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Hasenscheiße – a-Moll

Zunächst machten HASENSCHEISSE es „Für eine Handvoll Köttel“, später dann „Für eine Handvoll Köttel mehr“. Was genau die Musiker für diese überschaubaren Tarife taten? Mittelalterliche Marktmusik mit witzigen Texten zelebrieren. Anno 2012 haben sich die Vorzeichen bei den Berlinern nach dreijähriger Abstinenz geändert. Die fröhlichen Marktrhythmen (selbst betitelt als „Acoustic-Guitar-Fantasy-Trash-Balladen“) sind größtenteils handfestem Pop mit anspruchsvollen wie witzigen Texten gewichen.

Berlin hat in jüngerer Vergangenheit mit Peter Fox, Silbermond und Tim Bendzko nicht eben wenige Künstler hervorgebracht, die sich deutschlandweit etablieren konnten. Ob HASENSCHEISSE diese Tradition fortsetzen? Unwahrscheinlich. Alleine der Bandname dürfte ein Erfolgshindernis sein. Allerdings sollte sich niemand ein vorschnelles Urteil über dieses Projekt bilden. Obwohl es der Name anderweitig impliziert, werden die Musiker eher an ihren anspruchsvollen Texten scheitern als durch plumpe Massentauglichkeit zu Ruhm & Ehre gelangen.
So widmen sich HASENSCHEISSE mit einer siebenminütigen Hymne an den populärsten aller Gitarrenakkorde: „a-Moll“. Mit viel Charme und Witz (Bamboleo…) nehmen sich die Ostdeutschen diesem Thema an, welches gleichermaßen dem neuesten Output seinen Namen gab. Eine weitere „Köttel“-Botschaft hätte zur neuerlichen Ausrichtung allerdings auch nicht gepasst.
So ist bereits die Single „Das unbedingte Ding“ musikalisch völlig anders ausgerichtet als beispielsweise „Die Waden eines Barden“ früherer Tage: Deutschsprachiger Rap trifft auf Spanisch vorgetragene Flamenco-Melodien und englisch gesungenen Irish Folk – in einem einzigen Song. Die einzige Parallele zu früheren „HASENSCHEISSE-Teufeleien“: Die Kompositionen versprühen durch ihre Lockerheit schlicht gute Laune. Spontane Assoziationen zu den Ohrbooten sind – nicht nur durch die regionale Nachbarschaft – naheliegend.

Doch HASENSCHEISSE können auch anders: In „Kein Bock und keine Zeit“ behandelt die Combo wieder einmal höchst ironisch das Thema Politik, während in „Feuerwasser“ erstmals eine E-Gitarre zum Einsatz kommt. Diese fügt sich allerdings sehr stimmig in diese Hommage an den Alkoholgenuss im Rock’n’Roll ein. Allgemein besitzen Texter Christian Näthe und seine Mitmusiker ein hervorragendes Gespür für ihre Arrangements und ihren Instrumenteneinsatz. So stößt man in fast jedem Song beinahe unbemerkt auf bekannte Melodien und Strukturen, die allerdings so neu verpackt und/oder anders verkauft werden, dass von schlichtem Diebstahl keine Rede sein kann. Der Anspruch in den Texten zieht sich auch durch die musikalische Ausgestaltung der Songs, welche gleichermaßen melancholisch wie skurril geraten.
So schießt in „Der Alte“ schließlich passend vertont der Nikolaus mit einer abgesägten Schrotflinte auf den Osternhasen. „Passend vertont“ bietet in diesem Kontext wohl 1000 und eine kreative Möglichkeit, doch es fällt schwer zu glauben, dass es eine passendere Lösung als die von HASENSCHEISSE gibt. „Finde deine Mitte“ gerät hingegen beinahe spirituell mit einem Hauch von Reggae und Lagerfeuerromantik – der zentrale Gitarrenakkord wiederholt sich im Refrain dabei so häufig, dass er sich automatisch im Gehörgang festsetzt. Trotz dieser Eingängigkeit verlieren HASENSCHEISSE nie ihren musikalischen Anspruch aus den Augen. So huldigen sie am Ende in „Hätte, hätte, hätte“ dem Konjunktiv (inklusive textlichem Seitenhieb auf das Haus am See von Peter Fox) und liefern zwischenzeitlich mit „Monika“ einen waschechten Punkrock-Song.

