Rock Harz Festival 2012

  • Ballenstedt
  • 12. Juli 2012

Ein schlagkräftiges Billing, ein günstiger Termin, ein mutmaßlich ordentlicher Veranstaltungsort in einer schönen Gegend und eine überschaubare Größe – so lassen sich die wesentlichen Argumente zusammenfassen, die uns dieses Jahr aufs ROCKHARZ Open Air fahren ließen. Drei Tage ordentlich auf die Glocke bekommt man in Deutschlands Nordhälfte sonst nur auf dem seit Jahren unerträglichen W:O:A geboten, und so geht die Fahrt also an den Ostrand des berühmten Mittelgebirges. Gegen späten Vormittag erreicht unser Fahrzeug also Ballenstedt, besser gesagt den Flugplatz im Ortsteil Asmusstedt.
Der Campingplatz ist schnell und unkompliziert eingenommen und in Windeseile sind wir mit allem Wichtigen auf dem Festivalgelände vertraut. Verspricht der Wetterbericht auch einiges Unheil, sollen wir an diesem Wochenende doch immer Glück im Unglück haben. Auch der Zeltaufbau bleibt im Trockenen.

Den ersten Gang zu den Bühnen treten wir gegen 15.30 Uhr an. Die Aufteilung mit der Rock Stage und gleichberechtigten Dark Stage, abwechselnd und ohne Überschneidungen wie in Wacken, gefällt. Auch die sinnvolle Raumplanung, die wenig Überfüllung zulässt, fällt während RED FANG positiv ins Auge, während der Sound schon zu diesem Zeitpunkt – wie während des ganzen Festivals – keine Wünsche offen lässt.
Der Stoner Rock aus den USA eignet sich gut zum Warmwerden. Ich bin kaum vertraut mit dem Material, kenne eigentlich nur zwei sehr witzige Musikvideos der bärtigen Jungs aus Oregon. „Prehistoric Dog“ scheint den größten Bekanntheitsgrad des Songmaterials der Band zu haben und wird als Rausschmeißer des 40-minüten Sets gespielt. Nicht spektakulär, aber groovy und griffig liefern RED FANG eine ansprechende Performance ab.

Nun fließt reichlich Dosenbier auf dem Zeltplatz, denn es herrscht ja irgendwie vernünftiges Glasflaschenverbot. Mit so manchem dänischen Øl im Kopf geht es zu PAIN. Peter Tägtgrens Soloprojekt gilt allerorten als Spaßgarant, was ich durchaus zu glauben bereit bin. Wenngleich ich außer „Shut Your Mouth“ kaum einen Song mitzusingen vermag, reißen die Schweden mich und meine Gesellschaft von Anfang an mit. Geschwader von Crowdsurfern heben auf dem Flugplatz ab und auch ich darf mir – nicht ganz freiwillig – die Welt von oben ansehen. Ein Riesenspaß, ausgelassene Stimmung im Publikum und eine spielfreudige Band auf der Bühne.
Natürlich fehlt der Metalszene vielleicht häufigster Handy-Klingelton nicht, „Shut Your Mouth“ als letzter Song mobilisiert noch einmal alle Reserven. Tägtgren und PAIN wirken zufrieden, wir sind es auch.

Am späteren Abend, nachdem noch weit mehr Bier den Weg in die Kehlen gefunden hat, schaue ich einmal bei SEPULTURA vorbei. Auch als bekennender Verächter von Thrash Metal will ich einen Blick auf den ersten Headliner riskieren. Die Brasilianer sollen ja ihre beste Zeit hinter sich haben, was ich weder bestätigen noch verneinen mag. Meine Erinnerungen an den Gig sind nicht mehr die allerfrischesten, irgendwann nach „Chaos AD“ bin ich wohl gegangen. Positive Erkenntnis: Es ist beim Höhepunkt des Donnerstags zwar voll, aber nie unangenehm enges Gedränge.

