Interview mit Matthis und Lady Doro von Cumulo Nimbus

Nach über fünf Jahren Bandgeschichte und zwei veröffentlichter CDs namens „Minne, Met und Moritaten“ sowie „Nachtwache“ schlägt für CUMULO NIMBUS im Januar 2007 „Die Stunde der Wahrheit“. Wie die Veränderungen und Verbesserungen im Vergleich zum Vorgänger ausfallen, verraten Lead-Sänger Matthis und Geigerin Lady Doro. Auf jeden Fall scheint der zweite Longplayer der Landsberger dem Vorbild der Donnerwolke gerecht zu werden, was unter Umständen am neuen Produzenten und mehr Zeit im Studio liegen könnte. Aber lest selbst…

Beschreibt kurz euren musikalischen Werdegang: In welchen Bereichen liegen die Wurzeln der einzelnen Bandmitglieder?
Mathis: Cumulo Nimbus gründete sich im Jahr 2000 zunächst mit Mathis, Erik und Pat. Kurz darauf stießen wir auf Carolynn, die zunächst keinen blassen Schimmer hatte, was da auf sie und ihre Flötensammlung zukommen würde, da sie bis dahin nur klassische Musik gespielt hatte. Beim ersten Gig fanden wir auch unseren ersten Bassisten: Sir Robin, der aber vor kurzem wegen musikalischen Differenzen die Band verließ. Da wir gerade Melodieinstrumente in den Vordergrund stellen wollten, rekrutierten wir 2004 Lady Doro, die wir Bandmitglieder schon länger kannten. Erst seit kurzem hat sich ein neues Gesicht zu uns an den Tieftöner gesellt: Andres das Drachenherz. Die musikalischen Wurzeln der Bandmitglieder sind genauso vielschichtig, wie die Musik: Carolynn und Doro stehen eher auf der klassischen Linie, während Andreas v.a. aus dem Metalbereich stammt. Erik als Gitarren- und Lautenlehrer steht zwischen den Welten. Mathis und Pat spielen schon seit Jahren zusammen.

Wie würdet Ihr „Neulingen“ mittelalterliche Musik erklären?
Doro: Unter Mittelalter fasst man einen zeitlichen Rahmen von etwa tausend Jahren zusammen, da hat sich die Musik stark verädert. Wie diese wirklich geklungen haben mag, ist immer mit Mutmaßungen verbunden. Man leitet viel von Abbildungen und schriftlichen Instrumentenbeschreibungen her, wie z.B. von Michael Praetorius‘ Dudelsackaufzeichnungen. Man weiß, dass die Musik nicht so laut war, weil die Instrumente nicht so kräftig gebaut waren. Sie war weniger virtuos und hatte einen geringeren Tonumfang als heutige Musik. Unsere heutigen Harmonien wären damals teuflisch gewesen und wir wären auf dem Scheiterhaufen gelandet. Man spielte leere Klänge und die Melodien waren solo, oder verliefen parallel. Für unser modernes Klangempfinden klingt mittelalterliche Musik in der Tat etwas exotisch und fremd.

Wie kann man ihnen diese Art von Musik zugänglich machen außer durch moderne Einflüsse?
Mathis: Ohne moderne Medien bedeutet das natürlich: Live. Diese Art von Musik lebt erst durch die richtige Umgebung auf. Damit meine ich aber jetzt nicht kommerzorientierte Mittelaltermärkte, sondern historische Räumlichkeiten oder Stätten.

Wo liegen die Unterschiede von Euch zu anderen Mittelalterbands und was sorgt für Widererkennungswert bei eurer Musik?
Doro: Wir machen all das, was im Mittelalter verboten war. Deshalb identifizieren wir uns auch eher mit dem Begriff des „Renaissance-Metals“. Unsere Musik ist unverkennbar durch den Grad der Mischung von Polyphonie und hartem Metalbrett. Hinzu kommen die pointierten Geschichten, die durch unsere Lieder erzählt werden.

