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Heathe – On The Tombstones; The Symbols Engraved

[Drone Metal / Doom Metal / Industrial Metal] Obwohl sich auf der Bühne bis zu 12 Musiker befinden, handelt es sich bei HEATHE eigentlich um ein Ein-Mann-Projekt: Initiator ist der Däne Martin Jensen, der auf seinem Full-Length-Debüt (2016 ist lediglich ein Demo erschienen) Post- und Black Metal sowie elektronische und Drone-Elemente zu einem einzigen, 38 Minuten langen Song kombiniert. Die Zutatenliste ist also schon mal vielversprechend, aber kann „„On The Tombstones; The Symbols Engraved“ halten, was Jensen verspricht?

Die ersten Minuten bieten wenig Überraschungen: Dronige Gitarren, Black-Metal-typisch gekeifte Vocalarbeit, ausgesprochen schleppende Drums und ein gefühlt ewig gehaltener Orgelton bestimmen den ersten Abschnitt von „On The Tombstones; The Symbols Engraved“. Entsprechend den Genre-Kollegen von Sunn O))) oder Bong nehmen sich HEATHE in Sachen Spannungsaufbau viel Zeit und so dauert es teilweise minutenlang, bis sich neue Elemente wie Streicher oder Bläsersätze ins Arrangement einschleichen. Dementsprechend gestaltet sich die erste viertel Stunde wenig abwechslungsreich, ein wirklicher Spannungsbogen vermag sich nicht aufzubauen.

Um Minute 14 zieht das Tempo (anfangs fast unmerklich) an und HEATHE verlassen den Drone-Kosmos und „On The Tombstones; The Symbols Engraved“ wird in Verbindung mit der todtraurigen Harmonieführung merklich doomiger – um schließlich die Geschwindigkeit wieder kontinuierlich herunterzufahren und das Arrangement auszudünnen, bis bei Minute 20 nur noch eingangs erwähnte Orgel zu hören ist. Quasi das Ende der ersten, leider doch sehr langatmigen Hälfte des Mammutsongs.

Die zweite Hälfte beginnt dafür mit einer Überraschung: Stampfende Uptempo-Drums verbreiten zusammen mit den noisigen Gitarren beinahe Industrial-Feeling. Aber auch hier macht sich fehlende Varianz bemerkbar, der (zumindest merklich kürzere) zweite Teil von „On The Tombstones; The Symbols Engraved“ könnte ebenfalls etwas facettenreicher daherkommen.

Wer die erste halbe Stunde des HEATHE-Debüts durchgehalten hat, wird aber auf den letzten Metern doch noch belohnt: Die finalen zehn Minuten von „On The Tombstones; The Symbols Engraved“ erinnern nicht zuletzt aufgrund des synthetisch anmutenden Basssounds und den kreischenden Transistor-Gitarren an frühe Nine Inch Nails – mit Black-Metal-Vocals und Kopfnickerattitüde aufgrund des groovigen Halftime-Beats. Eine sehr coole Kombination, von der man auf Albumlänge gerne mehr gehört hätte.

Zusammengefasst überzeugt „On The Tombstones; The Symbols Engraved“ leider nicht, dafür ist das Gebotene leider zu unspektakulär und beliebig. Was schade ist, denn Martin Jensens musikalischer Geschmack scheint breitgefächert und HEATHE hätten somit das Potential, eine spannende Mischung aus Post-, Black-, Drone- und Industrial Metal zu werden. In der vorliegenden Form wirkt die Geschichte noch ein wenig unausgegoren – sollte der Nachfolger allerdings ein wenig abwechslungsreicher und emotional ansprechender sein, könnte das ganz geil werden. Man darf gespannt sein.

Gold – Why Aren’t You Laughing?

