Interview mit NecrosHorns

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Es gibt Fotos, die aus der Masse an Konzert- und Promobildern herausstechen, Fotos, an denen man unwillkürlich hängen bleibt, Fotos, die Fragen aufwerfen. „The Omen…“ ist ein solches Bild: Es zeigt Wraath, den Sänger der Black-Metal-Band Darvaza – in der Via Dolorosa in Jerusalem. Mit Fotograf NECROSHORNS haben wir über Schminken in der Seitenstraße, Militärpatrouillen und die richtige Brennweite gesprochen.

Du hast gemeinsam mit Björn alias Wraath (Darvaza) entlang der Via Dolorosa in Jerusalem einige sehr spezielle Fotos aufgenommen. Erzähl doch mal, wie kam es zu der Idee zu diesem Shooting?
Es war eine sehr kuriose Situation. Als ich für das Festival in Israel gebucht wurde, hatte ich die Idee, eine Session in der Via Dolorosa zu fotografieren. Es gab eine Band, die auf dem Festivals spielen sollte, und ich habe mal mit der Bemerkung vorgefühlt, wie spannend eine Foto-Session wäre, aber sie antworteten nicht. Später erzählte Björn mir dann von einem Shooting in Jerusalem, an einem Ort voller Menschen, und ich sagte sofort: Via Dolorosa! Also fingen wir an zu planen, wie wir es anstellen sollten.

„The Omen…“, © NecrosHorns

Was hat dich auf die Idee gebracht, gerade dort Black-Metal-Musiker fotografieren zu wollen?
Die Hauptidee war, etwas Blasphemisches und Provokantes zu tun, das noch nie zuvor gemacht wurde. Welcher Ort wäre dafür besser geeignet als der Weg, den Jesus zur Kreuzigung gegangen ist?

Wie seid ihr weiter vorgegangen, nachdem die Idee geboren war? Wie bereitet man sich auf ein solches Shooting vor?
Björn und ich sprachen ein wenig darüber, wie wir es machen sollten, wie wir einen Ort finden könnten, an dem wir uns fertigmachen könnten und wie wir dann vorgehen würden. Aber keiner von uns war vorher schon einmal dort. Die Idee war also sehr roh und abstrakt, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Auf dem Festival sprachen wir mit Tal, einem der Organisatoren,  und sagten ihm, was wir vorhatten. Er kommt aus Israel und war schon einige Male dort, also kennt er sich besser aus. Er sagte, das könnte möglicherweise riskant sein, und dann fragte er: „An welchem Ort wollt ihr es machen?“ und ich sagte: „Via Dolorosa“, woraufhin er antworte: „Oh, das wird nicht einfach werden“. Da wurde uns klar, dass wir möglichst schnell sein mussten. Wir mussten einen Weg finden, uns vorzubereiten und die Sekunden der „Verwirrung“ der Leute zu nutzen, um die Fotos zu schießen und den Ort wieder zu verlassen, bevor die Leute überhaupt merken, was wir da tun.

Unter Fotografen geht es nicht ganz ohne Gear-Talk: inwieweit hat diese besondere Location Einfluss auf die Wahl deines Equipments gehabt?
Endlich diese Frage! Ich habe schon viele Fotoshootings gemacht, also weiß ich gut, welche Ausrüstung ich für jede Situation brauche. Aber der große Unterschied ist, dass ich noch nie ein Shooting gemacht habe, bei dem ich nur einen Versuch hatte und keine zweite Chance. Wir sind vorher an dem Ort vorbeigegangen, haben ein Testfoto gemacht, ich kannte also bereits die Einstellungen für das Licht und habe mich für das Sigma Art 24/70 mm F2.8 entschieden. Manchmal fotografiere ich mit dem Sigma Art 50 mm F1,4, aber dieses Mal wollte ich die Freiheit haben, rein- oder rauszuzoomen.

Wie kann man sich den Ablauf des Shootings konkret vorstellen, gerade mit dem auffälligen Styling?
Wir hatten eine leere Seitenstraße gefunden, die wir für einen guten Ort hielten, um alles vorzubereiten. Es herrschte große Spannung, da in den Straßen ständig Militär patrouilliert, weil es dort oft zu religiösen Konflikten kommt, und ich wurde gewarnt, denen besser aus dem Weg zu gehen, da sie sehr voreingenommen sein können und wir sehr schnell hätten verhaftet werden können. Wir mussten also warten, bis sie ihren Posten verließen, der nur wenige Meter von dem Ort entfernt war, an dem wir fotografieren wollten.

