Interview mit Loke von The Pagan Herald

The Pagan Herald ist ein sehr gutes Printzine, was alleine schon einen Artikel rechtfertigt. Da die Köpfe dahinter ebenfalls erwähnenswert sind mit ihren Gedanken, wurde aus dem Artikel schnell mehr und das Ergebnis könnt ihr nun lesen. Flux.

Zuerst einmal bitte ich dich um eine kleine Erzählung, wie reifte die Idee für den Pagan Herald heran, wie lernten Heimdall und du euch kennen?
Loke: Zum Gruße, Patrick! Nun, die Entstehungsgeschichte unseres Magazins kann man nur bedingt an chronologischen Stationen veranschaulichen. Ich hatte seit vielen Jahren irgendwo im Hinterkopf die Idee, ein eigenes Fanzine zu begründen. Parallel dazu hat sich immer mehr die Feststellung gefestigt, dass Musik – egal welchen Hintergrunds oder Stils – die sich mit Geschichte, Mythen, Heidentum und/oder Naturverbundenheit auseinandersetzt, häufig nur so von Leidenschaft Aufrichtigkeit, Genius, Mannigfaltigkeit strotzt, ganz besonders im Unterschied zu vielen anderen konformen, konzeptionell stark abgrenzbaren Musikarten, gerade den Subgenres im Metal. Aber wegen anderweitiger persönlicher Einbindungen in der Musikwelt ist es vorerst nicht zu konkretisieren gewesen…
Ums dann kurz zu machen, irgendwann fand sich die Zeit und ich habe mein kleines Projekt und die Pläne im stillen Kämmerchen in Angriff genommen. Und das hat gedauert und musste bezüglich inhaltlichen und konzeptionellen Komponenten reifen. Allerdings bin ich mehr ein Mensch, der im „Team“ arbeitet und bei dem durch kreativen, konstruktiven Austausch die geistige Produktivität erst optimal läuft. Irgendwann tauchte Heimdall auf, wir wollten ein paar Demos austauschen, und nach meiner Einladung, doch etwas beizutragen, war er auf Anhieb Feuer und Flamme für mein Idee, doch dem Pagan Metal und aller verwandter Musik ein Forum zu bieten. Mit Sorgfalt, Leidenschaft und Geisteskraft brachte er wichtige Impulse und bald war die Vollendung der ersten Ausgabe nur eine Frage von Fleiß.

Ihr stellt euch in Ausgabe 1 ja vor und es steht dort, Pagan Metal wäre wie die Natur autark, da man den Begriff Pagan Metal auf soviel unterschiedliche Musik ausweiten kann, die sich immer selber weiterentwickelt, oder? Inwiefern autark, kann man Pagan Metal nicht von außen, durch neue musikalische Einflüsse verändern? Oder bin ich grad auf dem Holzpfad, (hehe)?
Loke: Erstmal: Auf dem Holzweg bist du nicht, nein. Denn ganz genau, unserer Meinung nach ist Pagan Metal kein stilistisch oder musikalisch eingrenzbares Genre. Was Pagan Metal bündelt, ist ein textlich-konzeptionelles Denkmuster, wobei es eben nicht auf Stil- oder Spielform – Heavy, Death, Doom, Black, Rock, Folk, oder was weiß ich – sondern allein auf die Inhalte und den Umgang mit heidnischen Themen ankommt. Mal ein paar Beispiele: Musik inspiriert durch keltische Mythologie, nordgermanische Naturmystik, griechischen Okkultismus, baltische Heimatverbundenheit, (dunkel-)romantische Poesie, slawische Geschichte, etc…(die Liste ist beliebig verlänger- und erweiterbar) hat doch bezüglich ihres Ursprungs und ihrer Kraft etwas verwandtes. Unserer Meinung nach kommt Inhalt vor Form und Leidenschaft vor Stil. Das macht das Genre zwar sehr heterogen, aber darin liegt der Reiz. Die Gemeinsamkeit liegt in der Intensität der Auseinandersetzung und einem verwandten Muster bei der Verschmelzung von Geist und Musik. Daher auch unser (allseitiges) „Pagan“ im Titel, um alle Variationen ganz allgemein unter einem Schlüsselbegriff unter einen Hut bringen zu können.
Um auf deine Frage zurückzukommen: Pagan Metal ist eigenständig, unabhängig, autark, ja. Musikalisch gibt es keine Grenzen, egal ob innere oder äußere, ganz recht! Das entscheidende Kriterium hat ja nichts mit Musik zu tun, sondern mit der Art der Auseinandersetzung mit Heidentum assoziierbaren Themenkomplexen – und hier verbleibt Pagan Metal eben autark. In all ihrer Verschiedenheit können wir so (unserer Auffassung nach) einen bunten Fächer aufmachen, und Solstafir neben Belenos, Paysage d’Hiver neben Obtest oder Helrunar neben Kawir stellen, und das alles unter dem Banner Pagan Metal vereinen bzw. als das bezeichnen. Eine Art geistige Vereinigung… Wie in der Natur, wo viele kleine spezialisierte, Organismen ein großes, verzweigtes Ökosystem bilden.