Einem strammen Durst fallen Rage zum Opfer. Mein Donnerstag endet, da ein zorniger alkoholischer Hammer herniederfährt, doch sehr früh. Ein fieser Schädel am nächsten Morgen zeugt davon, dass es wohl doll gewesen sein muss.
Glücklicherweise soll der Freitag ruhig beginnen. Wir nutzen die lange Pause bis zu ersten sehenswerten Band, um die Gegensteine, einen Ausläufer der Teufelsmauer, zu er“wandern“. Der halbstündige Fußmarsch ist wegen des steilen Anstiegs wesentlich fordernder als gedacht, doch reizt er das ganze Festival über immer wieder Besucher. Die Steinformation ist gut besucht und die frische Luft sorgt dafür, dass das Bier bald wieder schmeckt. Dass uns der Rückweg über eine Schießanlage führt, wo uns beinahe die Kugeln um die Ohren fliegen, ist schon wieder lustig.

Erst gegen frühen Nachmittag zieht es uns zu XIV DARK CENTURIES. Die Thüringer haben ein aktuelles Album im Gepäck, und so geht es wenig überraschend mit Songs von „Gizit dar faida“ los. Wie immer sind Michel und seine Mannen in frühmittelalterlicher Tracht auf den Brettern, während sie die Musik der Hermunduren auf Ballenstedt loslassen. Größter Kritikpunkt an dem Auftritt ist kein neues Phänomen: Trotz seiner im Studio schönen Stimme vermag es der Sänger der Band nicht, voluminös auf der Bühne zu klingen. So bleiben der Song „Schlachtgesang“ und manche andere weit hinter ihren Möglichkeiten.
Ansonsten aber liefern XIV DARK CENTURIES einen soliden Auftritt ab. Es ist zwar nur mäßig voll und das Wetter kann sich nicht recht entscheiden, doch die Thüringer ziehen ihr Ding sauber durch. Zum Ende führt Michel noch eine kurze Demonstration durch, dass Sax und Schild auf der Bühne nicht bloß reine Deko sind. Auch zum rhythmischen Klatschen eignen sich die Waffen!

Spielfolge XIV Dark Centuries:
Westwärts
Zeit der Rache
Schlachtgesang
Runibergun
Skithingi
Brennen soll das alte Leiden
Surtur erwacht
Falsche Propheten
Auf zur Schlacht
Bragaful

Nachdem sich die beiläufig gehörten Black Sun Aeon als gute Chillout-Musik erweisen, kommen wir ein paar Minuten nach Beginn bei COPPELIUS an. Um die „Kammercore“-Band hat sich ein schöner Hype entwickelt, der eng mit der boomenden Steampunk-Szene in Verbindung stehen dürfte. Die feinen Herren in edlem Zwirn samt Butler Bastille setzen sich mit einer hochgradigen Professionalität so gekonnt in Szene, dass man besser von Musiktheater als von einem bloßen Konzert sprechen darf.
Während Klarinette und Kontrabass in gewohnter Manier Songs zwischen Iron Maiden und Eigenkompositionen kredenzen, bieten die Musiker ein gewohnt herrliches Schauspiel. Viel Witz begleitet den Auftritt der Berliner Exzentriker. Gegen Ende der Spielzeit gelingt es COPPELIUS auch mit wenigen Ausnahmen, das Publikum sich hinsetzen zu lassen. Ein paar „Unbelehrbare“ trüben den spaßigen Anblick nicht. Natürlich gibt es „Da Capo“, natürlich heißt es: „Coppelius hilft“.

Als kleiner Zwischenstopp vor dem nächsten größeren Vorhaben schauen wir bei BEFORE THE DAWN vorbei. Erst kurz vor Schluss angekommen, liefern die Finnen aber eine schöne Vorstellung ab. Der Sound, den ich von den ersten beiden Album noch als sehr seicht in Erinnerung habe, ist wohl nicht zuletzt durch die Abmischung des Festivals recht handfest geworden. Steht einmal nicht ganz so viel anderes auf dem Plan, werde ich der Band sicher nochmal etwas mehr Aufmerksamkeit schenken.

