haben, ein Ohr riskieren – der ein oder andere entdeckt hier vielleicht die Überraschung des Jahres.

Igorrr: Details zum neuen Album

„Spirituality And Distortion“, so lautet der Titel des für 2020 angekündigten neuen Werkes der französischen Ausnahme-Truppe IGORRR, welche heute nicht nur den Namen verraten haben, sondern auch das Artwork präsentieren.

Auf ihrer Facebook-Seite schreiben IGORRR: „This album has been a real hell to create and produce, I’m more than happy to be soon able to share it with you.
This is for now, at least the cover, made by Førtifem.
This album is the result of a really intensive work that has been made on a long time period to deliver the most honest and non-compromising music possible, I hope you will enjoy the music as much as I do now when I’m listening to this album.
More info will be given soon, and in a couple of weeks, I think we gonna upload a first track.“

By The Spirits – Visions

(Neofolk / Country / Singer/Songwriter) Das Prinzip Singer/Songwriter definiert generell genauer als andere Genres, was zu erwarten ist – der musikalische Spielraum ist schließlich auch kleiner. BY THE SPIRITS jedenfalls, ein polnisches Ein-Mann-Projekt, ist ein so typisches Ding aus dem Bereich Metal-affiner Singer/Songwriter, dass man es guten Gewissens jedem Fan von King Dude und Konsorten ans Herz legen kann.

Ohne tiefer in die spirituellen Hintergründe von „Visions“ eindringen zu wollen, kommt schon in den ersten Songs oft genug das Wort Lucifer vor, dass der Vergleich mit dem bekennenden Luziferaner TJ Cowgill alias King Dude auch dahingehend nicht aus der Luft gegriffen wirkt. Mit dem textlichen Konzept („connections between man and nature, the spirituality within, love and death“) dürfte er jedenfalls auch kein Problem haben.

Vor allem aber ist es die Musik, die diesen Vergleich quasi aufzwingt: Zu lässig geschrammelten Akkorden auf der Konzertgitarre singt Michal Krawczuk bei BY THE SPIRITS mit ähnlich tiefer, durchdringender Stimme. Damit ist das Arrangement so rudimentär, dass sich ein gewisser Wiederholungseffekt über die Spielzeit von gut 45 Minuten kaum vermeiden lässt. Da fällt auch gar nicht weiter auf, dass es sich bei BY THE SPIRITS „Visions“ eigentlich nicht um ein Album im klassischen Sinn, sondern eher um eine Compilation handelt: Neu gemixt von Martin van Valkenstijn (Mosaic / House Of Inkantation) und anschließend von Danijel Zambo (Walden, At Sea Compilations) gemastert, vereint die CD das Material einer Demo und einer EP, drei neue Songs, ein Cover („Fire In The Mind“ von Coil) und zwei alternative Versionen früher veröffentlichter Songs.

Zwar wären die beiden „Alternate Versions“ musikalisch und strategisch verzichtbar gewesen, da sie „Visions“ gegen Ende doch noch ein wenig zum Sammelsurium machen. Bis dahin jedoch ist tatsächlich kein Qualitätsunterschied zwischen alt und neu festzustellen – weder in Sachen Sound, noch stilistisch oder spielerisch.

So ist „Visions“ insgesamt eine in sich runde Veröffentlichung. Weil Abwechslungsreichtum beim Singer/Songwriter-Genre sowieso nicht im Mittelpunkt steht und Michal Krawczuk mit BY THE SPIRITS gelingt, worum es hier vornehmlich geht – nämlich emotional zu berühren – kann „Visions“ Genrefans guten Gewissens ans Herz gelegt werden.

Pharmakon – Devour

[Industrial / Noise] PHARMAKON ist keine Band im klassischen Sinne, sondern vielmehr das Brainchild der Noise-Musikerin Margaret Chardiet, die alle Bestandteile von „Devour“ im Alleingang aufgenommen hat – und zwar live im Studio und nicht im Sequenzer-Baustein-Verfahren, wie für elektronisch angehauchte Musik nicht unüblich. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das Thema ist die Selbstzerstörung der menschlichen Spezies als Reaktion auf eine immer gewalttätigere und destruktivere Welt. Das Resultat ist eine musikalisch ziemlich kaputte, zweimal 20 Minuten lange Klangcollage, auf die man sich erstmal… nennen wir es: einlassen muss.

Der Name PHARMAKON leitet sich aus dem Griechischen ab und kann sowohl Gift als auch Arznei und damit Heilung bedeuten. Ein Begriff, den sich bereits einer der Urväter der dystopischen Zukunftsvision, William Gibson, für einen skrupellosen Pharmakonzern ausgeliehen hatte, dessen Priorität auf der Behandlung von Kranken lag – denn Heilung hätte weniger Gewinn abgeworfen. Ein passender Name für Chardiets Klangkunst, versteht die New Yorkerin ihre Musik doch auch als eine Form von Therapie gegen den Wahnsinn der Welt: „Musik wird oft als Entertainment benutzt. Das interessiert mich nicht, im Gegenteil: Ich mache Musik, die daran erinnern soll, was wir als Menschen vergessen und verdrängen wollen.“

Noise in seinen verschiedenen Darreichungsformen war noch nie „Easy Listening“ und dieser Trend setzt sich auch auf PHARMAKONs viertem regulären Longplayer „Devour“ fort: Die einzelnen Bestandteile des Openers „Homeostasis“, egal ob Synthesizer oder die wütend geschrienen Vocals, sind repititiv, ausnahmslos verzerrt und bieten wenig harmonische Struktur – mit Musik im klassischen Sinne hat das Gehörte wenig zu tun. Ob es konstruktiv ist, dass Chardiet das Album „all den verlorenen Seelen in Psychiatrien, Gefängnissen oder Drogenentzugskliniken“ gewidmet hat, sei somit dahingestellt.