[Post-Punk / Post-Rock / Black Metal] Die Niederländer GOLD haben eine interessante Entwicklung hinter sich: Ging das Debüt „Interbellum“ noch eher in die Richtung okkulter Retro-Rock, waren die Nachfolgealben „No Image“ und „Optimist“ schon merklich düsterer. Nun liegt mit „Why Aren’t You Laughing?“ der vierte Longplayer der Musiker um den Ex-The-Devil’s-Blood-Gitarristen Thomas Sciarone und die charismatische Frontfrau Milena Eva vor und man darf gespannt sein, ob die Band ihre interessante Mixtur aus verschiedenen Stilen weiter verfeinern konnte.

Die drei vor dem Album-Release erschienenen Vorabsingles „He Is Not“, „Taken By Storm“ sowie der Titeltrack zeigen die musikalische Bandbreite der neuen GOLD-Platte ganz gut auf: Der erstgenannte Song gehört mit seinem Post-Rock-Feeling zu den zugänglicheren auf „Why Aren’t You Laughing?“ und bleibt sofort im Ohr hängen, während im Titeltrack die post-punkigen Elemente in den Vordergrund rücken. „Taken By Storm“ ist dann der Beweis, dass das Sextett auch härter und böser kann, ohne in belanglose Metal-Plattitüden abzudriften: Schnelles, beinahe schwarzmetallisches Tremolo-Riffing beherrscht das Arrangement und wird durch Milena Evas melodischen Gesang wunderbar kontrapunktiert.

Aber auch der Rest des Albums weiß durch und durch zu gefallen, musikalische Ausfälle gibt es nicht zu verzeichnen: GOLD bleiben ihrer im höchsten Maße atmosphärischen Melange aus Post-Rock, wavigen Post-Punk und dem einen oder anderen metallischen Ausbruch treu und haben sich im Vergleich zu „Optimist“ merklich weiterentwickelt, denn „Why Aren’t You Laughing?“ wirkt ausgesprochen homogen und ausgereift. Zu den Höhepunkten gehört sicherlich auch das intensive „Please Tell Me You’re Not The Future“, dessen Schlusspart zu den wenigen Momenten auf der Platte zählt, in denen Milena Evas Gesang drängender und expressiver daherkommt.

Instrumental und gesanglich gibt es also nichts zu meckern: Die Musiker sind ausgesprochen fähig und gerade die drei Gitarristen verstehen es, melodisch-melancholische Soundlandschaften aufzubauen, die den Zuhörer sofort in ihren Bann ziehen – die auch mal zur Soundwand werden können, wobei die Produktion aber immer einen eher rockigen und weniger metallischen Stempel aufdrückt. Gesanglich gibt sich Milena Eva auf Albumlänge meistens zurückhaltend und drängt sich nicht in den Vordergrund – wobei sich gerade in den balladeskeren Highlights wie „Truly, Truly Disappointed“ und „Killing At Least 15“ zeigt, wie gut die Frau singen kann.

Auch textlich bleiben sich die Niederländer treu: „Why Aren’t You Laughing?“ beschäftigt sich eher abermals mit den negativen Facetten der menschlichen Psyche, stets melancholisch, aber auch ironisch, manchmal fast schon zynisch aufbereitet. Keine leichte Kost, was auch das explizite Coverfoto der Künstlerin Danielle van Ark unterstreicht: es zeigt eine Frau in einer so nicht eindeutig interpretierbaren Situation – aber der Gedanke an einen Akt sexueller Gewalt liegt nahe.

So entziehen sich GOLD erfolgreich musikalischem Schubladendenken: „Why Aren’t You Laughing?“ markiert den bisherigen Höhepunkt einer Band, die tatsächlich einzigartig ist. Auch wenn Einflüsse wie The Cure, die Swans oder sogar Portishead spürbar sind, hat die Truppe ihre eigene Nische geschaffen und ist damit nur schwer mit anderen Gruppen vergleichbar. Melancholisch, atmosphärisch dicht, abwechslungsreich und doch homogen: „Why Aren’t You Laughing?“ zählt ohne Frage zu den Highlights der ersten Jahreshälfte und bietet mit seinen großartigen Melodien und kurzweiligen Arrangements auch einen hohen Langzeitspaßfaktor.