Insgesamt tat dem Projekt der stetige Zuwachs von neuen Musikern (wie auf „a-Moll“ mit Stephan Fuchs am Akkordeon) und der damit einhergehende Abwechlungsreichtum sehr gut. Zwar hat sich die Truppe von ihren Marktwurzeln ziemlich abgekapselt, doch ihre Experimentierfreudigkeit in Verbindung mit Anspruch und Humor dürfte auf diesem Level relativ einzigartig sein. So gibt es am Ende nur einen einzigen Aspekt an „a-Moll“, der eine höhere Wertung verhindert. Mit 40 Minuten und neun Liedern ist das Album einfach zu kurz, v.a. da den Musikern wohl kaum die Ideen für weiteres Material gefehlt haben dürften. Oder etwa doch?

Gojira – The Flesh Alive

(Progressive / Melodic Death Metal) Seit 1996 im Geschäft, gehören GOJIRA, wie sich die als Godzilla gegründete Band heute nennt, vielleicht noch nicht zu den ganz Großen im Geschäft, allemal aber zu den Aufsteigern der letzten Jahre. Und so wundert es auch wenig, dass die Franzosen mit „The Flesh Alive“ nun zum ersten Mal in der Bandgeschichte eine DVD zusammengestellt haben.

Hinter einem sehr gelungenen Artwork beziehungsweise Layout verbergen sich dabei in der limitierten Deluxe-Edition gleich drei Silberlinge – zwei DVDs sowie eine Audio-CD.
Die Qual der Wahl, mit welchem der Bild- beziehungsweise Tonträger man sich am besten als erstes befasst, wird durch die Tatsache gemildert, dass alle drei mit einer quasi identischen Tracklist aufwarten – was das wiederum für einen Sinn haben soll, erschließt sich mir jedoch nicht. Denn wo dies beim Audiomitschnitt, welcher ja für gewöhnlich lediglich eine Audio-Version des für die DVD mitgeschnittenen Konzertes ist, noch logisch erscheint, vermag ich nicht nachzuvollziehen, wo der Sinn darin liegen soll, zwei hinsichtlich der gespielten Setlist nahezu identische Konzerte auf DVD zu bannen – zumindest, wenn sich die eine Show nicht in irgendeinem Aspekt merklich von der anderen unterscheidet. Und in der Tat: Bis auf die Tatsache, dass die Show in Bordeaux (DVD2) in einer kleineren Location stattgefunden zu haben scheint, als dies in Garorock (DVD1) der Fall gewesen ist, gibt es keine großen Unterschiede festzustellen: Schlichtes Bühnenbild, eine sehr stimmige Videoinstallation, eine nicht sonderlich extravagante Bühnenshow sowie in beiden Fällen vorzüglicher Sound machen beide Shows gleichermaßen sehenswert – beide DVDs hintereinander anzusehen ist aus ebendiesen Gründen jedoch nicht sonderlich reizvoll.
Erfreulich ist das Feature des Dolby5.1-Sounds, welcher eine recht lebendige Atmosphäre zu vermitteln vermag, auch wenn die Gitarren in dieser Abmischung ein wenig „aufgesetzt“ und überpräsent wirken – nichts zu kritisieren gibt es unterdessen am Bild, welches gestochen scharf, gelungen geschnitten und durch dezent eingesetzte Effekte wie Farbfilter oder Animationen aufgelockert voll und ganz zu überzeugen vermag.
Auch Bonus-Material darf auf einem solchen Output natürlich nicht fehlen: DVD 1 wartet diesbezüglich mit drei weiteren Livevideos, mitgeschnitten in Les Vieelles Charrues, auf, von denen immerhin zwei Livedarbietungen zeigen, die nicht im Set der anderen Shows enthalten sind – die Offenbarung sind diese Stücke jedoch ohne den Kontext eines Konzertes nicht wirklich.
DVD 2 hingegen beinhaltet neben der Show die für DVD-Veröffentlichungen dieser Art quasi obligatorische Band-Dokumentation. Wie viel man mit derartigem Behind-The-Scenes-Material, Bootleg-Aufnahmen von Recording-Sessions und Live-Konzerten sowie Interviewschnipseln anzufangen weiß, ist dabei natürlich Geschmacksfrage – denn während Die-Hard-Fans derartige Schmankerl gewiss zu genießen vermögen, ist Material dieser Art für gemäßigte Fans doch nicht unbedingt allzu spannend.
Welche der beiden Shows es auf die CD geschafft hat, ist ohne weiteres nicht herauszufinden – tut aber, wie gesagt, auch wenig zur Sache. Fakt ist: Auch hier ist der Sound kraftvoll und weiß zu begeistern. Für Live-CD-Fans hat man es bei dieser Beilage definitiv mit einem gut gewählten Bonus zu tun.

