Interview mit Vittorio D'Amore von Master Boot Record

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Elektronische Musik und Metal, das ist längst keine geheime Formel mehr. Wenn man bei der Umsetzung dessen aber tatsächlich in der Hauptsache auf eine Reihe von Commodore-Computern und alten Sound-Chips zurückgreift, dann ist dass die Essenz der Musik von Vittorio D’Amore und seiner Band MASTER BOOT RECORD. Auf der 2024 erschienene „Hardwarez“ folgt nun mit „Computer Metal“ bereits das 16. Studio-Album. Warum echte Gitarren im Sound von MASTER BOOT RECORD keinen Bruch mit dem Konzept bedeuten, wie er zu KI steht und wie es sich anfühlt Maschinenmusik Live zu spielen, darüber haben wir mit Vittorio D’Amore gesprochen.

Hallo Vittorio, lass uns das Interview mit einer leicht philosophischen Note starten. Menschen sind die Erschaffer von Maschinen. Heute könnte man fast den Eindruck bekommen, dass es andersherum ist. Wie siehst du das?
Maschinen müssen das tun, was Maschinen tun. Menschen müssen das tun, was Menschen tun. Eine Maschine kennt wahr oder falsch. Ein Mensch kennt auch „Ich weiß es nicht“, und Kunst kommt daher. Wenn ich im Sequencer eine Note von Hand schreibe, kommandiere ich die Maschine. Bitte sie darum, für dich zu entscheiden, und du hast die Beziehung umgedreht. Maschinen erschaffen uns nicht. Die Leute geben die Kontrolle ab.

Master Boot Record; © Francesco Esposito

Charles Babbage, Alan Turing, Konrad Zuse – das sind alles große Namen, wenn es um die Ursprünge dessen geht, was wir heute mit modernster Computertechnologie verbinden. Kannst du dich noch an deinen ersten Computer erinnern?
Hast du darauf schon Musik gemacht?
Ich hatte sie alle. Ich war sieben, als der VIC-20 (früher Commodore-Heimcomputer) und der Commodore 64 bei mir zu Hause eingezogen sind, dann der Amiga (für Audio- und Grafikfunktionen, ebenfalls Commodore) und dann jeder PC ab dem Commodore 286. Mein Vater hat einen Computerladen aufgemacht; irgendwann hatten wir vierzig Maschinen zu Hause. Ich habe Software-Listings ausgedruckt, Disketten beschriftet, nach der Schule PCs zusammengebaut. Musik habe ich darauf nicht gemacht. Ich habe zugehört: Game-Soundtracks, Ocean-Loader (Ladeprogramme unter Commodore unterlegt mit Musik) Cracktros (Audiovisuelle Intros). Das war meine Schule.

Was war zuerst da: der Game-Entwickler Vittorio D’Amore oder der Musiker Victor Love?
Der Musiker – und zwar viele Jahre früher: erst andere Bands, dann DOPE STARS INC. und ungefähr 200 Shows. Der Game-Entwickler kam so um 2016 dazu, als Elder0010, Valenberg und ich „VirtuaVerse“ angefangen haben, das 2020 veröffentlicht wurde. Ich habe entschieden, den Soundtrack selbst zu schreiben. Diese Entscheidung ist MASTER BOOT RECORD.

MASTER BOOT RECORD Computer Metal Coverartwork
Computer Metal Cover; by Tainted Of Fire

Du hast schon vor und während deinere Aktivitäten mit MASTER BOOT RECORD Musik gemacht. Unter anderem warst du bei DOPSTAR INC. Außerdem hast du noch dein Projekt KEYGEN CHURCH (auf KEYGEN CHURCH komme ich gleich noch zurück). Wie erinnerst du dich an die frühen Tage von MASTER BOOT RECORD?
Ein beschissener Moment. 2016: Ich hatte gerade meinen IT-Job hingeschmissen, ich hatte die Schnauze voll von Industrial, Kollaborationen liefen ins Leere. Also hab ich allein irgendwas komplett Durchgeknalltes gemacht. Der „VirtuaVerse-Soundtrack“ hat mich dazu gezwungen, zum ersten Mal Instrumentalmusik zu schreiben: kein Gesang, also wurde die Lead-Stimme zur Stimme. Der Sound kam von einer synthetischen Gitarre, die ich für ein geheimes Projekt gebaut hatte, „Hacking The Wave“, gemischt mit dem Chiptune-, Commodore 64 und Amiga-Kram, von dem ich gelebt habe. Im September 2016 hab ich das mit null Promo auf Bandcamp gestellt. Es ist von selbst durch die Decke gegangen.

