Konzertbericht: Marillion w/ Sylvan

2005-11-30 Köln, E-Werk

Am 30. November 2005 gastierten MARILLION im Rahmen ihrer „Not-Quite-Christmas“-Tour im Kölner E-Werk. Es handelte sich dabei um die einzige Deutschland-Show im aktuellen Tourkalender. Da sie mit den Hamburgern SYLVAN zudem einen äußerst interessanten Special Guest im Gepack hatten, ließ ich es mir natürlich nicht entgehen, dabei zu sein.Leider fing der Konzertabend für mich recht bitter an: Nachdem ich ohnehin schon verspätet losgekommen war, stand ich im Stau und verfuhr mich zu allem Überfluss auch noch auf dem Weg zum E-Werk.

Verärgert und enttäuscht betrat ich also gegen 20:15 Uhr die Halle, auf deren Bühne SYLVAN natürlich schon spielen. Eine ordentliche Sichtposition einzunehmen, war nicht mehr möglich. Das E-Werk war an diesem Abend komplett ausverkauft und die Besucher standen bereits eng gedrängt vor der Bühne. Also entschloss ich mich, das Konzert von der Empore aus zu verfolgen, die zwar einen sehr guten Überblick bot, auf der die Stimmung, zumindest anfangs, jedoch eher zurückhaltend war.
Ich vernahm noch die letzten Töne der schönen Ballade „This World Is Not For Me“, ehe die Jungs sich bereits mit dem 20-minütigen Longtrack „Artificial Paradise“ verabschiedeten, der allerdings ein wahrer Ohrenschmaus war und perfekt dargeboten wurde. Sound und Performance der Hamburger war wie gewohnt erstklassig, sie kamen absolut sympathisch rüber und wurden vom Publikum auch überaus positiv aufgenommen. Nach dem Gig waren sie noch am Merchandising-Stand und gaben bereitwillig Unterschriften und Auskunft über ihre bisherigen Alben. Im Gespräch mit Keyboarder Volker Söhl erfuhr ich, dass sie zudem „Deep Inside“ und ihr neuestes Epic „Given-Used-Forgotten“ vom aktuellen Album „X-Rayed“ gespielt hatten. Ohne Frage, damit haben sie die 45 Minuten Spielzeit äußerst aussagekräftig und mitreißend gestaltet. Ebenso erzählte er ein bisschen über die zwei neuen für 2006 geplanten Studioalben. Hier darf zunächst nur verraten werden, dass die Jungs im März nächsten Jahres ein Konzeptalbum namens „Posthumous Silence“ veröffentlichen werden. Alles in allem also ein äußerst gelungener Auftritt.

Um 21:15 Uhr gingen Backgroundmusik und Hallenlicht aus und MARILLION betraten mit einem weihnachtlichen Intro die Bühne. Schlagzeug und Keyboards waren mit weißen Lichterketten geschmückt, dazu gabs Christmas-Musik. Um so überraschender kam es dann, dass Steve Hogarth und Co. völlig unerwartet mit dem rockigen „An Accidental Man“ begannen. Darauf folgte sogleich das Pop-angehauchte „You’re Gone“, dass mit seinen schönen Gitarrenlicks und den verträumten Melodienbögen bereits erste Gänsehautmomente bescherte. Die Band präsentiert sich in ausgezeichneter Verfassung, Sänger Steve Hogarth ist fantastisch bei Stimme, singt unheimlich ausdrucksvoll und ergänzt die Songs zudem mit seinem fast schon theatralischen Auftreten. Unheimlich faszinierend, wie er Gestik und Mimik nutzt, um die Lyrics der Texte hervorzuheben, ja geradezu zum Leben zu erwecken! Absolut überzeugend spielte zudem Gitarrist Steven Rothery, der immer noch die mit emotionalsten Soli überhaupt darbietet und somit extrem großen Anteil an der Intensität der Musik von MARILLION hat. Hierbei sei nur angemerkt, das der Kerl tatsächlich von Tour zu Tour fülliger zu werden scheint; aber das hat wie gesagt keinerlei Einfluss auf die Performance. Bassist Pete Trewavas zeigt sich wie immer äußerst spiel- und aktionsfreudig und hüpft von einer Ecke der Bühne zur anderen. Drummer Ian Mosley und Keyboarder Mark Kelly hingegen halten sich angenehm im Hintergrund und konzentrieren sich voll und ganz auf ihre musikalischen Aufgaben. Die Stimmung im Publikum schien zunächst nicht sonderlich positiv, kaum jemand sang Songtexte mit, es gab nur verhaltenen Applaus. Nach einiger Zeit jedoch schien man aufzuwachen und wurde äußerst euphorisch. Die anfängliche Zurückhaltung führe ich auf die etwas seltsame Setlist des Abends zurück, die äußerst überraschend ausfiel: Man verzichtete größtenteils auf die üblichen Hits und präsentierte statt dessen Songs, die es eher selten zu hören gibt. Hierbei denke ich insbesondere an den Opener „An Accidental Man“, „Beautiful“ und „Go!“, aber auch an „Cathedral Wall“, das sogar den Weg in den Zugabenteil schaffte. Persönlich empfinde ich die ruhigen, atmosphärischen Nummern wie „Fantastic Place“ oder „Made Again“ live als wesentlich mitreißender als die rockigen Songs wie z.B. „The Damage“ oder „Separated Out“. MARILLION sind nun mal nicht unbedingt eine Band, zu der rockige Tracks besonders gut passen. Die Performance wirkt hier irgendwie auch wesentlich weniger authentisch. Hauptproblem der Setlist ist also ein nicht vorhandener Spannungsbogen: Die schöne Stimmung, die man immer wieder mit den epischen Midtempotracks aufgebaut hat, wurde meiner Ansicht nach durch die eingeschobenen Rocker zunichte gemacht. Schade! Andererseits braucht man natürlich auch Kontrastpunkte, sozusagen Gegensätze in der Setlist, damit sie nicht zu langatmig und Moll-lastig wird. Ein solcher Aufbau war also durchaus gut gemeint, gut angekommen ist er bei mir jedoch nicht. Es versteht sich von selbst, dass auch an diesem Abend keine Songs aus der Fish-Ära gespielt wurden – ein Grundsatz, den die Band schon seit einigen Jahren verfolgt.

Dennoch gab es natürlich einige Highlights in den insgesamt 2 ¼ Stunden, die MARILLION auf der Bühne standen. So ist z.B. „The Party“ vom Album „Holidays In Eden“ ein großartiger Song, der in seiner Intensität und Reinheit live optimal zur Wirkung kommt. In solchen Momenten ist man sichtlich berührt. Auch „Fantastic Place“ vom aktuellen Doppel-Album „Marbles“ entwickelt eine ähnliche Kraft. Man fühlt sich einfach wohl, möchte die ganze Welt umarmen und guckt auf lauter leuchtende Gesichter im Publikum. Das ungemein dynamische, vielschichtige „Quartz“ war eine Mitgehnummer ohne gleichen und wurde vom Publikum stark abgefeiert. Toll war zudem, dass die Band auf Zuruf eines Fans anfing, das absolut grandiose „Ocean Cloud“ zu spielen, welches auch eines der Lieder war, die ich unbedingt hören wollte. Hier ging also ein Wunsch in Erfüllung. Leider brach die Band den Song aber schon nach gut 3 Minuten ab, da er schlichtweg nicht vorbereitet war. Also mussten wir auf die restlichen 15 Minuten leider verzichten. Sehr schade! An dieser Stelle noch ein Wort zur Lightshow: Leider gab es im Gegensatz zur „Marbles“-Tour am heutigen Abend keine Videoleinwand. Stattdessen hatte man ziemlich viele bewegliche Strahler mitgebracht, von denen einige ein paar äußerst schöne Lichtspiele auf die „silbernen Streifen“ projizierten, die senkrecht an dem ansonsten schwarzen Vorhang angebracht waren. Nichts Aufwändiges also, aber in der Wirkung ungemein stil- und kunstvoll!

Als die Jungs nach gut 1 ¾ Stunden die Bühne verließen, ohne auch nur einen Track meines Lieblingsalbums „Seasons End“ gespielt zu haben, war ich zunächst stark enttäuscht. Ein MARILLION-Gig ohne den Mitsing-Hit „Easter“ kann nicht gut sein. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch gewusst, dass die fünf Anoraks nicht weniger als sechs Zugaben spielen und insgesamt drei Mal auf die Bühne zurückkommen würden, wäre dieser Gedanke vermutlich gar nicht erst aufgekommen. Es gab zwar tatsächlich kein „Easter“, dafür aber mit „King Of Sunset Town“ und „Seasons End“ zwei superbe Progtracks, die ich überhaupt nicht erwartet hatte und die einen förmlich umgeblasen haben. Die alten Tracks funktionieren eben immer noch mit am besten! Mit dem bereits erwähnten „Cathedral Wall“ von „Radiation“ ging es ähnlich überraschend weiter. Das Publikum war inzwischen derart euphorisch, dass ich mir völlig sicher war, dass danach noch nicht Schluss sein konnte. Und ich hatte recht: Zwei weitere reguläre Zugaben sollte es geben. „Separated Out“ nimmt hier sicherlich eine geringere Bedeutung ein, als das übermenschliche „Neverland“ mit seinen göttlichen Gitarrensoli. Der Abschlusstrack von „Marbles“ sollte also auch das vorläufige Ende des Gigs markieren. Wer einmal diesen Song gehört hat, wird mir zustimmen: Nur fliegen ist schöner! Ein absolut himmlischer Song und mit Sicherheit einer der besten Tracks, die MARILLION jemals geschrieben haben. Man scheint über dem Boden zu schweben, wenn Rothery seine Gitarrenlicks auspackt – passend dazu führte ein Besucher neben mir einen „psychedelischen Tanz“ auf, der in der Tat aussah, als versuche er, auf dem Boden zu fliegen. Eins ist ganz sicher: Nach diesem Track wird wohl jeder Konzertbesucher diesen Gig als gelungen, mitreißend und ergreifend bezeichnen! Da ist es auch egal, dass „Ocean Cloud“ nicht ausgespielt und „Easter“ überhaupt nicht gespielt wurde. Da ist auch egal, dass sich die Band mit den Rockern in Sachen Setlist ein paar Fehltritte erlaubt hat. Man ist einfach nur noch dankbar dafür, dass es noch Menschen gibt, die solch echte Musik machen.

Der perfekte Abschluss des Abends folgte weitere fünf Minuten später. Da das Publikum nicht mal den kleinsten Ansatz macht, die Räumlichkeiten zu verlassen und mit lauten Zugaberufen und Beifallwellen die Band ein weiteres Mal auffordert, erscheinen die Fünf tatsächlich noch mal. Alle sind weihnachtlich gekleidet und tragen leuchtende Nikolausmützen. Steve Hogarth präsentiert sich als komplett verkleideter Weihnachtsmann mit natürlich langem weißen Bart! Und nun geht’s auf zum endgültigen Endspurt. Einer völlig zwanglos wirkenden, locker drauflosgespielten Session, bei der die Band unter anderem „So This Is Christmas“ in ihrer eigenen rockigen Variante spielt. Das Publikum ist absolut überschwänglich. Nach diesem gelungenen Abschluss sieht man lauter fröhlich lachende Gesichter. Die Band verabschiedet sich und wünscht allen Anwesenden fröhliche Weihnachten und attestiert uns, dass wir ein fantastisches Publikum waren. Und ganz ehrlich: Daran habe ich jetzt absolut keinen Zweifel mehr.

Es gilt weiterhin, was KERRANG in der Rezension zu „Marbles“ über die Band schrieb: „There are a million bands, who kick ass – but just a few of them, like MARILLION, who really move people!“ Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte uns die Band in der Tat nicht machen können! Danke!!

Setlist Sylvan:
– Deep Inside
– Given-Used-Forgotten
– This World Is Not For Me
– Artificial Paradise

Setlist Marillion:
– An Accidental Man
– You’re Gone
– Beautiful
– Gazpacho
– Genie
– Ocean Clound (Fade Out)
– Fantastic Place
– Out Of This World
– The Party
– Quartz
– The Damage
– Mad
– Go!
– Made Again
– – – – – – – – – – – – –
– King Of Sunset Town
– Seasons End
– Cathedral Wall
– – – – – – – – – – – –
– Separated Out
– Neverland
– – – – – – – – – – –
– The Erin Marbles (inkl. So This Is Christmas)

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.