Mit „The Flesh Alive“ legen die Extreme-Metaller GOJIRA ein Rundum-Sorglos-Packet vor, welches Fans der Band definitiv zufriedenstellen sollte: Neben zwei sehr professionell mitgeschnittenen Konzerten, ist nicht zuletzt die soundtechnisch mehr als gelungene Live-CD ein echter Selling-Point des hübschen Packages, welches im Übrigen auch als Blue-Ray+CD-Bundle auf den Markt kommt. Einziger Wermutstropfen ist, wie bereits angesprochen, die nahezu identische Setlist beider Videomitschnitte – dass GOJIRA auf der zweiten DVD mit einem Akustik-Gig oder einem ähnlichen Extrem aufwarten, hätte wohl niemand erwartet – zumindest eine leicht variierte Setlist wäre allerdings schon nicht ganz verkehrt gewesen, um etwas mehr Anreiz zu schaffen, sich beide DVDs komplett anzusehen.

Minor Utopia – Withering In The Concrete

(Heavy Metal / Thrash Metal) Seit 2007 im Underground unterwegs, veröffentlichen MINOR UTOPIA mit dem hier vorliegenden “Withering In The Concrete” nach zwei Demos ihr Debutalbum – und machen es dem Rezensenten definitiv nicht leicht, ein Urteil zu fällen. Das fängt schon beim Cover an: Als jemand, der eine CD gerne mal nach der Covergestaltung aussucht, auch ohne von der Band jemals etwas gehört zu haben, wäre ich schweigend an diesem Produkt vorbeigeschlichen. Genauso, und darum geht’s ja letztendlich, hätte ich mich sicher aus dem Plattenladen getrollt, wenn „Withering In The Concrete“ dort gelaufen wäre.

Dabei laufen so einige Faktoren zusammen, die den „Genuss“ dieses musikalischen Konstrukts ungenießbar machen. So geht man schon einmal mit der falschen Erwartungshaltung ran: Wird im Infozettel noch von Progressive Industrial Metal gesprochen, bekommt man über die gesamte Spiellänge eher eine seltsam unausgereifte Mischung aus Heavy Metal mit Thrash-Anleihen und Alternative-Geömmel mit wirklich, naja, ganz leichtem Progressive-Einschlag auf die Ohren. Sängerin Michelle trifft dabei nur selten den Ton – und so wirklich gewöhnen tut man sich da auch nicht dran, selbst dann nicht, wenn sie sich an Black Metal-typischem Gekeife versucht, wie es auf „Hole In The Sky“ der Fall zu sein scheint. Die Produktion tut dem Klangbild dann auch nichts Gutes: Wer auch immer hinter den Reglern saß, hat wohl das ständig übersteuerte Geknarze im Hintergrund überhört, welches das „Hörerlebnis“ in eine Zumutung für die Ohren verwandelt. Tja, und dann klingen die Lieder irgendwie auch alle gleich, es entsteht ein unentschlossener Genrebrei, bei dem man den angepriesenen Industrial durchgehend vermisst. An der Instrumentierung tut man sich mit den seltsamen Soli – oder was auch immer diese oft schrägen Intermezzi darstellen sollen – auch keinen Gefallen, das Riffing ist jetzt auch nicht wirklich einfallsreich und macht absolut nichts neu.