Ich muss sagen, dass ich den allgemein bekannten Pagan Metal auch absolut nicht mehr leiden kann, da es für mich immer dieselbe Leier mitsamt denselben, profanen Texten ist. Nun schreibt ihr – was sicherlich stimmig ist – dass man über diese Haltung auch die profunden Texte und Hintergründe verkennt. Dennoch haben Leute wie ich eine gewisse, nicht sofort abänderbare Meinung, was würdest du mir entgegenhalten, so dass ich dir im Prinzip nur zustimmen kann oder du mich bestenfalls umstimmst?
Loke: Hehe, wieso „auch“ nicht mehr…?? Naja, in der Tat, viele Pagan Metal Bands sind wirklich geistlos und furztrocken… den meisten fehlt es an sublimen Texten und leidenschaftlichen Konzepten. Alles ist vorrausehbar und platt getreten, dazu ewig gestrig und manchmal sogar rückschrittlich. Meist es ist es ein farbloses, durchschaubares und dogmatisches Pantheon bzw. eine auf dieses erstarrte religiöse Glaubenssystem projizierte, so nie da gewesene Vergangenheit, die verherrlicht und besungen wird. Das ist so langweilig, gerade wenn es unzählige machen…
Dir würde ich praktisch nichts entgegenhalten, warum auch. Du musst ja selbst wissen, was du für gut befindest und welche Werte du ansetzt, so wie jeder andere auch. Wir glauben an den individuellen Menschen. Andererseits kann man ja auch etwas verpassen, oder? Daher: Das einzige, was wir erwähnen würden, wäre, authentischem Pagan Metal mal eine Chance zu geben – unser Magazin lässt sich in Inhalt und Konzept als ein Annäherungsvorschlag verstehen. In der Regel wird uns attestiert, wir würden uns dem Pagan Metal, seiner Substanz und seinem schillernden Potential hervorragend annähern – für manche eben eher untypisch, wenn diese unter Pagan Metal eben jene metsaufenden Partywikinger verstehen, die waffenprotzend im Wald rumstolzieren und unreflektiert und ausgelutscht ihre Kinderbuchauffassung von ausgehöhlter, glatt polierter Götterverherrlichung zum Besten geben. Das schreckt mich meist am so unsäglich stereotypischen deutschen Pagan Metal ab…

Ich muss sagen, ich sah das Heidentum nie als wirkliche Religion, sondern als gewissen Fundus für Verhaltensregeln an. So auch die Edda; es werden brauchbare Lehren erteilt und Wegweiser, wie siehst du das? Kann man das überhaupt voneinander trennen?
Loke: Da sprichst du ein weites Themenfeld an, ein unglaublich großes sogar, was sich hier kaum beantworten lässt und wozu treffsichere, differenziertere Fragen und Ansätze formuliert werden müssten. Ich werde trotzdem versuchen, zumindest ein paar Ansätze für Antworten zu liefern.
Heidentum, Religion, Mythologie… das sind sowohl inhaltlich als auch emotional stark dehnbare, meist überdimensionierte Assoziationskomplexe, die für jedes Individuum, jede Zeit und jeden Kulturkreis anders einzurahmen und einzuordnen sind. Heutzutage hat etwa ein „Topos Heidentum“ – um das mal zu begrenzen, beschränke mich hier auf den kulturgeschichtlichen und meist diachron betrachteten Kanon Europas – Kongruenzen mit den unterschiedlichsten Gesellschafts- und Gedankensphären. Beispiele wären Politik, Weltanschauung, Ethik, Organisationsfragen, Umweltschutz, Esoterik, Tourismus, etc… unglaublich viele eben, ich vergesse sicherlich gerade Essentielles.
Was du unter dem Begriff Religion zusammenfasst, wird für mich etwas ganz anderes sein. Und dass es das eine Heidentum erst recht nicht gibt, schon gar nicht gemäß unserer Auffassung, das sollte bereits klar geworden sein. Die beiden Begriffe hier nun zu verknüpfen und dann auch noch in ein Abhängigkeitsverhältnis zu setzten, erscheint mir eine in diesem Rahmen schier unmögliche Aufgabe.
Nun ja, anders angegangen: sicher haben die Menschen vergangener Zeiten eine ganz andere Einstellung und Perspektive zu Natur, Kultur und Glauben gehabt. Sie versuchten ihr Leben und ihre Umwelt zu ordnen und eine Erklärung für die unterschiedlichen Phänomene zu finden. Der Mensch der Moderne hat den riesigen Vor- und Nachteil, sein Weltbild und seine Existenz aufgeklärt und wissenschaftlich betrachten zu können. Er kann seine Welt anders ordnen, ihm ist mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung gegeben, seine Umwelt zu beurteilen. Dabei geht häufig die spirituelle Komponente verloren, sein Glaube ist das Greifbare, Materielle, Profane, Urbane, Entseelte geworden – ein flüchtiger, belangloser Glaube. Vernünftiges Neuheidentum – also ein Heidentum, welches alte Traditionen und Vorstellungen neu auflodern lässt und sich dennoch an dem Ausstrahlen alter Spiritualität wärmt, die es in die heutige, moderne Zeit zu transferieren gilt um im Hier und Jetzt das Leben zu leben – ist niemals ein starres, dogmatisches Glaubenssystem, sondern mehr eine ethische und geistige Einstellung.
Was nun die sehr beliebte Älteren Edda betrifft, können die Stoffe ihrer Götter- und Heldenlieder nur bedingt als Fundus für Verhaltensregel gelten, denke ich – denn außer den konglomeratischen Hávamál, die ja auch nur zur Hälfte aus Sitten- und Verhaltensregeln bestehen, braucht man wirklich ein ausgesprochen metaphorisches und allegorisches Verständnis, um „zwischen den Zeilen“ und hinter den häufig von christlicher Heilslehre geprägten Geschichten der nordischen Mythologie ihren sinnbildlichen und kosmischen Nukleus (er-)lesen zu können. Das setzt auch ein gewisses sublimes Verständnis voraus, wie man den mit alten Sagen und dem Problem ihrer vielfach heterogenen und gegensätzlichen Überlieferung umgeht. Das ist doch sehr viel schwieriger als man denkt, würde ich als ehemaliger und langjähriger Skandinavist einfach mal behaupten.