Trotz bereits 25-jährigen Bestehens erleben PRIMORDIAL derzeit einen erneuten Aufschwung. Mit jüngst mehreren starken Alben sind die Iren eine der Bands der Stunde, wenn es um Pagan Black Metal geht. Nachdem mich Nemtheanga & Co. im Februar endlich restlos von ihrer Qualität überzeugten, steht der heutige Auftritt den bisherigen in nichts nach. Die großartige Songauswahl, getragen vom wie immer hervorragenden Sound, sorgt dafür, dass selbst bei kläglichem Sonnenschein des Nachmittags allen schön kalt und finster ums Herz wird.
Die Bühnenpräsenz eines Alan Averill noch weiter zu preisen, ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Hier fällt mir nur auf, dass es eigentlich unfair ist, wie der Sänger seine Bandkameraden permanent in den Schatten stellt. Doch auch die überzeugen auf ihre Weise. PRIMORDIAL treffen jedenfalls ungeachtet des heiteren Nachmittages mitten ins Mark, lange nach dem letzten Song suchen wir auf dem Zeltplatz noch nach „dem kämpfenden Mann“.

Spielfolge Primordial:
No Grave Deep Enough
Rome Burns
Lain With The Wolf
Bloodied Yet Unbowed
The Coffin Ships
Empire Falls

Mit gebührender zeitlicher Vorsicht machen wir uns bald nach 22 Uhr auf den Weg, um mit BLIND GUARDIAN den Headliner des Freitags und sicher des ganzen Festivals zu erleben. Einige Reste von ASP auf der Nebenbühne sind noch erkennbar, dort läuft eine beachtliche Feuershow.
Die Ungeduld auf die Krefelder Power Metal-Heroen wächst schier ins Unermessliche, ist die Band doch nicht nur ein unbeschreibliches Stück Musikgeschichte, sondern auch nicht gerade auf jeder Bühne zu sehen. Ähnlich wie bei der jüngsten Tour geht es erwartungsgemäß mit „Sacred Worlds“ los – kaum ein Vergleich jedoch zu den Songs der älteren Phasen. Das Set, immer ein Zankapfel zwischen den Fanlagern, lässt natürlich Wünsche offen, erfüllt aber auch andere. „The Last Candle“, „A Past And Future Secret“ und „Majesty“ zählen für mich zu den Höhepunkten, jeder andere Anhänger mag seine haben.
Seit langem mal wieder ohne Videos auf der Bühne, machen Hansi, André, Marcus und Band eine vergleichsweise minimalistische Show. Das Publikum hingegen hat Bewegungsdrang, zahlreiche Crowdsurfer erscheinen mir zu dieser Musik nur mäßig angebracht. Doch nicht einmal ein (glücklicherweise harmloser) Kreislaufkollaps in unserer Gruppe können den durchweg guten Eindruck trüben – dieser findet schließlich mit bestem Timing, nämlich erst in den Schlussakkorden statt.

Spielfolge Blind Guardian:
Sacred Worlds
Welcome To Dying
Nightfall
Fly
Time Stands Still (At The Iron Hill)
A Voice In The Dark
The Last Candle
Valhalla
A Past And Future Secret
Imaginations From The Other Side
Majesty
The Bard’s Song (In The Forest)
Mirror Mirror

So ging denn auch der zweite Festivaltag zu Ende. Samstag wiederum beginnt recht früh, da das ROCKHARZ und das sogenannte iRock-Netzwerk zu einer Pressekonferenz geladen hat. Über das gespenstisch leere Festivalgelände kommen wir zum VIP-Zelt, wo Veranstalter Thorsten Kohlrausch zusammen mit Marketing-Mitarbeiter Jens Martin Baumgartner und mehreren Vertretern anderer iRock-Partner sprechen. Das Festival ist zum ersten Mal seit Bestehen ausverkauft, erfährt man, knapp 10.000 Besucher hat es nach Ballenstedt verschlagen. Am Donnerstag hat es einen Zwischenfall bei Hatebreed gegeben, wo ein Generator-Ausfall das Set für eine halbe Stunde unterbrach. Davon abgesehen sei man sehr zufrieden mit dem Ablauf des Festivals, das die nächsten drei Jahre nicht weiter wachsen soll. Zunächst wolle man in dieser Größenordnung bleiben und nach mehreren Jahren Wachstum erst einmal kein Risiko eingehen, so Kohlrausch.
Auch die verschiedenen iRock-Partner haben interessante Dinge zu erzählen. Das Netzwerk, zu dem auch das Summerbreeze gehört, tauscht Erfahrungen und neue Ideen zu Open Air-Festivals aus. Logistik, Technik, Optimierung der Abläufe und vieles mehr sind Bestandteile der Kooperation. Während dem Produzenten Sascha Paeth (Edguy, Rhapsody of Fire, Angra uvm.) derzeit das In-Ear-Monitoring seiner Klienten am Herz liegt, geht es anderen um eine vollautomatische Bierzapfanlage. Klar, was besonders viel Resonanz auf der Pressekonferenz findet.

