Interview mit Nils Gey, Sven Gey und Felix Kupprat von Wargsang

Einen späten Nachzügler zu unserem Mittelalterspezial haben wir anzubieten. WARGSANG sind fünf Musiker, die bis jetzt noch nicht auf den großen Marktbühnen zu sehen waren: David Feyen, Nils Gey, Sven Gey, Felix Kupprat und Marc Stebel. David und Marc befinden sich zurzeit im Ausland, deswegen konnten sie leider nicht an unserem Interview teilnehmen. Felix und Sven haben unsere Fragen schließlich zusammen beantwortet, während Nils per Internet aus Indien seinen Senf dazugegeben hat. So entstand ein buntes Gespräch mit allerlei Meinungen zu allerlei Themen.

Vorweg: Warum sagt ihr die ganze Zeit Mittelalternative Musik?
Das ist der Genre- und Stilbegriff, den wir bevorzugen, um die Musik präzise und eindeutig zu bezeichnen. Das vermeidet Missverständnisse und Verwechselung, schafft ein musikalisches Selbstbewusstsein und klingt toll :-)

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder seit wann gibt es euch?
Felix: Wir alle haben eine musikalische Ausbildung vor und parallel zur Mittelalternativen Musik, es hat also niemand mit Dudelsack oder Davul angefangen, Musik zu machen. Bei allen fand oder findet praktischer und theoretischer Unterricht statt, solistisch oder Ensemblespiel durch klassische Musik und persönliche Weiterbildung. In kurz: David spielt Klarinette, Sven hatte schon früh lange Blockflötenunterricht und ist auf die Klarinette gewechselt, ich spiele Cello, Marc ist Schlagzeuger mit zusätzlicher Erfahrung als Orchesterperkussionist und Nils studiert Musik (Hauptfach Gesang und Klavier). Also hauptsächlich europäische Kunstmusik vom Barock bis heute.
Nils: Dann hat noch jeder eine Reihe autodidaktischer Erfahrungen mit Instrumenten, die eher mit unseren persönlichen Hörvorlieben einher gehen: Gitarren und Bass mit dem bei uns sehr wichtigen Heavy- True- und Powermetal, Geklampfe mit Folklore, Liedern der Jugendbewegung und Liedermachermusik, aber auch Musicals, Pop und Elektro; nicht zuletzt natürlich Interesse für Mittelaltermusik (historisch informierte Aufführungspraxis) und Renaissancemusik. Bei einem so breiten Hörinteresse musste ja irgendwann der Kontakt mit der Marktmusik kommen und durch das Bedürfnis sich musikalisch auszudrücken, besorgten sich einige von uns dann entsprechende Instrumente, um Ahnliches zu produzieren. Aber noch nicht als Gruppe.
Sven: Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Als mal mein Bordun vom Mittelalter-Sack kaputt war, wurde mir die Adresse von Schelmish gegeben und ich fuhr mit Nils zu einer Probe von ihnen. Als wir dann ein bisschen ins Gespräch über die Musik und unsere Aktivitäten kamen, haben wir unser Interesse am Auftreten bekundet und dass wir auch schon hier und da Musik gemacht hatten. Was vielleicht im dem Gespräch nicht so ganz (für Schelmish) herausgekommen ist, war, dass das nicht als „Mittelalterband“ war. Uns wurde daraufhin ein Auftritt als Vorband im Siegburger SJZ angeboten (das war der 14. November 2003) und wir sagten direkt zu. Nils hat den Schelmen noch eine Davul abgekauft und wir fuhren wieder nach Hause. Auf der Autofahrt nach Hause waren wir dann damit beschäftigt, Leute für die zukünftige Band auszusuchen und so fügte sich alles zusammen. Man kann also sagen aus der „Zwang“ heraus, einen Auftritt ohne Band angenommen zu haben, haben wir die Band gegründet.

