Lacrimosa

  • München, Backstage
  • 08. Oktober 2012

Von bekannten Schemata abzuweichen, ist musikalisch gesehen – sowohl im Studio als auch live – schwierig geworden: LACRIMOSA haben sich zu ihrer Tour im Rahmen der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Revolution“ im Vorfeld spürbar Gedanken gemacht. Allerdings hüllten sich die Düstermusiker bei den Details in Schweigen. Von besonderen Konzerten mit Überraschungen war die Rede – und LACRIMOSA hielten Wort. Doch nicht jede „Revolution“ gelingt.

Gleich zu Beginn stellte Mastermind Tilo Wolff klar, dass er nach dreijähriger Bühnenabstinenz beim Zusammenstellen der Setliste auf insgesamt rund drei Stunden Material kam. Gemäß eigener Aussage wollte er nach der ausgedehnten Tourpause sowohl neue Kompositionen als auch all seine Klassiker aus über 22 Jahren Bandgeschichte spielen. Demnach entschied er sich, auf einen Support zu verzichten und statt dessen LACRIMOSA pur zu spielen – mit einer Pause und einem besonderen Set, passend zum Tour- und Albentitel „Revolution“. Die Fanschar der Szeneveteranen ist indes in den letzten Jahren allerdings spürbar zurückgegangen, so dass sich bestenfalls 400-500 Besucher im abgehängten Backstage Werk einfinden. Im Vergleich zu früher ist das Publikum auch – im wahrsten Sinne des Wortes – eher bunt gemischt. Sind LACRIMOSA allgemeingängiger geworden? Vielleicht. Jedenfalls wirken besonders die neueren Songs weniger speziell und sind noch mehr im Symphonic Rock als im Dark Wave oder Gothic Metal angesiedelt. Und auch die älteren Kompositionen verdienen im Live-Umfeld nicht mehr das Prädikat „avantgarde“.
Nachdem der Vorhang auf der Bühne mit etwas Verspätung fällt und alle Musiker ihre Plätze eingenommen haben, beginnt die Show mit einem Klassiker: „Ich bin der brennende Komet“ von der 1996er EP „Herz“. Die langjährigen Fans des Wahlschweizers feiern ihr Idol, welches etwas ungelenk tanzt und fortan zwischen anklagend-verzweifeltem Gesang und exzessivem Schreien schwankt. Seine Gestik und Mimik erinnert dabei frappierend an den Grafen, was wohl nur die wenigsten LACRIMOSA-Fans gerne lesen dürften. Und auch die Musik trägt live unheilige Züge. Gothenquotenschlager? Ein wenig. Zumindest leitet das Duo Wolff/Nurmi den Abend sehr ruhig und gediegen ein, bevor später die großen Klassiker wie „Stolzes Herz“, „Alleine zu zweit“ und „Am Ende stehen wir 2“ im altbekannten Gewand folgen.
Entsprechend schwer tut sich das Publikum zunächst damit, ins Konzert zu finden. So verpufft auch „Lichtgestalt“ als einer der Vorzeigesongs fast unmerklich im ersten Drittel. Sind derlei Konzerte in München erfahrungsgemäß statischer als in anderen Städten, so ist es an diesem Abend noch ruhiger und gemäßigter als sonst. Vereinzelt wiegen sich die Körper in den Synthieklängen oder es wird lapidar mitgeklatscht, doch echte Stimmung kommt größtenteils nicht auf. Derweil werden LACRIMOSA live von hervorragenden Gitarristen und einem guten Schlagzeuger begleitet, die besonders durch ihre Soloparts für starke Momente sorgen. Diese können allerdings auch völlig isoliert von der übrigen Musik gesehen werden: Und so scheiden sich besonders an den beiden Sangesstimmen die Geister. Während Wolff auch im fortgeschrittenen Alter noch seine Momente hat, wenn er völlig in sich und seinen Liedern aufgeht, ist Anne Nurmi inzwischen am Keyboard deutlich besser aufgehoben. Zu leise und kraftlos wirkt ihr Organ, besonders im Vergleich zum männlichen Gegenstück. Da rettet auch ihr knappes Outfit nichts, welches nach der Pause noch knapper wird und „Ausziehen“-Sprechchöre zur Folge hat. Müssen LACRIMOSA wirklich auf diesem Wege punkten? Es scheint fast so, wenngleich ungewollt. Denn über 3 Stunden verteilt fehlen die musikalischen Highlights und Ausrufezeichen. Passend dazu entpuppt sich die von Wolff angekündigte Überraschung als eine Autogramm- und Fotosession während der Pause, die zum einen zu kurz bemessen ist, um allen Fans gerecht zu werden, und zum anderen im Verhältnis zum großen Brimborium im Vorfeld doch einen faden Beigeschmack hinterlässt.


