40 Jahre ESTAMPIE, 35 Jahre QNTAL – und noch immer kein Platz für musikalischen Stillstand. Zwischen mittelalterlichen Klangwelten, elektronischen Experimenten und Einflüssen aus unterschiedlichsten Kulturen haben beide Bands ihren ganz eigenen Weg geprägt. 2026 wird das doppelte Jubiläum bei zwei gemeinsamen Konzerten in München und Bochum gefeiert. Im Interview mit Metal1.info spricht Gründungsmitglied Michael über vier Jahrzehnte Musik, alte Weggefährten, künstlerische Freiheit und die Frage, wie man auf die eigene Geschichte zurückblickt, ohne zum Nostalgieprojekt zu werden.
40 Jahre ESTAMPIE, 35 Jahre QNTAL: Wenn ihr heute auf die Menschen zurückblickt, die diese Bands gegründet haben, wie viel von ihnen erkennt ihr noch in euch und wo würdet ihr sagen: So würden wir heute nicht mehr an Musik herangehen?
Das ist ja gleich eine heftige Frage. Die muss sich jeder stellen, der auf eine lange Schaffenszeit zurückblickt. Und das ist sehr komplex. Natürlich haben wir mehrere Entwicklungsphasen durchgemacht, jeder einzelne für sich. Andererseits ist es manchmal erstaunlich, wenn man ganz alte Aufnahmen anhört, wie vertraut einem das noch ist. Ist das nun Nostalgie oder entspricht es noch dem gleichen ästhetischen Grundempfinden? Sind wir noch die Gleichen oder ist das alles Erinnerung? Das betrifft nicht nur die Musik, auch die Beziehungen, die Weltanschauung etc.
Eines kann ich sicher sagen: Größerem kommerziellen Erfolg stand uns immer das Interesse an der eigentlichen Musik im Weg.
ESTAMPIE und QNTAL greifen teilweise auf dieselben Jahrhunderte, Texte und musikalischen Quellen zurück und klingen trotzdem wie zwei verschiedene Welten. Wann wisst ihr bei einer Idee: Das ist ESTAMPIE und das ist QNTAL? Oder gibt es Stücke, um die beide Bands gewissermaßen konkurrieren?
Doch, da gibt es schon Überlappungen. Anfangs haben wir ESTAMPIE für „authentischer“ gehalten. Das stimmt aber nicht. Es sind die zwei Herzen, die in unserer Brust schlagen: da ist einmal die Liebe zur traditionellen Musik und zwar weltweit, und andererseits die klanglichen Möglichkeiten und auch die Power der elektronischen Musik.
Bei ESTAMPIE stand neben mittelalterlicher europäischer Musik immer wieder die Begegnung mit anderen Kulturen im Mittelpunkt, von Persien und Marokko bis Indien und der Mongolei. Welche dieser Begegnungen hat eure Vorstellung davon, was „mittelalterliche Musik“ überhaupt sein kann, am nachhaltigsten verändert?
Wenn man sich ernsthaft auf die Suche nach dem Klang mittelalterlicher Musik begibt, sucht man nach alten Traditionen wie gesagt weltweit. Als Beispiel nenne ich oft korsische oder sardische Gesänge. Durch die Inselbedingungen gibt es eine sehr alte durchgehende musikalische Ästhetik und ich denke, für den mittelalterlichen Gesangsstil ist das sehr bedeutend. Das gibt mir mehr als das, was aus dem Quellenstudium rekonstruiert wird. Insofern waren alle diese Begegnungen – ob bulgarisch, türkisch, kurdisch, persisch, zentralasiatisch, nordafrikanisch oder mediterran – nicht nur musikalisch, sondern auch für unsere persönliche Weiterentwicklung unglaublich wertvoll.
QNTAL entstand Anfang der 90er aus einer damals ziemlich ungewöhnlichen Idee: Alte Musik und mittelalterliche Texte treffen auf Elektronik. Heute ist die Verbindung von Mittelalter, elektronischer Musik, Metal und Pop beinahe selbstverständlich. Habt ihr manchmal das Gefühl, an etwas mitgebaut zu haben, das später eine ganze Szene hervorgebracht hat?