Und damit ist eigentlich schon alles gesagt: Komisches Cover, komische Produktion, komische Musik. Ich möchte nicht unbedingt davon abraten, mal reinzuhören, eine Empfehlung kann ich aber auch keineswegs aussprechen, dazu ist das Dargebotene einfach zu eintönig und schräg, zu einfallslos und zu uninspiriert. Sorry, aber „Withering In The Concrete“ ist halt schlicht und ergreifend ein Schuss in den Ofen.

Lakei – Konspirasjoner

(Doom / Black Metal / Post Hardcore) Man stellt sich den Begriff der Post-Apokalypse ja immer irgendwie so vor, wie er auch medial vermittelt wird: Meistens eine düstere, durch Atomwaffen oder andere Unglücke zerstörte, weitestgehend zur Einöde und Wüste verfallene Welt, rauchende, verkohlte Ruinen, einzelne, nur noch mit Lumpen bekleidete Gestalten mit ausgedünnten, grau geworden Haaren – nicht gerade die schönste Vorstellung. Dass damit einhergehend dem Chaos die Tür geöffnet wird und sich die letzten Überlebenden selbst dezimieren, in einem wahren Blutrausch alles niedermetzeln, was sich ihnen in den Weg stellt, ist die traurige Kehrseite der Auflösung jeder von Menschenhand geschaffenen Ordnung. Wie soll man ein derartiges Szenario am besten vertonen? Entweder durch bedrohlich wabernde Klänge – oder aber durch zerstörtes, aggressives, hasserfülltes und verzweifeltes Anbrüllen gegen das Ende der Welt. LAKEI aus Bergen in Norwegen haben sich für die zweite Variante entschieden.

Nach dem düsteren Einstieg, in welchem Sludge-Gitarren und ein schleppendes Schlagzeug die Urteile der Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Chefetage untermalen, schießt plötzlich eine heißere, gegrowlt-geschriene, an Death Metal erinnernde Stimme aus dem Nichts hervor, die alles und jeden niederbrüllt. Absolut verzerrte und restlos kaputte Gitarren und ein wild um sich prügelndes Schlagzeug untermalen diesen Musik gewordenen Hass und verdeutlichen die Grundstimmung des Albums perfekt. Die rohe Gewalt von „Sarkofag“ wird auf Albumlänge immer wieder unterbrochen, sei es durch eine von flächigen Gitarren erzeugte bedrohliche Atmosphäre wie in „Budbringer“, durch sich blutend durch die Wüste schleppende Doom-Brecher wie „Despot“, durch Black-Metal-Blastbeats und Riffs wie im Titeltrack oder durch Post-Hardcore/Crust-Punk-Ohrfeigen wie in „Ansikter“. Trotz der permanent negativen Grundstimmung und wenig Abwechslung im Gesang wird ein breites Spektrum angepisster und bedrohlicher Musik serviert, in einen rostigen Mixer geworfen und mit Rasierklingen und Spiritus angereichert, in ein zerbrochenes Glas geschüttet und auf Ex die Kehle hinuntergestürzt. Dieser Sound wird vom stimmigen Cover-Artwork von Santiago Armengod, seines Zeichens auch für Bands wie Kylesa oder Lamb Of God verantwortlich, stimmig unterstützt.

Trotz des breiten musikalischen Spektrums wirkt „Konspirasjoner“ über seine gesamte Spielzeit vor allem aufgrund der geringen Abwechslung im Gesang auf Dauer etwas zu eintönig. Die Songs selbst bewegen sich trotz kleiner Ausreißer weitestgehend auf Mid-Tempo-Level und verzichten weitestgehend auf Melodien. Die kaputten Gitarren untermalen die Musik zwar stimmig, klingen in manchen Momenten aber leider ein wenig zu drucklos. Prinzipiell machen LAKEI auf ihrem starken Debüt-Album vieles richtig, um restlos begeistern zu können, fehlt allerdings das gewisse Etwas. Falls die Welt am Ende des Jahres noch existieren sollte, können sich die vier Norweger weiter daran versuchen, ihre Endzeit-Visionen auszubreiten – vielleicht würde eine tatsächlich eingetretene post-apokalyptische Welt allerdings noch besser als Inspiration dienen. In welche Abgründe einen die bereits jetzt bis zum äußersten nihilistische Musik dann allerdings werfen würde, sollte man besser nicht genauer bedenken.