Englisch verbindet Völker, der Glauben ebenso. So natürlich auch Paganismus, doch wieso begrenzt ihr ihn auf Europa? Weil nur jener musikalisch aufgegriffen wird oder weil es die eigenen Wurzeln sind? Ich weiß, ihr habt dies kurz in Magazin Nummer Eins erläutert, ich bitte aber um ein detailliertes Erklären!
Heimdall: Nun, es war und ist nicht unsere Intention, im Pagan Herald ausschließlich den europäischen Paganismus zu beleuchten. Aber Europa bietet einen wunderbaren Ausgangspunkt, da erstens das europäische Heidentum sehr vielschichtig und innerhalb Europas verschieden ist, zweitens die meisten Bands, die sich mit Heidentum beschäftigen aus Europa kommen und drittens sollte man, so finde ich, erst einmal vor der eigenen Haustür schauen, was das Leben zu bieten hat und dann in die Ferne schweifen. Aber natürlich hast Du Recht, dass der Glaube Völker verbindet! Es wird auch in näherer Zukunft mehr außereuropäischen Paganismus im Pagan Herald geben. Eigentlich hätte es auch schon einen Bericht über die Religionen und Kulte im Iran vor dem Islam geben sollen, aber der Schreiberling ist leider abgesprungen (wohl aus Zeitgründen). Ich selbst werde für eine der nächsten Ausgaben einen Bericht über die „Religion“ der Ureinwohner Nordamerikas schreiben, da hier ein monumentaler Fundus an Wissen und „Lehren“ liegt, der noch darauf wartet, komplett untersucht zu werden. Es ist sehr erstaunlich, welchen Stellenwert das gesprochene Wort in dieser Gesellschaft einnimmt, welche Magie und Schöpfungskraft von ihm ausgeht – phänomenal.
Noch ein Wort vielleicht zum europäischen und außereuropäischen Heidentum: Wenn man sich einmal die Pagan Metal Bewegung ansieht, so stellt man fest, dass das europäische Heidentum auch weltweit von Leuten aufgegriffen wird, die eigentlich selbst genug Traditionen in ihrem Land haben, über die sie singen könnten. Bestes Bespiel sind wohl Mexiko und Südamerika, wo es vermehrt Bands gibt, die sich den Wikingern widmen. Selbst wenn ihre Vorfahren spanischer oder portugiesischer Herkunft sind, gäbe es noch genug eigenes Material, was sie sich zu Eigen machen könnten. Ich finde so etwas stark bedauernswert, ehrlich gesagt.

Im Interview mit Obtest schreibt ihr, dass daheim produzierte Alben, die mit der richtigen Einstellung vollzogen worden sind, irgendwie immer etwas Besonderes sind. Erst einmal: Diese Meinung teile ich, ich liebe The Ruins Of Beverast, von Meilenwald produziert auch gerne mal daheim. Aber wie erklärst du dir diese Magie der nicht konventionell aufgenommenen Werke?
Loke: Ganz klar, wo das Feuer der Leidenschaft brennt und ein freier Wille waltet, entsteht eine ganz andere ästhetische Dichte als bei einer unengagierten, überhasteten Aufnahme und alltäglichen Komposition. Da hat aber nur bedingt mit der Aufnahmesituation zu tun, denn auch professionelle und aalglatte Produktionen können ja hervorragend Gefühle transportieren. Ich meine, man hört jeder Veröffentlichung an, wie viel Herzblut und Empfinden dahinter steckt. Da trennt sich auch bezüglich der potentiellen Eigenschaft, den knisternden Funken auf den geneigten Hörer überspringen zu lassen, die Spreu vom Weizen.
Am heimischen PC lässt sich anno Bastardi 2007 soundtechnisch unglaubliches erzeugen, unter den zigtausenden Veröffentlichungen jeden Monats ist dennoch nur ein geringer Bruchteil hörens- und bemerkenswert. Es fehlt den meisten eben die Einstellung, die Geduld oder das Können…
Was übrigens „The Ruins of Beverast“ betrifft, gehe ich da etwas anders an diese Sache ran als du, auch wenn der Charme beider Gruppen Veröffentlichungen sicherlich ähnlich ist. Aber diese relativ „neue“ Band ist meines Erachtens nur bedingt ein gutes Beispiel – auch wenn Meilenwalds musikalisches Schaffen sicherlich über jeden Zweifel erhaben ist. Das Ding ist, dass TROB die Möglichkeit gehabt hätten, rein theoretisch in einem professionellen Studio aufzunehmen – dass hatten Obtest dagegen damals nicht. Ihre unkonventionelle Aufnahme war insofern schlüssiger, da sie aus der Not heraus geboren wurde. Nicht nur ist die Herführung doch eine andere, ich würde meinen Hut vor Obtest noch etwas tiefer ziehen. Und klar, ein bisschen Nostalgie schwingt da immer mit, wenn man sich ältere Scheiben vornimmt. „Früher war eben einfach alles besser“ konstatieren ja viele ältere Hörer bauernschlau…

Wie beispielsweise Obtest ist es verschiedenen paganischen Bands erst Dank moderner Technik und speziell dem PC möglich, zu existieren. Dennoch schwelgen Anhänger gerne in Nostalgie, bevorzugen Vinyl und Printmagazine usw. Weshalb, ist das nicht irgendwie paradox?
Loke: Ich glaube, ich weiß was du hier meinst… Ich erachte dieses „Schwelgen in Nostalgie“ und den Gebrauch von moderner Technik für jemanden, der sich mit vergangenen Zeiten und Mythen auseinandersetzt, keinesfalls als paradox oder gegensätzlich. Im Gegenteil, dass zeugt von einem wachen Verstand. Vielmehr ist das als komplementär anzusehen wie die Äste eines prächtigen, kräftigen Baumes oder den Wandel der Jahreszeiten, ohne den der Kreisläufe der Erde nicht funktionieren würden.
Das ist übrigens immer ein gutes Kriterium der Authentizität einer Pagan Metal für mich: Sind es Tagträumer und Vergangenheitsverklärer, die ihre Ängste und Träume durch den Blick ins Ewig Gestrigre auffangen wollen, oder handelt es sich um Neuheiden, die wissen, dass sie im 21. Jahrhundert leben und eine eigene Form des Umgangs finden müssen – aber sich eben Unterstützung dabei aus der Vergangenheit holen?
Bemerkenswert, dass du Printmagazine und Vinyl der Vergangenheit zurechnest. Sie sind doch genauso unserem modernen Zeitalter zuzurechnen wie CD und Internet!