Nach ein wenig Stärkung stehen SKYFORGER gegen Mittag auf unserem Zettel. Mäßig begeistert vom aktuellen Album „Kurbads“ freue ich mich dennoch wie Bolle auf die seltenen Besucher auf deutschen Bühnen. Tatsächlich wird der Auftritt der Letten zu einer Überraschung. Bin ich es sonst gewohnt, die Balten mit dem Folk-Instrumentalisten Kaspars zu sehen, fehlt dieser heute ersatzlos. Die neueren Songs leben allerdings von diversen altertümlichen Instrumenten, die aber keineswegs vom Band kommen. Die Band spielt schlichtweg alle Flöten- und Pfeifenmelodien mit der Gitarre, was vor allem dem „Kurbads“-Material einen noch eigenwilligeren Sound verpasst.
Auch sonst hauen Peteris, Egons und die beiden Edgarse ganz schön was raus. Der Klang irrsinnig knallig, genau wie er für den Thrash-lastigen Pagan Metal sein muss. Auch wenn der Raum vor der Bühne schlecht gefüllt wird, begeistern SKYFORGER auf ganzer Linie, wozu auch Peteris‘ sympathische Ansagen in schwer verständlichem Englisch beitragen. Mit „Migla Migla Rasa Rasa“ und „Gada isaka nakts“ endet der Gig, der eine Menge Gehirnzellen gekostet haben dürfte.

Gleich im Anschluss spielen GERNOTSHAGEN nebenan. Ein paar Songs lang wohnen wir dem Auftritt bei, bis es uns in eine nahegelegene Entspannungszone des großen Tabak-Sponsors zieht. Die Thüringer sind meines Erachtens nicht unbedingt etwas für die Bühne, denn der Keyboard-gesättigte Sound ist zwar durchaus atmosphärisch, aber gerade im Vergleich zur Vorgänger in der Running Order viel zu künstlich. Eine Menge Samples kommen offenbar vom Band, dazu post Sänger Askan etwas zu viel.
Immerhin, GERNOTSHAGENs Sound gefällt, auch wenn ich der Band nur noch mit dem Ohr folge. „Freyas Schoss“ und „Einsam“ vom aktuellen Album „Weltenbrand“ stellen in musikalischer Hinsicht einen gemeinsamen Höhepunkt des Auftritts da. Wie aber bei den Nachbarn XIV Dark Centuries leidet der Klang durch einen Sänger, der im Studio weitaus mehr drauf hat als live.

Spielfolge Gernotshagen:
Offenbarung
Weltenbrand
Thursenhain
Widars Klagesturm
Freyas Schoss
Einsam
Dem Skirnir zu Ehren

Nun geht es schlag auf Schlag. Etwas verspätet treffen wir bei SUIDAKRA ein, die, wie zu erwarten war, mit Songs vom aktuellen „Book Of Dowth“ loslegen. Obwohl unsere Erwartungen an die Band um Namensgeber Arkadius nicht besonders hoch sind, überzeugt die Gruppe durchaus. Spielfreude ist unübersehbar und auch die Songauswahl enthält keinen Fehlgriff. Wenngleich es mir wenig behagt, dass die Wall Of Death-Sitte hier zu „Dead Man’s Reel“ Einzug hält, soll das den Gesamteindruck nicht trüben. Mit „Stone Of The Seven Suns“ wird Bassist Marcus nach zehn Jahren SUIDAKRA verabschiedet, was angesichts des doch beachtlichen Bandkarussells wenig Tränen kullern lässt.
Kleiner Kritikpunkt wäre die doch sehr geringe Berücksichtigung der älteren Alben, doch so ist es bei kurzen Festival-Gigs. Immerhin gibt es „Wartunes“ als letzten Song, zudem sich stilecht die Wolken öffnen und ein paar Tropfen verlieren. Man bemerke, dass es das einzige Lied ist, zudem wir etwas nass auf diesem Festival werden.