Und unabhängig davon, ob LACRIMOSA die ganz alten oder ganz neuen Töne anschlagen, so recht vermag es München nicht zu überzeugen. Zu den nennenswerten Ausreißern nach oben zählt es schon, als Tilo Wolff direkt nach der Pause „Refugium“ am Piano buchstäblich zelebriert – lediglich von einem einzelnen Scheinwerfer illuminiert. Seine spärlichen und melancholischen Ansagen wirken hingegen eher spröde. „Weil du Hilfe brauchst“ gerät dabei sinnbildlich für diesen Abend, denn auch LACRIMOSA scheinen trotz des durchdachten Konzepts dringend Hilfe zu benötigen, um wieder mehr Fans und (noch?) vorhandene Konzertbesucher zu erreichen. So geht selbst die anschließend ausgerufene „Revolution“ nebst geschwenkter Fahne irgendwie in der gesamten Tristesse und Monotonie des Abends unter, die so musikalisch trotz vorhandener Ansätze in eben jene Stimmungsrichtung kaum in dieser Form gewollt sein kann. Derweil sind die Botschaften von LACRIMOSA durchaus ehrenwert: Niemand sollte allein sein, jeder kann den Unterschied machen. Allein, es reicht musikalisch nicht für Begeisterung – außer man besitzt einen speziellen emotionalen Bezug.


Und selbst eben jene, für die LACRIMOSA mehr sind, befinden sich genau wie die Musiker auf der Bühne nach rund 3 Stunden am Ende ihrer Kräfte. Dadurch leidet die Stimmung und Atmosphäre noch einmal kurz vor dem Ende regulären Setliste bei der ausufernden „Roten Symphonie“. Allein Thilo Wolff hält dies nicht sonderlich auf, beendet er doch den Konzertabend so, wie er ihn sich am Reißbrett zurecht gelegt hatte. Nicht zu Unrecht, fordern doch einige lautstark nach einer „Zugabe“. Auf seine Die Hard-Fans ist immerhin noch Verlass, besonders bei „Am Morgen danach“ und den Rausschmeißer „Feuer“. Anderweitig wirken LACRIMOSA inzwischen allerdings mehr verlassen und im negativen Sinne alleine zu zweit, umgeben von echten Könnern an der Gitarre und am Schlagzeug.

Setlist
01. Ich bin der brennende Komet
02. Malina
03. Schakal
04. Mandira Nabula
05. Feuerzug
06. Lichtgestalt
07. If The World Stood Still A Day
08. Alles Lüge
09. Tränen der Sehnsucht
10. Alleine zu zweit
11. Irgendein Arsch ist immer unterwegs
12. Ein Hauch von Menschlichkeit
13. A Prayer For Your Heart
14. Apart
15. Stolzes Herz

16. Refugium
17. Ich verlasse heut‘ dein Herz
18. Am Ende stehen wir 2
19. Weil Du Hilfe brauchst
20. Not Every Pain Hurts
21. Ohne dich ist alles nichts
22. Rote Sinfonie
23. Revolution

24. Der Morgen Danach
25. Feuer

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