Sechzehn Veröffentlichungen im Laufe von zehn Jahren sind ziemlich bemerkenswert. Woher nimmst du so eine unglaubliche kreative Energie?
Ich kann nicht stillsitzen. Und MASTER BOOT RECORD ist mehr als Alben: Krypto-Rätsel und Alternative Reality Games, die in den Platten versteckt sind, ein ganzer Server zum Hacken für einen Bonus-Track, ein Kartenspiel, ein Videospiel, mehr als 180 Kompositions-Streams mit jeweils sechs oder sieben Stunden. Eine Sache befeuert die nächste. Am Ende zählt nur die Musik.

Hardwarez Cover; by Tainted Of Fire

Natürlich ist es an sich nichts Ungewöhnliches, Musik mit einem Computer zu machen. Aber die Art, wie du es gemacht hast – zumindest bis vor ein paar Jahren – komplett digital und ohne irgendwelche „echten“ Instrumente, ist ziemlich einzigartig. Was fasziniert dich daran, Musik auf diese Weise zu erschaffen?
Die Begrenzung. Ein Künstler ist jemand, der Grenzen setzt: dieses Instrument, nicht jenens. Der Commodore 64 konnte keine Akkorde spielen, also haben Komponisten Noten in hoher Geschwindigkeit abgewechselt, und dieser Workaround wurde zu seinem Markenzeichen. Bei MASTER BOOT RECORD ist es genauso: eine synthetische Gitarre, die nur ich habe, eine Handvoll Leads, auf jedem Album die gleichen Sounds. Ich schreibe als Komponist, nicht mit der Hand am Griffbrett. Echte Gitarren kamen mit „Hardwarez“ dazu und wurden auf „Computer Metal“ mehr, für das, was ein Synth nicht kann: Palm Muting, ein echter Lead-Sound.

Der Vorgänger von „Computer Metal“, „Hardwarez“, wurde – wenn ich richtig informiert bin – per Stream produziert, also mit einem Publikum, das dabei zuschaut. Was war die Idee dahinter?
Nicht nur „Hardwarez“: Fast alles vor „Computer Metal“ wurde live geschrieben. Ich streame meine Cubase-Session auf YouTube, drei- oder vierhundert Leute schauen zu und chatten auf unserem eigenen IRC-Server. Die kommen, um zu sehen, wie ein Riff entsteht. Kann das jemand klauen? Ich spiele nie ein Stück von Anfang bis Ende, und das Album setze ich danach zusammen, alleine. Das Risiko ist Teil des Spaßes.

„Computer Metal“ hingegen wurde komplett von dir allein geschrieben, als Teil eines meditativen Prozesses. Inwiefern kann man diesen anderen Ansatz in „Computer Metal“ im Vergleich zu „Hardwarez“ hören?
Absichtlich, um die Dynamik zu verändern: niemand schaut zu. Zwei Wochen, um es zu schreiben, ein Jahr, um es fertigzustellen. Du hörst die Sorgfalt: mehr Zeit an den Gitarren, dasselbe Amp-Modelling, das wir auf der Bühne benutzen, tighter und mehr Metal, und „Boot Sector“, ein Stück ohne Schlagzeug, das Edoardo und ich zusammen geschrieben haben. „Hardwarez“ wurde öffentlich entschieden. „Computer Metal“ wurde in der Stille entschieden.

Wie läuft die Produktion eines MASTER BOOT RECORD-Albums eigentlich ab? Hast du so eine Art festen Prozess, oder nimmt das jedes Mal eine andere Form an?
Ganz einfach. Ich schreibe ein Riff nach dem anderen, jede Note von Hand eingegeben. Nichts wird generiert. Alles ist quantisiert, weil das ist das, was eine Maschine gut kann. Dann mache ich alles zu und baue das Album alleine zusammen. Dann echte Gitarren mit Edoardo, Mix und Master von Joel Wanasek. Das Cover folgt demselben Gesetz: ASCII-Art (Zwischenkunst aus Zahlen, Ziffern und Sonderzeichen) in Codepage 437 (8-Bit-Zeichensatz des ersten IBM-PC aus dem Jahr 1981), Zeichen für Zeichen getippt von Tainted of Fire. Manche Leute haben es AI genannt. Es ist das exakte Gegenteil.