Spiefolge Suidakra:
Over Nine Waves
Dowth 2059
Pendragon’s Fall
9th Legion
Dead Man’s Reel
Isle Of Skye
Stone Of The Seven Suns
Balor
Wartunes

Mit noch geringeren Erwartungen wollen wir bei TÝR vorbeischauen. Beim letzten Auftritt, den wir von den Färinger sahen, enttäuschte die Band auf ganzer Linie. Heute haben Heri und seine Männer offenbar einen besseren Tag erwischt, auch wenn der Besucherandrang überschaubar bleibt. Klar, TÝR sind keine so gute Liveband, dass man sie jedes Mal sehen müsste, wenn sie wieder einmal irgendwo spielen. Spektakulär ist zwar etwas Anderes, doch an diesem Samstagnachmittag macht der angeproggte Power Metal vom Nordatlantik durchaus Laune, sodass wir vor der Bühne hängen bleiben.
Besondere Vorkommnisse ereignen sich nicht. Man spielt Songs mit deutlicher Schlagseite zu jüngeren Alben, beschränkt sich bei den Ansagen aufs Nötigste – bis auf das selbstironische „We’ve got a few songs with hammers“ das auf die zahlreichen Songtitel mit dem Werkzeug anspielt. Zu meiner Freude werden diesmal muttersprachliche Lieder und Traditionals nicht aus dem Set verbannt, auch wenn mein geliebtes „Regin Smiður“ wieder fehlt. Kurzum, eine deutliche Steigerung zur „Dead Tyrants“-Tour im November, aber eine Live-Macht werden die Färinger wohl nicht mehr.

Spielfolge Týr:
Flames Of The Free
Shadows Of The Swastika
Hall Of Freedom
Sinklars Vísa
Tróndur í Gøtu
Evening Star
Hold The Heathen Hammer High
By The Sword In My Hand
The Lay Of Thrym

Nun ist für uns erst einmal eine längere Pause, denn die Nacht soll länger werden. Dass man aber KNORKATOR mal gesehen haben sollte, das ist wahrscheinlich eine Art Gesetz. Und so geht es gegen halb zehn vor die Bühne zum dreiteiligen Endspurt des diesjährigen Rockharz.
Nun, dem geringen Ernst von „Deutschlands meister Band der Welt“ entsprechend, sind auch wir nicht mehr ganz auf der Höhe. Über die Setlist kann ich, auch aus schlechter Kenntnis der Diskografie, wenig Worte verlieren. „Der ultimative Mann“ war anfangs wohl dabei, außerdem „Klonen“. Dass Stumpen die Fotografen, die er alle auf die Bühne bittet, dann mit einem „Verpisst euch“ verabschiedet, spricht Bände. Ebenso ist die Aufforderung, alle Crowdsurfer nach hinten statt nach vorne zu schicken, ein großer Grund zum Schmunzeln.
Höhepunkt des Knorkator-Auftrittes wird allerdings, als der halbnackte Stumpen „sieben dicke Männer“ zu sich auf die Bühne holt, um dann angezählt auf die Bäuche der liegenden Fans springt. Die Stimmung kocht, besser geht musikalischer Nonsense auf einem Metalfestival kaum!