Das bitterböse „Spit It Out“ massakriert die Gehörgänge mit einem Fliegeralarm-ähnlichen Sirenensound, bleibt aber aufgrund der hypnotischen und beinahe groovigen Bassline und den hasserfüllten Vocals in selbigen hängen. Dass der Track in eine an allen Nervenenden sägende Noise-Kakophonie endet, versteht sich nach beinhahe zwölf Minuten von selbst. Ähnliches bei „Self-Regulating System“, aber überraschenderweise hat dieser Song sogar ein nachvollziehbares, rhythmisches Grundgerüst. Der größte Hirnfick auf „Devour“ ist aber ohne Frage „Deprivation“, dessen absurdes Chaos das nachfolgende „Pristine Panic“ (Näher als hier kommen wir an Chardiets normale Stimme wohl nicht mehr heran) zur Quotenballade auf PHARMAKONs Album macht.

Wie bei jeder Noise-Platte stellt sich auch hier die Frage, ob das Kunst ist, oder ob es weg kann. Ein nicht unwesentlicher Teil der klassischen Metalhörerschaft dürfte nicht über die ersten zehn Minuten von PHARMAKONs neuestem Streich hinauskommen (selbst wenn sie sich in einer Psychiatrie, einem Gefängnis oder einer Entzugsklinik befinden). Trotzdem muss man „Devour“ zugestehen, dass die Atmosphäre unheimlich intensiv und emotional glaubwürdig ist – hier wirkt nichts aufgesetzt und Chardiets Darbietung ist mehr Gesamtkunstwerk als einfach nur Musik. Aber vielleicht muss man sich auch mal etwas mehr mit dem Hässlichen auseinandersetzen, damit man das Schöne wieder zu schätzen weiß.

Babymetal – Metal Galaxy

(Idol Pop / Metalcore / Power Metal / Electronic) BABYMETAL sind weit über den Status einer gewöhnlichen Idol-Band hinaus. Bei vielen Bands aus diesem Genre ist es ganz normal, dass Mitglieder ausgetauscht werden. Nicht zuletzt der internationale Erfolg des Musikprojekts von Mastermind Kobametal hat allerdings dazu beigetragen, dass Su-Metal, Moametal und Yuimetal mit BABYMETAL gleichgesetzt wurden. Als letztere ausstieg, war der Aufschrei entsprechend groß. Während live ein Ersatz für die Choreografie gewonnen wurde, sind BABYMETAL nun offiziell nur noch zu zweit. Dennoch, oder gerade deswegen, gehen BABYMETAL nach dem selbstbetitelten Debüt und „Metal Resistance“ mit ihrem dritten Album einen Schritt weiter. Das gilt zum einen musikalisch, zum anderen aber auch für den Titel: Während Erkan & Stefan ihrem Größenwahn im Jahr 2000 in Form von „Planet Döner“ einen Namen gaben, rufen BABYMETAL 2019 die „Metal Galaxy“ aus.

Demnach überrascht es nicht, dass im Intro „FUTURE METAL“ Autotune erklingt – ein Stilmittel, das BABYMETAL im Lauf des Albums allerdings mit Bedacht einsetzen. Im Anschluss liefern BABYMETAL mit „DA DA DANCE“ und „Elevator Girl“ zwei treibende Songs zwischen unfassbarerer Melodie und brachialen Riffs ab, die mit reichlich elektronischen Elementen angereichert sind. Auf diesen Songs sind BABYMETAL am stärksten – leider sind die englischsprachigen Elemente, die diese Songs und „Metal Galaxy“ als Ganzes durchziehen, jedoch gewöhnungsbedürftig. Oft wäre das Japanische hier auch aufgrund der Sprachmelodie die bessere Wahl gewesen.

Zwischen reichlich (Kawaii-Metal-)Kracher schieben sich mit „Brand New Day“, „Starlight“ und „Shine“ auch einige lediglich mit Gitarren aufgerockte J-Pop-Songs, wobei letzterer eher eine Art Powerballade mit Akustikgitarren ist. Diese Stücke sind nicht schlecht, können aber im Vergleich zur Energie von „Metal Galaxy“ nur verlieren. Die härteren Metal-Songs können entsprechend deutlich stärker punkten, wie beispielsweise das brachiale und mächtige „Distortion“, dem Arch-Enemy-Frontfrau Alissa White-Gluz ihre Growls leiht.

Und dann sind da diese Momente, in denen sich der Irrsinn Bahn bricht, und man vor Begeisterung laut in die Hände klatschen möchte: „Oh! MAJINAI“ ist vollkommen übergeschnappter Pirate Metal, inklusive Shanty-Songs, die von Sabaton-Sänger Joakim Brodén in bester Vollrausch-Manier gegröhlt werden. „Shanti Shanti Shanti“ überrascht mit einem durchgängigen orientalischen Flair, und spätestens beim absoluten Übersong des Albums, dem Rap-Pop-Metal-Undsahneobendrauf-Mix „PA PA YA!!“, kann man nicht mehr stillstehen. Zum Abschluss von „Metal Galaxy“ legen BABYMETAL mit „Arkadia“ den inoffiziellen Nachfolger von „Road Of Resistance“ vor und beenden das Album mit treibendem Power-Metal, Glocken, Synthie-Sounds und beinahe triefend-kitschig epischer Breite inklusive.

Mit „Metal Galaxy“ denken BABYMETAL ihren Sound konsequent in alle Himmelsrichtungen weiter. Weit weg von einer Eintagsfliege oder einem One-Hit-Wonder, überzeugen die japanischen Musikerinnen und Musiker erneut mit riesigem Melodiegespür, einer gesunden Portion Wahnsinn und ordentlich Wumms.