Archives

Crippled Black Phoenix – Great Escape

(Progressive Rock / Post-Rock / Folk) Den zweijährigen Rhythmus hält das britische Musikerkollektiv bei ihren Studioalben seit „(Mankind) The Crafty Ape“ aus dem Jahr 2012 konstant ein, so auch mit dem siebten Longplayer „Great Escape“. Die Band möchte den Hörer auf ihr neues Abenteuer mitnehmen und es ihm ermöglichen, ihren Klangkosmos noch weiter zu erkunden. CRIPPLED BLACK PHOENIX zeigen sich in diesem Rahmen wütend und entmutigend, aber auch versöhnlich.

So überrascht der Opener „You Brought It Upon Yourselves“ bereits mit seinem düster-melancholischen Ambient-Grundkonstrukt und den eingestreuten Sprachsamples, erzeugt damit aber eine äußerst dichte Atmosphäre. Der erste vollwertige Song „To You I Give“ schlägt gleich mit über neun Minuten zu Buche, zeigt aber direkt die Stärken von CRIPPLED BLACK PHOENIX ohne Umschweife. Weit ausholende Instrumentalpassagen, wabernder Gesang und die zerbrechlich wirkenden Emotionen verbinden sich zu einem intensiven, zum Träumen einladenden Song.

Mit „Madman“ wird ein vom rockigen Standpunkt aus stark zurückhaltender Song geboten, der aber durch die wuchtigen Drums und den tiefen Gesang überzeugt. Im Hintergrund fungieren Synthesizer-Melodien, die eine dezente Referenz zum Gothic entstehen lassen. Im Anschluss setzen CRIPPLED BLACK PHOENIX auf Post-Rock meets Folk („Times, They Are A’Raging“) oder alternativen Progressive Rock im Stil von Anathema („Rain Black, Reign Heavy“). Vor allem Belinda Kordics Gesang und die hintergründige Trompete geben dem Stück deutlichen Tiefgang. Als kleiner Kritikpunkt kann angeführt werden, dass die weiblichen Vocals gerne öfter zum Einsatz kommen könnten. Vor allem, da sie in „Nebulas“ nochmal einen starken Auftritt haben.

„Great Escape“ ist tatsächlich ein Album geworden, das einem vor dem tristen Alltag fliehen lässt und die Möglichkeit bietet in eine bittersüss-hoffnungsvolle Musikwelt abzutauchen. Weitgehend bewegen sich die Songs im ruhigen Fahrwasser und haben doch eine Intensität aufzuweisen, von der andere Künstler wahrlich nur träumen können. Dies ist vor allem, neben der Standardbesetzung einer Rockband,  durch den mannigfaltigen Einsatz verschiedenster Instrumente wie Streichern, Trompete oder auch Synthesizern zu untermauern. CRIPPLED BLACK PHOENIX sind eine Institution, wenn auch eine oftmals schwer zugängliche und in ihrer düsternen Seite erdrückende, deren tiefen Emotionen und qualitativer Klasse sich Freunde von Progressive Rock und Post-Rock nicht entziehen sollten.

Slægt – The Wheel

(Black Metal / Heavy Metal / Rock’n’Roll) Fast genau ein Jahr ist es her, dass SLÆGT mit ihrem zweiten Album „Domus Mysterium“ ein erstes Ausrufezeichen setzen konnten. Zum einen hat die Band, die auf ihrem Debüt noch reinen Black Metal zelebrierte, damals ihren Sound komplett verändert und zum anderen schickte man sich an, den norwegischen Nachbarn von Kvelertak ordentlich auf die Pelle zu rücken. Es dürfte insofern sehr spannend werden, was die Herren auf „The Wheel“ präsentieren.