Monza – Der Tag an dem die Berge aus dem Himmel wuchsen

[Noise-Rock / Post-Punk / Post-Hardcore] „Einer nach dem anderen verändert, einer nach dem anderen entwürdigt, einer nach dem andere entmenschlicht, Schaltkreise übernahmen das Denken und Daten ersetzten den Verstand. Es blieb nichts mehr übrig von unserer Welt, es blieb nichts mehr übrig von unserer Zeit, eine ganze Zivilisation ausgelöscht durch den Wahnsinn der Maschinen…“ MONZA machen keinen Hehl aus ihrer Weltanschauung und haben sich dabei inhaltlich primär dem Thema „Mensch-Maschine“ verschrieben, sind aber durchaus in der Lage, auf „Der Tag an dem die Berge aus dem Himmel wuchsen“ auch andere dystopische Zukunftsszenarios zu zeichnen – so oder so sprühen die Texte auf dem ersten Longplayer des Münchner Noise-Post-Hardcore-Punk-Trios nicht gerade vor Optimismus. Und wie steht’s um die instrumentale Seite?

Klassisches Metal-Riffing sucht man auf „Der Tag an dem die Berge aus dem Himmel wuchsen“ vergeblich: Felix Reek baut mit seiner Gitarre vielmehr düster-atmosphärische Soundlandschaften, die Layer um Layer um neue Facetten erweitert werden. Mal flirrend-verstörend wie ein ganzer Insektenschwarm, mal traurig-melodisch: Die Bandbreite dessen, was der Mann seiner Gitarre entlockt, ist groß und oftmals unkonventionell. Beinahe klassisches Postrockgitarrenspiel („Nullraum“) oder fast schon Godflesh-eske, schräge Harmonien („Der Forscher“): Man wird auf Albumlänge immer wieder positiv überrascht.

Dass MONZA so frisch und unverbraucht klingen, liegt neben dem Gitarrenspiel natürlich auch am extrem groovigen und fetten Rhythmusunterbau der Kompositionen: Die Drums sind ultrafett und massiv komprimiert. In vielen anderen metallischen Spielarten wäre dieser schon beinahe synthetische Klang sicherlich eher negativ zu bewerten, hier passt das aber wie Arsch auf Eimer – zumal Schlagzeuger Hannes Drensler live ziemlich reinhaut, um das adäquat umzusetzen. Frontmann Thorsten Kerl macht nicht nur am Bass eine gute Figur: Seine im positiven Sinne parolenhaften, teils gesprochenen, teils geshouteten (und selten gesungenen) Texte machen einen nicht unwesentlichen Teil des einzigartigen Bandsounds aus.

Wohldosiert eingesetzte elektronische Spielereien zeugen davon, dass MONZA neue Technologien nicht grundsätzlich ablehnen: Gerade der geschickte Einsatz von Looppedalen ermöglicht das Schichten von Sounds und sorgt dafür, dass man den Eindruck bekommt, es mit mehr als nur drei Musikern zu tun zu haben. Aufgenommen im Ghost City Recordings Studio (u. a. Der Weg einer Freiheit) ist die Produktion von „Der Tag an dem die Berge aus dem Himmel wuchsen“ ausgesprochen gelungen. Dass Schlagzeug und Vocals tendenziell im Vordergrund stehen, ist Teil des Gesamtkonzepts und funktioniert sehr gut.

Unter den sieben Songs bei knapp bei rund 40 Minuten Spielzeit gibt es keine Ausfälle zu verzeichnen – aber dafür ein paar echte Highlights: Der Opener „Terraformer“ treibt wie Hölle, „Maschinengott“ hat mit seinen einfallsreichen Riffs und dem gelungenen Chorus echten Ohrwurmcharakter und der Titeltrack und Albumcloser hat im Mittelteil fast etwas von einer Predigt, wird drängender und intensiver, während er sich bis zum großen Finale steigert – selbstverständlich ohne versöhnliches Happy End.

