Festivalbericht: Tanzt! 2010

14.11.2010 Kufstein, Kulturfabrik

Hinter der einfachen und doch passenden Aufforderung „Tanzt!“ versteckt sich ein kleines mittelalterliches Festival, welches bereits seit drei Jahren im österreichischen Kufstein stattfindet. Der Fokus des Veranstalters BB Events e.V. liegt dabei weniger auf traditioneller Marktmusik und den alteingesessenen Szenegrößen, sondern viel eher auf den vielversprechenden Newcomern im Bereich des Folkrocks und Mittelaltermetals. Im Jahr 2010 umfasste das Tanzt!-Lineup die Bands CANTUS LEVITAS, IGNIS FATUU, CUMULO NIMBUS, VROUDENSPIL und NACHTGESCHREI.
Die Kulturfabrik (kurz: Kufa) in Kufstein versprüht im leeren Zustand den Charme einer Turnhalle aus der Vorkriegszeit, doch war die Größe absolut zweckdienlich für das insgesamt kleine Festival mit ca. 250 Besuchern. Besonders die drei Bands aus dem bayerischen Raum profitierten dabei von ihrem lokalem Support und dürften als die Gewinner des Abends gesehen werden, wohingegen Nachtgeschrei als Headliner insgesamt enttäuschten. Aber der Reihe nach:

Die Heilbronner/Heidelberger Folk Metal Kombo CANTUS LEVITAS hatten die relativ undankbare Aufgabe, den langen Festivalabend bereits um 19 Uhr zu eröffnen. Sichtlich bemüht und engagiert versuchten Sänger Knaus und seine durchweg männlichen Mitmusiker, die noch etwas karge Menge in (folkige) Wallung zu bringen, doch so richtig mochte ihnen das nicht gelingen. Nur sehr spärlich stiegen ein paar Auserwählte auf die insgesamt zu wenig mitreißenden Klänge ein, ganz egal ob Eigenkompositionen oder neuvertontes traditionelles Liedgut wie „Douce Dame Jolie“. „Jahrelang ward ich immer nur gejagt, verspottet, gegeißelt und gebrannt. Hinter mir lass ich alles was mich hält, Jede Sitte, jede Regel, jedes Land…“ – diese und viele ähnliche Textpassagen trug die noch relativ junge Kombo bereits auf die Straßen mehrerer europäischer Länder, u.a. Spanien und Frankreich. Eine wertvolle Erfahrung, denn Nervosität oder Lampenfieber suchte man vergebens. Leider war der musikalisch große Wurf bis jetzt ebenfalls nicht dabei.

01. Aus dem Leben
02. Thorrablot
03. Windkreis
04. Lenore
05. Sonnenköni
06. In den Flammen
07. Douce Dame Jolie
08. Stille Nebel
09. Veni Veni Venitas
10. Plankensprung

Wie man es besser macht (und vor allem: wie man einen beengten Raum teilweise in einen feiernden Hexenkessel verwandelt), bewiesen die Erlanger IGNIS FATUU im Anschluss. Mit gehörig Rückenwind von den mitgebrachten Fans rockte und folkte sich die bunte Truppe durch ihr knapp 45-minütiges Programm, größtenteils bestehend aus dem bis dato einzigen Album „Es werde Licht“. Nie zu hart, aber auch nie zu weich, luden die überwiegend fröhlichen Folkrhythmen auf Dudelsack, Geige und Drehleier zum Mittanzen, Mitsingen und auch Reinhören ein. Dabei punkteten Ignis besonders mit ihrer Natürlichkeit, anstatt ein aufgesetztes Image zu verkaufen. Der gesamte Auftritt erinnerte dabei an die sehr frühen Schandmauljahre voller Geschichten, Mythen und Sagen über Drachenreiter und Spielmänner in modernem Folkgewand. Einzig Sänger Alex sollte sich gesanglich nicht an zu großen Quantensprüngen versuchen.

