Konzertbericht: Musikparade 2009

2009-02-14 Color Line Arena Hamburg

Dem einen oder anderen Leser mag schon meine etwas seltsame Vorliebe für Militärmusik aufgefallen sein, und so veranlasste auch meine Teuerste, dass es dieses Jahr zu DER Veranstaltung für Pauken und Trompeten gehen sollte – die Musikparade 2009 in der großen Color Line Arena!
Im Vorfeld schon belustigt dadurch, dass man bei einer Falschschreibung der Internetadresse auf einer üblen Pornoseite landet, ging es an diesem Samstag reichlich früh los, so dass wir gegen 15:30 in Stellingen aufschlugen. Und wie erwartet war das Publikum, was da auf die CoLinA zuströmte, im Durchschnitt schon weit über 60 Jahre alt. Und mitten drin euer Lieblingsredakteur, gestriegelt mit Schlips und Kragen… aber genug von meiner Person, es soll hier um weitaus mehr Personen gehen!

Beim Einnehmen der Plätze wurde eines schon mal ganz deutlich: Auch die Kukident-Generation hat noch gewaltig Humor. Ein kleine Auswahl großer Sprüche will ich euch nicht vorenthalten: So verglich sich ein älterer Herr (das „älter“ kann fortan weggelassen werden, es ist obligatorisch) beim steilen Aufstieg die Treppen hinauf mit den Gebirgsjägern, ein jeder der Herrschaften betonte beim Durch-die-Reihen-gehen, dass er oder sie (auch die „holde“ Weiblichkeit war ganz reichlich vorhanden) ja so schön schlank sei, und als ich mein Bier hoch hielt, als mal wieder ein Trupp an uns vorbei seinen Platz suchte, hörte ich nur: „Ja, schade um das Bier, lieber ’n Arm brechen!“ oder „Ah, soll ich das mitnehmen?“ Humor bewiesen die Senioren auch kurz vor Beginn, als die Gnädigste auf die Frage ihres Gatten, wo denn die Musikanten blieben, antwortete: „Na, die halten doch noch ’nen Mittagsschlaf!“Köstlich amüsiert nun schon im Vorfeld, ging es doch relativ pünktlich um 16:05 Uhr mit dem Einmarsch des NATIONENORCHESTERS los. Schon jetzt und unter den Klängen von Julius Fu?íks „Florentiner Marsch“ wurde Folgendes sehr deutlich:

Erstens ist Militär- und Blasmusik längst nicht bloß eine Sache, die lustig anzuhören ist, sondern auf der Bühne und von so vielen Musikern gespielt eine klanglich ausgesprochen beeindruckende Angelegenheit.
Zweitens habe ich einen Höllenrespekt vor der Leistung jedes einzelnen Musikers, der neben der absolut präzisen musikalischen Leistungen auch noch anspruchsvolle Choreografien auszuführen hat.
Drittens kann sich ein Metalpublikum von den Freunden der Musikparade auch noch was abgucken, denn die gesetzten Damen und Herren verstehen wenigstens noch im Takt zu klatschen!

Mit Johann Strauß‘ (Sohn) „Tritsch-Tratsch-Polka“ und dem „Erzherzog Albrecht-Marsch“ von Karl Komzak wurde die Eröffnung abgeschlossen. Begleitet wurde das ganze Konzert durch den Moderator Björn Gehrmann, dessen Ansagen angenehm wenig an eine Kaffeefahrt erinnerten, wie man vielleicht angesichts des Publikum hätte erwarten können.Als erste Nation war nun Österreich vertreten und schickte die MUSIKKAPELLE FREISTADT RUST (inklusive lustigen Tippfehlers auf dem Videodisplay) ins Feld. Bereits angekündigt hatten die lustigen Burgenländer auch ein Sängerpaar im Gepäck und machten neben den angenehmen Marschliedern leider auch vor einer kitschdurchtränkten „Volksmusik“-Passage nicht halt, in der sich die beiden anschmachteten. Punkte erntete man dann aber wieder, indem die netten jungen Damen, die die Ruster mitgebracht hatten, Schnaps in die ersten Reihen verteilten. Prost Prost Kameraden!
Besser noch gefielen die folgenden Bulgaren, die GUARDSMEN SOFIA, also eine protokollarische Abteilung, mit unserem Wachbataillon vergleichbar. Besonders adrett gekleidet in altertümlichen roten Uniformen gefielen die Osteuropäer durch ihre mit Balkan-Folklore getränkte Marschmusik wie auch durch ihre Choreografien, wenngleich man mit etwas Fantasie kurzzeitig ein Hakenkreuz dabei erkennen konnte. Besonders schön waren auch die an Toilettenschüsseln erinnernden Tuben (Ich hätte nie gedacht, hier mal den Plural von Tuba zu schreiben!). Letztlich blieben aber die Bulgaren ein überwiegend belustigender Auftritt, da auch die strammen Soldaten den ein oder anderen Witz versprühten.Es folgten mit den ROYAL AIR FORCE WADDINGTON PIPES AND DRUMS ein erster, und umso gewaltigerer Höhepunkt. Mit seiner Ansage hatte mich Herr Gehrmann schon auf seiner Seite, als er von dem rauen Volk der Wikinger erzählte, dass nur vor Männern in Röcken und mit seltsamen Instrumenten die Flucht ergriff, erzählte. Folgerichtig erschienen die strammen Kiltträger auch aus dem Nebel und ließen gleich mit ihren Dudelsäcken den Saal erzittern. Meine Armhaare stellten sich ungeahnte Höhen auf, als neunzehn (!) dieser herrlichen Instrumente ihren Schall durch die Arena schickten. Bewegungsmäßig präsentierten sich die Schotten zwar nicht als die spektakulärsten Künstler dieses Tages, dennoch war das Gänsehautgefühl absolut unübertrefflich, besonders, als die patriotischen Insulaner zu „Scotland The Brave“ ausmarschierten!