Die Vorgänger-EP „Ikarus“ wirkte in Sachen Produktion und Songwriting noch nicht ganz rund, aber mit „Der Tag an dem Berge aus dem Himmel wuchsen“ haben MONZA ein echt innovatives, eigenwilliges und vor allem ausgereiftes Stück Musik geschaffen – gerade im deutschsprachigen Sektor keine Selbstverständlichkeit. Die Aachener Fjørt schwimmen in Sachen Attitüde und Atmosphäre vielleicht noch auf einer ähnlichen Welle, ansonsten fallen Vergleiche mit anderen Bands eher schwer. Aber vermutlich würden sich die Münchner auf einer Bühne mit Heads. und den Daughters ganz gut machen (auch wenn die jeweiligen Interpretationen des Noise-Themas schon merklich variieren). Eine verdammt coole Melange aus (Post-)Punk und –Hardcore, Noise und einer Prise Industrial. „Und alles begann an dem Tag, an dem Berge aus dem Himmel wuchsen.“

Eye Of Nix – Black Somnia (Re-Release)

(Black / Doom Metal / Post-Rock) Schon seit Jahren tummeln sich bei Prophecy Productions Bands aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen – der experimentelle Blues-Rock von The Dark Red Seed findet mittlerweile etwa genau so seinen Platz im Roster wie der naturromantische Neofolk von Empyrium. Insbesondere im Black Metal hat das deutsche Label ein Händchen für vorausschauende Künstler: A Forest Of Stars, Bethlehem, Dornenreich und Negură Bunget sind nur eine kleine Auswahl der Bands, die Prophecy bereits mit ihren Veröffentlichungen bereichert haben. Mit EYE OF NIX hat sich inzwischen eine weitere vielversprechende Newcomer-Gruppe zu dieser illustren Runde gesellt und mit dem Re-Release ihrer zweiten Platte „Black Somnia“ sogleich Anschauungsmaterial bereitgestellt.

Hört man auch nur kurz in „Black Somnia“ hinein, wird sogleich klar, dass EYE OF NIX und ihre genannten Prophecy-Kollegen etwas gemeinsam haben: Sie alle interpretieren Black Metal auf ihre eigene Weise und beziehen dabei allerlei andersartige Einflüsse mit ein. Das amerikanische Quintett bedient sich dabei unter anderem an Doom-, Noise- und Post-Rock-Elementen, die es auf durchaus eigenständige Weise miteinander kombiniert.

Die Gewichtung dieser Stilmittel variiert hierbei von Song zu Song: Mal zeigen sich EYE OF NIX von ihrer hässlichsten Seite und peitschen mit garstigen Screams, dröhnenden Gitarren und brachialen Drums auf den Hörer ein („Wound And Scar“), dann wiederum schlägt die Stimmung in Melancholie um und Joy Von Spains dramatischer, markanter Gesang übernimmt zusammen mit schwungvollen Clean-Gitarren die Führung („Lull“). An interessanten Einfällen zur Umsetzung ihres Konzepts, das Motive von Angst und Kontrollverlust thematisiert, mangelt es der Truppe demnach auf gar keinen Fall.

Fragwürdig ist hingegen die Art und Weise, auf die EYE OF NIX ihre Ideen auf „Black Somnia“ kanalisieren. Einige Arrangements machen leider einen eher unausgegorenen, plumpen und teilweise sogar ziemlich unscheinbaren Eindruck, sodass letztlich nicht allzu viel hängen bleibt („Toll On“). In Sachen Dynamik machen EYE OF NIX eigentlich nur auf „Lull“ alles richtig, die übrigen Tracks ziehen zu großen Teilen leider eher gleichgültig am Hörer vorüber. Erschwerend kommt dann noch die etwas zu rohe, zugleich aber gerade bezüglich des Gesangs enttäuschend kraftlose Produktion hinzu. Mit einem stärkeren, besser definierten Sound hätte man mit Sicherheit noch einiges aus den Stücken herausholen können.