Bereits der Opener „Being Born (Is Going Blind)“ offenbart, SLÆGT sind mit „The Wheel“ ein deutliches Stück gewachsen und haben an den richtigen Stellschrauben gedreht. Der Song überzeugt mit seinen erkennbaren Black-Metal-Wurzeln und großer Affinität zum klassischen Heavy Metal, ohne dabei den bereits erarbeiteten Sound komplett über den Haufen zu werfen. Auch im weiteren Verlauf des Albums findet sich diese Affinität wieder, wenn auch nur wohl portioniert und in kleineren Dimensionen. Der Rock’n’Roll-Anteil steigt hingegen nach und nach wieder zu altbekannten Ausmaßen an.
Die häufig verwendeten zweistimmigen Leads und Gitarrensoli, welche durchaus Vergleiche zu den Kollegen von Audrey Horne zulassen, und geschickt inszenierte Ruhepausen, zum Beispiel in Form von Akustikpassagen, lockern den ansonsten sehr schwarzmetallisch geprägten Sound zusätzlich auf.

Insgesamt liefern SLÆGT mit „The Wheel“ also ein sehr rundes Werk ab, bei dem kein Song nach unten abfällt und das sich stets auf sehr hohem Niveau bewegt. Besondere Glanzlichter des Albums sind unter anderem der bereits erwähnte Opener oder auch das sehr schmissig groovende „Citrinitas“. Aber auch „Gauntlet Of Lovers“ ist eine Black’n’Roll-Nummer, die keine Vergleiche zu scheuen braucht. Kühle Riffs treffen hier auf einen treibenden Bass, galoppierendes Schlagzeugspiel und fabelhafte Leadgitarren, untermauert durch ein kurzes, ruhiges Zwischenspiel.
Bleibt zu klären, was nun mit dem Vergleich zu Kvelertak ist. Die Antwort ist ganz einfach. Der Vergleich ist nicht notwendig. SLÆGT spielen zwar ebenfalls eine Mischung aus Black Metal, Heavy Metal und Rock’n’Roll, aber haben dabei einen ganz eigenen Sound und eine vollkommen andere Herangehensweise.
Zusätzlich kann sich die Produktion, genau wie beim Debüt, sehr gut hören lassen. Sie ist klar, kraftvoll und immer auf den Punkt abgestimmt, sodass jeder der Musiker sich seelenruhig austoben kann. Weder eines der Instrumente noch der Gesang drängen sich in irgendeiner Form zu sehr in den Vordergrund.

SLÆGT beweisen mit „The Wheel“ jedenfalls, dass sie ihr Potenzial ausgenutzt haben und nun einen Schritt weiter sind, um sich aus ihrer Nische herauszuarbeiten.

Zardonic – Become

Skrillex meets Slipknot“ behauptet die Bandinfo selbstbewusst und nach den ersten Minuten kann man diese Behauptung getrost unterschreiben. Ok, die Geschichte klingt jetzt nicht wirklich nach Slipknot, mit ein bisschen gutem Willen könnte man aber den Begriff „Nu Metal“ verwenden, um das Riffing und die Art und Weise, wie die Gitarren auf ZARDONICS neuestem Streich „Become“  eingesetzt werden, zu beschreiben. Und auch der Skrillex-Vergleich dient lediglich dazu, grob zu definieren, welche Kategorie elektronischen Fundaments der Zuhörer in der kommenden Dreiviertelstunde um die Ohren geprügelt bekommt. „Geprügelt“ ist hier auch keinesfalls übertrieben, hat man es doch im Wesentlichen mit der ganz harten Elektro-Schiene in Form von Breakbeats, Dubstep, Drum’n Bass und sowas wie Hardcore-Techno zu tun. Ziemlich fett, ziemlich laut und tendenziell auch tieftönerkompatibel aufbereitet. Das kann live oder unter Clubbedingungen cool sein, aber taugt das auch auf Albumlänge?