Weiter ging es noch mal mit Osteuropa, als das MILITÄRMUSIKKORPS ODESSA an der Reihe war. Björn Gehrmann hatte für die Ansage eine Uniform der ukrainischen Streitkräfte angezogen, da diese ihm einst einen Ehrenrang verliehen hatten, doch das war bei Weitem nicht das Denkwürdigste an dem Auftritt der Schwarzmeersoldaten. So demonstrierten die Musikanten mit reichlich Statisten, so einem jonglierenden und Einradfahrenden Spaßmacher, dass der Wehrdienst in Osteuropa noch richtig lustig sein kann. Auch Kasatschoktänzer durften nicht fehlen, vor allem aber zeichnete sich das Korps durch eine spektakuläre Inszenierung des Zimmer’schen „Fluch der Karibik“-Soundtracks inklusive fahrenden Piratenschiffs aus. Nahe am Kitsch, aber im höchsten Maße beeindruckend!

Nun war erst einmal eine fünfzehnminütige Pause angesagt, und abermals musste ich herzlich grinsen, wie sich die grauen Damen und Herren nun vor den Toiletten stauten. Zu dumm nur, dass ich auch einer dieser Herren war!

Nun gut, es folgte mit dem MUSIKCORPS UFHAUSEN die deutsche Abteilung des Abends. Obwohl die bombastischen Höhenflüge vor der Pause nun wahrlich nicht mehr zu toppen waren, blieb die Erwartung, hier nun endlich die schmissigen deutschen Militärmärsche auf die Ohren zu bekommen. Doch diese wurde leider nicht erfüllt, stattdessen legte das – zugegebenermaßen ja zivile – Orchester mehr Wert auf Anleihen an moderne Popsongs, Volkslieder („Muss i denn“ kam auch bereits bei den Bulgaren kurz durch) und bekannte Soundtrackschnipsel. Nett sahen sie aber aus, und auch die Choregrafien waren einmal mehr beeindruckend, aber von meinen Mitbürgern hätte ich doch mehr erwartet. Scheinbar mochte man sich als Deutsche auf einer internationalen Veranstaltung wie dieser eben nicht mit Stücken präsentieren, die in der Welt zu oft als Symbol für übersteigerten Nationalismus und militärische Gewalt empfunden wurde. Dass man sich offenbar immer noch nicht von diesen alten Kamellen lösen kann, ist schade, aber es gibt ja immer noch die Musikkorps der Bundeswehr, die auch hin und wieder zu hören sind.
Abermals in Rot, wie schon so oft diesen Nachmittag, marschierten nun das tschechische ZENTRALORCHESTER MARSCHALL RADETZKY (abermals mit Druckfehler auf der Anzeige) in die Arena. Ganz in der Tradition des kaiserlich österreichischen Feldmarschalls, aber eben auch nicht allzu zackig-militärisch blieben die Prager recht blass und konnten keine neuen Impulse mehr setzen. Es mag Einbildung sein, aber bei den soldatischen Orchestern sitzt offenbar doch etwas mehr Wumms hinter der Musik als bei den zivilen Kapellen. Auch die Uniformhosen im Adidas-Trainingsformat unterstrich wenig, was die Musik eigentlich rüberzubringen versuchte.
Abschließende Einzelnation war Litauen, und zwar das STAATSORCHESTER TRIMITAS (ohne Tippfehler!). Diese Truppe fiel hauptsächlich durch etwas seltsame Showeffekte auf, so hampelte der Dirigent, ganz in weiß, erstaunlich viel und selbstverliebt herum, und man hatte noch sechs lecker Mädchen dabei, die in Cheerleadermanier noch ein bisschen rot in das grün-weiße Bild einflochten. Wie viele Herzinfarkte in den ersten Reihen die leicht bekleideten Deerns verursacht haben, ist noch nicht bekannt. Jedenfalls wirkten die Litauer für ein Staatsorchester, also eine Kapelle, die das Land bei offiziellen Anlässen vertritt, wahrlich albern. Auch musikalisch konnten die Balten wenig neue Akzente setzen, so dass die zweite Hälfte des Konzertnachmittags durchweg weniger gehalten hatte, als die erste versprach.

