Herkunft, Identität und Geschichte in den lyrischen Themen des Metals: Von amerikanischen Pharaonen, brasilianischen Druiden und italienischen Wikingern

Kolumne_2016

Mit dem Inhalt der Texte ist das im Schwermetall immer so eine Sache. Früher, in längst vergangenen Zeiten, war die Sache mit Sex, Drugs & Rock’n’Roll noch ziemlich einfach. Bald kam dann Satan dazu, und hin und wieder durfte man sich im Folgenden auch in der angenehm blutrünstigen (Welt-)Geschichte austoben…Hier aber taucht unser Problem schon auf: Wessen Geschichte besinge ich eigentlich? Was ist die eigene Geschichte, wo holt man sich Inspiration und was ist bei fremden Inhalten noch glaubwürdig?

Heutzutage gibt es auf der Landkarte des Heavy Metals einige Beispiele, die einen zunächst schmunzeln oder sogar nachdenken lassen: Was haben die Amerikaner von NILE denn persönlich mit den alten Ägyptern am Hut? Wieso wenden sich die brasilianischen TUATHA DE DANANN der irischen Mythenwelt zu? Und was treibt Italiener wie DOOMSWORD, dass sie sich ab und an für Wikinger halten?

Abseits der eigenen Historie und Sagenwelt widmen sich immer wieder Bands einigen Themen, die so schwer mit deren persönlichem Standpunkt in Verbindung zu bringen sind. Die Liste scheint schier endlos, eine vollständige Aufzählung ist nicht möglich. Sei es die karibische Piraterie oder der amerikanische Bürgerkrieg bei RUNNING WILD, das antike Mesopotamien bei den amerikanischen ABSU, immer wieder das nordeuropäische Frühmittelalter wie bei den Russen von NOMANS LAND, der Zweite Weltkrieg bei den (damals neutralen) Schweden von SABATON… Gerne lasse ich mir weitere Fälle nennen. Klar, in einigen Fällen bekommt man eine Kontinuität mit Hängen und Würgen hin. Schließlich sind durchaus ein paar (Franko-)Normannen in Süditalien gelandet und durch Osteuropa sind die Wikinger auch gezogen. Wer sich dieser Thematik annimmt, hat aufgrund der europäischen Dynamik leichteres Spiel. Aber von (frühmittelalterlichen) Iren, die nach Südamerika ausgewandert sind, habe ich relativ wenig vernommen…

Keineswegs will ich mir anmaßen zu urteilen, wer solche Texte verfassen „darf“ und wer nicht. Die Geschichte steht jedem offen und jeder mag sie nach seinem Gutdünken auslegen wie er will, auch wenn Manchem bestimmte Geschichtsauffassungen widerstreben mögen. Auch können viele, die es denn wollen, gewiss irgendeine Verbindung nachweisen („Ich habe dänische Vorfahren!“) Doch die Frage ist: Kann Viking Metal aus dem Mittelmeerraum überhaupt mit nordeuropäischem konkurrieren?

Zwar ist beispielsweise Keltenstahl aus dem Rheinland (SUIDAKRA) nicht per se schlechter als solcher von der grünen Insel (PRIMORDIAL). Doch wird der Deutsche Arkadius schwerlich mit einer ähnlichen Überzeugung und Innbrunst singen können wie der Ire Nemtheanga, wenn es beispielsweise um die Verteidigung des Heimatlandes geht. Aufgesetzt wirkt es, wenn MANOWAR Odin, Thor und Tyr preisen, aus dem Munde Johann Heggs (AMON AMARTH) erklingt das Ganze doch irgendwie wesentlich überzeugender. Doch wer ethnische Gründe dahinter vermutet, kann sich auch gleich mit nationalsozialistischen Rassentheorien vergnügen, denn durch das Blut vererbt sich „Wikingertum“ gewiss nicht.

Nein, der Grund ist vielmehr in den gesellschaftlichen Hintergründen zu finden. Denn ein Norweger lernt von Kindesbeinen an bedeutend mehr und weniger verkrampft über die Geschichte des nordischen „Heroic Age“ als ein Bayer dies tut. Klar, auch ein Hobbyägyptologe wie Karl Sanders (NILE) hat sich ein gewaltiges Wissen angeeignet und weiß wahrscheinlich mehr über die Geschichte des Landes als der Durchschnittsägypter. Und doch ist der Blick immer ein anderer, wenn man diese Kenntnis erst später und „von außen“ erwirbt.

Ich habe hier bereits einmal den Identifikation stiftenden Charakter von Sprache herausgestellt. [hier und hier] Mit der Geschichte ist dies keineswegs anders, und so greifen die israelischstämmigen MELECHESH auch in den Niederlanden weiterhin die Geschichten ihrer Heimat auf. Aus einem ähnlichen Grunde – die Betonung der eigenen Wurzeln – hört man bei den Amerikanern von SYSTEM OF A DOWN zumindest musikalisch die armenischen Anleihen heraus. Und gerade in der „Neuen Welt“ hat man es als geschichtsversessener Mensch schwerer, denn wo wir als Europäer auf zum Teil weit über 2000 Jahre alte Traditionen zurückgreifen können, hat der Ami gerade einmal rund 500 Jahre. Wenig verwunderlich also, wenn Kanadier (EX DEO) den Blick über den Teich schweifen lassen und sich dem alten Rom zuwenden. Diejenigen, die gezielt und schwerpunktmäßig amerikanische Geschichte aufgreifen, sind eher rar gesät (ICED EARTH).

Doch keineswegs handelt es sich um ein spezifisch amerikanisches oder außereuropäisches Phänomen, dass auch die Geschichte der Nachbarn oder ganz fremder Völker für die Verwurstung im Heavy Metal für manchen Songschreiber interessanter ist. Dass gerade in Deutschland die Viking / Pagan Metal-Bands aus dem Boden schießen wie Pilze, hängt gewiss mit der Geschichtsverdrossenheit gegenüber dem in Schule und Medien überpräsenten 19. und 20. Jahrhundert zusammen. Wenn man nun als Bandgründer nach „glorreichen“ Zeiten vor Hitler, vor Napoléon und nach Möglichkeit noch vor der Christianisierung sucht, ist der Weg nicht weit, bis man entweder die (meist spärlich überlieferte) Geschichte seiner Heimat aufgreift oder aber gleich den Blick in den „wilden Norden“ richtet. Der hat es ja ohnehin noch etwas länger ohne den doofen Nazarener ausgehalten.

In unserem Geschichtsbild sind wir immer Kinder unserer Zeit und unserer Gesellschaft. So wundert auch wenig, dass solche faszinierenden, aber weitgehend unbekannten Episoden der Weltgeschichte wie der hoch- und spätmittelalterliche Christianisierungskonflikt im Baltikum nur den dortigen Bands rezipiert werden (SKYFORGER). Auch die noch fernere taiwanesische Sphäre hat – meiner Kenntnis nach – bisher nur Bands aus Taiwan (CHTHONIC) zu Texten inspiriert.

Und so befinden wir uns heute an einem Punkt, wo sich nicht zu Unrecht einige Metaller darüber beschweren, dass zu viele Wikinger und andere Heiden die Plattenläden und Bühnen bevölkern. Ungeachtet dieses auch mich nach wie vor faszinierenden Feldes wäre etwas mehr „Dig where you stand“ sinnvoll. Denn jeder Ort Gegend, jedes Land und jedes Volk hat spannende Geschichten zu bieten, die auch gerne auf schwermetallische Weise erzählt werden dürfen. Wer weiß, welche interessanten „Heavy Metal Histories“ uns noch begegnen werden.