Federico Augusto Ágreda Álvarez ist ein venezuelanischer Keyboarder, DJ und Komponist, der seit 2004 maskiert unter dem Namen ZARDONIC unterwegs ist und sich durch diverse Festival-Auftritte und Remixes für beispielsweise Gorgoroth oder Nine Inch Nails auch in der Metal-Szene einen Namen gemacht hat. Wobei Dubstep und vor allem gebrochene Beats schon immer gut mit härteren Gitarren konnten, wie The Prodigy seit Jahrzehnten oder auch Korn auf ihrem Album „The Path Of Totality“ erfolgreich unter Beweis gestellt haben. „Become“ ist dabei aber schon anders als die Platten der erstgenannten Briten, wesentlich härter und gemeiner. Ursächlich hierfür sind vor allem die bereits angeteasten, harten Technopassagen und durchaus Rave-geprägten Synthesizerklänge, die das Album recht konsequent durchziehen, aber dabei leider auch wenig variabel sind. ZARDONICS inzwischen fünftes Album („Far Beyond Bass“, die Remixplatte zu „Vulgar Display of Bass“ nicht mitgezählt) wirkt dadurch leider phasenweise auch ein wenig langweilig.

Spannender sind da schon die Drum’n Bass- und Breakbeat-Parts, die prinzipbedingt variantenreicher daherkommen. Ein bisschen Farbe ins Geschehen bringen zusätzlich die zahlreichen Features, unter anderem von den Szenegrößen Qemists, Saxophonist Jørgen Munkeby von Shining (die norwegische Avantgarde-Rock-Band, nicht die schwedische Black-Metal-Band) oder auch MC Coppa von der Londoner Hip-Hop-Crew Foreign Beggars, die schon mit Noisia unter dem Namen I Am Legion im Drum’n Bass-Dschungel gewildert haben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass „Children Of Tomorrow“ durchaus Parallelen zu besagter Platte aufweist und sicher eins der Highlights auf „Become“ ist – neben der zuvor erwähnten Qemists-Kooperation „Takeover“, das auf jeder alkoholgeschwängerten Party mit leistungsfähigen Basslautsprechern problemlos zum Herumspringen animieren dürfte.

Im Prinzip muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er diese Platte braucht. Sie ist definitiv nicht so abwechslungsreich wie ein The Prodigy oder Qemists-Album, obwohl „Become“ sich sehr ähnlicher Zutaten und Strukturen bedient – wobei die Verwendung von sich zu sehr ähnelnden Synthesizersounds und sehr vorhersehbaren Breaks den Spaßfaktor schmälert. Dafür geht ZARDONIC aber über weite Strecken wesentlich rabiater und härter an die Sache heran – würde sich auch auf einem Mixtape zusammen mit Bong-Ra ganz gut machen und klingt ein wenig nach den Rotterdamern von PRSPCT Recordings. Live oder auf einer Underground-Endzeit-Matrix-Party sicherlich eine Wucht, aber als Album zum „normal anhören“ nicht so richtig überzeugend, da musikalisch und kompositorisch leider nur bedingt spannend.

Teksti-TV 666 – Aidatuu Tulevaisuus

(Post Punk / Psychedelic / Shoegaze) Musiker machen es sich selbst nicht leicht, wenn sie in ihrer Landessprache texten – englischsprachige Künstler ausgenommen. Trotz ihrer finnischen Texte erspielen sich TEKSTI-TV 666 nach mehr als 100 Konzerten in drei Jahren und einigen EPs allmählich auch außerhalb ihrer Heimat Aufmerksamkeit. Dabei spielt sicher auch die Tatsache eine Rolle, dass die Band mit vier, teilweise sogar fünf Gitarren auftritt. Ihre so noch nicht gehörte Kombination unterschiedlicher Musikstile presst die Band mit „Aidatuu Tulevaisuus“ nun auch in Form eines Albums.