„The Omen…“ (behind the scences), © NecrosHorns

An einem belebten Ort gibt es viele Unwägbarkeiten, auf die man sich vorab schlecht einstellen kann. Welche Situation habt ihr letztendlich vorgefunden? Gab es Probleme oder Aspekte, mit denen Du nicht gerechnet hattest?
Wir haben etwa 30 Sekunden gebraucht: Als wir in die Straße einbogen, lief Björn vor mir her und bedeckte sich. Als er sich umdrehte, war eine Frau mit zwei Kindern neben ihm, eines der Kinder zeigte auf Björn, und die Frau nahm das Kind und rannte weg. Da wurde mir klar, dass alles sehr leicht außer Kontrolle geraten konnte, also reagierten wir schnell, nutzten die Augenblicke der Verwirrung und verschwanden sehr schnell wieder von diesem Ort.

Wie haben die anderen Leute an diesem Ort auf euch reagiert?
Abgesehen von der Frau mit den Kindern, die ich bereits erwähnt habe, weiß ich es ehrlich gesagt gar nicht. Ich war in einem Zustand, in dem ich mich ausschließlich auf das Fotografieren konzentriert habe. Ich sah Schatten vorübergehen und habe versucht, sie auf dem Foto einzufangen. Aber das heißt nicht, dass ich realisiert habe, was da passiert ist. Erst als wir aufhörten und weggingen, habe ich bemerkte, dass wir von einer Menge Menschen umringt waren.

„The Omen…“ (behind the scences), © unbekannt

Black Metal an einem religiös so aufgeladenen Ort kann ja doch als ziemlich provokant wahrgenommen werden. Habt ihr euch vorab überlegt, welches Risiko ihr damit eingeht?
Die Grundidee dieser Aktion war, zu provozieren. Wir kannten das Risiko und haben unsere Sicherheit aufs Spiel gesetzt. Ich glaube, was uns zugute kam, war, dass wir einen Plan hatten. An einem solchen Ort weiß man nie, was passieren wird. In gewisser Weise hatten wir Glück, denn noch am selben Tag wurden wir in der Gegend angeschrien und beschimpft. Insgesamt ist Jerusalem in Ordnung, aber je näher man den religiösen Stätten kommt, desto mehr Spannungen gibt es.

Wie würdest du deine Gedanken und Gefühle vor, während und nach dem Shooting beschreiben?
Vorher war es das unsichere Gefühl, wenn man weiß, dass man etwas tun wird, das sehr schlecht ausgehen kann. Danach kam der Adrenalinschub.

Was für ein Feedback hast du auf die Bilder erhalten?
Die meisten Leute haben unsere Arbeit gut aufgenommen und wussten sie zu schätzen. Viele verstehen die Botschaft, die wir mit diesem Foto ausdrücken wollten, und sehen das Risiko, das dahinter steckt. Aber wie bei allem gibt es auch Leute, die Kritik üben: „Es war kein Risiko dabei und alles war inszeniert“. Ich finde diese Art von Kritik sehr lustig, denn wenn es nicht riskant sein soll – warum hat es dann in all den Jahren, die es Black Metal nun schon gibt, noch niemand gemacht? Es ist einfach, zu kritisieren, aber erstens: Diese Leute haben sich nicht getraut, etwas ähnliches zu machen – und zweitens: Sie waren nicht dabei. Insofern: Ich lade alle, die es sich zu Hause gemütlich gemacht haben, herzlich ein, das selbst zu versuchen. Es ist sehr einfach, von zu Hause aus Ratschläge zu geben … aber warum dann nicht handeln?

„The Omen…“, © NecrosHorns

Bist du selbst mit dem Ergebnis zufrieden?
Ich bin sehr zufrieden. Dieses Foto hat eine große Bedeutung für mich. Aber es ist nicht nur das Foto, es ist auch die Geschichte dahinter. Dass ist etwas, an das ich mich für immer erinnern werde.

Vielen Dank für das Gespräch.
Vielen Dank für euer Interesse und eure Unterstützung.

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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