Nachtvorst – Silence

(Black Metal / Doom / Post Rock) Man muss es wohl leider so sagen, wie es ist: Direkt nach Punk Rock gibt es wohl in keinem Musikbereich eine größere Anzahl an beliebigen und oft auch schlechten Bands wie im Metal. Dass vor allem der Bereich des Black Metal hinsichtlich der Produktionsstandards selbst bei großen und erfolgreichen Bands meistens nur knapp über unterirdisch liegt, macht das Ganze nicht besser. In den letzten Jahren hat allerdings eine Entwicklung eingesetzt, die sich zwar der musikalischen Grundmuster dieses Genres bedient, über dessen Grenzen allerdings weit hinausgeht und verschiedene Stile inkorporiert – der Anspruch an die eigene Musik ist bei diesen Bands dann im technischen und musikalischen Bereich, eben auch hinsichtlich der Produktion so hoch, dass dabei nur in den seltensten Fällen beliebige Ware herauskommt. Im Falle von „Silence“, dem zweiten Album der Holländer NACHTVORST liegt nun ein Album vor, welches sich nicht hinter den sogenannten „Großen“ des Genres verstecken zu braucht, sondern diesen sogar vorführen kann, wie man eine unglaublich dichte und fesselnde Atmosphäre kreiert.

Die Ankündigung, dass auf „Silence“ im Vergleich zum experimentellen Black Metal des ersten Albums „Stills“ noch stärker auf Einflüsse von Doom Metal, Post Rock und Klassik gesetzt werden sollte, bewahrheitet sich bereits im Opener „The Serpent’s Tongue“: Ein düsteres Doomriff schleppt sich ätzend und repetitiv vorwärts, bis der grunzende Gesang von Erghal von einem Sludge-Metal-Riff erbarmungslos über den Boden geschleift wird. Nach 5 Minuten fährt die Gitarre in den Hintergrund, um Raum für schleppende und melancholische Klaviertöne zu machen, welche von verhalltem, verzweifelten Geschrei im Hintergrund flankiert werden. Dass danach weiche, gezechzehntelte Gitarren die Vorherrschaft übernehmen und so die bereits vorhandene Fläche noch viel größer machen ist beinahe Formsache. Dabei wirkt das alles nie aufgesetzt oder gewollt zusammengekleistert, sondern in sich schlüssig und fesselnd.

Die wunderschöne Klavier-Cello-Ballade „After…“ würde so auf keinem Olafur Arnalds Release auffallen, dient allerdings nur als Überleitung zu blackened Hardcore von „Nightwinds“, welcher – man möchte fast sagen: natürlich – über seine Spielzeit auch Ausflüge Richtung düsterster Doom und gewalttätigsten Sludge antritt. Die erste Hälfte von „Gentle Notice Of A Final Breath“ wiederum geht als melancholische, sogar mit hoffnungsvollen Töne angereicherte, riesige Fläche durch, die nur von einigen Krächzern von Erghalt unterbrochen wird, bevor die pure Aggression und Verzweiflung losbricht, noch einige Berg- und Talfahrten auf sich nimmt, um schließlich abrupt abzubrechen, den Pianoklängen von „…before“ den Weg freizumachen, welche in das abschließende Epos und absolute Albumhighlight „A Way Of Silence“ münden. Nach brutalem Riffing werden hier verträumte Sphären mit cleanem Hall-Gesang unterlegt, um schließlich in ein episches, beinahe erlösendes Riffing zu schwenken, nur um sich zum Schluss in einem Blast-Beat selbst aufzufressen.

Eigentlich ist es ja albern, eine derartige Song-By-Song-Review zu schreiben. Da auf „Silence“ über die gesamte Spielzeit von 52 Minuten jeder Song für sich herausragend ist und sich dabei das Album als Ganzes als pure Atmosphäre darbietet, gibt es kaum einen anderen Weg, diesem düsteren Obelisken gerecht zu werden. Sicherlich, ein paar Längen stellen sich hier und da ein, Erghals tiefer Gesang wird teilweise etwas zu gepresst und die Produktion könnte an manchen Stellen noch etwas fetter sein. Abgesehen von diesen kleinen Mängeln ist „Silence“ eines der beeindruckendsten und besten Alben aus dem Genre des atmosphärischen und experimentellen (Black-) Metal.