In „Black Somnia“ schlummert ohne Frage großes Potential – anstatt einfach nur Musik nach schon längst hinreichend ausgeforschten Formeln zusammenzusetzen, zeigen EYE OF NIX auf ihrem zweiten Album den Mut zur unkonventionellen Eigenständigkeit. Den auf dem Artwork abgebildeten Horror bekommt man hier jedoch leider nur in Ansätzen zu hören. Obgleich man im Verlauf von „Black Insomnia“ auf ein paar äußerst eindringliche Passagen stößt, bleiben die Songs über weite Strecken hinter ihren Möglichkeiten zurück. Der große Wurf ist EYE OF NIX somit noch nicht gelungen, wohl aber ein Album, das die Neugier auf die zukünftige Entwicklung der Band weckt.

Cleaning Women – Intersubjectivity

[Post-Punk / Synth-Pop / Indie] „Wir kommen vom Planeten Clinus und wir sind hier, um die Welt zu retten.“ Dass dies in diesen Zeiten ein lobenswerter Ansatz ist, steht außer Frage – und obwohl diese Aussage durchaus auch Zeugnis des recht schrägen Humors der Finnen von CLEANING WOMEN ist, steckt ein bisschen mehr dahinter: Denn die Band baut ihre Instrumente selbst und nutzt hierfür ausrangierte Haushaltsgeräte und Schrott unterschiedlichster Herkunft. Ökologisch ohne Frage wertvoll, aber wie klingt das Ganze?

Auch wenn der Verdacht nahe liegt: „Intersubjectivity“ ist keine Industrial-Platte, die CLEANING WOMEN sind eher Indie, Synth-Pop und ein bisschen Post-Punk – und dabei gar nicht mal so avantgardistisch, wie man zuerst vermuten mag. Denn überraschenderweise klingt das selbstgebastelte Instrumentarium mehr nach Drumcomputer und Synthesizer, als man anfangs vermuten möchte. Hierfür ist sicherlich auch Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) verantwortlich, der das Album gemischt hat – immerhin hat der Mann recht viel Erfahrung in Sachen Krach und hat von Industrial über Country bis Metal mit so ziemlich jeder Musikrichtung, die die letzten 30 Jahre zu bieten hatten, zu tun gehabt.

Die drei Putzroboter haben „Intersubjectivity“ gemeinsam im Studio eingespielt und dabei so wenige Overdubs wie möglich aufgenommen. Ziel der CLEANING WOMEN war es, dem Bühnen- und Live-Sound der Band so nahe wie möglich zu kommen. Resultat dieser Bemühungen ist ein differenziertes und aufgeräumtes Klangbild, welches ausgezeichnet zu den teilweise tanzbar-clubkompatiblen, teilweise verträumt-atmosphärischen Kompositionen passt. In erste Kategorie gehören sicherlich die Uptempo-Ohrwürmer „Leap Of Faith“ und „We Work It Out“, in die zweite Schublade Highlights wie „Shadows In The Air“ oder das französisch gesungene „Je N’y Crois Pas“. Richtig schräg ist der Track „Party Teufel“, der mit seinem deutschsprachigen Text und dem maschinellen Rhythmus am ehesten Industrial-Assoziationen weckt – wenn auch in der Light-Version.

Wirkliche Ausbrüche oder Soundwände gibt es auf „Intersubjectivity“ nicht zu verzeichnen, lediglich „Life Among The Concrete Dust“ mit seinen Chor-Passagen und dem verzerrten Bass sowie das punkige „Living On The Streets“ sind etwas fülliger – und erinnern harmonisch auch an das eine oder andere Mike-Patton-Werk außerhalb des Faith-No-More-Kosmos. Die Arrangements bleiben (sowohl von der Instrumentalisierung als auch von der Songlänge, die zumeist unter vier Minuten liegt) stets überschaubar, was der Abwechslung auf Albumlänge allerdings keinen Abbruch tut: Die stilistische Bandbreite ist groß und so bleibt der erste CLEANING-WOMEN-Longplayer seit zehn Jahren jederzeit spannend, überfordert aber auch nicht. Mal was anderes!