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Auf deinem neuen Album bringt ihr über eure Songs eine Vielzahl unterschiedlicher Metal-Stile zum Ausdruck. „Voodoo2“ zum Beispiel greift Death Metal auf, während „Boot Sector“ fast schon orchestral wirkt. Erinnerst du dich noch an deine erste Begegnung mit dem Metal-Genre, und wie beeinflusst dich das heute noch?
Das ist die Idee des Albums: zehn Songs, zehn Deklinationen von Metal in synthetischer Form. Meine erste Begegnung mit Metal war „Kill ‘Em All“, und dann folgten SEPULTURA, DEATH, PANTERA, MEGADETH und so weiter. Ich stand größtenteils auf Thrash und Death Metal. Freunde haben sich gegenseitig Kassetten kopiert, und bei mir stand Metal von Tag eins an neben elektronischer Musik. In den Gästebuch-Tagen wurde ich dafür beleidigt, dass ich Keyboards in Metal gepackt habe. Ich hab nie verstanden, warum die zwei Welten getrennt bleiben sollten.

Gleichzeitig gibt es neben MASTER BOOT RECORD auch KEYGEN CHURCH. Das musikalische Fundament ist grob mit dem von MASTER BOOT RECORD vergleichbar, aber KEYGEN CHURCH baut auch Orgeln und sogar Chöre ein. Vor diesem Hintergrund: Inwiefern ist klassische Musik eine Inspiration für dich?
Enorm. KEYGEN CHURCH ist Klavier, Kirchenorgel und opernhafte Chöre: gothic, „Castlevania”, klassisch. Bach ist die Referenz: Er hat eine Sprache kanonisiert, und er ist Mathematik. Jemand hat mir mal gesagt, Musik ist ein Code, der auf nichts zeigt. Worte zeigen auf Dinge. Musik zeigt auf nichts und schwingt trotzdem in jedem anders nach. Eine Fuge und ein Programm sind enge Verwandte. In KEYGEN CHURCH wird der Computer zur Religion. Loda il codice – Preise den Code.

Keygen Church, Nel Nome Del Codice Cover; by Tainted Of Fire

Inwiefern beeinflussen sich diese beiden Projekte gegenseitig?
Beides ist Computer-Metal: das eine ist die Maschine, das andere die Kirche, die darum herum gebaut ist. Sie teilen sich den Gitarren-Synth-Sound und das Drum-Plug-in. Sonst nichts. KEYGEN CHURCH ist Klavier, Chöre und Orgel. MASTER BOOT RECORD ist Synths.

Du triffst inzwischen auch live mit einer kompletten Band-Besetzung auf. In gewisser Weise wird maschinell erzeugte Musik also in ein direktes körperliches Erlebnis übersetzt. Wie fühlt sich das für dich an?
Es ist der Kern von Computer Metal: Maschinen spielen, was Maschinen spielen müssen, Menschen spielen, was Menschen spielen können, zusammen. Andere tun so, als würden sie den Part der Maschine spielen, oder spielen ihn von Hand und machen es schlimmer. Wir verstecken nichts: Die sequenzierten Parts sind sequenziert, das Schlagzeug und die Gitarren sind echt, und mein Commodore 64 klingt wirklich über seinen SID-Chip (programmierbarer 3-Stimmen-Soundchip und Miniatur-Synthesizer). Ich mache Fehler. Genau darum geht’s: Der Mensch bringt die Unbestimmtheit rein, die jede Show einzigartig macht. Bald gehen wir auf Tour, als Co-Headliner mit FULCI.

