The Ocean w/ Intronaut, Nahemah

  • Wien, Arena
  • 06. November 2007

Konzertbericht: Nahemah, Intronaut, The Ocean
06. November 2007

Wien, an einem ungemütlichen und kalten Herbstabend: Das Berliner Progressive-Ensemble THE OCEAN sollte der österreichischen Hauptstadt samt Gefolge bestehend aus INTRONAUT und den Spaniern NAHEMAH einen Besuch abstatten. Für Fans des selbsternannten Kollektives sollte es überhaupt ein sehr freudiger Abend werden, das neue Album „Precambrian“ gab es zum Zeitpunkt des Konzertes noch nicht im Handel, die Band selbst kündigte aber an schon Exemplare mit zu haben und diese auch schon vor offiziellem Release-Datum zu verkaufen, das aber nur am Rande erwähnt.

Oftmals so typisch für die Wiener Lokalität in der „kleinen Arena“ waren zunächst kaum Besucher auszumachen. Für weitere Verwirrung sorgte eine parallel veranstaltete Studenten-Party, was vor allem durch sehr „alternativ“ auftretende Personen etwas Unmut durch die Runde gehen ließ, ob wir denn tatsächlich noch in den Genuss der angekündigten Bands kommen sollten. Eine anhand ihrer Kleidung deutlich auszumachende Metal-Hörerin zeigte uns allerdings den Weg und die Kassenfrau fragte zuvorkommend „Ihr wollt zu THE OCEAN?“ worauf sie von mir ein klares „Ja, natürlich“ als Antwort bekam. Genug des Geplänkels – nach weiteren 50 Minuten des Wartens öffnete man uns ungeduldigen Personen schließlich die Pforten und lies uns in die Arena ein.Die aus Spanien angereisten NAHEMAH sollten den Abend eröffnen, wobei der mittelmäßig besuchte Konzert-Saal zunächst sehr zurückhaltend reagierte. Kein Wunder: Frontmann Pablo Egido – ein in die Höhe gewachsener und sehr schlaksig wirkender Mann – sorgte mit seinen Bewegungen und Tanzeinlagen für große Verwunderung. Etwas an Dark Tranquillity-Sänger Mikael angelehnt trug er seine Gesangs-Zeilen vor, aber wisst ihr was, nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran. Außerdem: Pablo überzeugte mit einer für viele andere Sänger halsbrecherischen Art des Singens stets für beeindruckte Hörer. Mit tiefen Growls sorgte er für die nötige Härte, darauffolgende cleane Passagen waren hingegen in sehr hoher Tonlage und letzteres beherrschte er einfach hervorragend! Zum Beispiel sollte der zweite Song „Change“ mit satten 7 Minuten Spielzeit und enorm viel Abwechslung einen der vielen Höhepunkte des Abends markieren. Die Spanier spielten eine sehr ansprechende Art des Progressive Metal, sehr viele Spielereien und Experimente, die aber niemals zu überladen wirkten. Cleane Intros oder Zwischenstücke umgeben von zerstörerischen Riffs, hinzu kamen oft Samples und Voice-Effekte und der vorhin erwähnte sehr abwechslungsreiche Gesang. Für Außenstehende kann der Verdacht aufkommen, es handle sich hierbei um Chaos-artige Musik oder dergleichen, aber dem ist nicht so. Absolut nicht – die Protagonisten beherrschten jeden Moment ihres Auftritts, sowohl instrumental als auch inhaltlich war der (zumindest in Wien) nahezu unbekannte Opener schnell beliebt und erntete viel Beifall vom Publikum. Diesem positiven Urteil möchte ich mich anschließen, für Konzerte dieser Art passen NAHEMAH wunderbar zum Line-Up und so mancher könnte eine neue Band für sich entdeckt haben.

Tracklist NAHEMAH:
01. Siamese
02. Change
03. Like A Butterfly In A Storm
04. Labyrinthine Straight Ways
05. Nothing
06. Today Sunshine Ain’t The Same

Nach recht kurz gehaltener Umbauphase der erste negative Eindruck: INTRONAUT-Bassist Joe Lester und auch die beiden Gitarristen beziehungsweise Sänger Sacha Dunable und Dave Timnick hatten mit der Ton-Ingenieurin hinter dem Tresen Problem mit der Verständigung und dem Setup des Sounds. Als die Show mit dem ersten Song „A Monolith Vulgarity“ schnell bemerkbar. Die Schuld war hier in erster Linie bei der angesprochenen Verantwortlichen für den Ton zu suchen. Schon beim Soundcheck kam der Bass (das Instrument als solches) viel zu undeutlich und verzerrte sogar, später in den Songs merkte man diesen Umstand immer wieder. Richtig zufrieden war auch Joe nicht mit dem Sound, was er mir nach dem Gig in einem kurzen Gespräch mitteilte:

„Nein, das war nicht wirklich toll wie mir meine Kollegen von NAHEMAH und THE OCEAN mitteilten, und auch wir waren nicht damit zufrieden. Wir wollten ihr das auch irgendwie verständlich machen aber sie drehte nur ein wenig an den Knöpfen und meinte schließlich es sei in Ordnung. Wir haben auf der Bühne halt nur die Monitore für uns selbst, und hier war es ganz OK. „

Aber der Auftritt der Kalifornier sollte nicht ohne weitere Pannen bleiben. Just in jenem erwähnten Song geschah neben dem missglückten Sound das nächste Missgeschick: Für kurze Zeit blieb eine der zwei Gitarren für einige Augenblicke ruhig. Der Auftritt selbst sollte aufgrund eines technischen Problems aber nicht negativ bewertet werden, was das Publikum im folgenden Applaus auch zum Ausdruck brachte. Die Stimmung in der Arena wurde besser und INTRONAUT zeigten wofür sie bekannt sind: Sehr technischen und an manchen Stellen virtuos anmutenden Progressive Metal. Virtuos vor allem, weil man nicht scheut die vor allem technisch sehr anspruchsvollen Songs „live“ zu spielen, wobei dieses „live“ bedeutet, dass sich die Gitarristen auch gerne mal vor ihre Tretminen knien und diverse Effekte und Samples einspielen. Doch die Pannenserie von Gitarrist Sacha bringt die gute Stimmung zu einem abrupten Ende: Geschlagene 15 Minuten (!) standen die Jungs hilflos auf der Bühne, wechselten Kabel, Effekt-Geräte und Verstärker aus, um feststellen zu müssen, dass sich nichts geändert hatte. Erst die Ersatz-Gitarre der spanischen Kollegen brachte Abhilfe und schließlich konnte es weiter gehen. In „Whittler Of Fortune“ folgte leider ein kleiner Minus-Punkt der INTRONAUT-Performance, denn der Live-Gesang beider Gitarristen wirkte an so mancher Stelle etwas schräg. Verglichen mit der CD war auch zu wenig Dynamik vorhanden, es fehlte einfach an den Feinheiten – was zugegebenermaßen auch am dürftigen Sound lag. Hätte man einzelne Tonlagen besser voneinander unterscheiden können, wäre der Gesang vermutlich wohl passender gewesen. Später verriet mir Bassist Joe noch, dass die Tour eigentlich mit Mouth Of The Architect als weitere Band stattfinden hätte sollen. „Eigentlich hätten die Jungs von Mouth Of The Architect mit auf Tour sein sollen, aber der Sänger stieg kurz vor Start der Tour aus und so fiel das ins Wasser“, meinte Joe. „Erst unmittelbar bevor wir nach Europa rüber sind schloss sich der alte Sänger wieder der Band an, aber das dann noch zu organisieren ging sich einfach nicht mehr aus. Leider, denn es wäre großartig gewesen!“

Tracklist INTRONAUT:
01. A Monolithic Vulgarity
02. Gleamer
03. Whittler Of Fortune
04. Fragments of Character
05. Iceblocks
06. Nostalgic Echo

