Konzertbericht: Threshold w/ Enochian Theory, Cryptex

2013-03-04 Hamburg, Markthalle


Manchmal, da ist man auf Konzerten, aus denen man mit einem Hochgefühl herausgeht, die frische Luft atmet und denkt: Was auch immer diese Woche noch kommt, das hier kann dir keiner mehr nehmen. THRESHOLD in der Markthalle Hamburg war ein solches Konzert.

Und dabei hatte man allen Grund, skeptisch zu sein. Das letzte Mal hatten sich die britischen Meister des Progressive Metals 2007 in der Hansestadt sehen lassen und dabei eine eher routinierte Show vor recht wenig Publikum abgeliefert. Zudem war damals Sänger Damian Wilson als spontan eingesprungener Ersatz für den ausgefallenen Andy „Mac“ McDermott eingesprungen und fremdelte noch sichtlich mit der großen Bühne, den vielen ihm unbekannten Songs – schon der Opener „Slipstream“ scheiterte. Und doch beweist die Band heute, was in sechs Jahren so alles passieren kann.


Zuvor aber tritt die erste Vorband des Abends auf die Bühne: CRYPTEX aus Hannover wollen laut Ankündigung Progressive Folk Rock auf die Bühne der Markthalle bringen. Auffällig ist, wie wenig Platz sie dafür haben: Die Bühne ist zugestellt mit den vielen Instrumenten der Vorbands und dem gesamten Equipment von Threshold. CRYPTEX stört das nicht weiter, ebenso wenig wie die nur spärlich gefüllte Halle. Kein Wunder, fängt man mit 19 Uhr an einem Montag doch recht früh an, sodass mancher Erwerbstätige nicht pünktlich sein konnte.

Trotz dieser nicht gerade perfekten Ausgangslage präsentieren die drei Hannoveraner mit guter Laune und Spielfreude ihre abwechslungsreiche Musik. Die Genrebeschreibung kann höchstens eine vage Annäherung sein, so richtig in Kategorien fassen lässt sich die Musik nicht: Dominiert am Anfang das Klavier die Melodieführung, treten später exotischere Instrumente und erst ganz am Ende auch ein E-Bass hinzu. Besonders positiv fällt der Gesang von Simon Moskon auf, der sich mutig durch verschiedene Stile singt, mal poppig, mal im Sprechgesang, mal im Chor mit dem Rest der Band. Das Publikum nimmt CRYPTEX‘ 40-minütigen Auftritt sehr wohlwollend zur Kenntnis und lässt sich gegen Ende sogar zu ein paar Mitsingparts hinreißen.


Nach einer üblichen Umbaupause beginnt die zweite Vorband: ENOCHIAN THEORY. Der Kontrast könnte größer nicht sein – hatte Cryptex noch versucht, möglichst viel gute Laune und Stimmung zu verbreiten, präsentieren ENOCHIAN THEORY verträumten, ruhigen Progressive Metal im Stil von Bands wie Pain Of Salvation. Besonderer Wert wird auf massive Klangwände gesetzt, die in ruhigen Abfolgen dazu einladen, sich darin zu verlieren. Auch der Auftritt der Band passt zu ihrer Musik: Obwohl nun genügend Platz auf der Bühne wäre, gibt es wenig Bewegung und eher knappe, aber durchaus sympathische Ansagen.

Besonders gute Arbeit leistet Gitarrist und Sänger Ben Harris-Hayes. Er vermag ebenso mit seinem klaren, emotionalen und doch nie weinerlichen Gesang zu überzeugen wie mit seiner Gitarrenarbeit – dabei sieht die Gitarre in den riesigen Händen des Hünen fast aus wie ein Spielzeug. Lediglich über den massiven Einsatz von Samples, die nicht nur Keyboards, sondern auch die eine oder andere Gitarrenspur beinhalten, kann man sicher streiten. In der Markthalle will das keiner, sodass nach 50 Minuten ein sehr atmosphärischer, von dezenten Lichteffekten unterstützter Auftritt zu Ende geht, der ENOCHIAN THEORY sicher ein paar neue Fans gebracht haben dürfte.