Ja klar. Wir haben da schon viel angestoßen und ich finde es auch gut, nicht in jedem einzelnen Fall, sondern generell, dass die Entwicklung immer weitergeht und jüngere Bands noch über das hinausgehen, was wir gemacht haben und immer noch machen. Stolz wäre der falsche Ausdruck, aber was für uns alle wichtig ist, ist das Gefühl der Wirksamkeit, deine Ideen werden wahrgenommen und weitergetragen. Ja, es klingt ein bisschen so und ist auch so: Es ist das Gefühl von Eltern, die sich freuen, wenn sich der Nachwuchs prächtig entwickelt.
Das erste QNTAL-Album erschien 1992 und war ursprünglich offenbar gar nicht zwingend als Startschuss für eine jahrzehntelange Bandgeschichte gedacht. Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, an dem euch klar wurde: Das hier ist mehr als ein Experiment?
Naja, das war ja kein Moment, sondern eher eine Entwicklung. Ich war als Mitglied von DEINE LAKAIEN für das Merchandise zuständig und plötzlich fiel mir auf, dass bei den Konzerten von DEINE LAKAIEN ein ziemlich großer Teil der Einnahmen auf die QNTAL-Seite flossen, ohne dass wir auch nur einmal live gespielt hätten. Da hab ich mir schon gedacht: Holla die Waldfee.

Du bewegst dich seit Jahrzehnten zwischen historischen Instrumenten und moderner Klanggestaltung. Gibt es ein Instrument, bei dem du nach all dieser Zeit noch immer das Gefühl hast, dass es dir Geheimnisse vorenthält? Und gibt es umgekehrt eines, das inzwischen fast wie eine Verlängerung deiner selbst funktioniert?
Eines, das ich in der Öffentlichkeit gar nicht so oft spiele: die Dilruba, ein indisches Streichinstrument, ist so mein ganz großer Liebling. Efren Lopez, ein ganz großer Musiker und Kollege im AL ANDALUZ PROJECT, hat mich darauf gebracht.
Ihr singt Texte in Sprachen und Sprachstufen, die das Publikum häufig gar nicht unmittelbar versteht. Was muss eine jahrhundertealte Textzeile haben, damit du denkst: Genau diese Worte möchte ich heute wieder zum Leben erwecken?
Das eigentliche Problem der alten Lyrik ist ja nur die Verständlichkeit. Wenn man diese Barriere überwunden hat, sprich die Texte lesen und verstehen kann, tut sich ein Kosmos an lyrischem Reichtum und gedanklicher Tiefe auf, die es absolut mit den besten zeitgenössischen Texten aufnehmen kann. Und das war in praktisch allen mittelalterlichen Ländern und Kulturen so.
Eure Musik lebt davon, historische Quellen nicht museal zu konservieren, sondern sie in etwas Eigenes zu verwandeln. Wo liegt für euch die Grenze zwischen Respekt vor dem Original und künstlerischer Freiheit? Darf man mit einer 700 Jahre alten Vorlage im Grunde alles machen, solange das Ergebnis überzeugt?
Die Grenze ist für mich da, wo man mittelalterliche Kultur nur als Klischee auffasst und es für ziemlich Vordergründiges quasi ausbeutet. Allerdings ist das eher ein innerer Vorgang. Inwieweit sich ein Protagonist, also ein Musiker, Gaukler, Marketender oder Walking Act wirklich mit dem auseinandersetzt, ist von außen nicht zu beurteilen. Man erlebt da durchaus Überraschungen. Ich bin zu Zeiten mit der Mittelaltermusik in Kontakt gekommen, in denen es ein großes Naserümpfen der „akademischen“ Seite gegenüber allen Versuchen gab, die ganze Sache aufzufrischen und in die Moderne zu übertragen. Dieses Naserümpfen gab es auch gegenüber ESTAMPIE. Und gibt es auch heute noch z.B. an der Schola Cantorum in Basel, einst das Mekka der historischen Musik. Aber die Zeiten haben sich geändert.
Ihr arbeitet seit rund vier Jahrzehnten miteinander. Kennt ihr den anderen musikalisch inzwischen so gut, dass ihr schon wisst, was er oder sie zu einer Idee sagen wird? Oder könnt ihr euch gegenseitig tatsächlich noch überraschen?
Man darf nicht vergessen, dass wir in dieser Zeit ungefähr 100 Mitmusiker in unseren verschiedenen Ensembles hatten, einige über Jahrzehnte, viele ein paar Jahre lang und ein paar wenige für ein Konzert oder eine CD-Aufnahme. Die haben auch alle einen Anteil an unserer Arbeit. Was die Kernmannschaft betrifft, musst du dir das vorstellen wie in mancher Familie: im Alltag viel Streit, aber in wichtigen Fragen ziehen wir an einem Strang.

