CD-Review: Lifelover - Konkurs

Besetzung

() – Gesang, Gitarre
B – Gesang, Gitarre, Piano
1853 – Gesang
H. – Gitarre
Fix – Bass
S – Schlagzeug

Tracklist

01. Shallow
02. Mental Central Dialog
03. Brand
04. Cancertid
05. Konvulsion
06. Twitch
07. Narcotic Devotion
08. Alltid-Aldrig
09. Stängt P.G.A. Semester
10. Original
11. Bitter Reflektion
12.Mitt Annexia
13. Spiken i Kistan
14. En Tyst Minut


Blindkäufe können sich manchmal zum wahren Glücksgriff entwickeln. So stolperte ich vor ein paar Wochen über ein interessant aussehendes Album der mir bis dato völlig unbekannten schwedischen Combo LIFELOVER. Dass die Veröffentlichung von „Konkurs“ über das kleine italienische Label Avantgarde Music erfolgte, machte den Kauf noch interessanter. Nach einigen Hördurchläufen und etwas Recherche im Internet bin ich nicht nur schlauer sondern auch um ein ausgefallenes Meisterwerk reicher.

Konkurse ist bereits das dritte Album (2006: „Pulver“, 2007: „Erotik“) der schwedischen Band, die erst seit 2005 existiert und offensichtlich einen beeindruckenden Schaffensdrang an den Tag legt. Die Einordnung der Musik fällt nicht leicht. Irgendwie ist es Black Metal, aber trotzdem fern ab jeder Schablonen und Klischees, denn gleichzeitig werden unheimlich viele Elemente in die Musik eingestreut. Intensiv ist vielleicht die beste Umschreibung von „Konkurs“, abgerundet von Adjektiven wie unvorhersehbar, depressiv und psychotisch. Bei den größtenteils in schleppendem Midtempo gehaltenen Liedern, bilden der Gesang und das Piano den Punkt an dem die Stücke sich bei aller Heterogenität wieder zusammenfinden. Sie schaffen den Wiedererkennungswert und sorgen dafür, dass die Musik auf „Konkurs“ nicht wahllos progressiv und chaotisch sondern als Gesamtkunstwerk wahrgenommen wird. Denn aufgrund des krassen Stilmixes liegt diese Gefahr sehr nahe. Der Gesang oder besser die gesprochenen bzw. monoton rezitierten und die hoch gekreischt und gekeiften Passagen könnten ebenso zu einer Screamo Band passen und erinnern mich stellenweise an Loxiran. Dass die Lieder in Schwedisch sind stört trotz der guten Verständlichkeit des Gesagten kaum, wird doch die nihilistische und dem Bandnamen krass entgegenstehende Botschaft durch die intensive Darbietung mehr als deutlich. Das Piano (oder genauer, der recht billige Keyboardpianoklang) dagegen bewegt sich in sehnsüchtigeren Gefilden, klingt oft eingängig (man beachte nur die Ohrwurmmelodie des Jahres bei „Mental Central Dialog“), fast lieblich poppig oder schnulzig nach Gothic und sorgt für einen sagenhaften Kontrast. Einen Kontrast nicht nur zur Gesamtstimmung der Musik, sondern auch zu den Gitarren, die eher weniger auf Melodie, sondern mehr auf Atmosphäre setzen und wie der Rest der Produktion recht dürftig klingen. Immer wieder (z.B. in „Stängt P.G.A. Semester“) findet man auch rockige, an Bands wie Sentenced erinnernde Ansätze und kaum Blastbeat oder Gefrickel.

Auf spezielle Stücke näher einzugehen ist aufgrund der fehlenden Repräsentanz einzelner Lieder schwierig. Gerade diese Ungleichheit will ich aber noch mal herausstellen: Es beginnt bei der elektronischen Verfremdungen besonders der Stimme („Cancertid“) und geht von interessanten Soundsamples („Bitter Refektions“) bis zur Integration von Bierzelt-Schunkel-Passagen („Konvulsion“) oder Polka-Rhythmen („Cancertid“) in die Musik. Immer wieder brechen kranke Emotionen aus der Stimme, die in hysterisches Geschrei („Brand“) münden, nur um wenig später mit tiefem, erhabenen Klang ein paar Worte zu murmeln. Dass alles ist aber immer völlig unerwartet, impulsiv, ja fast schon cholerisch. Es bricht Verzweiflung und Wut hervor um sofort wieder in weinerliche oder todtraurige Ruhe zu wechseln. Borderline wäre wohl die korrekte psychiatrische Diagnose.

Wer sich auf intensive, emotionale Achterbahnfahrten im Charme alter Black Metal Alben mit primitiv programmiertem Schlagzeug und Garagenband-Produktion begeben möchte, ist hier genau richtig. Wer auf eine kranke Melange an Stilen, die unvorhersehbar, hoffnungslos und durch das manchmal sehr einfache Pianospiele etwas primitiv wirkt, abfährt, kann genauso zuschlagen. Wer es in irgendeiner Weise konventionell oder klassisch mag, sollte lieber die Finger davon lassen, der Name des Labels ist im Gegensatz zum Bandnamen nämlich wirklich Programm. Aus erwähnten Gründen reicht es objektiv nicht ganz für die Höchstnote. Rein subjektiv betrachtet hab ich mich selten mehr über eine neue Entdeckung gefreut und kann diese Erfahrung nur jedem nahe legen!

Bewertung: 9 / 10

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