Maximum The Hormone – Buikikaesu

(New Metal/Crossover, Metalcore, Hardcore, Rock, Pop) Japan an sich ist international eher durch den Visual Kei-Stil bekannt geworden – wobei dieser auch keiner bestimmten musikalischen Richtung folgt. Jedoch gibt es auch einige japanische Bands, die sich diesem Trend nicht anschließen, wie eben Maximum The Hormone. Hauptsächlich bekannt geworden ist diese Band durch den Gebrauch einzelner Lieder für Intro’s und Outro’s von Animeserien, wie beispielsweise Death Note. So bin auch ich auf diese Band gestoßen: „Was ist das für ein geiles Lied? Von wem ist das? *Google…* Ah, es gibt ein Album! *Hörprobe*…“ Ja, so war das damals. Die Band nimmt inzwischen regelmäßig meine Anlage in Beschlag und gehört zu meinen Top-Favoriten in Sachen Gute-Laune-Mucke. Bevor ich jedoch zum eigentlichen Review komme noch eine kleine Anmerkung: Da das Booklet komplett in japanischen Schriftzeichen verfasst ist und die Texte aus einer Art Japano-Englisch zusammengesetzt sind, werde ich mich im Folgenden nur auf die Musik an sich beziehen können.

Der erste Song – direkt der Titeltrack – fängt etwas gewöhnungsbedürftig mit Daisukes Rapgekreische an, mit dem man sich allerdings recht schnell anfreundet. Zwischendurch wird mal ein hardcoretypischer Gruppengesang angestimmt um dann in einen durch Nao’s und Ryo’s Stimmen getragenen Mitsing-Refrain zu leiten. Hört sich seltsam an? Ja, das ist es auch. Die größtenteils rocklastige Melodie geht dabei richtig schön ins Ohr und die Stilübergänge sind weder abgehackt noch in irgendeiner Weise unpassend. Definitiv ein guter Opener, wenn auch lange nicht eines der Albumhighlights. Der zweite Track hingegen gehört schon zu den besseren Songs: Ein relativ harter, aber grooviger Rhythmus und abwechselnder Cleangesang mit gekreischten und gebrüllten Überleitungen und einem Breakdown der gekonnt in ein Bridge überleitet. Definitiv eine gute Weiterführung ins restliche Album.
Beim nächsten Lied könnten sich da wo Zetsubou Billy noch recht eingängig war die Geister scheiden. Eine kleine Glockenmelodie als Intro und ein von Nao gesungener poppiger Refrain? Eigentlich ein Greuel für jeden Metalhörer. Es geht weiter mit SKA-geprägten Strophen, wieder mit abwechselndem Gesang von Nao, Ryo und Daisuke, was für mich eines der Stilmittel der Band ist, die für diese ungezwungene Abwechslung sorgen. Nach einem kleinen Gitarrensolo kommt dann jedoch der Schlag: Ein übelst dunkles Gitarrenriff leitet in ein von Daisuke gebrülltes Bridge ein, das kaum angefangen wieder in den poppigen Refrain einleitet. Manche mögen so etwas nervig bis grausam finden; ich finde diese Varianz genial.
Die nächsten fünf Tracks sind wieder härter, zeichnen sich aber ebenso durch verschiedene Genresprünge aus. Ein Song-für-Song-Review ist hier fehl am Platz, da ich kaum jede einzelne Nuance beschreiben kann, die diese Lieder alle ausmachen – weshalb sie jedoch nicht schlechter oder besser sind als die bereits angesprochenen.Deshalb nun weiter mit dem Lied Bikini Sports Punchin. Warum? Dieser Song gehört meines Erachtens auch eher zu den härteren des Albums und zeichnet sich durch ein recht verstörendes Riff mit Daisukes krankem Gekreische in den Strophen aus. Als krassen Gegensatz dazu der groovige Refrain mit Ryo’s Cleangesang macht auch dieses Lied zu einem der Highlights. Gleich darauf folgt der Livebrenner What’s Up People. Als härtester Song der Platte macht er einfach Spaß. Ein durchgehend zum Bangen verführendes Gitarrenriff und ein Mitsingrefrain mit derbst gegrowlten Strophen macht dieses Stück Musik einfach liebenswert.
Das nachfolgende Lied mit dem unaussprechlich langen Titel ähnelt dagegen wieder dem poppigen dritten Track, während das nächste Shimi wieder metalllastigere Töne anschlägt, allerdings nicht so sehr zündet wie What’s Up People.
Der Rausschmeißer des Album dagegen ist noch einmal erwähnenswert. Wieder ein sehr poppiger – wenn nicht sogar kitschiger – von Nao gesungener Refrain leitet das Lied ein um dann in einem brutalen von Daisuke gekreischten und von Ryo besungenen Breakdown überzugehen. Dann folgt ein rockiger Zwischenpart und es fängt wieder der Refrain an.

