Das ätherisch-atmosphärische Klangspektrum außerhalb des Metal-Genres ist unlängst dem Mainstream nahegerückt. AGNES OBEL, CHELSEA WOLFE, ANNA VON HAUSSWOLFF, das alles sind Namen, die heute im Feld introspektiver Klänge absolute Hausnummern sind. In diesen Reigen fällt auch EIVØR. Die färöische Sängerin und Komponistin versteht sich seit ihrem Debüt „Eivør Pálsdóttir“ von 2000 hervorragend auf die Inszenierung großer Klanggebilde und kleiner Träumereien. Das alles begann für sie mit vorwiegend folkloristischer Musik, hat sich aber über die Jahre immer weiter in eine beatgetriebene und moderne Umsetzung der gleichen Schönheit übersetzt.
Ihr neues Album „Tungl“ ist das Destillat aus dieser Metamorphose und kann viel eher als ein episches Trip-Hop-Release verstanden werden. Natürlich vernachlässigt EIVØR dabei nicht die tiefe Melancholie und Grazie, die ihrer Musik schon immer zu eigen war. So entfaltet ein Song wie „Drekafljóð“ insbesondere wegen seiner fast orchestralen Größe und den schwelgerischen Melodien daraus, in Kombination mit einem simplen, aber treibenden Beat, seine ganze Wirkung. Das ist ganz grundsätzlich wichtig für „Tungl“. Das Album speist sich nämlich nicht aus Opulenz selbst, sondern durch den Weg dorthin. Besonders schön umgesetzt zum Beispiel auf „Verjugarðar“, wo sich Pálsdóttirs Gesang auf einem beständigen Rhythmus den großen Klangwänden und Melodielinien im Hintergrund langsam annähert, um letztlich ganz von ihnen umhüllt zu werden.
Dass EIVØR jedoch keinesfalls zwingend auf drückende Electronica angewiesen ist, zeigt ein Stück der Marke „Hinumegin“ mehr als eindringlich. Hier steht erstmals ihr Können als Komponistin für Soundtracks im Vordergrund, denn man kann es nicht anders sagen: In Sachen cineastischer Größe bleibt einem hier wirklich die Spucke weg. Ambient im Orchestergraben? Auf „Tungl“ gar kein Problem und auch beim dritten Mal Hören ein absoluter Gänsehaut-Song. Beides, also die Vorliebe für epische Soundkulissen und Elektro-Spielerei, fließt dann zum Beispiel in „Healer“ zusammen. Und selbst wenn man sich an den irgendwann repetitiven Rhythmen durchaus stören kann, drückt das wohl kaum die Stimmung des Titels, die irgendwo zwischen Stille und Umtrieb pendelt.
Es ist einfach galant, wie EIVØR den Spagat schafft zwischen einer gewissen Tanzbarkeit gepaart mit jeder Menge Emotion („Tann Tú Saknar“, „Fangað“), nur um im nächsten Augenblick komplett in sich einzukehren und mit geringsten Mitteln ein Maximum an Gefühlen auszudrücken. Eben für diese verletzliche Stille steht auch der Album-Schlusspfiff „Everyone But Me“. Der Schreiber möchte behaupten, dass es als fühlendes Wesen wohl kaum möglich sein wird, sich zu diesem Stück in Klang und Text auf Abstand zu bringen. EIVØR bildet dabei eine Weltvergessenheit und Tragik ab, die einen von Beginn an mitreißt. Denn auch hier vollzieht sich das Aufbrausen von cineastischen Ambients und Gesang zwar langsam, kulminiert jedoch zu nichts anderem als absoluter Schönheit.
Eivør Pálsdóttir hat mit ihrem aktuellen Album erneut das Versprechen ihrer Kunst eingelöst. Zwar mag sich der ein oder andere Folk-Liebhaber daran stören, dass „Tungl“ eben diese Komponente 2026 großzügig einspart, wenn wir aber ehrlich sind, dann hat man beim Treiben der färöer Künstlerin so oder so nicht die besten Chancen, seine Erwartungen immer befriedigt zu sehen. Für das derweil zwölfte Release von EIVØR tut das bei der Größe seiner Qualitäten aber nichts zur Sache, denn am Ende ist und bleibt „Tungl“ ein durchweg stimmiges Album.
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Wertung: 8 / 10