Doch halt, denn es folgte ja noch der „Headliner“! Abermals unter der Leitung eines ukrainischen Majors trat nun noch einmal das NATIONENORCHESTER auf, das nun tatsächlich nach und nach alle sieben Kapellen und nicht bloß, wie am Anfang, eine Auswahl in der Arena versammelte. Ein jedes Orchester marschierte noch kurz mit Musik und von Applaus begleitet ein, dann ging auch das große Finale los. Bedauerlicherweise versagte nun meine Kamera den Dienst, denn was sich nun bot, war wahrlich ein würdiger Abschluss. Mit Edward Elgars „Pomp & Circumstance March No. 1“ bzw. „Land Of Hope And Glory“ ging der Reigen los, und bereit jetzt dachte meine Haut wieder, ich sei ein Stück Geflügel. Doch nein, nein, DAS war noch nicht der wahre Höhepunkt! Der reinste Bombast bot sich, als die schottischen Dudler „Amazing Grace“ anstimmten, erst eine Pfeife, dann alle, und letztlich das gesamte, mehrere hundert Mann starke Orchester, unterstützt noch von einer mitsummenden Menge. Kinder, wer glaubt, dass Blind Guardians „The Bard’s Song“ ein einmaliges Massenerlebnis sei, der hat dieses Stück noch nicht in dieser Intonation erlebt. Ich ziehe meinen Hut vor diesem epischen Meisterstück, und wenn es auch ein Kirchenlied ist, so berührte mich doch wenig Musik in meinem Leben so sehr wie diese Minuten.Und weil Opi und und Omi so gern nochmal klatschen wollten, so wahr ihnen dies beim folgenden Klassiker „Radetzky-Marsch“ gern gegönnt. Raddaddam, Raddaddam Ram dam dam, und klatsch, klatsch klatsch. Wahrlich, hier kam Stimmung auf, da flogen förmlich die Gebisse, dass es eine Freude war! Man (=der Moderator) bedankte und verabschiedete sich noch recht herzlich, so dass dann mit dem abschließenden „Alte Kameraden“ hinausmarschiert werden konnte.
So ging nun dieses vorzügliche Musikerlebnis um kurz nach sieben Uhr zu Ende, und ja, es hatte sich absolut gelohnt. Klar, der ein oder andere Armeemarsch fehlte mir zum vollendeten Glück, aber die Gänsehaut von zig Dudelsäcken, hunderten Trompeten, Posaunen, Trommeln und Pauken ließen doch die Zufriedenheit deutlich überwiegen. Und auch die Moderation verdient ein Lob, da Björn Gehrmann wie erwähnt nicht den Rheumadeckenverkäufer spielte und auch den ein oder anderen brauchbaren Witz brachte („Auch wenn im Programmheft 3 Stunden Musik steht und es nun schon länger ist, Sie müssen nicht draufzahlen!“). Auch hatte er mit seinen Anfeindungen an die rheinische Karnevalskultur und dem ein oder anderen „Hummel Hummel“-Ruf die Hamburger Herzen im Sturm erobert.

Soviel also zu meinen Erlebnissen auf dieser denkwürdigen Veranstaltung. Fest steht, dass es sich wirklich auszahlt, wenn man nicht nur im stillen Kämmerchen über den Tellerrand hinaussieht, sondern sich auch mal einem Feldversuch unterwirft. Ob die „Musikparade“ nun vielleicht das W:O:A unter den Marschmusikfestivals ist und es noch bessere, „undergroundigere“ Konzerte gibt, weiß ich noch nicht. Jedenfalls betrachte ich meinen Einstieg an diesem Tage als absolut großartig!

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