Bei einem Jubiläum besteht immer die Gefahr, dass daraus eine reine Nostalgieveranstaltung wird. Ihr habt z.B. für München Stücke aus frühen ESTAMPIE-Programmen, internationale Projekte und Material aus neun QNTAL-Alben angekündigt. Nach welchem Prinzip stellt man aus einer solchen Geschichte einen Abend zusammen: persönliche Bedeutung, Fan-Favoriten, musikalische Dramaturgie oder schlicht die Lust, etwas nach langer Zeit wieder zu spielen?
Ja, die Gefahr gibt es, aber nicht bei uns. Dazu sind wir noch viel zu aktiv und im Tagesgeschehen. Wir werden ein paar Mitmusiker auf die Bühne bitten und auch alte Stücke neu interpretieren. Neu sind in jedem Fall die zwei Bands in einem Konzert. Das hat es bisher noch nicht gegeben. Auf Festivals ja, aber nicht an einem einzigen Abend. Hauptgrund für dieses Event ist aber, mit den Fans, Bekannten und Freunden zu feiern, dass wir so einen langen Weg hinter uns gebracht haben.
Gibt es für das Jubiläum ein Stück, das ihr nach sehr langer Zeit wieder ausgegraben habt und bei dem ihr beim Proben selbst überrascht wart, entweder weil es erstaunlich gut gealtert ist oder weil ihr heute völlig anders darauf blickt?
Ja, das gibt es. Dazu wird auch extra Fil Groth, unser langjähriger Keyboarder und Produzent, anreisen.
Drehen wir das Jubiläum einmal um: Wenn ihr nur jeweils ein Stück von ESTAMPIE und QNTAL auswählen dürftet, das jemand in 100 Jahren finden soll, welche beiden wären es und warum gerade diese?
Das ist echt schwierig bei ca. 350 Songs. Ich glaube nicht, dass wir heute und auch in der Zukunft wegen eines bestimmten Songs erinnert werden. Im Gegenteil: Unser Trumpf ist das Konzept, der Klang, die Arrangements, das sind die Unverwechselbarkeiten.
Wenn ihr eure gemeinsame musikalische Geschichte nicht in Jahren, Alben oder Konzerten erzählen dürftet, sondern nur anhand von drei Gegenständen: Welche drei Dinge müssten in eine Vitrine zu „40 Jahre ESTAMPIE / 35 Jahre QNTAL“?
Auf jeden Fall: das Organistrum, eine Art Drehleier, die wir auch schon knapp 40 Jahren haben. Es wurde oft prominent portraitiert und hat es sogar auf ein Albumcover geschafft. Bei DEINE LAKAIEN war sie das erste Mittelalterinstrument in der Schwarzen Szene. Als zweites: Ein Restaurantführer! Für Syrah ist das Essen der wichtigste Bestandteil einer Tournee oder Konzertreise. Oft kann sie sich nur noch an das Restaurant erinnern, in dem wir nach dem Konzert waren. Ein AKG Pickup der ersten Stunde. Damit haben wir angefangen, unsere Musik elektrisch zu verstärken. Die meisten Bands, die heute sie in Konzerthallen unterwegs sind, haben keine Idee davon, wie kompliziert es anfangs war, eine Laute wirklich laut zu machen.
Und schließlich der Blick nach vorne: Sind 40 beziehungsweise 35 Jahre für euch gerade eher ein Punkt, an dem man Bilanz zieht, oder hat die Beschäftigung mit dem eigenen musikalischen Archiv sogar neue Ideen ausgelöst? Was kommt nach den Jubiläumskonzerten für ESTAMPIE und QNTAL?
Ja, mal sehen, wir können nicht mehr für die Ewigkeit planen, aber für ein oder zwei Jahre schon. Es ist interessant, dass du das fragst. Gerade in aller letzter Zeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob man die Songs in einem neuen Format, quasi halb akustisch, neu angehen könnte. VOCAME könnte Songs der schwarzen Szene mit Frauenchor aufnehmen. Man könnte auch einfach eine neue QNTAL-CD planen. Gerade aktuell sind wir mit anderen Sachen beschäftigt, aber das neue Jahr kommt bald. Es geht weiter.
Vielen Dank für das Gespräch!
Hinweis: Alle Fotos stammen aus dem privaten Archiv der Bands und wurden für dieses Interview bereitgestellt.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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