Staubkind w/ Ohrenpost

  • München, Freiheiz
  • 11. Mai 2018

„Zuhause“ fühlen sich STAUBKIND im akustischen Bereich wie auch in München, fernab von Berlin, der Wahlheimat von Frontmann und Mastermind Louis Manke. Ein Teil der Stücke des 2013er Akustik-Werks „Wo wir zu Hause sind“ wurde im Backstage aufgenommen, nur wenige Kilometer vom Freiheiz entfernt. Dort feiern die fünf Musiker ihre akustische Rückkehr in die bayerische Metropole. Das alte Backsteingebäude ist an diesem Freitagabend nicht ganz ausverkauft, doch das hält STAUBKIND nicht davon ab, die Menge über zwei Stunden aus der Realität zu entführen.

Als Support haben die Berliner die Münsteraner OHRENPOST im Schlepptau, die an diesem Abend als Duo auftreten. Alternativ spielt die Band auch mit Bass und Schlagzeug. Als Zwei-Frauen/Singer-Songwriter-Combo entwickelt sich der Auftritt schnell zu einer mauen Darbietung, da besonders die in die deutschpoppigen Melodien eingeflochtenen Texte bzw. Geschichten nicht so recht funktionieren wollen. Exemplarisch sei dafür „Schere, Stein, Papier“ genannt, das noch dazu bedeutungsschwanger inszeniert wird. Ja, das Spiele „Schere, Stein, Papier“ bekommt eine Tiefe verpasst, die es bei genauerer Betrachtung schwerlich hergibt. Chrissi am Mikro kann zweifelsfrei singen, doch begleitet von Sarah an Gitarre oder Keyboard ist das Ergebnis letztlich nur radiogeeignet, aber unrund, kompositorisch wenig mitreißend und lyrisch fragwürdig.

Nach kurzer Umbaupause und dem Auftakt „Immer wenn es anfängt“ formuliert Ober-STAUBKIND Louis früh seine Mission für den Abend: Zwei bis drei Stunden will er seinen Gästen eine Auszeit gönnen und sie aus ihrem Alltag holen. Nach rund 135 Minuten ist er der Hauptgrund dafür, warum dies gelingt. Stimmlich stark und charismatisch überragend drückt er dem gesamten Konzert seinen Stempel auf, ohne sich dabei unangenehm in den Mittelpunkt zu rücken. Am Ende besteht kein Zweifel: Louis Manke ist STAUBKIND. Seit den Anfängen treu an seiner Seite spielen Tieftöner Bassty und normalerweise auch Drummer Friedel. Dieser ist auf der aktuellen „Wo wir zu Hause sind“-Reise allerdings aus privaten Gründen entschuldigt. Sein Ersatzmann schlägt sich tadellos. Gleiches gilt für die beiden Damen an Geige und Cello, die gezielte Akzente setzen und mehr als nur schmuckes Beiwerk darstellen. Optisch erinnert Manke mit schwarzem Anzug und Krawatte an den Grafen von Unheilig. Der Name der Band fällt auch mehrfach während der Show und wie beeinflusst besonders die letzten Werke von den Gastauftritten STAUBKINDs im Vorprogramm von Unheilig sind, beweist unter anderem die aktuelle Single „Deine Zeit“. Diese könnte eins zu eins auf einem Album des Grafen zu finden sein. An Stücken wie diesen wird deutlich, wie schmal der Grat zwischen Klischee-Pop und authentischem Pop-Rock im Unplugged-Gewand ist. Die Setlist mit vielen aussagelosen Plattitüden als Songtitel liest sich wie eine Auswahl von Andrea Berg oder Andreas Bourani – die Seele dahinter liefert einzig und allein Louis selbst. Untermalt und verstärkt wird seine Leistung durch hervorragenden Sound, stimmiges Licht und punktuell eingesetzte Pyroelemente.

Dadurch funktionieren sowohl das Gesamtkonstrukt als auch viele Songs in eben jenen Konzertmomenten, an denen sie platziert sind. Einzig die Identität der einzelnen Stücke geht zwischen all der Realitätsflucht, dem Wünschen und dem Träumen verloren. Dafür sind die Botschaften dann doch meist zu austauschbar. Vor „Mit Kinderaugen“ spricht Louis davon, dass Mütter bzw. Erwachsene sich häufiger von ihren Smartphones lösen sollten, um wieder die schönen Kleinigkeiten dieser Welt zu entdecken. In diesen Momentrn zu widersprechen, fällt schwer. Doch der Mann am Mikrofon hat mehr zu bieten als allgegenwärtige Weisheiten aus dem Leben und berichtet nach einem Texthänger spontan davon, wie er seinen Text-Bühnenordner kurz vor einem Gig nicht finden konnte und auch ohne die gedruckte Absicherung fehlerfrei blieb. Seitdem verzichtet er auf ausführliche analoge Hilfe, somit ziert auf der aktuellen Tour nur ein Textblatt den Bühnenboden. Louis‘ Ausführungen bleiben stets glaubwürdig, auch wenn er davon berichtet, dass Staubkind einem Fan im Rollstuhl „Fliegen lernen“ ermöglichen wollen und sich an einer Spendenaktion für ein behindertengerechtes Auto beteiligen. Was im weiten Pop-Zirkus oft wie affektiert und berechnend inszeniertes Beiwerk daherkommt, verkauft Louis als seine Herzensangelegenheit. Der gelernte Kinderpfleger und Erzieher erweist sich als Menschenfänger, egal ob Summer-Breeze-Gänger oder das kleine Mädchen, welches im Zugabenblock für „So nah bei dir“ und „Wunder“ mit auf die Bühne darf. Zwischenzeitlich trommelt Louis die Menge selbst ein und verwandelt die bestuhlte Location in ein stimmungsvolles Stehkonzert, bei dem alle mehr oder weniger im Takt stampfen. Mit „Alles was ich bin“ kommen STAUBKIND schließlich zum vorübergehenden Ende ihres Konzerts und in seiner Ansage versprüht der Kopf hinter dem Fünfer spürbare Dankbarkeit für alles, was er sein darf und hier präsentiert.

„Das Beste kommt noch“ bildet den verheißungsvollen Abschluss des Sets. Rein musikalisch darf dies bezweifelt werden, dafür haben sich STAUBKIND sehenden Auges zu sehr von ihren düsteren Wurzeln der Anfangsjahre entfernt und auch von der 2013er Tour im akustischen Gewand, von der nur vergleichsweise wenige Songs den Sprung in das aktuelle Set schaffen. Der aktuelle Schlager-Rock-Pop-Mix dürfte daher auch am besten akustisch zu genießen sein – wenn Streicher die simplen Melodien bereichern und alles einfach ein wenig lebendiger wirkt als viele der dazugehörigen Studioaufnahmen. Dass das Konzept von „Wo wir zu Hause sind“ aufgeht, beweist das bunt gemischte Publikum, das an diesem Abend sichtlich zufrieden und glücklich die Halle verlässt, ehe der Alltag am nächsten Morgen wieder zuschlägt. 

Fotos: Janina Stein

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