Wodurch wird eure Musik am meisten beeinflusst (Vorbilder, Stilrichtungen, Kulturen, Religionen, usw.)?
Doro: Jedes Bandmitglied wird durch seinen privaten Hintergrund und seine musikalischen Vorbilder beeinflusst (siehe die Wurzelfrage). Erlaubt ist, was gefällt. Erst nachdem die Ideen der einzelnen Bandmitglieder präsentiert worden sind, wird – orientiert an der Renaissancemusik – das Werk von Erik und Mathis arrangiert und vollendet. Maßgebend dabei ist die Musik aus dem 15. und 16. Jhd. aus England, Deutschland, Spanien und Italien. Natürlich muss das Ganze satt durch den Gehörgang fließen. Deshalb hat auch jedes Bandmitglied natürlich Vorbilder im Metalbereich.

Wie erklärt ihr euch die wachsende Akzeptanz eurer Musik in Deutschland auf der einen Seite und die ablehnende Haltung der Radiostationen, TV Sender, etc. auf der anderen?
Mathis: Der Mensch an sich ist, denke ich, von Grund heraus Individualist und will sich mit seinem Geschmack von anderen abheben, sei das nun die Einrichtung seines Wohnzimmers, sein Auto oder eben der Musikgeschmack. Darin liegt die Chance der Mittelaltermusik. Ich bin sicher, dass es doch viele Zuhörer ansprechen dürfte, wenn einmal ein Lied dieser Schiene im Mainstreamradio gespielt würde. Bestes Beispiel für Individualität und Akzeptanz sind Lordi. Wenn es nun speziell um die Musik von Cumulo Nimbus geht, dann ist die Musik sicherlich eindeutig zu vielschichtig und komplex. In vielen Radio und TV-Sendungen wird massentaugliche Hintergrundmusik gespielt. Musik, die aus einer bestimmten Szene hervorkommt, ist schon immer eine Randerscheinung gewesen. Die Lieder dauern außerdem, soweit ich weiß, ausnahmslos länger als 3 Minuten, weshalb sie von vornherein ausscheiden. Aber das ist doch heutzutage längst kein Qualitätsurteil. Was gespielt wird und was nicht, ist Teil der Medienpolitik.

Wie kann man allgemein und wie könnt ihr selbst Vorurteile wie z.B. Eintönigkeit und mangelnde Abwechslung gegenüber mittelalterlicher Musik widerlegen?
Mathis: Mittelalterliche Musik im engeren Sinn, d.h. ein Bordunton und der Tonumfang einer Drehleier oder eines Dudelsacks über eine None sind aus unserer Sicht nicht wirklich prickelnd. Reizvoll werden diese Instrumente im polyphonen Zusammenklang. Deshalb lassen wir uns ja auch von verschiedenen Musikepochen und Stilen beeinflussen. „Mittelalter“ ist doch nur zum Überbegriff für eine Szene geworden, die vielleicht manche Stereotypen aufgreift, aber mit Mittelalter an sich nichts zu tun hat. Das macht aber nix. Wir leben nun mal in der Gegenwart.

Welche Zielgruppen sind eurer Meinung nach besonders geeignet für Drehleiern, Dudelsäcke, Geigen, Flöten, usw.?
Doro: Das hat weniger mit den Instrumenten zu tun, als vielmehr mit der Art und Weise, wie und wo man sie spielt. In einem Apocalyptica-Konzert beispielsweise ist das Publikum äußerst gemischt, während in einem Konzert, in dem die Solosonaten für Violine von Bach gespielt werden, wird wohl der Altersdurchschnitt etwas höher und der Pegelstand im Geldbeutel nach dem Konzert etwas niedriger liegen.

Welches sind die größten Irrtümer, die man leichtfertig in Verbindung mit Mittelaltermusik bringt?
Doro: Dass sie grundsätzlich aus fünf Dudelsäcken und zwei Trommeln besteht oder dass das Konzert aus einem Musikstück besteht, das 90 Min. dauert.