Mit dem letzten Headliner des Rockharz geht es direkt weiter. Freilich, wer AMON AMARTH noch nicht live gesehen hat, hat entweder kein Interesse oder ist erst seit sehr kurzer Zeit mit harten Klängen im Bunde. Nun denn, wann immer ich die Schweden sah, fühlte ich mich prächtig unterhalten. Heute aber spielen die Wikinger doch etwas zu routiniert, als dass ich von einem Spitzenkonzert sprechen könnte. Der große Erfolg des Fünfers ist der Band natürlich nicht verborgen geblieben, und so nehmen Johann Hegg & Co. jeden Enthusiasmus des Publikums auch als recht selbstverständlich an. Die Fülle vor der Bühne ist für mich allerdings eher Stimmungshemmnis als förderlich, so ziehe ich mich bald etwas zurück.
Aus der Ferne betrachtet spielen AMON AMARTH einen gewöhnlichen, soliden Auftritt. Es gibt reichlich Pyro-Effekte, Songs, die wenig überraschen – „Fate Of Norns“ und „Under The Northern Star“ vielleicht ausgenommen – und natürlich kreisende Schädel auf den Brettern des Rockharz. Im Publikum jedoch könnten mehr Haare fliegen, finde ich. Es ist sehr schade, dass sowohl das Album „The Avenger“ als auch „The Crusher“ komplett ausgespart werden, aber dies ist angesichts eines schon bald folgenden Konzerts im August zu verschmerzen.

Spielfolge Amon Amarth:
War Of The Gods
Runes To My Memory
Destroyer Of The Universe
Death In Fire
Live For The Kill
Cry Of The Black Birds
Fate Of Norns
Pursuit Of Vikings
Under The Northern Star
Varyags Of Miklagaard
For Victory Or Death
Victorious March
Twilight Of The Thunder God
Guardians Of Asgard

MOONSORROW hingegen stellen ihrerseits ein Naturgesetz auf. So widrig die Bedingungen, so spät die Stunde, so lahm das Publikum – einen schlechten Auftritt können die Finnen einfach nicht spielen. Wenngleich sich vor den Pagan Metal-Helden nur noch wenige Reihen bilden, die auch allesamt nicht mehr viel mitziehen, bläst die Band mal wieder alles weg. Einen würdigeren Festival-Ausklang kann man sich bei solcher Wucht von der Bühne kaum wünschen.
Zumindest mein Schädel kriegt sich kaum mehr ein, als sich der abermals fantastische Sound sich in jede Gehirnwindung bohrt. Und auch, wenn MOONSORROW selbst nicht viel daran tun, außer ihre überlangen Songs in die Nachtluft stürmen zu lassen, schiebt sich Gänsehaut über Gänsehaut. Mit „Kivenkantaja“ haben die Finnen einen der wenigen mitsingbaren Songs im Gepäck, der von den noch Anwesenden gut aufgenommen wird. Und wie vor einigen Monaten in Hamburg schließt das Set mit „Kuolleiden Maa“ und flackerndem Licht, womit der absolute Höhepunkt eines großartigen Auftritts erreicht ist.

Spielfolge Moonsorrow:
Ukkosenjumalan Poika
Muinaiset
Huuto
Kivenkantaja
Sankaritarina
Kuolleiden Maa

Und dann ist Stille. Freilich ist das Festival nicht mit der (vor-)letzten Band zu Ende, viele feiern noch bis kurz vorm Umfallen. Wir aber lassen es gut sein und resümieren ein wunderbares Festival. Das Rockharz 2012 ließ insgesamt wenig Wünsche offen. Die Bands waren super, die Organisation professionell reibungslos. Auf das mäßige Wetter mit zahlreichen Schauern und streckenweise enormen Wind reagierten die Verantwortlichen richtig, streuten Holzspäne auf die matschig werdenden Wege und spannten die Bühnen ab. Auch das Publikum war weit weg von dem Grauen, das sich auf den großen Festivals der Republik auftut. Weder erbärmliche Leichen noch Menschen, die nur auf anderer Leute Kosten ihre Späße machen können, begegneten uns.
Über die Preise vor Ort lässt sich mit gewisser Festival-Erfahrung wenig schimpfen. Zarte Kritik darf man über die relativ mager aufgestellten Dixi-Toiletten und die zu laute Schnapsbude am Eingang des Geländes üben, letztere übertönte aus ungünstiger Position manchmal die Bühne. Sonst aber bleibt das 19. Rockharz als Rundum-sorglos-Veranstaltung in Erinnerung, der wir gern zum Jubiläum wieder einen Besuch abstatten möchten.

Unter Mitarbeit von Laura-Ronja Ledig (Gastredakteur)


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