Parov Stelar

  • München, Zenith
  • 17. März 2018

Der Hype um Elektroswing ist noch lange nicht vorbei. Ganz im Gegenteil: Zum wiederholten Male ist das Zenith in München Wochen vorher ausverkauft. Der smarte Österreicher PAROV STELAR hat eine Marktlücke besetzt, von der vor einigen Jahren noch niemand wusste, dass sie existierte. Die Mischung aus Elektrobeats und Sounds der goldenen 20er passt perfekt in die heutige Zeit, greifen doch Nostalgiebedürfnis und Begeisterung für alles Moderne perfekt ineinander. Sorgen und Probleme dürfen draußen bleiben, und das nicht nur metaphorisch: Während vor der Halle Schnee und Kälte wüten, tropft drinnen schon bald der Schweiß tanzender Menschenmassen von der Decke.

Vor eigentlichem Konzertbeginn erwartet das Publikum zwei junge DJs in schwarzen Shirts, deren Namen oder überhaupt Stimmen bis zum Ende des Auftritts unbekannt bleiben. Da ähnliche Beats in gemäßigterer Lautstärke direkt danach weitergespielt werden, um die restliche Wartezeit zu überbrücken, könnte man jetzt auch behaupten, diese Form der “Vorband” sei absolut sinnfrei. Einzig der Anblick der zwei Männer, die da so unauffällig wie selig und gechillt partnerschaftlich einen Kopfhörer teilen und zusammen Knöpfchen drehen, gibt dem Ganzen Unterhaltsungswert über die Musik hinaus.

PAROV STELAR selbst inszeniert sich als Person mastermind-untypisch ebenso unauffällig wie seine beiden Kollegen. Atmosphärisch dunkel und mystisch beginnt das zweistündige Spektakel mit Sängerin Cleo Panther im minimalistischen Scheinwerferlicht. Zu ihrer Rechten Schlagzeug und Gitarre, zu ihrer Linken Trompete, Sax und Posaune, und hinter ihr, über allem in einem Würfel thronend, PAROV STELAR selbst, im Schatten bleibend. Die Blechbläser schmettern immer wieder einen einzelnen tiefen Ton, bis der aufgedrehte Bass die Wände zum Wackeln bringt, und im Hintergrund rinnen grelle rote Lichtstreifen die Szenerie hinab. Geheimnisvoll flüstert Cleo “Zu Asche, zu Staub”, und die roten Scheinwerfer schwenken durch die Menge. Der Beat setzt ein – die Menge tobt. Ein wirkungsvoller Anfang für eine Show, die auf ein ganzheitlich audiovisuelles Erlebnis setzt. Und mit was könnte man besser beginnen, als mit Anleihen an das Titellied der deutschen Serien-Großproduktion “Babylon Berlin”, die 2017 in aller Munde war? Und ebenso wie der Hauptcharakter der Serie taumeln und tanzen die Zuhörer durch das Konzert, das keine Verschnaufspause lässt.
Mit “Hit Me Like a Drum” drehen die Musiker direkt am Temporegler und ziehen ordentlich an. Dabei ist nicht nur Cleos Stimme kräftig und präsent. Immer wieder stehen auch die anderen Musiker im Rampenlicht. Beeindruckende Soli von Trompete bis Schlagzeug, kraftvolle instrumentale Passagen der Brass-Kombo und virtuelles Zusammenspiel aller Komponenten mit den Sounds vom DJ-Pult wissen von A bis Z zu begeistern. Endlose Energie scheinen sie zu haben, und das Publikum lässt sich nicht zweimal bitten, hier mitzuziehen. Lied zwei, und die Stimmung kocht. Spätestens ab “Clap Your Hands” zeigt sich auch die ganze Macht des Bühnenaufbaus: Mehrere Leinwände im Hintergrund sowie die Seiten des DJ-Pult-Würfels beleuchten die sonst schwarze Bühne mit grellen Signalfarben, formen sich zu wilden Designs und Formen auf mehreren Ebenen und verkörpern die Kontraste innerhalb der Musik auch visuell. Die meistens nur als Silhouetten zu erkennenden Musiker bewegen sich in einem Raum aus Schattenspiel und greller Reizüberflutung.

Ungewöhnlich auch die Setlist: Trotz neuen Albums spielen PAROV STELAR nur eine handvoll neuer Tracks, und begehen dabei nicht den bekannten Fehler, sie alle an den Anfang zu packen. Wild zwischen die älteren Songs gemischt schütteln die etwas blues- und jazz-lastigeren Stücke den Sound ordentlich durch und sorgen für weitere Abwechslung. Dass bei Publikumslieblingen wie “Catgroove” oder “Grandpa’s Groove” die Begeisterung am Größten ist, ist natürlich gesetzt, dennoch bleibt das übliche Alt-Neu-Gefälle weitestgehend aus.
Als es dann mit “The Mojo Radio Gang” und “All Night” langsam zu Ende geht, fühlt es sich an, als wären nur wenige, aber sehr intensive Minuten vergangen. Dementsprechend holen PAROV STELAR mit vier Zugaben noch den letzten Rest an Energie aus dem fast nimmermüden Publikum und verabschieden sich simpel mit dem Abspielen ihres neuesten Musikvideos “Taking Over”, statt sich noch mehrfach zurück auf die Bühne holen zu lassen. Man hört eben auf, wenn es am schönsten ist.

Dass der mittlerweile weltweit bekannte DJ PAROV STELAR mit seiner Live-Band weiterhin auf einer Welle des Erfolgs reitet, ist wenig überraschend. Solche Konzerte muss man erst einmal abliefern können. Dass sie wiederkommen, dass sie das Zenith wieder füllen, darüber muss sich sicher kein Fan Sorgen machen. Dass man ein Ticket ergattert – darüber schon eher. Der Ansturm ist berechtigt, und wer es noch nicht getan hat, sollte das nötige Kleingeld einfach mal in die Hand nehmen und sich diese Show ansehen. Wer sich hier nicht mitreißen lässt, hat wohl einfach Beton an den Füßen.

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