Greifen wir mal eine Sache aus dem Interview mit Forefather auf, zu dem ich gerne deine Meinung hätte. Dort sagt die Band, dass die Engländer einen Teil ihrer Kultur verloren haben, da Englisch die Weltsprache ist. Siehst du das genau so oder doch anders? Ich meine, auch der Akzent ist entscheidend und das Gefühl, welches man als Engländer besitzt, würdest du dem zustimmen?
Heimdall: Hier greift wieder die Metapher des zweischneidigen Schwertes. Zum einen gebe ich Dir Recht, dass Akzent und „Nationalbewusstsein“ eine große Rolle spielen. Ich denke, jeder der einmal mit seinem Schulenglisch nach England, Irland, Amerika oder Kanada gereist ist, wird schnell festgestellt haben, dass sich das Gelernte doch erheblich von der Realität unterscheidet. Jedoch trifft das nicht nur Personen aus dem anderssprachigen Ausland, sondern auch Menschen mit Englisch als Muttersprache. Wenn ein Texaner versuchen würde im Londoner East End im Pub nach dem Weg zu fragen, glaub mir, das würde in die Hose gehen, bzw. viel Zeit in Anspruch nehmen, bis sich die beiden über den Inhalt des Gesprächs einig wären. Somit zeigt sich, dass lokale Eigenheiten immer noch präsent sind.
Auf der anderen Seite hat schon Tolkien festgestellt, dass die Engländer einen wichtigen Teil ihrer Identität verloren haben, nämlich ihre Sprache. Natürlich könnte man meinen, es würde die Engländer stolz machen, dass so viele Millionen Menschen Englisch lernen und sprechen, aber in einem anderen Licht betrachtet, fällt schnell auf, dass Englisch nicht mehr eine Sprache ist, sondern Mittel zum Zweck. Man braucht es eben. Man kommt nicht drum herum. Ich selbst habe ein Jahr in London gelebt und gearbeitet und auch selbst erlebt, wie sehr Englisch Mittel zum Zweck geworden ist. Ich kann mir also sehr gut vorstellen, dass sich manche Engländer Zeiten zurücksehnen, wo noch nicht jeder Hans und Franz ihre Sprache mehr oder minder beherrschte. Aber natürlich gibt es heute auch viele Engländer, denen der Sachverhalt gut gefällt, da sie sich jetzt überall im Ausland einfach verständlich machen können und für den Urlaub die jeweilige Landessprache nicht mehr lernen müssen.

Was gefällt dir eher? Epische Lieder wie die Bergthron-CD „Verborgen in den Tiefen der Wälder“ oder eher was kurzes und knackiges? Und vor allem, was gefällt dir dann nach mehrmaligem, monatelangem Hören lieber?
Loke: Oh, Blitzantwort: da möchte ich mich nicht entscheiden, denn es ist eine reine Stimmungssache. Zudem liegt doch auch gerade in der Vielfalt ein großer Reiz.
Heimdall: Ich persönlich kann sowohl epischen Liedern, als auch kurzen und knackigen Songs etwas abgewinnen. Meine Playlist besteht auch aus ganz unterschiedlichen Längen und Stilen, wobei mir eine gewisse Melodik und Epik in den Songs schon sehr wichtig ist (aber kurze Songs können sehr wohl epischen Charakter aufweisen!). Eben ob dieser Mischung gefallen mir viele Sachen auch nach monatelangem Hören immer noch gut. Aber letzten Endes bin ich auch ich ein Stimmungs- oder Jahreszeitenhörer.

Wo wir eh bei Bergthron sind: Angeblich wollen sie nur ein Interview pro Jahr geben, was einerseits Sinn macht, andererseits den Wissensgierigen auch abnötigt, genau dieses Magazin zu lesen. Wie dem auch sei, wie hast du sie denn dazu bewegt, dass gerade der Pagan Herald dieses Magazin ist? Du kannst natürlich auch zu meinen einleitenden Worten noch etwas sagen, ich will dich da nicht eingrenzen ,]
Loke: Ich habe ihnen über ihr Label einen persönlichen Brief zukommen lassen und ihnen darin unser Vorhaben ausführlich unterbreitet – offenbar mit Zustimmung und Erfolg, denn etwas später flatterte ein Brief mit den handschriftlich geschriebenen Antworten ins Haus!
Auch wenn freilich etwa ein dutzend Fragen kommentarlos ausgelassen wurden, schienen Bergthron Gefallen gefunden zu haben. An dieser Stelle kann ich vielleicht mal dazu überleiten, allen Gleichgesinnten das amerikanische Convivial Hermit ans Herz zu legen. In der zweiten Ausgabe ist ein sehr schönes, tiefgründiges und eben seltenes Interview mit Bergthron zu finden!