Eure Meinung zu Mittelaltermärkten und Konzerten dort?
Doro: Es geht ja Gott sei Dank nicht darum, das Mittelalter, wie es sich wirklich zugetragen haben dürfte, wiederzuerwecken. Wenn ich mir vorstelle, ich würde mit einem alten Sack verheiratet, der keine Zähne mehr im Mund hat. Oder ich gehe so meines Weges und plötzlich kommt von oben ein Eimer mit Fäkalien geflogen…
Es ist aber eine schöne Szene und es macht Spaß, in eine andere Welt einzutauchen und eine Rolle zu spielen. Das ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Die Konzerte dort stellen einen bisweilen schon vor Herausforderungen, seien es technische Gegebenheiten oder die Witterung, die den Instrumenten sehr zusetzen kann.

Ihr habt euch nach der Ambosswolke benannt. Steckt da mehr dahinter als der Gedanke an harte Gitarrenriffs und einen vollen Sound?
Mathis: Natürlich bezieht sich der Bandname auch auf den fetten Sound, aber wir wollen auch die knisternde Stimmung, die vor jedem Gewitter zu spüren ist, auf das Publikum übertragen. Wir spielen auch mit dem Gedanken es einmal Met regnen zu lassen.

Ihr spielt seit Ende 2000 zusammen. Doch erst jetzt kommt euer 2. Album „Stunde der Wahrheit“. Andere Bands veröffentlichen jährlich oder zweijährlich etwas Neues. Wie kommt der Unterschied bei euch zustande?
Doro: Gut Ding will eben Weile haben. Naja, es hängt auch einiges vom Budget ab…

Welche Unterschiede gibt es von „Nachtwache“ zu „Stunde der Wahrheit“?
Mathis: Während die „Nachtwache“ 6 Titel beinhaltet, sind auf der „Stunde der Wahrheit“ 12 Titel zu hören, wobei der Albumname u.a. die Spieldauer verkörpert. Wir haben diesmal besonderen Wert auf Atmospäre rund um die Lieder gelegt. Hier erwies sich das iSonic Slave Studio von Peter Pathos (Ex-Fiddler’s Green) als äußerst geeignet, da wir mit dem neuen Album mehr Akzente auf die Unpluggedinstrumente legen wollten. Wir hatten mehr Zeit im Studio, auch wenn der Vorlauf für die Vorproduktion recht knapp war. Natürlich flossen auch die Erfahrungen der letzten Produktion mit ein. Das Karma der Nürnberger Burg, die mit ihrer Jahrhunderte alten Ohren jeden Ton belauscht hat, den wir aufgenommen haben, rundete die gesamte Produktion ab.

Welche Erfahrungen aus eurer ersten Albenveröffentlichung habt ihr mit eingebracht?
Mathis: Wie gesagt konnten wir uns im Studio diesmal mehr Zeit nehmen. Das kam vor allem auch dem Gesang zu Gute. Desweiteren haben wir die Geige nicht mehr gedoppelt, so dass sie, genau wie die Flöte, als Soloinstrument mehr Platz bekommt und lebendiger klingt.

Alex Krull (Atrocity) hat eure CD „Nachtwache“ produziert. Wird er auch wieder bei eurem neuen Werk an den Reglern sitzen?
Doro: Nein. Für den Mix und das Mastering ist diesmal Christof verantwortlich, der auch JBO mischt. Bei den Studioaufnahmen kam uns vor allem das Wissen über die Aufnahme und den Klang akustischer Instrumente von Peter Pathos Müller zu Gute. Er war es auch, der uns nach Nürnberg in sein Studio holte.

Wortspiel (das erste, was euch zu folgenden Begriffen in den Sinn kommt):
Corvus Corax – 5 Säcke für ein Hallelujah!
Schandmaul – Folkpop – die letzte Scheibe ist eindeutig zu lange
In Extremo – die Punks des Mittelalters
Subway to Sally – die Avantgarde des Mittelalters: Markante Stimme und vielschichtige Musik, sehr poetisch und zugleich kraftvoll
Spielmänner und Spielmannsleben – Wo sind die Spielfrauen???
Tradition oder Fortschritt – Die richtige Mischung ist das einzig Wahre
Plugged oder unplugged – Unplugged, also so richtig unplugged, ist etwas anstrengend, wenn das Publikum gerade keine Lust hat zuzuhören. Heavy ist halt schon geil!
Tokio Hotel – dort werden wir niemals einchecken!

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