Was bedeutet der Name?
Nils: Wargsang ist ein Kunstwort. Warg bedeutet Wolf, teilweise als Euphemismus oder auch nur als Bezeichnung für einen besonders großen Wolf. Teilweise werden mit diesem Wort auch Personen unter Werwolf-Verdacht oder einfach Ausgestoßene bezeichnet. Sang ist damit das Geheul dieses Tieres: Wolfsgeheul. Wir bezeichnen unsere Musik also als Rumgejaule. In gewisser Weise geht solch eine selbstironische Namensgebung in der Tradition mittelalterlicher Musiker. Zumindest aber in der der heutigen Marktmusiker.

 

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Zunächst muss man erklären, dass mittelalterliche Musik nicht gleich mittelalterliche Musik ist! Besonders der Begriff ist sehr missverständlich, denn es gibt auf der einen Seite die historische Musik, das heißt fragmentarische oder auch gut überlieferte Kompositionen aus der Zeit der Mittelalters. Diese rein schriftlichen Überlieferungen werden heutzutage auch in der historisch informierten Aufführungspraxis verwendet. Wissenschaftler und Interpreten versuchen durch die Noten, theoretische Schriften usw. ein Klangbild zu erschaffen, wie es gewesen sein könnte. Angefangen von historischen Nachbauten der Instrumente nach Funden oder Ikonographien bis zur Aufführungssituation. Eine große Rolle spielt dabei die Ausgestaltung der Überlieferung. Welche Instrumente sollen benutzt werden oder etwa nur Gesang? Wann singen wir laut/leise? Gibt es mehrere Möglichkeiten die Melodie in heutige Notenschrift zu übertragen? Diese Art von Denken und Praktizieren wird seit Ende des 19. Jahrhunderts in der einen oder anderen Form benutzt, ein tatsächlich historisch informierter Umgang erst jedoch seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Felix: Auf der anderen Seite gibt es die sogenannte mittelalternative Musik, die teilweise auch auf historischen Melodien aufbaut. Das ist der Punkt, wo einige Interpreten und Zuhörer das ganze mit historischer Aufführungspraxis verwechseln. Es gibt natürlich musikalische Prinzipien des Mittelalters, in der Musik die wir und andere machen, aber auch wesentlich und hauptsächlich Elemente aus anderen Epochen, vornehmlich aus unserer eigenen Zeit. Rock und Pop spielen ganz klar mit. Hier sind der Kreativität des Interpreten keine Grenzen gesetzt, weder in der Instrumentenwahl, noch in der Ensemblebesetzung noch durch musikalische Konventionen. Beides wird heutzutage leider als „Mittelaltermusik“ angeboten und dargestellt. Beides wird heutzutage leider als „Mittelaltermusik“ angeboten und dargestellt, von Musikern, Hörern, Werbung und der Presse. Das ist einfach nicht korrekt und tatsächliche Mittelaltermusik sollte von mittelalternativer Musik getrennt werden.
Nils: Es geht hier nicht um ein Qualitätsurteil! Die Musik der Mittelalterszene hat viel Gutes zu bieten, ebenso wie richtig Schlechtes. Ebenso die historische Aufführungspraxis, die keinesfalls frei von Fehlern ist. Auch hier ziehen sich Gerüchte, z.B. dass unser Mittelalter wie arabische Musik heute geklungen hätte, unkritisch durch die Ensembles. Aber man muss sich, besonders als Musiker, bewusst werden, wie man seine Musik darstellt. Das Etikett „Mittelalter“ als Musik sollten sich sehr viel weniger Bands der Szene geben. Nur weil man Bordunmusik macht und Quintparallelen spielt, tritt man keine Nachfolge irgendwelcher „mittelalterlichen Spielleute“ an.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Felix: Auf die historische Musik bezogen muss man natürlich gewisse Hörerfahrung haben, um die Besonderheiten der historischen Musik zu erkennen und schätzen zu lernen, da gibt es keine Abkürzung. Man muss sich Hintergrundwissen erarbeiten, ähnlich wie bei fremdländischer afrikanischer, asiatischer oder was-auch-immer Musik. Unsere Mittelaltermusik ist wie die Musik einer anderen Kultur, die auf einem anderen Musikempfinden, ja sogar Weltempfinden, aufbaut. Bei Mittelalternativer Musik ist das ganze natürlich viel einfacher, weil sie vor allem auf moderner westeuropäischer Musik aufbaut und von daher leichter und schneller für uns zu begreifen ist, obwohl es sich meist um Bordunmusik handelt. Viele Hörer sind sicherlich über die Sparte Rock/Metal zur Mittelalternative gekommen, im Zweifelsfall über In Extremo, die zur Zeit sicherlich die erfolgreichste Band sind, die diese Musikszene hervorgebracht und mitbegründet hat, in ihrer akustischen Zeit.
Nils : Ich würde sogar noch weiter gehen. Mittelalternative Musik baut nicht auf westeuropäischer Musik auf, sie IST moderne westliche Musik mit „exotischen“ Elementen. Die Musik, als einzelnes Stück, ähnelt am allermeisten einem handelsüblichen „Song“. Angefangen vom Aufbau über Länge bis hin zur Satztechnik. Alles wird jedoch verschleiert durch die ungewohnten Instrumente, den Bordun, der meist unter allem liegt (im Falle von Dudelsack/Trommel-Musik) und hier und da Elemente aus Hörtraditionen, die der normale Hörer nicht hat. Insofern ist die mittelalternative Musik schon zugänglich, sie wird sogar absichtlich unzugänglicher gemacht. Dass sie so ein breites Publikum anspricht, beweist das ja (siehe unten zur Akzeptanz)