Das Interview mit Primordial war euer bislang größtes und für dich wohl auch das persönlichste, liege ich da richtig? Beschreib doch einfach mal das Gefühl, was du hattest, als du die Antworten auf all deine lange gesammelten Fragen hattest.
Loke: Ganz richtig, ja. Wie ich in der Einleitung zum Interview mit den Iren geschrieben habe, hat sich da seit Mitte der Neunziger einiges an Fragen angesammelt – vom banalen Konzerterlebnis über das (manchmal mangelhafte) Verständnis spezifischer Textzeilen bis hin zu Gedanken über die so umsagte und besungene irische Mentalität und ihren Hang zur Melancholie. Erweitert um einen TPH-typischen Fragekatalog kam da einiges zusammen… die Frucht dieser Arbeit und Produktivität in den Händen zu halten, gerade um die um liebevoll und gründlich erwiderten Antworten erweitert, ist einfach unbeschreiblich. Das merkt man freilich erst ganz zum Schluss, wenn die druckfrische Ausgabe in den Händen hält.

Ich muss sagen, dass mir die Bilder im Interview mit Paysage d’Hiver am meisten gefallen, sie sind sehr atmosphärisch und mystisch. Die Bilder von Wintherr (?) sind dazu noch schamanisch, was nur passt. Wie siehst du die Sache und würdest du mir zustimmen oder siehst du bei der Visualisierung andere Interviews in Front? Ich weiß, es ist schwer, die eigene Arbeit zu bewerten, aber versuche es doch bitte. Wie bewertest du die schamanischen Bilder von Wintherr?
Loke: Ich verstehe die Frage nur bedingt. Die Bilder eines jeweiligen Interviews stammen entweder von der Band selbst oder wir haben sie aus ihrem Schaffenskreis entliehen, sie visualisieren auf spezifische Weise das ästhetischen Wesen der jeweiligen Band – da möchte/ sollte ich kaum Vergleiche gegeneinander ziehen, denn jedes Mal ist dies gelungen, meine ich.
Alle Paysage d’Hiver Bilder sind uns von Wintherr zur Verfügung gestellt worden, ja. Ich stimme dir vollkommen zu, dass sie eine arkane und schamanistisch anmutende Aura in ihrer mystifizierten Dichte hervorbringen, die jeder Oberflächlichkeit oder Alltäglichkeit entbehrt. Wintherr hat es schon immer verstanden, seine Motivik dem Grade seiner musikalischen Wirkungsstärke anzugleichen, obwohl er eben auch nur mit Wasser kocht (ich meine damit bspw. schwarz-weiße Cover, Verarbeitung von Naturaufnahmen, Papierstärke, etc). Für diese liebevolle Sorgfältigkeit (man muss es so sagen) wird Paysage d’Hiver auch besonders geschätzt, denke ich. Die meisten Musiker vernachlässigen ihre visuelle Seite bzw. gestalten sie zu anonym oder belanglos.

Ebenso interessant ist es, dass ihr euch in den Interviews stets gut informiert über die Band und ihr Land samt der Historie zeigt. Eigentlich eine logische Sache, die viele Zines aber nicht so handhaben. Ist es nur das Interesse an den Bands oder doch so eine Art Ehrensache?
Heimdall: Sowohl als auch. Ich finde, man kann eine Band, die ihr Konzept auf ihrer Herkunft und Sprache aufbaut, nicht verstehen und der Welt ausreichend präsentieren, wenn man nichts über die Zustände des Landes in Gegenwart und Vergangenheit weiß. Ein gutes Beispiel hierfür sind Skyforger: Das Baltikum hat eine so ausgeprägte Geschichte, die auch innerhalb des europäischen Kontextes nicht außen vorgelassen werden kann und darf, und wenn man diese Geschichte nicht kennt und versteht, versteht man auch nicht, was Skyforger darstellen. Das beginnt bei ihrem Debutalbum über die Schlacht bei Saule (über deren Wichtigkeit sich die Skyforgerfans hoffentlich genügend informiert haben) und zieht sich über alle weitern Alben hin. Ich persönlich informiere mich auch vor einem Urlaub im Ausland immer ein wenig über das Land, in das ich reise und versuche, ein paar Redewendungen und Floskeln zu beherrschen – auch wenn dem nicht immer voller Erfolg beschieden ist ;-)

Ich hatte bei den Interviews das Gefühl, als würden viele Bands ihre Musik als eine Art Situationsanklage nutzen. Oftmals geht es darum, dass ihr Land durch das Christentum geblendet ist, siehst du das genauso und würdest du diese Aussage so stehen lassen?
Heimdall: Ich finde „Situationsanklage“ ein wenig unpassend als Wort. Sicherlich geht auch ein wenig (An-)Klage mit einher, aber ich hatte bei den meisten Bands ebenso das Gefühl, dass sie eine Art der Aufklärung und des Aufrüttelns betreiben wollen, nicht nur gegenüber dem Christentum. Menschen im Generellen neigen ja dazu, wenn sie erst mal Macht besitzen, diese auch zu missbrauchen. Hierbei muss man sich nur das 20. Jahrhundert anschauen und nicht nur die großen totalitären Systeme. Ich denke, vielen Bands geht es darum, zu zeigen, dass es noch andere Wege und Dinge gibt, auf die zu achten es sich lohnt, Dinge fernab von Geld, Macht, Multimedia.

Bei den vielen Fragen, die man manchmal einer Band stellt, überschneiden sich manche Antworten leicht. Ärgerlich oder unausweichlich?
Loke: Eine Sache des Stils und der redaktionellen Vorgehensweise, denke ich. Manchmal mag es störend sein, manchmal sind gewisse Schlagworte einfach von zu großer Relevanz, als dass sie nicht mehrmals und aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet werden sollten.

