Interview mit Martin von Nimmersêlich

Bei NIMMERSELICH handelt es sich ebenfalls um eine Band, die modernen Elementen eher skeptisch gegenübersteht und die der traditionellen Spielpraxis des Mittelalters wieder zu neuem Leben verhelfen möchte. Im Interview mit Metal1 erklärt Bandmitglied und Ex-Death-Metal-Anhänger (!) Martin die Beweggründe, unter anderem für seinen Wandel. Besonders für die Metalheads sollte das lesenswert sein. Wer sich von den Qualitäten von NIMMERSELICH überzeugen will, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Nimmerselich“ und seiner Adresse an sigi@metal1.info. Zu gewinnen gibt es zwei Debüt-Alben der Combo namens „Sumer Zeitt“.

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Die Werdegänge sind recht verschieden. So hat zum Beispiel Robert viele Jahre in einer „Marktband“ (Spellbound) gespielt und spielt auch dort weiterhin noch sehr gerne. Katharina und Torsten haben eher eine klassische Musikausbildung. Ich selbst habe einige Jahre in einer Death-Metal-Band gespielt, bevor ich zur Mittelaltermusik kam. Das ist vielleicht verblüffend, dass gerade ich nunmehr ein eifriger Verfechter der historischen Aufführungspraxis mittelalterlicher Musik bin.

Wie kamst du vom Death Metal zum Mittelalter?
Das lässt sich kaum mehr genau verfolgen. Ich wollte noch zu Zeiten der Metal-Band eine andere Klangfarbe, ein exotisches Instrument drin haben. Drehleier zum Beispiel – wieso ich das wollte kann ich aber keinesfalls mehr nachvollziehen. Auch bin ich zu der Zeit noch gern auf Mittelalter-Märkte gegangen – warum lässt sich auch nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht hatte ich eine Inspiration. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass mittelalterliche Musik ein sehr komplexes und umfassendes Feld ist (und dass die Bands dort auf den Märkten herzlich wenig Mittelalterliches produzierten). Das hat mich gereizt rauszukriegen, was denn Mittelaltermusik nun wirklich ist. Eine Frage, der ich immer noch nachgehe. Für mich ist es halt unglaublich spannend nachzuforschen, wie die Originale geklungen haben könnten. Ein Ergebnis wird dabei nicht rauskommen – aber oft genug ist der Weg das Ziel. Und falls das auch noch interessiert, ich höre immer noch Metal: My Dying Bride, Opeth, Emperor, Disillusion etc.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Das Mittelalter ist ein Zeitraum von gut 1000 Jahren – das ist länger, als es die Neuzeit gibt. Anzunehmen, dass in dieser Zeit wenig passiert ist, ist grundfalsch. So gesehen gibt es „die“ mittelalterliche Musik gar nicht. Stilistische Einflüsse, verschiedene Epochen und verschiedene Beweggründe zu musizieren haben ganz unterschiedliche Musikauffassungen und -werke geprägt. Etwas ist aber ganz wichtig: die überlieferte mittelalterliche Musik ist christliche Musik. Das heißt nicht, dass jedes Stück irgendwas mit Gott oder so zu tun hat – aber die Komponisten und Dichter der Stücke waren Christen. Sie sind in einem christlichen Kulturkreis aufgewachsen, mit christlichen Werten und Vorstellungen. Das schlägt sich natürlich auch in der Musik nieder; hier gab es einen lebhaften Austausch zwischen Komponisten sakraler Musik und denen, die eher weltlich gedichtet haben.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Tja – welche modernen Einflüsse sollte man denn nehmen, um einem „Neuling“ mittelalterliche Musik schmackhaft zu machen? Einem Metaller kann ich doch kaum HipHop vorsetzen und einem Hopper kein Metal. Ich denke, die Musik ist „an sich“ spannend genug, wenn man sie ebenso spannend interpretiert. Wenn wir mittelalterliche Musik interpretieren, fließen automatisch unsere modernen Hörgewohnheiten mit ein – die modernen Einflüsse sind also drin, ohne dass wir jetzt besondere moderne Musikstile einflechten.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Es gibt im Prinzip grob eingeordnet zwei Strömungen, wie heutzutage mittelalterliche Musik interpretiert wird. Auf der einen Seite – sehr populär – stehen die ganzen Gruppen, die sich der alten Musik eher Rock- oder pop-orientiert nähern oder aber die Bands und Gruppen, die auf Mittelaltermärkten aufspielen. Ich fasse das zusammen, weil letztgenannte meist auch sehr sehr modern bzw. nicht historisch interpretieren. Hier kommt es nicht so sehr auf historische Korrektheit der Interpretation oder überhaupt des aufgeführten Liedgutes an. Auf der anderen Seite stehen die Ensembles, deren Interpretationen man eher als „klassisch“ bezeichnen würde. Diese orientieren sich dann doch sehr oft an der möglichen historischen Aufführungspraxis und sie versuchen – soweit das überhaupt möglich ist – ein historisches Klangbild entstehen zu lassen. Nimmersêlich steht zum Teil genau dazwischen. Wir orientieren uns sehr stark an den historischen, musikwissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen bei der Interpretation der Lieder, aber wir stellen uns mit dieser Art der Interpretation auch gern auf eine Veranstaltung, die gemeinhin „Mittelaltermarkt“ genannt wird. Das passt zugegebenermaßen nicht überall hin – aber bislang haben wir fast ausschließlich gute Erfahrungen damit gemacht.
Akustische historische Instrumente, klassische Interpretationen, zwei Sängerinnen – das ist auf Märkten nicht oft zu hören und funktioniert eigentlich auch besser im Konzertsaal. Aber wir verschließen uns der Open Air-Aufführung auch nicht.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
So breit wie unsere Wurzeln liegen, so breit sind auch die Einflüsse, die bewusst oder unbewusst in unsere Interpretationen einfließen. Es kann durchaus vorkommen, dass ich mit der Laute eine Begleitung spiele, die mit E-Gitarre und Verstärker gespielt gut als Metal-Riff durchgehen würde. „Vorbilder“, so man sie denn so nennen würde, sind dann aber bei mir doch eher Gruppen der „klassischen“ Stilrichtung. Bei den anderen Bandmitgliedern gibt es dann aber durchaus verschiedene andere Einflüsse von Renaissance über Barock bis Folk und Rock. Aber, wie gesagt, wir wollen diese Einflüsse nicht immer bewusst in unsere Musik einbringen.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Dazu kann ich eigentlich nichts sagen, weil ich von einer ablehnenden Haltung der Medien nichts bemerke oder weiß.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Wenn man die „Szene“ der Mittelaltermusik über einige Jahre hinweg betrachtet, muss man tatsächlich feststellen, dass sich eine gewisse Eintönigkeit breit gemacht hat. Einige wenige Impulsgeber haben eine Unmenge von Folgegruppen hervorgebracht, die eigentlich keine Mittelaltermusik mehr selbst interpretieren, sondern die Vorbilder kopieren. Das funktioniert zum Teil recht gut, wie sich am (kommerziellen) Erfolg solcher Gruppierungen sehen lässt – geht aber zu Lasten der allgemeinen Kreativität und einer positiven Wahrnehmung von Mittelaltermusik. Mittelaltermusik – das sind eben so stiernackige Typen in Lederschürzen mit den Todestrommeln und den Mörderdudelsäcken. Witzig, wenn diese dann z.B. ein Marienlied als „heidnisch“ anpreisen (sofern sie überhaupt ein „echtes“ mittelalterliches Lied spielen). Hier wäre es bestimmt gut, wenn sich mehr Gruppen von den ursprünglichen Originalen anstatt von den modernen Interpretationen inspirieren lassen würden. Ein Blick in die Originale (bzw. die Abbildungen davon), ein Blick auf die kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenhänge, ein Blick auf die „andere“ Szene mittelalterlichen Musikschaffens kann hier gute Voraussetzungen schaffen, vom Vorurteil der kopierten Eintönigkeit loszukommen