Inzwischen hat sich die Location auf circa zwei Drittel gefüllt – kein Vergleich also zum vorhin schon erwähnten Auftritt vor sechs Jahren und für einen Montag durchaus vertretbar. Als THRESHOLD schließlich mit „Mission Profile“ auf die Bühne kommen, macht Sänger Damian Wilson eines von vornherein klar: Er ist nicht Mac und er will es nicht sein. Mit einer von der Albumversion deutlich abweichenden Interpretation des Songs sorgt er anfänglich für etwas irritierte Gesichter, die angesichts seiner unglaublichen Stimme aber schnell verschwinden. Auch kleinere Soundprobleme bekommt die Crew innerhalb der ersten beiden Lieder in den Griff, sodass THRESHOLD so klingt, wie es sich gehört: energiegeladen und mit einwandfrei einzeln zu hörenden Instrumenten.

Ab dem zweiten Song ist die Publikumsresonanz in der Markthalle hervorragend – kein Wunder, bei dem, was man geboten bekommt. Jeder einzelne Musiker dieser Band überzeugt durch sein Spiel und sein Auftreten, durch die Art und Weise, wie er sorgfältig die Reaktionen des Publikums beobachtet und sich nie für einen Blickkontakt zu schade ist. Auf außergewöhnliche Art und Weise zelebriert aber Sänger Damian Wilson den Publikumskontakt. Während des langen Instrumentalparts von „Part Of The Chaos“ springt er ins Publikum und läuft herum, schüttelt Hände, lässt Fotos machen und erkundet sich nach dem Befinden – fast vergisst man, sich die großartige Leistung der Musiker auf der Bühne anzuschauen. Überhaupt: Was ist aus diesem Mann, der sich noch 2007 auf der Bühne eher versteckt hatte, geworden? Locker, entspannt und unverschämt gut bei Stimme präsentiert er sich, lacht die Menschen an und hat zwischen seinen Einsätzen immer Zeit für ein paar Späßchen mit der Band oder der ersten Reihe. So macht man Stimmung! Aber auch der Rest von THRESHOLD weiß jederzeit zu überzeugen, die Saiteninstrumentalisten posieren, was das Zeug hält, und Schlagzeuger Johanne James ist so überzeugt bei der Arbeit, als ob er gerade eine Soloshow spielen würde.

Zwar ist die Songauswahl des Abends ganz auf das aktuelle Album „March Of Progress“ zugeschnitten, aber für Klassiker von älteren Alben ist ebenso Zeit wie für Lieder vom großartigen „Dead Reckoning“. Spätestens, als die Band zu „Pilot In The Sky Of Dreams“ ansetzt, liegt ihr die Halle zu Füßen. Das nachfolgende „Ashes“ überzeugt noch den letzten Kritiker in den hintersten Reihen. Wären andere Bands nach diesen unglaublichen 65 Minuten vielleicht gegangen und hätten nur noch ihre Zugabe gespielt, wagt THRESHOLD es dagegen, das Tempo noch einmal zu drosseln und in einen neuen Block der Show einzusteigen. Keine Frage: Hier will noch keiner nach Hause. Erst nach einer weiteren halben Stunde verabschiedet der Stampfer „The Rubicon“ das Hauptset.

Im Zugabenblock spielen THRESHOLD nicht nur den Klassiker „Light And Space“, sondern auch noch „Slipstream“, genau den Song, bei dem die Band vor sechs Jahren in Hamburg nicht so gut ausgesehen hatte – alles vergeben und vergessen, dieses Mal zündet die Stimmungsbombe sofort. Nach gut 110 Minuten schließlich ist das Ende erreicht. Nur Sänger Wilson springt noch einmal in die Menge und sucht den Kontakt zu den Fans.

Für gewöhnlich neige ich dazu, auch bei guten Auftritten einzelne Aspekte zu kritisieren. Denn eigentlich gibt es immer etwas, was besser hätte sein können. Dieses Konzert aber ist eines der wenigen, bei denen man einfach rausgeht und glücklich ist, dabei gewesen zu sein. Es hat nichts, aber auch gar nichts gefehlt, alles stimmte, alles funktionierte. Wer irgendwie die Gelegenheit hat, THRESHOLD noch auf der Tour zu sehen, sollte sie wahrnehmen.

Setlist THRESHOLD:
01. Mission Profile
02. Don’t Look Down
03. Coda
04. Hollow
05. Part Of The Chaos
06. Colophon
07. Pilot In The Sky Of Dreams
08. Ashes
09. Angels
10. Staring At The Sun
11. Long Way Home
12. The Rubicon

13. Light And Space
14. Slipstream

Publiziert am von Marc Lengowski

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