Erzähl uns ein bisschen was über die Leute, die auf der Bühne dabei sind. Wie habt ihr alle zusammengefunden?
Giulio Galati am Schlagzeug war als Erster da: Vor Covid haben wir als Duo ein paar Shows gespielt: London, Paris, dann ein Videogame-Festival in Rennes. Danach haben wir noch ein Festival in Italien gemacht, und ein Freund kam zu uns und meinte, er kenne einen Typen, der diese Parts auf einer echten Gitarre spielen könnte. Ich hab ihm ein MIDI von einem der härtesten Sachen geschickt, die ich hatte, aus meinem „Vampire Killer“-Cover. Ein paar Stunden später hat er ein Video geschickt, in dem er’s perfekt spielt. Das ist Edoardo “Shreddy” Taddei: 26, wird von Ibanez für Clinics rumgeschickt, und Jason Becker hat ihm sogar seine eigene Gitarre auf der Bühne geliehen. Ich schreibe Parts, die fast unmöglich sind. Er spielt sie. Wir wohnen außerdem auch nicht weit voneinander entfernt.

Wir haben gerade darüber geredet, wie Kunst, die von Computern geschaffen wird, auf eine Art durch Menschen auf der Bühne personifiziert werden kann. Vor diesem Hintergrund: Was hältst du davon, dass für manche Leute jetzt schon ein einfacher Prompt reicht, um sich selbst „Musiker“ zu nennen?
Präzision zuerst. Was die Leute KI nennen, sind Sprachmodelle. Code ist Sprache, und Code kann getestet werden: da sind sie ein echtes Tool. Kunst zu generieren ist anders: Die Maschine erfindet alles, was du nicht spezifiziert hast. Du kannst nie sagen: „Das ist exakt das, was ich meinte“, also gehört es nicht dir. Ein Künstler trifft jede Entscheidung. Ein Prompt ist keine Entscheidung. Und trotzdem wurden wir früher als Cheater bezeichnet, weil wir einen Sequencer benutzt haben. Tools sind zweischneidig: Die Faulen bleiben faul, die Neugierigen werden stärker. Nutzt sie ehrlich. Das ist alles, was zählt, immer.

Egal, ob wir über Bilder, Musik, Dokumente oder Forschung sprechen: KI wird immer wichtiger – aber auch immer gefährlicher. Einige der führenden KI-Firmen haben zuletzt dazu aufgerufen, das Entwicklungstempo zu drosseln. Wie beurteilst du die aktuelle Situation?
Du kannst es nicht aufhalten, so wie auch niemand das Auto aufgehalten hat. Du kannst es verstehen und ehrlich nutzen. Die falsche Idee ist „Superintelligenz“: Eine Maschine muss eine Maschine bleiben, im Dienst des Menschen. Und die Verschwendung: Enorme Energie wird verbrannt, indem man tausendmal dieselbe Frage stellt. Weniger generieren, mehr rendern. Maschinen sind binär, Menschen sind es nicht. In absehbarer Zeit wird es keine generalisierte künstliche Intelligenz geben: Das ist Marketing. Sie werden stärker werden in dem, wofür sie gedacht sind: Programmieren und Sprache in all ihren Formen. Denk dran: „Am Anfang war der Logos.“ Worte und Gedanken sind mächtige Dinge.

Was glaubst du, was Zuse, Turing und Babbage sagen würden, wenn sie wüssten, wie mächtig – aber auch potenziell gefährlich – die Erfindungen geworden sind, die sie mit auf den Weg gebracht haben?
Sie würden ihre Maschine sofort wiedererkennen: immer noch wahr oder falsch. Die Power würde sie nicht überraschen. Die Verwirrung schon: Eine binäre Maschine, die den Menschen spielen soll, und Menschen, die die Maschine spielen. Lasst die Maschine rechnen, lasst den Menschen entscheiden, testet alles. Das ist der einzige Weg; alles andere ist Marketing.

Master Boot Record, 2026

Vittorio, vielen Dank für das schöne Gespräch. Zum Abschluss würde ich gern unser Metal1-Brainstorming mit dir machen.
Terminator: Eine Warnung, die wir unter Unterhaltung abgelegt haben.
Bach: Der größte Coder, der je gelebt hat.
Nächstes KEYGEN-CHURCH-Album: Eine 18-minütige Single, „Gloria Al Santo Sistema“, ist fertig und wird die nächste Veröffentlichung sein. Sie kommt zusammen mit einem komplexen Programm. Wartet’s ab.
Sam Altman: Tech Bros sollten mal runterkommen. Falsche Richtung, laute Stimme.
MASTER BOOT RECORD in zehn Jahren: Unvorhersehbar. Aber es wird immer noch menschliche Absicht sein, die diese gleichen Sounds schreibt, eine Note nach der anderen.

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Philipp Sorger

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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