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Es mag einem Metal-Zine gegenüber komisch klingen – aber die Zielgruppe ist eigentlich weit gefächert und reicht von Jugendlichen bis zu älteren Leuten. Ich denke, geeignete Zielgruppe sind musik- und kulturinteressierte Menschen. Natürlich gibt es gerade modisch bedingt einige Szenegruppen (schwarze Szene, Folkies), die scheinbar „anfälliger“ für Mittelaltermusik sind. Aber bei unseren Konzerten treffen wir oft auf ein ganz szeneloses Publikum.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Inhaltslosigkeit und Gedudel. Ein ganz großer Irrtum ist auch, dass mittelalterliche Musik in irgendeiner Form „heidnisch“ sei, Wie schon erwähnt – das Mittelalter war christlich – und so ist auch die Musik ganz eindeutig christliche Musik. Das wird vielleicht ungern gelesen von Blackmetallern, Neo-Wikingern und „Gruftis“ – ist aber so.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Die sogenannten Mittelaltermärkte sind meistens kommerzielle Unterhaltungsveranstaltungen mit einem äußerst geringen historischen Anspruch. Hier soll keine Bildung vermittelt, sondern dem Publikum das Geld aus den Taschen gezogen werden. Das ist kein Werturteil – das macht der klassische Konzertmanager ebenso oder sogar noch professioneller. Ich denke, diese Art der Unterhaltung hat ebenso wie die andere ihre Berechtigung. Was mich aber stört ist, wie oben erwähnt, die Anspruchslosigkeit, mit der die Musik einem offenbar ebenso anspruchslosem Publikum serviert wird.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – wichtige Vorreiter und Impulsgeber der (ostdeutschen) Mittelalter-Markt-Musikszene
Schandmaul – zweitklassige Rock-Combo, die mit dem Etikett „Mittelalter“ ihren Status erheblich aufgebessert haben
In Extremo – das ebenso wichtige Gegenstück zu CC
Subway to Sally – vom Metal zum Folk und zurück? Die vielleicht ersten der Folkrocker. Impulsgeber.
Spielmänner und Spielmannsleben – jederzeit romantisch verklärt und ebenso jederzeit unromantisch hart.
Tradition oder Fortschritt – Viel Traditionelles ist es Wert, bewahrt zu werden. Besonders in der Kunst. Traditionelle soldatische oder „deutsche“ Tugenden können meinetwegen gern dem notwendigerweise stattfindenden Fortschritt weichen.
Plugged oder unplugged – dazu ein Statement abzugeben wäre Unsinn. Eine akustische Gruppe aber mit Mikros zu bestücken, um ein breiteres Publikum zu beschallen, halte ich allerdings für ebenso unsinnig.
Tokio Hotel – das ist so eine Teeny-Combo, oder? Von denen kenne ich nur den Namen und für’s Foto komische zurecht gestylte Figuren.