Welche Band war die aufschlussreichste und welche Band die interessanteste bei euren Interviews?
Loke: Tatsächlich haben wir aus jedem Interview etwas Aufschlussreiches gewonnen, sowohl für unser persönliches Interesse als auch im konzeptionellen Rahmen unseres kleinen Projekts. Beim Lesen der jeweiligen Antworten hatten wir das Gefühl, dem kreativen und spirituellen Nukleus der Formation irgendwie näher gekommen zu sein und etwas errungen, ja, manchmal auch profaner erarbeitet zu haben. In solch individuellen und empathisch-emotionalen Dimensionen kann man kaum komparativ vorgehen bzw. die jeweils gewonnenen Erkenntnisse gegeneinander auf die Wagschale legen.
Heimdall: Ich finde alle Antworten der Bands sehr interessant und bin dankbar dafür, dass sie sich die Zeit genommen haben und unsere Fragen gelesen und tiefgehend beantwortet haben! Uns hängen gelassen hat bis jetzt noch keine Band (auch wenn es hier und da mal etwas länger dauerte…)

Kommen wir mal zu den Rezensionen: Ich sah dort unter anderem welche zu Waffenweihe und eben zwielichtigen oder sagen wir rechten Bands. Zuvor aber schriebt ihr in der Einleitung, in der ihr euch vorstellt, dass so was nichts im Pagan Herald zu suchen hat. So war ich erst leicht verwirrt, doch rasch stellte ich fest, dass ihr deren Scheiben lediglich abkanzelt. Wie siehst du die Sache? Abschreckung vor fragwürdigen Releases oder, ja – die Frage geht ja an dich…
Heimdall: Du hast Recht, solche Bands wie Waffenweihe oder ähnliche haben im Pagan Herald nichts zu suchen – in den Interviews! Wir werden nie einer rassistischen, faschistischen oder sonst wie radikalen Band ein Forum für ihre Gedanken und Weltanschauung bieten. Dennoch dürfen diese Bands nicht ignoriert werden. Man muss den Leserinnen und Lesern zeigen, dass es sie gibt, dass sie vielleicht sogar gute Musik machen, aber im Ganzen betrachtet nicht für das stehen, was wir vertreten und leben. Ich hoffe immer, dass durch unsere Rezensionen klar wird, dass man solche Bands nicht unterstützen darf. Jedoch sollen die Rezensionen nicht nur hetzerisch und niederschmetternd sein, sondern auch sagen, was an der Musik gut ist. Schwarz-Weiß Malerei hilft bei diesem Thema nicht viel.

Nach welchem Muster wählt ihr die Alben eigentlich aus, die ihr rezensiert? Gut, in Teil 2 war das wohl schlicht das Promomaterial?
Heimdall: Ja, wir mussten in Nummer 2 einige Besprechungen aus Platzmangel fallen lassen, leider! Wir bekommen natürlich einiges an Promomaterial von den Plattenfirmen, aber auch von Bands, die z. B. unser Myspace-Profil gelesen haben oder unser Heft kennen. Weiterhin suchen wir auch nach neuen und alten Bands und schreiben sie gezielt an. Wir versuchen eben einen großen Überblick zu schaffen. Hierbei sind das Internet und myspace.com natürlich die besten Adressen, wobei Mund-zu-Mund Propaganda auch immer noch funktioniert.

Webzines haben ja den Vorteil, dass sie Reviews und Interviews zeitnah zu den Veröffentlichungsterminen drin haben, Printzines logischerweise eher nicht. Dennoch liegt hier ja die Krux, quasi Fluch und Segen zugleich. Man muss bis zu einem bestimmten Zeitpunkt alles beisammen haben, sowohl als Redakteur als auch mit Abstrichen als Künstler. Wie beurteilst du diese Sache, gerne auch vergleichend mit Printzines?
Heimdall: Persönlich finde ich das Internet als Medium und Hilfestellung zur Kommunikation wunderbar! Allerdings bin ich doch eher ein Vertreter der Printmedien, selbst wenn das Internet schnellere und veröffentlichungsnahe Informationen bietet. Dennoch kann man meiner Meinung nach mit einem gedruckten Magazin dem Wesen des interviewten Künstlers näher kommen, da man das Layout besser auf ihn abstimmen kann etc. Die Liebe zum Detail fehlt vielen Webzines einfach. Außerdem lese ich ungern längere Texte am Bildschirm, ich finde das ziemlich ungemütlich.

Das lädt natürlich zu einem generellen Vergleich ein: Ist eine Form die ultimative oder haben beide ihre Vorzüge und kommt es mehr auf den eigenen Geschmack an, ob man eher Webzines oder Printzines favorisiert? Oder etwa auf das Genre?
Loke: Nein, das eine ultimative Medium gibt es ganz sicher nicht. Es kommt immer auf die Umsetzung, die Sinnesschärfe der Redakteure und nicht zuletzt auf ja den Inhalt an! Vom Genre ist es wohl weniger abhängig, denke ich.
Ich persönlich präferiere gedruckte Magazine, ja, möchte aber nichts kategorisch ausschließen und erfreue mich stattdessen der Vielfalt. Hängt wohl auch einfach damit zusammen, dass ich Anfang des letzten Jahrzehnts meine musikalische Reife gewonnen habe, als das Internet in weiter Ferne war.
Die Vorzüge sind wohl offenkundig: Gedrucktes ist häufig liebevoller und sublimer in der Machart (es lässt sich ja auch haptisch erfahren), zweitens ermöglicht es freie Wahl der Ort- und Rahmenbedingungen (ich kann es überall lesen und bin nicht an den PC gebunden), und zu guter letzt muss man sich um sein Exemplar bemühen, es bestellen, darauf warten und dafür sogar bezahlen, was ein Grundmaß an Interesse voraussetzt und die Auseinandersetzung intensiviert. Wenn ich mir dagegen die Vorteile von Webzines anschaue – kostenlos, immer up-to-date, schnell und unkompliziert zugänglich, sowie einfach nach persönlich-musikalischen Vorzügen wählbar – erhalte ich ein starkes Gefälle, einen Kontrast, im Umgang mit Musikjournalismus (und Qualität und Tiefgründigkeit lassen wir hier ja außen vor). Da kommt es dann auf die Frage an: Wie sehr bin ich Konsument, wie umfassend und wie detailliert will ich informiert werden und unter welchen Bedingungen will ich das Wissen vermittelt bekommen? Eine offene Frage, die jeder selbst beantworten muss… – also schon irgendwie Geschmack und Zeitgeist.