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Sven: Zunächst einmal haben wir, was vielleicht banal wirkt, im Gegensatz zu anderen Dudelsackkombos eine Drehleier in der Hauptbesetzung, was allerdings ein wichtiger musikalischer Aspekt ist. Die Drehleier ist so „getuned“, dass sie sich gleichberechtigt unter die anderen Instrumente mischt. Dadurch werden Arrangements facettenreicher. Wir spielen einen Großteil unserer Stücke mit zwei Dudelsäcken, einer Drehleier und zwei Davulen. Es gibt vielleicht auch einen Unterschied, wie wir uns selber in dem Kontext von Mittelaltermarkt und mittelalternativer Musik sehen. Es gibt ja viele Gruppen, die sich auf einem Markt kennengelernt haben und über die Szene selbst auf deren Musik gekommen sind: d.h. sie sind auch stark in der Szene verwurzelt, auch was Musikalisches angeht. Da wir alle fünf schon vor der Band lange bis sehr lang gut befreundet waren (bzw. ich Nils seit meiner Geburt kenne und sogar verwandt mit ihm bin), betrachten wir unsere Gruppe auch nicht in der „Markttradition“. Klar, wir waren alle schon auf ein paar Märkten, aber die Musik war (und ist) immer viel wichtiger als der Markt für uns. Ich glaube, dadurch gehen wir die Musik auch ein bisschen anders an und das hört man vielleicht auch. Wir wollen halt Musik machen und keine Ritter sein.
Felix: Ein weiterer Unterschied ist, dass wir unsere Stücke durchkomponieren. Das heißt, dass einer ein Stück mit sämtlichen Stimmen niederschreibt und es anschließend geprobt und diskutiert wird (im Gegensatz zu Jam-Kompositionen). So geben wir uns Mühe, zum Beispiel auch echte Polyphonie (im Gegensatz zu einfacher Parallelführung) zu schreiben und drücken in den Stücken bestimmte musikalische Ideen, Motive und Ideen aus, die sich durch das Stück verfolgen lassen.
Nils: Im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppen versuchen wir nicht Abwechslung und Qualität durch einen Haufen Instrumente und überdimensionierte Besetzungen zu erreichen. Der Schlüssel liegt im Detail. Die genaue und exakte Kenntnis der Möglichkeiten der Instrumente, sowie die Ausreizung der Möglichkeiten unserer Besetzung bis ins Letzte schaffen ein abwechselungsreiches Programm, dass man als unseren Stil erkennt. Sehr wichtig ist es auch, an die Musik mit dem Kopf heranzugehen. Dafür muss ein gutes Verständnis für Musiktheorie vorhanden sein. Was man sich nicht vorstellen kann, und Techniken nicht spielen – das kann man auch nicht aufführen. Musik ist viel Arbeit, auch im Kopf, und die wollen wir machen. Und schließlich: Wir können unsere Instrumente ohne fremde Hilfe stimmen :)

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Felix: Durch unsere musikalische Ausbildung sind wir natürlich in erster Linie von westeuropäischer Musik beeinflusst, gerade in Bezug auf klassische Hörästhetik usw. Unsere Musik setzt sich aus Elementen verschiedener Genres wie historischer und klassischer Musik, Jazz, Rock und Heavy Metal, Folklore, elektronischer Musik und Cartoon-Titelmelodien zusammen. Somit haben wir in musikalischer Hinsicht keine Vorbilder, sondern nehmen vom Besten aus verschiedenen Sparten.
Nils: Mittelalternative Musik ist schon aufgrund der Lautstärke der Instrumente etwas, das in gewisser Weise immer kracht. Ich verbinde in meinen Stücken die Gedankenwelt des Heavy Metal und europäischer Instrumentalmusik und versuche diese in ein Theoriesystem einzubinden, dass vom tatsächlichen Mittelalter inspiriert ist (genauer gesagt von der Ars Antiqua bis zur Ars Nova – das macht uns aber nicht mittelalterlich!). Vorbilder in diesem Sinne gibt es also nicht (mehr), da ich einen elementarisierten Zugang zu unserer Musik habe und nicht an die Vorbildfunktion einzelner Interpreten oder Komponisten gebunden bin. Außereuropäische Musik beeinflusst mich daher, dass es dort (Kunst!-)Musiksystem gibt, die auf einem Bordun aufbauen, deren Entwicklung also in Rhythmus und Melodie liegt und nicht wie bei uns in Harmonie. Dies ist bisher aber nur zu sehr geringen Teilen in Wargsang eingeflossen, da ich die Musiksysteme erst mehr verstehen möchte, bevor ich mich einfach bediene. Auf Deutsch gesagt: Lasst ein Stück von Perotin von einer Powermetalband spielen und tauscht die Gitarren gegen Dudelsäcke, dann gibt’s eine Idee :-)

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Felix: Die Akzeptanz wächst zwar, ist aber noch längst nicht groß. Finanziell gesehen lohnt sich die Investition in Mittelalternative Musik noch nicht.
Sven: In der Öffentlichkeit existiert, wenn überhaupt, nur die Spitze des Eisbergs. Die meisten Bands können noch keine großen finanziellen Erfolge feiern. Dementsprechend fehlt auch Repräsentation in den Medien.
Felix: Wir sind nach wie vor eine Randgruppe von Nischenmusikern.
Nils: Radiostationen und TV Sender brauchen Videos, CDs vom Fließband und ein Bandprofil, das sich vermarkten lässt. Die mittelalternative Musik ist jedoch auf Mittelaltermärkten groß geworden und ist nach wie vor eine Livemusik. Es gibt bestimmte Elemente, die die Musik sehr reizvoll machen und die sich fast nur Live vom Publikum auffangen lassen. Wer Hörerfahrung in der Musik hat, kann diese auch in einer CD wieder heraushören, für eine rein aufnahmegestützte Musikszene sehe ich in dieser Musik (zum Glück) keine Ansatzpunkte. Die Musik selbst ist in der Tat sehr massenwirksam, weil sie nicht in Vorurteile des Hörers passt. Wer „Hip Hop hasst“ oder „Metal zum kotzen findet“, findet sich bei einem Konzert einer mittelalternativen Gruppe wieder und kann sie nicht in sein Lieblings- oder Hassgenre einordnen, so dass man sich unvoreingenommer auf die Musik einlässt. Schaut man sich das Publikum einmal an sieht man alle Arten von Menschen: Familien, Rollenspieler, Discogänger… Man soll und kann es nicht allen recht machen, aber dass die Musik von jemandem, der sie live gehört hat, nicht akzeptiert worden ist, habe ich noch nie mitbekommen.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Felix: Diese Anschuldigungen hört man immer wieder und leider oft zu Recht.
Sven: Das rührt natürlich daher, dass das Bordunprinzip und die Skalen der Kirchentonarten dem Musiker auf den ersten Blick Grenzen auferlegt. Somit wird Bordunmusik oft mit Dudelsack u.ä. assoziiert und eventuell als eintönig empfunden. Bei näherer Beschäftigung mit der Musik wird man diese Denkblockade jedoch schnell überwinden können.<
r> Felix: Mangelnde Abwechslung liegt natürlich immer am Interpreten, nicht verwurzelt im Genre selbst. Was gut geschrieben und gespielt ist, ist nicht langweilig.
Nils: Das moderne Ohr mag Harmonien und klangliche Dichte in Instrumentalmusik. Wer überhaupt nicht auf Instrumentalmusik steht, der braucht Text, selbst wenn er nicht verstanden wird. Bei Bordungmusik hat man gar nichts davon. Die Dudelsäcke sind zu laut, um mit ihnen zu singen und die Musik ist nicht auf einen „Matschklang“ ausgerichtet, indem man die Instrumente nicht mehr voneinander unterscheiden kann/soll. Man muss seine Musik also in eine andere Richtung entwickeln, nämlich Melodiegestaltung und Rhythmus (nicht nur der Beat, auch in der Melodie). Eine sehr sangliche Melodie auf 10 Dudelsäcken 8 Minuten lang auf dem selben Beat zu spielen, ist natürlich interessant, besonders wenn man es zum ersten Mal hört, aber auf die Dauer macht das keinen Spaß, wenn nun ein ganzes Programm daraus besteht dieses Schema beizubehalten. „Aus der Not heraus“ einfach immer die Instrumente zwischen den Stücken zu wechseln kann natürlich noch etwas retten, und wird auch viele Zuhörer finden, aber es ist meiner Meinung nach eine Sackgasse. Bordunmusik gehorcht anderen Gesetzen als ein Popsong oder ein Orchesterstück.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Sven: Es soll keine bestimmte Alterssschicht oder soziale Gruppe von der Musik angesprochen werden. Vom 10- bis zum 80-Jährigen ist alles dabei (auf dass von Orient bis Okzident die Menschen in gemeinsamer Eintracht tanzen und frohlocken). Wir wollen die Menschen ansprechen, denen unsere Musik etwas gibt und die unsere musikalische Leistung schätzen.
Felix: Wir richten unsere Komposition nicht nach einer Zielgruppe, sondern die Zielgruppe richtet sich nach unserer Musik. Wir machen Musik für Leute, die so sind wie wir. Unsere Musik ist Popmusik, aber nicht Musik, die für alle gemacht ist.
Nils: Ich finde es interessanter, Hörerfahrungen und Hörtraditionen beim Hörer zu bilden, als vorhandene zu bedienen. Es geht nicht darum, die Musik von vornherein nur für ein Spezialistenpublikum zu konzipieren, aber es ist auch langweilig für die Interpreten, wenn sie sich selbst bremsen müssen, nur weil sie immer daran denken müssen, was das Publikum evtl. versteht und was nicht.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Sven : Mittelalternative Musik ist keine historisch „authentische“ mittelalterliche Musik, mit allem was dazugehört. Wenn jemand auf den Mittelaltermarkt geht und da auf der Bühne 10 Dudelsackspieler in Lederschürzen sieht, die mit Kartoffeln um sich werfen, glaubt er, Mittelalter zu erleben: Irrtum! Dann: Der Dudelsack kommt nicht aus Schottland, die Drehleier ist keine Drehorgel, unsere Instrumente haben wir nicht bei einer archäologischen Grabung gefunden. Sven ist nicht Nils.
Nils: Ich bin nicht Sven. Laut ist nicht besser, aber zumindest cooler. Mittelaltermusik heißt nicht Mittelaltermusik. Ein Bordun, ein Trinkhorn, Fellkleidung und Motorradstiefel machen keinen Spielmann aus dir. Es gibt keine Volksmusik aus dem Mittelalter und auch keine Tanzschritte. Echte mittelalterliche Musik hat nicht so geklungen wie Musik im arabischen Raum heute und es stammen auch nicht alle Instrumente daher. Die Instrumente auf den Mittelaltermärkten sind meist keine historischen Nachbauten, vor allem keinen mittelalterlichen: Gerade dieser Dudelsack ist einfach ein modernes Instrument in allen Belangen.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Sven : Mittelaltermärkte bieten eine gute Plattform für Künstler, also auch Musiker, die sich in das Genre einfügen können. Da sich die Mittelalternative Musik größtenteils auf eben diesen Märkten entwickelt hat, bieten sie ein besonders gutes Forum. Musiker können in einem dem Genre gerechten Rahmen auftreten. Wenn es jedoch zu kommerzieller Scheiße verkommt, finden wir das auch nicht mehr gut.
Felix: Wir sind für mehr Künstler auf Mittelaltermärkten und für weniger Frittenbuden. Leider sind die Veranstalter meist anderer Meinung.
Nils : Ohne Märkte und Konzerte dort, oder ja inzwischen auch selbstständig ohne Markt, gäb es diese Musik nicht. Sozusagen der Träger unserer Musikkultur, vereint er doch ein sehr unterschiedliches Publikum und unterschiedliche Musik in sich, was sich darüber als „Szene“ definieren kann.

Ihr existiert seit 2003, warum habt ihr noch keine CD herausgebracht?
Nils: Ein leidiges Thema. Es ist das Geld und unser Drang, all unsere Stücke immer wieder wegzuwerfen :-) Wir haben bis jetzt zwar jede Menge (Minuten und Anzahl) Stücke für Liveauftritte gehabt, aber nur ein Bruchteil davon hat es länger mit uns ausgehalten (oder andersherum?). Erst jetzt sind wir soweit, dass wir langsam sagen, dass wir genug Stücke haben, mit denen wir auf einer CD zufrieden wären und die wir auch gerne selbst hören würden. Also kein Traubentritt, Stella Splendens und Ai vis lo lop in Version 2000. Aber jetzt sind nur noch zwei Leute von uns in Deutschland. Mal sehen, was 2007 bringt.

Und zum Schluss zu unserem Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):

Corvus Corax
Sven : Haben das Genre geprägt…
Felix : … und sind viel zu oft (schlecht) kopiert worden.
Nils : Vorreiter und Vorbilder

Schandmaul
Sven : „Am Bass, aus Österreich…“ (Zitat Micha Rhein, DVD Hexenkessel)
Nils: Erst einmal live gesehen.

In Extremo
Wahrscheinlich die erfolgreichste Band des Genres, über die Grenzen der Märkte hinaus bekannt.

Subway to Sally
Felix: Ich fand Engelskrieger echt gut.
Nils: Hochzeit fand ich echt gut. MA finde ich da aber nicht so viel, aber es gibt ein paar kompositorische Elemente…
Sven: Find ich super. Live sind die ziemlich gut.

Spielmänner und Spielmannsleben
Sven : Der Mythos…
Felix : Die Lüge…
Sven : Der Da Vinci Code
Nils: Sind wir nicht.

Tradition oder Fortschritt
Sven: Beides. Das ist die Prämisse.
Felix : Dann sind wir gut im Rennen.
Nils: Man muss fest in einer Tradition verankert sein, sonst ist der Fortschritt nur ein leeres Gebilde. Progression statt Revolution.

Plugged oder unplugged?
Sven: Beides gut, wir aber lieber unplugged. (scheiß Kabel)
Nils : Für mich unplugged. Prinzipiell ist es egal, aber bitte bei einer Richtung bleiben und darauf spezialisieren. Unplugged ist für mich aber auch, wenn eine Band, die auf Akustik ausgelegt ist, sich einfach nur insgesamt verstärkt, ohne die (Lautstärke-)Verhältnisse innerhalb des Ensembles zu verändern.

Tokio Hotel
Aaron Carter war süßer.
Haben die eigentlich die Schule abgebrochen? Hoffentlich nicht, die armen Kinder.

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