Larsen – Tiles (EP)

[Post Rock/ Spoken Words] Beworben als italian experimental cult band machen LARSEN neugierig: Avantgarde Metal? Progressives Zeug? Ein Klangexperiment, das einen Gehörkollaps verursachen wird? Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit. Denn das, was das Quintett auf der neusten EP „Tiles“ unter das Volk bringt, entbehrt sich jeglicher deutlichen Zuschreibung.

Definitiv avantgarde ist es, eine Chanteuse ans Mikro zu lassen, die mit reinem Sprechgesang durch die Songs führt. Die Stimme von Annie Bandez alias Little Annie besticht dabei durch angenehmes Alt, das Gesprochene, ausgeschrieben als personal urban storytelling, hingegen ist nur nach Gusto zu bewerten. Wer nach einem Arbeitstag voller Absprachen, Telefonaten und Gesprächen abschalten möchte, dürfte an Little Annies monotonen Gerede schnell seine Geduld verlieren.

Was beim Opener „First Song“ noch einem Klangexperiment nahe kommt, da hier Post Rock auf Spoken Words trifft, erfordert bereits beim zweiten Song „Barrom Philosopher Pt. 1“ starkes Durchhaltevermögen, ehe mit „She’s So So“ der eingangs erwähnte Kollaps tatsächlich auftritt.

„She’s so hot, she’s so cold, she’s so old, she’s so young, she’s so green, she’s so blue, she’s so smooth, she’s so rough, she’s too high, she’s too low“ und ich frage mich, wie schmal eigentlich der Grat zwischen personal urban storytelling und schwachsinnigen Gerede ist.

Mit dem Wissen, dass LARSEN zuvor ein instrumentales Album auf den Markt gebracht haben und das Potenzial von „Tiles“ in guter Instrumentalarbeit liegt, stellt sich die Frage, wem der Beitritt von Bandez zur Band mehr genützt hat: der musikalischen Entwicklung der Band oder dem Bekanntheitsgrad der Performerin Little Annie? Da letztere unweigerlich den Fokus der EP darstellt, wohl nicht der Band.

Othismos – Separazione

[Black Metal/ Crust] Wer gedacht hat, dass die Wall Of Death eine Erfindung des Heavy Metals ist, der irrt. Denn bereits die alten Griechen wussten mit Gebrüll aufeinanderzuprallen – allerdings in Form eines Krieges zwischen zwei hoplitischen Heeren. Der Begriff Othismus beschreibt diesen Aufprall zweier Heere im Griechenland der archaischen Zeit.

Gleichermaßen ist dies auch der Name einer italienischen Black Metal/ Hardcore-Formation, die unter OTHISMOS Musik mit genau dieser Schlagkraft auf den Markt bringt. Während das Debüt noch einen rohen Hardcore/ Punk/ Metal-Hybriden darstellte, liefern die Italiener mit ihrem Zweitwerk „Separazione“ ein noch immer rohes Stück Musik, dessen Schlagseite nun aber deutlicher im Black Metal- und Crust-Bereich liegt.

Mit einer Spielzeit von gerade mal 26 Minuten liegen OTHISMOS leider keinen langen, aber dafür einen kraftvollen Beweis vor, dass beide Genres eine gute Mischung ergeben: Während die Black-Metal-Riffs den Songs eine gewisse Struktur und auch Crust-untypische Länge verleihen, ist es wiederum das Chaotische des Crust, welches die Songs unverhohlen aufbricht und zur Abrissbirne werden lässt.

Erstaunlich ist, dass OTHISMOS trotz dieser explosiven Mischung auch ein Gespür für tragende Leads haben, wie sie bei „Black Star“ und „Tale Of A Righteous Man“ unter Beweis stellen. Wahrlich überraschend ist an der zweiten Platte der Italiener aber die Stellung des Basses: Ebenbürtig zur Gitarre ins Szene gesetzt, groovt der Tieftöner ziemlich stark durch die acht Songs (besonders gut bei „Hymn Of Victory“ zu hören) und verleiht ihnen eine gewisse Wucht. Dank ihm geraten OTHISMOS nicht einen Moment in die Gefahr sich in einem brachialen Brei an Drums und Riffs zu verlieren.