Von Ausgabe 1 zu 2 wurde ja ein Quantensprung vollzogen, oder? Möchtest du vielleicht darüber ein wenig erzählen? Was sofort auffällt, ist, dass es weniger Interviews, dafür aber Artikel gibt und die Rezensionen viel ausführlicher sind. Meine Meinung darf an dieser Stelle fehlen (wozu gibt es sonst den Artikel); wie kam es zu den zahlreichen Änderungen?
Loke: Da sind wir uns einig, klar! Ausgabe #2 ist dank der Mithilfe vieler engagierter Personen ziemlich genau das geworden, was wir im Grunde immer mit dem Pagan Herald erreichen wollten. Diese Qualitätsstufe wollen wir definitiv halten. Die Gründe für diese Verbesserungen lassen sich kaum etikettieren, denn sie liegen doch allzu offen auf der Hand, oder? Jeder Mensch sollte gelegentlich nach „Weiterentwicklung“ streben, dass liegt in seinem Wesen…

Was bedeutet für dich „Sapere Aude!“, wie wichtig ist dieser Spruch für den Pagan Herald?
Heimdall: Ich denke, es gilt heute mehr denn je, sich seines eigenen Verstandes bewusst zu werden und ihn zu gebrauchen. Die Welt hat sich in den letzten fünf Jahrzehnten so schnell verändert, wie wohl niemals zuvor. Heutzutage sind dem Menschen und gerade den Kindern und Jugendlichen diverse Entwicklungsmöglichkeiten (positiv wie negativ) gegeben, so dass es im gewissen Sinne schwierig sein kann, zu sich selbst zu finden und sich sein eigenes Bild von der Welt zu machen und eigene Sichtweisen auf das Hier und Jetzt zu entwickeln. Obwohl oder gerade weil es heutzutage einfacher denn je ist, sich über sämtliche Sachverhalte im Leben, der Politik, Geschichte etc. zu informieren, ist es unerlässlich ab und zu einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen, ob das, was man gerade gelesen, gehört und gesehen hat, das Maß aller Dinge ist. Dieses Phänomen finden wir in den täglichen Nachrichten ebenso wie im Internet oder in Büchern. Man muss sich klar werden, dass es nie eine ultimative Wahrheit über bestimmte Sachverhalte geben wird. Dasselbe trifft auch für den Pagan Metal zu: In den letzten 2 oder 3 Jahren gab es ja einen regelrechten Boom in Sachen Pagan/Folk/Viking/Heathen und was auch immer Metal. Auch wenn dabei natürlich viel gute Musik entstanden ist, sollte man dennoch ab und zu seine Position als Fan verlassen und sich auf eine höhere Ebene – im wörtlichen Sinne – begeben und mal von oben auf das schauen, was so vor sich geht. Ich für meinen Teil musste leider feststellen, dass das, was als Pagan Metal begann, inzwischen zu einem Schatten seiner selbst (jedenfalls zu Teilen) verkommen ist. Natürlich freut es mich, dass viele (junge) Menschen die alten Sagen, Mythen und Märchen wieder für sich entdecken, sich der germanischen, keltischen und slawischen Frühgeschichte widmen und versuchen, alte Traditionen neu zu beleben. Jedoch geht ein sehr großer Teil dabei sehr blauäugig zu Werke. Wie viele Veröffentlichungen gibt es denn inzwischen, auf denen Schlagwörter wie „Walhalla“, „Krieger“, „Ragnarök“ etc. in den Titeln zu finden sind?! Warum singen Bands aus Bayern über die Wikinger und nicht über die Perchtenläufe? Warum benutzen Bands aus dem Baskenland Runen? Es gibt doch so viele spannende Dinge in Geschichte, Kultur und Brauch vor eines jeden eigener Haustür, die es wert sind, besungen zu werden! Warum reicht den meisten Leute die Lektüre der Edda? Sapere Aude! Denkt selber nach! Wer seid ihr? Was betrifft euch wirklich? Viele Leute würden sich bestimmt wundern oder erschrecken, wenn sie sich auf die Suche machten, wie viel heidnisches und mythisches in der eigenen Umgebung vorhanden ist. Mit dem plakativen Gebrauch der Edda als einzigem Aufhänger im Pagan Metal (und so scheint es häufig) geht die großartige Vielfalt der Möglichkeiten und der Überlieferung aus heidnischen Zeiten verloren. Es könnte soviel mehr geben, würde das Internet als Recherchemedium besser genutzt! Tacitus und Snorri gut und schön, aber warum wird nicht in christlichen Quellen und Überlieferungen geforscht? Es finden sich so viele Hinweise auf die heidnische Vorzeit in Verboten, Erlässen, christlichen Formeln etc., man muss nur etwas suchen und zu trennen wissen. Aber vielleicht ist das für einige zu anstrengend und mühsam und vielleicht wollen es manche auch gar nicht, wer weiß? Jedenfalls wollen wir im Pagan Herald solchen Bands und Menschen eine Plattform bieten, die sich die Kapazität ihres Verstandes zu Eigen machen und von den üblichen Betrachtungsweisen der Massen abweichen.

