Bossk Cover

Review Bossk – .4

Spätestens seit ihrer Reunion 2012 (und den beiden seitdem erschienenen und herausragenden Alben „Audio Noir“ und „Migration“) sind BOSSK eine Institution im aktuellen Post-Metal-Kosmos. Die Erwartungshaltung an den Nachfolger von „Migration“ ist zu Recht hoch, war die Platte doch eines der Genre-Highlights im Jahr 2021. Nun steht mit „.4“ der neueste Output der Briten in den Startlöchern – und klingt über weite Strecken merkwürdig vertraut.

Warum dem so ist, ist schnell erklärt: „.4“ ist kein reguläres Album, sondern reiht sich als vierte Veröffentlichung von BOSSKs (laut eigener Aussage) Non-Album-Releases ein. Somit handelt es sich auch nicht um komplett neues Material, sondern vielmehr um bekannte Songs im neuen Soundgewand. Die vorangegangenen Eps „.1“, „.2“ sowie die DVD „.3“ erschienen zwischen 2005 und 2008 in der ersten Schaffensperiode der Band vor der rund vierjährigen Pause.

Man muss aber schon genau hinhören, um das wahrzunehmen: Viele Titel unterscheiden sich maßgeblich von ihren Originalen in Sachen Instrumentierung, Arrangement oder allgemeine Klangästhetik. Schon der Opener „Kobe x Pijn“ ist eine Neuinterpretation des „Audio-Noir“-Highlights „Kobe“, überarbeitet von der Post-Metal-Band Pijn aus Manchester, die dem Song ein wunderbares Streicherarrangement spendiert hat – zulasten der Metalgitarren und harschen Vocals des inzwischen ehemaligen Frontmanns Sam Marsh. Die neue Version klingt also eher nach Post-Rock im Mono-Sinne als nach der BOSSK-typischen, schwermetallischen Wall of Sound.

Das gilt auch für „Truth“, ursprünglich erschienen auf der 2008er EP „.2“. Inspiriert durch ein Vocal-Cover der Sängerin Sheenagh Murray, beherrschen auch hier ruhige Post-Rock-Elemente das Klangbild. Dass Murray sich gesangstechnisch austoben darf, gibt dem Song eine komplett neue Note. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die Nummer mehr als nur ein bisschen wie „Weight“ vom Isis-Masterpiece „Oceanic“ klingt, sondern eine Verbeugung vor den einstigen Großmeistern des Post-Metal.

Härteres BOSSK-Material gibt es erst nach rund einer Viertelstunde Laufzeit auf die Ohren, wenn „Events Occur In Real Time“ (2009 lediglich auf einer limitierten Split-Single erschienen) beginnt. Nach einem ausschweifenden Drone-Trompeten-Intro gibt sich Sänger Sam Marsh ein letztes Mal die Ehre und veredelt die über zwölf Minuten lange Doom-Post-Metal-Walze mit seinem charakteristischen Schreigesang. Das ist ziemlich cool und sorgt für Abwechslung. Man darf allerdings auch gespannt sein, wie das neue Material mit dem bereits bestätigten neuen Leadsänger Simon Wright, der die Band schon seit 2019 neben Marsh live begleitet hat, klingen wird. Ein entsprechendes Album ist für 2026 angekündigt.

Ansonsten dominieren auf „.4“ fraglos entspanntere Töne, die meisten Songs sind entweder sehr ruhig (wie die Maybeshewill-Bearbeitung des „Audio-Noir“-Sings „The Reverie“, die den Song zu einer unglaublich schönen und atmosphärischen Piano-Ballade macht) oder auch mal merkwürdig abgefahren (wie das Interlude „Albert“, das durchaus Aphex-Twin-Reminiszenzen bietet). Lediglich das in Sachen Mix aufdatierte „I“ vom Debüt „.1“ zeigt nochmal die Zähne und ist ein schnörkelloses Post-Metal-Brett mit fetten Gitarren und Drums. Neben bereits erwähnten Maybeshewill und Pijn werden BOSSK auf ihrer Compilation von weiteren befreundeten Bands wie Crown Lands oder Endon musikalisch auf unterschiedliche Weise unterstützt.

Mit dem Albumcloser „181 To Beulah“ befindet sich dann doch noch ein neuer Track auf „.4“. Zuvor lediglich als Live-Version veröffentlicht, handelt es sich bei dem Neun-Minüter um einen von Alex Hamilton ausschließlich auf der effektgeladenen Gitarre gespielten Ambient-Drone-Track. Inspiriert von den experimentelleren Stücken der Band This Will Destroy You ist der Song ein würdiger Abschluss nach 65 abwechslungsreichen Minuten.

„.4“ fällt fraglos aus dem Rahmen: Ob die Orientierung hin zu ruhigeren Tönen Rückschlüsse auf eine grundsätzliche stilistische Neuorientierung von BOSSK zulässt, ist offen. Fest steht allerdings, dass dem britischen Sextett diese neue Vielfalt genauso gut wie der verstärkte Einsatz von elektronischen und (neo-)klassischen Elementen zu Gesicht steht. Ob „.4“ als Einstiegsdroge für BOSSK-Neulinge geeignet ist, kann bezweifelt werden (Interessierte sollten sich wohl primär „Audio Noir“ oder „Migration“ zu Gemüte führen). Trotzdem führt für Post-Rock-Fans gerade aufgrund der Experimentierfreude der beteiligten Musiker kein Weg an diesem Release vorbei. Großartiges Album!

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Wertung: 8 / 10

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