Es war bereits 22:50 Uhr als die Umbauphase beendet wurde und die Headliner die Bühne betraten. Erste Auffälligkeiten waren der von der Band höchstpersönlich abgelöste Licht-Techniker und der an der Raumdecke montierte Beamer welcher visuelle Eindrück an die gehisste Leinwand hinter dem Drummer projizierte. Das einleitende Intro ließ eines schnell klar werden: THE OCEAN würde ein audio-visuelles Erlebnis sondergleichen werden. Das Intro fiel sehr ausführlich aus und die Samples, welche von diversen Mitgliedern der an diesem Tag sechs-köpfigen Truppe eingespielt werden, passten exakt zum Takt von Musik und Video. Erste erstaunte Gesichter waren zu erblicken noch bevor THE OCEAN mit dem tatsächlichen Gig begonnen hatten. Der erste Teil des vierten Kapitels des neuen Albums „Precambrian“ stellte schließlich die tatsächliche Einleitung dar, welche mit äußerst beeindruckender Performance dargeboten wurde. Zur etwas seltsamen Titelgebung: Die Songs des neuen Albums sind zunächst auf zwei CDs aufgeteilt, in weiterer Folge gibt es eine Unterteilung in Kapitel und erst dann in Songnamen. Der gesamte Auftritt von THE OCEAN war geprägt von dieser unheimlich intensiven Stimmung erzeugt von Samples, Licht und dem Video im Hintergrund. Das Schauspiel erinnerte ein wenig an die Online-Präsentation von Between The Buried And Me und ihrem aktuellen Album „Colors“. Zu jedem Song unterschiedliche Sequenzen abgestimmt auf Stimmung und Art der Musik die gerade zu hören ist. Eine technische Raffinesse wie sich später in einem Gespräch mit Sänger Nico Webers herausstellen sollte, denn der Schlagzeuger ist es, der alles sprichwörtlich in der Hand hat. Mit seinem „Spiel auf Click“ gibt er per Midi-Signal den Takt vor, die beiden Sänger steuern mit viel elektronischer Unterstützung den allgemeinen Zeitpunkt der Einblendungen und Effekte, was insgesamt betrachtet wunderbare Eindrücke vermittelt. Da ist es nur wenig verwunderlich, dass Klassiker wie „The City In The Sea“ oder „Queen Of The Food-Chain“ in aller bester Manier vorgeführt worden sind. Der für die Band typische Sound war zu jedem Zeitpunkt vorhanden, und so konnte das Publikum auch Songs des neuen Albums in vollen Zügen genießen. „City In The Sea“ war übrigens eines der absoluten Highlights des Abends. Nur für diesen einen Track legte man eine kurze Umbauphasen von einigen Minuten ein, um der Lichtshow die passenden Farben zu verleihen. Inhaltlich äquivalent tauchte auf der Leinwand ein Kriegskreuzer auf. Die Bilder waren sehr beeindruckend und das Auftreten der Band erzeugte einige sehr emotionale Momente. Toppen konnte das nur noch eine Stelle des Auftritts der sogleich folgte. Für „One With The Ocean“ überlegte man sich eine ganz besondere Präsentation und überraschte die Audienz mit einer im Comic-Stil gehaltenen Amerika- und G.W. Bush-Parodie. Insgesamt standen THE OCEAN etwa 80 Minuten auf der Bühne und boten eine Show die einem selten geboten wird. Fast Salon-fähig zeigten die Jungs ihr Talent und zogen das Publikum in ihren Bann. Es war alles geplant, selbst das Outro mit dem Mönch-Gesang von „Queen Of The Food Chain“ war 100% Absicht, wie mir Nico weiter verriet. „Unsere Show hat einen Master-Plan. Der Schlagzeuger gibt den Takt vor an dem wir uns zu halten haben. Aber wir haben das alles recht gut einstudiert und so ist das kein echtes Problem“, meinte er dazu.

Und so ging mit überwiegend friedlichen und harmonischen Tönen ein toller Konzert-Abend in Wien zu Ende. Bands und Publikum waren zufrieden, obwohl nicht alles stimmte. So war der Sound Arena-typisch zu laut und zu undefiniert, nicht das erste mal hatte eine Band so ihre Müh und Not den Sound ordentlich hinzubekommen. Die Tatsache, dass die Veranstaltung hätte besser besucht sein können störte schlussendlich wohl nur den Veranstalter, denn die Stimmung vor und auf der Bühne stimmte. Noch bis Anfang Dezember ist das Package in Europa unterwegs (ab 17.11 mit War From A Harlot’s Mouth). Solltet ihr die Möglichkeit haben und Interesse an atmosphärischem Ambiente bzw. Sludge haben ist das ein Pflichttermin! Viel Spaß dabei, ihr werdet ihn haben.

Tracklist THE OCEAN:
01. Calymmian / Lake Disappointment (IV Mesoproterozoic) („Precambrian“)
02. Inertia
03. Requiem
04. Orosirian / For the Great Blue Cold Now Reigns (III Palaeoproterozoic) („Precambrian“)
05. The Greatest Bane
06. City In The Sea
07. One With The Ocean
08. Hadean / The Long March Of The Yes-Men (I Hadean) („Precambrian“)
09. Mesoarchean / Legions Of Winged Octopi (II Archean) („Precambrian“)
10. Queen Of The Food Chain


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