Auf der beiliegenden CD zur Ausgabe II sind viele Stücke von Bands, die ihr bereits interviewt habt, werden mit den übrigen auch noch Gespräche geführt?
Loke: Das kann gut passieren, ja. Kerbenok und Galar gelten uns ganz bestimmt als hervorragende Künstler, die über ein ungewöhnlich hohes Maß an Leidenschaft, Kreativität und künstlerischem Potential verfügen. Wir haben es uns allerdings zur lockeren Gewohnheit gemacht, möglichst nur Gruppen zu interviewen, die eher kontinuierlich ihr Schaffen bewiesen haben – irgendwo zwischen den Parametern Jahren und Veröffentlichungen festgemacht. Aber wie das Interview mit der relativ jungen Band Heidevolk gezeigt hat, sehen wir das andererseits auch nicht allzu strikt…

Wonach wählt ihr die Gastautoren aus, die wie zum Beispiel Sceot Acwealde einen Artikel beisteuern?
Heimdall: Die Autoren sind meist gute Bekannte, die auf die eine oder andere Weise in unser Leben getreten sind. Sceot habe ich zunächst über seine Band kennen gelernt und ihn dann während meines Englandaufenthaltes als Mensch und Freund schätzen gelernt. Ihn zeichnet für mich seine Erfahrung und Lebensweise als Heide aus. Zumal er noch eine „erweiterte“ Sichtweise auf verschiedene Dinge hat, da er ein ganzes Stück älter ist als Loki und ich und Familienvater von drei Kindern ist. Sein Heidentum/Leben stützt sich nicht auf leere Phrasen, sondern er und seine Familie leben es aktiv, ohne dabei den Sinn für die heutige Welt und Realität zu verlieren.

Eine Frage, die sich einfach geradezu aufdrängt, ist ja die, weshalb ihr gerade das Kalevala für euren ersten Artikel genutzt habt. Sicher, ein interessantes Thema, aber wieso gerade als erste Ausgabe, was ist daran für euch/dich so besonders?
Loke: Wir wollten schlichtweg überraschen. Bei einem IN Deutschland begründeten, mitteleuropäisch ausgerichteten Magazin rechnet doch jeder mit der Edda, oder? Eine Themenreihe über Epen und literarische Kunstwerke damit zu beginnen, wäre mir einfach zu stinkgewöhnlich gewesen – Zugzwang, ja, aber wir wollen ja gerade als kosmopolitisch und mannigfaltig gelten. Ich habe, auch etwas unter Zeitdruck, nach einer spannenden Alternative gesucht… da fiel mir das Kalevala ein, welches in seiner späten und soziomorphen „Entstehung“ von einzigartig Bedeutung für die Geburt der Nation Finnland war/ ist. Das Beowulf-Epos werde ich geflissentlich Heimdall überlassen…

Was hälst du eigentlich von Pagan Metal-Festivals wie dem Ragnarök oder dem weniger bekannten Ultima Ratio?
Heimdall: Ich persönlich halte nicht allzu viel davon, was wahrscheinlich auch schon durch meine Umschreibung der Pagan Metal „Szene“ deutlich geworden ist. Pagan Metal ist ein Massenphänomen geworden und es gibt einfach viele Trittbrettfahrer und Heavy Metal Fans, die einfach Spaß auf feiern, saufen und „Hörner hoch!“-Schreien haben. Natürlich darf man nicht alle Fans über einen Kamm scheren, das möchte ich hier auch gar nicht tun. Allerdings glaube ich auch nicht, dass solche Großveranstaltungen zu einem tiefergehenden Verständnis des Heidentums beitragen. Da möchte ich doch lieber das „Av is og ild“ Festival hervorheben, deren Veranstalter versuchen, mit ausgewählten Bands und einem Rahmenprogramm mit Vorträgen etc. der Essenz des Pagan Metals näher zu kommen.

Bei mir verhält es sich gerne mal so: Meine Lieblingslieder sind fast alle recht lang, Ohrwürmer entwickeln aber gerne nur die kurzen Stücke. Eine dir bekannte Situation?
Loke: Ich denke, ja. Obwohl eben auch gerade lange, monumentale Stücke mit prägnanten Passagen und Riffs einen Ohrwurmcharakter entwickeln können – man denke nur an die zahlreichen repetitiv-träumerischen Klangcollagen von bspw. Paysage d’Hiver oder Shape of Despair!

Zuletzt: Das mag jetzt nur Zufall sein, aber ich glaube, es ist gar kein betrunkener Elefant sondern ähnelt einer Seite des Digi-Packs zu „Geburt“ von Allvaters Zorn. Ich denke, ihr wisst, was ich meine…Zufall, oder? ,]
Heimdall: Hmm, findest Du? Ich habe das Digipack auch vom Label zugeschickt bekommen, aber schon nach Veröffentlichung des Pagan Heralds. Und wenn man die Bilder vergleicht findet man auch keine allzu große Übereinstimmung. Vielleicht haben die ja auch bei uns geklaut?! Wer weiß?!

Ansonsten bin ich eh für den Elefanten, aber eher so als Ersatz für die Eiche, das eröffnet dem Heidentum ganz andere Möglichkeiten, finde ich…
Dann sage ich einfach mal herzlich danke für die Antworten und wenn du willst, verrate noch etwas über Ausgabe Nummer III.

Loke & Heimdall: Ausgabe III ist für den Winter 2008 geplant. Bis jetzt haben wir mit In the Woods, Agalloch und Menhir ein Interview abgemacht, es wird wieder eine Fülle von Artikeln, Berichten und Reviews aus der heidnischen Musikwelt geben, der musikalische Horizont soll erweitert werden!
Patrick, wir danken dir für dein offenherziges Interesse und die Möglichkeit, hier mehr über unser kleines Vorhaben erzählen zu können. Dir ebenfalls vielen Dank und alles erdenklich Gute für Deine Zukunft! Viel Glück mit Metal1info. Wir möchten alle Neugierigen und potentielle Beitragssteller aufmuntern, mit uns in Kontakt zu treten!

Loke & Heimdall

Geschrieben am von Metal1.info

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert