Das Cover von "The Ghost Ward Diaries" von Electric Boys"

Review Electric Boys – The Ghost Ward Diaries

  • Label: Mighty Music
  • Veröffentlicht: 2018
  • Spielart: Heavy Metal

Zu behaupten, die ELECTRIC BOYS nicht zu kennen, wäre keine Schande, würde bedeuten, einer der großartigsten skandinavischen Glam Rock-Bands ihren hart erarbeiteten Rang abzusprechen. Allerdings ist es nachvollziehbar, in jüngerer Vergangenheit nicht näher mit den Schweden in Berührung gekommen zu sein, fristete die Truppe doch eher ein Nischendasein. Das muss sich nun ändern, denn mit ihrem neuen Album „The Ghost Ward Diaries“ sind die Herren um Frontmann Conny Bloom bei Mighty Music unter gekommen, weshalb der Truppe nun endlich (wieder) ein breiteres Publikum offen stehen sollte.

Lose im traditionellen Hard Rock verwurzelt schaffen es ELECTRIC BOYS mit ihrem neuesten Album, einen roten Faden durch sämtliche Songs zu ziehen, ohne sich auf eine bestimmte Stilrichtung festzulegen: Den Anfang macht das noch einigermaßen vorhersehbare „Hangover In Hannover“, eine rotzige Glam Rock-Nummer aus dem Bilderbuch, die ungefragt den Beweis dafür liefert, dass die Schweden aus dem Umfeld von Hanoi Rocks stammen. Auch sonst haben Conny Bloom und Konsorten auf „The Ghost Ward Diaries“ mit Nummern wie „First The Money, Then The Honey“ oder dem abschließenden „One Of The Fallen Angels“ ein paar schmissige Uptempo-Rocker im Programm, die sofort in den Taktfuß fahren, wirklich spannend wird es bei den ELECTRIC BOYS allerdings an anderer Stelle.

Dann nämlich, wenn die Truppe ihr reichhaltiges musikalisches Erbe anzapft: „There She Goes Again“ erinnnert dezent an die Rolling Stones und hat keine Angst vor einem großen, beinahe schon kitschigen Refrain. Die seligen 70er sind af „The Ghost Ward Diaries“ ohnehin reichlich präsent, denn auch das gefühlvolle „You Spark My Heart“ orientiert sich definitiv an dieser Zeit und das bluesige „Gone Gone Gone“ könnte ohne weiteres auch von Lynyrd Skynyrd stammen – man vergleiche die Nummer mit deren „Tuesday’s Gone“. Bluegrass-Anleihen gibt es auch in „Rich Man, Poor Man“, allerdings flirten die ELECTRIC BOYS hier eher charmant mit Bon Jovi Anfang der 90er und mit dem absolut umwerfenden „Love Is A Funny Feeling“ fahren die Schweden dann noch eine in jeder Hinsicht authentische Funk-Nummer auf, komplett mit Background-Sängerinnen und Streichersätzen. Cool? Arktisch!

Die vielen Vergleiche zu anderen Bands dürfen übrigens nicht missverstanen werden – ja, ELECTRIC BOYS machen keinerlei Hehl daraus, wen sie gut finden und geizen auch ansonsten nie mit Rock-Klischees, was jedoch nicht heißen soll, dass diese Band keine eigene Seele hätte. Ganz im Gegenteil, eben gerade weil die Mannschaft derart unprätentiös drauf los musiziert und keinerlei Scheu hat, auch ihre Kollegen zu zitieren, glaubt man dieser Formation schlicht jede Note. Unterstützt wird dieser Eindruck von der absolut gelungenen Produktion, denn ELECTRIC BOYS punkten hier mit zeitgemäßem Druck, klingen jedoch passend zu ihrer Musik stets organisch und überzeugen mit ebenso mächtigen wie erdigen Gitarrenwänden. Kurz: Die schwedischen Glam Rock-Veteranen haben 30 Jahre nach ihrer Gründung nichts von ihrem Charme verloren und legen mit „The Ghost Ward Diaries“ ein ebenso stimmiges wie unverbrauchtes und zeitloses Album vor.

Die ELECTRIC BOYS scheren sich nicht darum, was vielleicht von einer Glam Rock-Band erwartet werden könnte. Darum lassen sie sich beim Songwriting ganz offen hörbar auch nur von ihren ganz persönlichen Vorstellungen leiten – das ist auch gut so, denn so ist „The Ghost Ward Diaries“ ein ebenso frisches wie vielseitiges und doch zu jeder Zeit stimmiges Album geworden, auf dem es Conny Bloom und seiner Mannschaft mit jedem Ton gelingt, das Publikum mitzureißen. Ein musikhistorische Revulotion bedeutet ein mit derart vielen Rock-Klischees angefülltes Album sicher nicht, aber zeitlos gute Rockmusik gibt es bei den ELECTRIC BOYS ohne Ausnahme.

Wertung: 8.5 / 10

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