TEKSTI-TV 666 fundieren ihre Musik auf stark in den 80ern angesiedeltem Post-Punk-Sound, den sie mit reichlich Psychedelic- und Shoegaze-Elementen anreichern. Neben Größen wie The Cure oder My Bloody Valentine erinnert „Aidatuu Tulevaisuus“ auch an aktuelle Bands wie King Gizzard & The Lizard Wizard, ist aber deutlich straighter und punkiger. Dabei weht, wie im Opener „Turbo-Mondeo“, ein permanenter 80s-Pop-Vibe durch die Songs, der sich in catchy Melodien und tanzbaren Rhythmen offenbart.

Treibende Elemente werden von eher verträumten Shoegaze-Einflüssen konterkariert. Diese zeigen sich auf „Aidatuu Tulevaisuu“ neben den omnipräsenten Twang-Gitarren besonders im tief in den Sound gemischten, verhallten und monotonen Gesang. Auch wenn er wohl bewusst so gehalten ist, liegt in diesem Aspekt definitiv keine Stärke von TEKSTI-TV 666. Zwar passt der Gesangsstil gut zur Musik, nimmt ihr allerdings ihren bereits in sich widersprüchlichen weichen Druck. Dieser wiederum wird auch durch die Lo-Fi-Produktion bewusst betont und passt gut zur Musik.

Da TEKSTI-TV 666 in ihre kurzen Lieder enorm viele Ideen packen, überrascht es, wie repetitiv sie ihre längeren Stücke aufbauen. Das mehr als sieben Minuten lange „Rauhankone“ ist im langsamen Tempo schon sehr krautrockig und zieht sich leider sehr. Das Highlight haben sich TEKSTI-TV 666 allerdings zum Schluss aufgehoben: Das mehr als zehnminütige „Katko“ strotzt zwar ebenfalls nicht vor Abwechslung, reißt mit seiner euphorischen Stimmung und seinem kontinuierlich treibenden Aufbau dennoch durchgehend mit.

„Aidatuu Tulevaisuus“ hat das Zeug, TEKSTI-TV 666 über die Landesgrenzen Finnlands hinaus bekannt zu machen – zumindest innerhalb einer aufgeschlossenen Musikszene. Zwar ist ihr Debütalbum noch nicht der ganz große Wurf, lädt aber zum Tanzen ein und sticht durch seine Verschrobenheit aus der großen Masse hervor.

Slægt – Domus Mysterium

(Black Metal / Heavy Metal / Rock’n’Roll) Auch wenn es Traditionalisten vermutlich (schon länger) die Schuhe auszieht: Gerade in härteren Musikgenres sind Stilkombinationen derzeit wohl die Fundgrube für spannende Bands. Das gilt besonders für den Bereich des Black Metal, seien es Alcest oder Deafheaven, die den Blackgaze-Hype losgetreten haben, oder Kvelertak, die Heavy Metal und Rock’nRoll in ihren Sound einbauen. Spricht man von Kvelertak, gilt es in Zukunft eine weitere Band auf dem Schirm zu heben, die ebenfalls aus Skandinavien stammt und das Potenzial besitzt, den Norwegern ihren Ruf abzulaufen: SLÆGT.

Deutlich tiefer im Black Metal verwurzelt, spielt die Bands mit packenden, aus dem Rock’n’Roll entlehnten Grooves und schafft so einen Bastard, der musikalisch originell klingt und zum Tanzen einlädt. Ob es das an Kerry King gemahnenden Thrash-Metal-Soli in „I Smell Blood“ unbedingt gebraucht hätte, sei dahingestellt – passen die oft schon fast kitschigen Classic-Rock-Einlagen doch wesentlich besser in den Gesamtsound von SLÆGT. Man merkt zu keinem Zeitpunkt, dass „Domus Mysterium“ das erste Album des Vierers aus Dänemark ist. Der Opener erinnert stellenweise fast schon an Finntroll, während „The Tower“ zunächst bei Metallica beginnt, bevor es in ein heftiges Black-Metal-Riffing und hasserfüllte Vocals abdriftet, schließlich zu klassischen Hard-Rock-Soli abbiegt, um als tanzbare Glam-Nummer zu enden.