Wie bewertet man ein Album, das einen selbst einerseits begeistert und andererseits gleichzeitig weiß, dass eine große Gruppe Hörer dieses als kitschig, nervig und überzüchtet schlecht ansehen würde? Ich bleibe bei meiner Meinung und gebe die gute Wertung, denn nicht zuletzt sollte jeder in die Musik selber reinhören, die er sich zulegen will. Für mich feiert diese Veröffentlichung einfach Musik an sich – im Gewand des Metals. Die stilistischen Übergriffe gepaart mit den verschiedenen Gesängen der einzelnen Bandmitglieder, die weder gezwungen, abgehackt oder unpassend wirken machen die Scheibe für mich zu einem der besten experimentellen und abwechslungsreichsten Alben die ich kenne. Als Anspieltipps würde ich Zetsubou Billy, Kuso Breakin Nou Breakin Lily, What’s Up People und Koi No Megalova empfehlen. Wem zweit- oder letztgenanntes nicht zusagt sollte lieber die Finger von diesem Album lassen. Alle anderen können die Scheibe getrost abfeiern.
(Julian Dietrich)

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Feedtime – The Aberrant Years

(Rock/Punk/Blues) Wie viel dichte Emotionen, wie viel Spannung, wie viel musikalisches Genie kann man in ein paar wenige dahinwummernde Riffs packen? Wie spannend können Slides auf der Gitarre klingen, wie hypnotisch der Wahnsinnsgesang, der mir da wie ein beruhigendes und dennoch bedrückendes Mantra aus den Lautsprechern strömt, zäh und doch kraftvoll. Heftig groovt der Blues, der sich da mit Punk vermischt und bei jedem Ton Rock n‘ Roll atmet und schwitzt, und ich frage mich: Wer vermag es, so viel in so wenig zu verpacken?

Ich muss gestehen, ich kannte FEEDTIME bis dato noch nicht. Für alle, denen es genauso geht, hier ein kleiner Überblick: 1979 gegründet fand die Band 1982 zu ihrem klassischen Line-Up, das Debut erblickte dann schließlich 1985 das Licht der Welt. Bei dem hier vorliegenden Sampler „The Aberrant Years“ handelt es sich um ausgewählte Songs aus eben diesem Line-Up, das bis 1989 Bestand hatte – leider liegt mir nur die abgespeckte Version mit 10 Songs vor, wer sich das Teil zulegen möchte bekommt nämlich alle vier Alben inklusive rarer Singles und Compilation-Tracks. Schwer wird es nun tatsächlich, die Musik zu beschreiben, mit der uns FEEDTIME beehren. Gleich der Opener „Motorbike Girl“ versprüht eine ordentliche Portion Dreck, erinnert latent an die Ramones, ebenso wie das nachfolgende „Shoeshine Shuffle“. In „Ever Again“ treibt die Rhythmusfraktion wie ein aufgescheuchter Hornissenschwarm die surrende Slide-Gitarre voran, unterstützt von einer – soweit ich das richtig höre – Mundharmonika wirkt dieses trotz allem minimalistisch und spartanisch ausgestattete Werk skurril und abgedreht. „Play With Fire“ groovt heftig, die chaotische Krachkulisse im späten Mittelteil, das im Hintergrund säuselnde Blasinstrument (ich schätze mal Saxophon) und der verzweifelt raue Gesang ergeben ein surreales Gesamtbild, welches über die gesamte Albumlänge aufrechterhalten wird.