Außenseiter gleich Spitzenreiter? Eine denkbare Zukunft für die jungen Italiener, denn die Instrumentalfraktion versteht ihr Handwerk und die Tracks sind mit einem gescheiten Spagat zwischen extremen Ausbrüchen und wieder auf den Boden zurückholenden Melodien ausgestattet. „Separazione“ kann mehr, als man OTHISMOS auf den ersten Blick zutrauen würde!

Vessel Of Light – Woodshed

[Stoner-Rock / Doom-Metal / Alternative-Metal] VESSEL OF LIGHT sind ein Doom-Duo aus den USA, bestehend aus Thrash-Legende Dan Lorenzo (Hades, Non-Fiction) an Gitarre und Bass und Ancient VVisdom-Sänger Nate Opposition. „Woodshed“ ist (nach einer 2017 erschienenen, zwar wenig beachteten, aber durchaus bemerkenswerten Debüt-EP) ihr erster Longplayer und man darf gespannt sein, ob die generationsübergreifende Zusammenarbeit auch auf Albumlänge zu einem fruchbaren Ergebnis geführt hat.

Auch wenn der Opener und Titeltrack „Woodshed“ nicht nur tempomäßig recht doomig daherkommt, wird im Verlauf der nächsten ungefähr 40 Minuten recht schnell klar, dass es damit in Sachen Songwriting nicht getan ist: So gibt es neben groovigen Stoner- auch ansprechenden, bluesigen Alternative Metal auf die Ohren, alles eher so im Mid- bis Downtempobereich, aber alles andere als langweilig präsentiert und gitarrentechnisch immer ein bisschen mehr Metal als Rock.

Eine der großen Stärken von VESSEL OF LIGHT ist dabei sicher die überraschende Bandbreite an Gesangsstilen, die Nathan Oppostion (der übrigens auf „Woodshed“ auch Schlagzeug spielt) zur Verfügung steht und die auch souverän ausgenutzt wird: Von melodischem Cleangesang („Woodshed“), über die klassische Reibeisenkehle („Part Of My Plan“) bis hin zu rotzigem Stoner Rock („One Way Out“) oder alternativer Rockröhre („Watching The Fire“) hat der gute Mann einiges im Angebot. Letztgenannter Song hat zwischendrin sogar ein bisschen Seattle-Feeling, wobei allerdings auch andere Nummern Assoziationen an die neunziger Jahre und beispielsweise Alice In Chains oder frühe Soundgarden wecken können, ohne dabei altbacken zu klingen – verantwortlich hierfür in manchen Songabschnitten das Gitarrenspiel, in anderen Parts die Vocals.

Die erdig-trockene und dabei etwas oldschool wirkende Produktion geht völlig in Ordnung und verleiht „Woodshed“ das notwendige Maß an Schmutz – in diesen Musikrichtungen ist weniger durchaus manchmal mehr und es steht den Tracks gut, dass sie tontechnisch nicht überpoliert wurden. Dass VESSEL OF LIGHT sich in Sachen Songlängen (von zwei Songs mal abgesehen) im Bereich von kompakten zwei bis um die vier Minuten bewegen, sorgt auf Albumlänge auch in Sachen Arrangementarbeit für genug Abwechslung. Dabei dürfen Chorus-Passagen auch mal catchy sein, aber ohne sich dabei anzubiedern.

VESSEL OF LIGHTs erster Longplayer unterstreicht den bereits auf der Debüt-EP angedeuteten Anspruch, den das Duo musikalisch an sich selbst hat und macht dabei wirklich Spaß. Klar, das Rad wird auch hier nicht neu erfunden, aber wer nur ein bisschen was für ehrlichen, schnörkellosen Metal mit starker Doom-, aber auch Stoner- und Alternative-Schlagseite übrig hat, sollte auf jeden Fall mal ein Ohr riskieren – der eine oder andere dazu passende Wurm ist sicher dabei.