Zwar fehlt es auf die Gesamtspielzeit trotz des Stilmixes ein wenig an Abstimmung, dennoch ist das Songwriting extrem stimmig und überzeugt. Leider zieht die Band ihre Nummern oft etwas unnötig in die Länge; bis auf den Opener und ein kurzes Interlude bleibt kein Song unter der Finfimunutenmarke, der abschließende Titeltrack beläuft sich sogar auf fast 14 Minuten. Zwar wiederholen SLÆGT einzelne Parts dabei nicht oft, komprimiert würden die fetten Riffs, heiseren Growls und die treibenden Patterns allerdings noch besser funktionieren. Die Band selbst sagt, dass „Domus Mysterium“ das beste Material ist, das sie bisher geschrieben haben, aber noch mehr Potenzial in ihnen steckt. Das trifft es auf den Punkt: Das Debütalbum von SLÆGT ist ein mitreißender Bastard aus Black Metal und Rock, der mit mehr Stringenz noch Großes verspricht.

Zeal & Ardor – Stranger Fruit

„Don’t Believe The Hype“ skandierten Public Enemy 1988 auf ihrem Album „It Takes A Nation Of Millions To Hold Us Back“. Trotzdem wurde Rap, das musikalische Sprachrohr der afroamerikanischen US-Bürger zum Massenphänomen. Obwohl Gospel, Worksongs und Blues wohl keine derartige kommerzielle Aufmerksamkeit zuteilwerden dürfte, könnte im Fall von ZEAL & ARDOR so ein klein bisschen Hype sogar gerechtfertigt sein. Denn selten war Black Metal (besser gesagt: Musik mit Black-Metal-Elementen) zugänglicher aufbereitet als auf „Stranger Fruit“. Das dürfte vor allem daran liegen, dass der schweizerisch-amerikanische Multiinstrumentalist Manuel Cagneux auch andere musikalische Elemente einbindet: eben Blues, Worksongs und sogar Gospelfragmente.

Trap-Beats plus das gar nicht mal so schöne Drumcomputer-Geballer vom Vorgänger „Devil Is Fine“ sind echtem Schlagzeug gewichen – und das klingt auch noch richtig gut. Überhaupt weiß die Produktion sehr zu gefallen, Kurt Ballou (seines Zeichens auch Gitarrist von Converge) hat hier einen ausgezeichneten Job gemacht. Somit gehören tontechnische Defizite der Vergangenheit an, das Schlagzeug ist (nicht nur für Black-Metal-Verhältnisse) sehr fett, Gitarren und Bass klingen rund und auf dem Gesang liegt mehr oder weniger durchgehend eine merkliche Verzerrung, durch die auch ab und an Assoziationen zur Band Awolnation und „Sail“ geweckt werden.

Schon das rund zweiminütige Intro „Intro“ (harr, harr) zeigt, wohin die Reise geht: Es beginnt mit einem rhythmischen Geräusch, vielleicht einer Spitzhacke, bei dem man unweigerlich an den Anfang des Soundtracks von „O Brother Where Art Thou“ und an Sträflinge, die irgendwo in der sengenden Hitze der US-amerikanischen Südstaatenprovinz am Rand eines Highways arbeiten, denken muss. Es folgen bluesige Gitarren und Vocals, die von schnellen Riffs und Doublebassattacken abgelöst werden. Die nachfolgende Single „Gravedigger’s Chant“ kommt ohne selbige aus, hat aber dafür ein schickes Piano plus eine Orgel an Bord. Der erste Black-Metal-artige Ausbruch kommt erst zwei Tracks später bei „Don’t You Dare“. Der Fairness halber muss man sagen: ZEAL & ARDOR haben in den härteren Passagen das Rad nicht unbedingt neu erfunden, aber die Symbiose mit genannten genrefremden Elementen ist ausgesprochen gelungen und die schwül-heiße Südstaaten-Atmosphäre eine willkommene Abwechslung zur im Black Metal sonst so verbreiteten skandinavischen Kälte. Manche Songs, wie zum Beispiel „You Ain’t Coming Back“ oder auch der Schlusstrack „Built On Ashes“, sind sogar regelrechte Ohrwürmer.

Auch der Spannungsbogen von „Stranger Fruit“ weiß zu gefallen: bluesige Momente mit Call-and-Response-Vocals werden von hohen, gekrächzten Schreipassagen abgelöst. Diese Wechsel führen auch dazu, dass man sich über die gesamte Albumlänge nicht langweilt, obwohl man im letzten Drittel der Platte auch keine Überraschungen mehr erlebt.

Wer in Sachen Black Metal wenig kompromissbereit ist und auf Bands wie Marduk steht, sollte von dieser Platte wohl eher die Finger lassen. Wer gegenüber neuen Strömungen und Elementen im Schwarzmetall offener ist, kann auf jeden Fall mal ein Ohr riskieren.  Don’t believe the hype? Vielleicht manchmal doch. „Stranger Fruit“ ist auf jeden Fall ein sehr cooles Album mit großartigen Songs geworden. Schauen wir einfach mal, wo die musikalische Reise von ZEAL & ARDOR noch so hingeht.

Deafheaven – Ordinary Corrupt Human Love

(Shoegaze / Post-Black-Metal / Post-Hardcore) Sehnsucht. Wärme. Schönheit. Verletzlichkeit. Euphorie. Leidenschaft. Melancholie. Fernweh. Poesie. „Ordinary Corrupt Human Love“, das vierte Album von DEAFHEAVEN, spielt auf der Klaviatur der großen Gefühle. Wie seine Vorgänger wird es vom Wechsel zwischen verschleppten Passagen und Hochgeschwindigkeits-Blastbeats, perlenden Melodien und knackigen Riffs, laut und leise dominiert. Man könnte der Band aus San Francisco demnach leicht fehlende Weiterentwicklung unterstellen – würde sie nicht durch eine musikalische Fokusverschiebung eine ganz eigene, einmal mehr atemberaubende Atmosphäre kreieren.

Den düsteren, heftigen Metal des Vorgängers „New Bermuda“ lassen DEAFHEAVEN bereits mit dem Opener „You Without End“ weit hinter sich: Eine sehnsüchtige Klaviermelodie vermengt sich mit verspieltenGitarren und einer poetischen Spoken-Word-Passage, bevor sich an Brian May erinnernde Classic-Rock-Gitarren emporschrauben und heiseres Krächzen ertönt. Trotz einer Länge von mehr als sieben Minuten bleibt die erlösende, große Explosion aus. Auch wenn andere Nummern, so wie das daran anschließende „Honeycomb“, immer wieder in rasende Blastbeat-Passagen ausbrechen, wirken diese Eruptionen nie aggressiv. Stattdessen wird „Ordinary Corrupt Human Love“ von einer fast schon euphorischen und durchweg positiven Stimmung dominiert. Diese wird nicht zuletzt durch Gitarren-Soli hervorgerufen, die oft an der Grenze zum Kitsch kratzen, aber diese nie unangenehm überschreiten.

Nach wie vor spielen unverkennbare Hardcore- und Black-Metal-Elemente eine große Rolle für DEAFHEAVEN. Der Schwerpunkt der Songs liegt auf „Ordinary Courrupt Human Love“ allerdings auf einer Mischung aus Shoegaze und Post Rock. Die lauteren und schnelleren Nummern offenbaren dies durch ihre euphorische Stimmung, während DEAFHEAVEN diese Seite ihrer Musik in den beiden kürzeren Stücken betonen. „Sunbather“ war durch verbindende Interludes strukturiert, „Near“ und „Night People“ sind nun komplett eigenständige Lieder. „Near“ mit seinen verhuschten Gitarren und dem weit im Hintergrund angesetzten, verhallten Gesang, präsentiert sich als Parade-Shoegaze-Nummer. Das zarte, auf Klavier und elektronischen Elementen basierende Duett mit Chelsea Wolfe auf „Night People“ badet in süßer Melancholie und überzeugt ebenfalls mit dem beeindruckenden Clean-Gesang von George Clarke.