Monotonie und Minimalismus schweben über allen 10 Songs, allen voran bei „F#“, welches von gerademal einem einzigen immer gleich bleibenden Ton getragen wird – das mögen einige sicher als langweilig empfinden, aber die Atmosphäre die dadurch geschaffen wird ist einzigartig, mystisch, und durch den Gesang oft auch schlichtweg bedrückend. Dass FEEDTIME ein Faible für Blasinstrumente haben, kann man am deutlichsten auf „Curtains“ erkennen: Hier wird das Saxophon ausgepackt, spielt sich in wilde Rage und passt großartig zum immer gleich wummernden Riff. „I’ll Be Rested“ überrascht dann mit reinrassigem Country, auf dem die Slides am deutlichsten zu vernehmen sind.

Was bleibt nun unterm Strich? Wir haben Rock n‘ Roll, wir haben den Punk der 80er, wir vernehmen wunderbaren Blues, und plötzlich ist da dann auch noch Country. Ein wilder Mix, und doch harmoniert das Gemisch durch die stringente Verwendung der durch und durch monoton wirkenden Melodien und Rhythmen perfekt miteinander. Wirklich schade, dass mir nicht alle Alben der Abrrant-Jahre zur Verfügung standen, gerne hätte ich mehr gehört. Dennoch spreche ich eine klare Kaufempfehlung aus – eine großartige Band und eine großartige Zusammenstellung, die mich umgehauen hat und die ich zu jeder Sekunde genossen habe. Cheers.

The Mount Fuji Doomjazz Corporation – Egor

(Jazz / Ambient / Impro) Es gibt Alben, die machen es einem schwer, und solche, die es einem leicht machen, über sie zu schreiben. Und dann gibt es noch die, denen du schlichtweg egal bist – weil sie selbst wissen, dass sie souverän genug klingen, jeden Ton, den man über sie schreibt, mit jedem ihrer Töne ganz nach Belieben zu bekräftigen oder zu entkräften. „Egor“ von THE MOUNT FUJI DOOMJAZZ CORPORATION ist eines dieser letztgenannten Alben… ein Doomjazz-Freestyle-Live-Album, untergliedert in vier Musikstücke, mit einer Spielzeit von fast 70 Minuten, rein instrumental gehalten, versteht sich von selbst.

Und doch wird man der Dramaturgie, die in diesem Album steckt, kaum mit Worten gerecht – spürt man hier doch Entwicklungen und Stimmungen, Gefühle und Atmosphäre, Klänge, die zu Songs werden, die am Ende zwar nicht viel mehr als Klänge sind, jedoch dabei mehr Ausdruckskraft haben als die meisten gewöhnlichen Rock-Songs.
Von einem Live-Album zu sprechen, wäre dabei ungefähr genauso irreführend, als spräche man bei einem Gutshof von einer Jagdhütte – denn bis auf die Tatsache, dass zwischen den einzelnen Klang-Abschnitten gesittetes Klatschen zu hören ist, könnte „Egor“ genauso gut eine Studioproduktion sein: Der Sound könnte klarer nicht sein, und auch, wenn hier über große Strecken improvisiert wird, folgt das Album dennoch einem roten Faden, wie man ihn bei einem Live-Konzert nicht unbedingt erwarten würde.
Leichte Kost klingt – natürlich – anders, das braucht man nicht zu diskutieren. Und auch die Zahl der Gelegenheiten und Situationen, zu denen „Egor“ wirklich gut passt, ist zugegebenermaßen stark begrenzt – findet man jedoch einen solchen Moment, und damit die Muße, sich auf ein Album wie dieses einzulassen, vermag „Egor“ dem Hörer mehr zu bieten, als die meisten Studioproduktionen.

Für Fans der Band beziehungsweise auch des Labels, Denovali Records, ist auch „Egor“ wieder ein Pflichtkauf – alle anderen sollten sich am besten gleich noch den Vorgänger, „Anthropomorphic“, mitbestellen. Ein großartiges Album für die ruhigen Stunden, fernab jeder Besinnlichkeit.