Trotz des heftigen Kreischens, trotz kräftiger Riffs und trotz pulsierender Blastbeat-Passagen im Hochgeschwindigkeitsbereich: So weit wie auf „Ordinary Corrupt Human Love“ waren DEAFHEAVEN noch nie von Metal im traditionellen Sinn entfernt. Die Sehnsucht, die Songs wie „Glint“ dominiert, wirkt ebenso ergreifend wie die verträumte Leidenschaft im abschließenden „Worthless Animal“. „Ordinary Corrupt Human Love“ ist unverkennbar DEAFHEAVEN – und überrascht daher nicht. Die fünf Musiker konnten ihre Songwriting-Fähigkeiten allerdings noch einmal verbessern, wodurch es ihnen gelingt, dass das Album trotz einer Spielzeit von mehr als einer Stunde keine Sekunde langweilt.

ARL3CCH1NO – Psyche (EP)

[Post-Rock/Elektro/Doom] ARL3CCH1NO – was sich zunächst wie ein neues Modewort der Millennials liest, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als post-industrieller Stilmix und die italienische Übersetzung von Harlekin. Die EP „Psyche“ prägt ein Soundbild, das cineastisch anmutet und gleichzeitig leicht zugänglich ist.

Zweifellos wäre Regisseur David Lynch ein großer Fan der musikalischen Weltuntergangsszenarien, die ARL3CCH1NO nach dem eher moderat-melancholischen Einstieg mit dem instrumentalen „Psyche“ entwerfen. Es sind weniger die fünf Stücke alleine, die bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern die gesamte Atmosphäre und die lebhaften Assoziationen, die das Trio erweckt. Post-Rock und elektronische Beats treffen hier auf Doom, Metal und alles, was sich sonst noch im Kosmos von ARL3CCH1NO richtig anfühlt. Dazu zählt unter anderem ein Saxophon und erfreulich viel Gitarrenarbeit. Der Gesang von Chanteuse Stephanie ist dabei ähnlich vielseitig wie die Kompositionen, bewegt sich von einfühlsam wie in „Overload“ bis eindringlich in „Medication“. Die größten Einflüsse der drei Süddeutschen liegen zweifellos bei Combos wie Nine Inch Nails, Massive Attack oder Mogwai, doch „Psyche“ ist mehr als nur ein weiterer Abklatsch oder „Klingt wie“-Verschnitt der genannten Szenegrößen. Es ist vielmehr ein mit Liebe, Herz und Hirn zusammengestelltes und in sich geschlossenes Kleinod, das in keiner Sekunde den Eindruck erweckt, es wäre auch nur in den kleinsten Teilen zufällig so entstanden.

Der Titel der EP spiegelt die Inhalte der Songs wider, die sich von Schmerz, Isolation bis zu abstrakten Fantasien erstrecken – und damit dem entsprechen, was die düstere Verpackung verspricht. Die getragene Instrumentalisierung und methodische Umsetzung des gewünschten Klangkosmos verleiht den Inhalten den notwendigen Ausdruck. Wenig überraschend haben ARL3CCH1NO bis dato vorwiegend atmosphärische Soundtracks produziert. „Psyche“ entwickelt sich schnell zu einer intensiven Reise in eine postapokalyptische Welt, die auch als Einstieg in dieses Genre mehr als gut geeignet ist. Diese EP braucht sich nicht zu verstecken, sondern kann sich hören lassen – muss aber auch gehört werden, um sie verstehen zu können.