01. Intro
02. Nordwind
03. Zeit
04. Dein Stern
05. Auf der Flucht
06. Drachenreiter
07. Spielmann
08. Frühlingsreigen

Etwas weniger Folk, dafür mehr Metal und härtere Riffs, boten CUMULO NIMBUS aus der Nähe von Augsburg (Landsberg am Lech). Es ist gut über 5 Jahre her, dass ich die Band zuletzt live sah, und die erkennbaren Veränderungen sprechen für die Entwicklung der Truppe. Neben kleineren Umbesetzungen wurde bereits beim ersten Blick auf Sänger Mathis Mandjolin deutlich, dass hinter der dargebotenen Musik eine Konzeptidee steckt, die es so 2004 noch nicht gab. „Totensonntag“ heißt das aktuellste Werk aus dem selbst betitelten Bereich des Renaissance-Metal und mit eben jenem Titeltrack sowie einer überraschend starken Bühnenpräsenz könnten die Musiker Nahe an der Grenze zu ihrem Heimatstaat punkten. Im Gesamtpaket wirkten Cumulo Nimbus noch ein wenig weiter und reifer als Ignis Fatuu, doch die Stimmung in den ersten Reihen sprach letztlich doch für die Erlanger. Bei beiden Bands dürfte ein Wiedersehen nicht ausgeschlossen sein.

01. Carpe Noctem
02. Totensonntag
03. Wilder Reigen
04. Alte Mühle
05. Englischer Tanz
06. Wirtshaus
07. Aderlass
08. Kommt mit

VROUDENSPIL nutzen als Semiheadliner ebenfalls die Nähe zu ihren Heimatstädten Rosenheim und München, um mit kräftig Rückenwind durch die Setliste zu fegen. Erkennbare Spielfreude gepaart mit einem vielversprechenden Debütalbum namens „Lunte gerochen“ und der kommenden 2. VÖ „Tote Narren“ in den Startlöchern könnten dazu führen, dass die bayerischen Freibeuter bald die größeren mittelalterlichen Bühnen rocken. Ob es für die ganze große Eroberungsfahrt reichen wird oder ob auf Halbmast Ende ist, wird nicht zuletzt von einer gewissen Konstanz abhängen: Traditionell nutzte man das Tanzt! (leider?) wieder einmal, um mit Flosse ein neues Bandmitglied zu begrüßen. Im zweiten Block mit Songs vom „Lunte gerochen“-Nachfolger ersetzte er Brabantus am Akkordeon, der stilecht von einer Pistolenkugel erlegt wurde. Im direkten Vergleich der beiden Konzerthälften (Alt vs. Neu) wurde deutlich, dass Vroudenspil bereits mit ihrem Erstlingswerk die Stilrichtung eingeschlagen haben, die sie sich längerfristig auf die Fahnen schreiben möchten: „Alter Sack“ gerät vom Charme her ähnlich wie „Ein unwichtiger Bösehold“, der wahlweise Alkohol oder neuerdings auch eine Banane klaut. „Rum für die Welt“ setzt konsequent bei relativ simpel gestrickten Kompositionen wie „Wer Wind sät“ an und lieferte qualitativ mindestens ebenbürtiges Freibeutermaterial für zukünftige Liveauftritte. Bei einer entsprechenden Produktion von „Tote Narren“ dürften Vroudenspil auch auf ein entsprechendes Medienecho in der Fachpresse hoffen.

01. Intro
02. Meuterei
03. Fiebertraum
04. Spilmannsweise
05. Wer Wind sät
06. Rum für die Welt
07. Alter Sack
08. Mehr Jungfrau
09. Hexe
10. Tote Narren
11. Ein unwichtiger Bösehold

Leider schafften NACHTGESCHREI als Headliner nicht, vom starken Vroundenspil-Auftritt zu profitieren, was nicht zuletzt an der plötzlich rapide sinkenden Zuschauerzahl lag. Nach zwei sehr starken Auftritten beim diesjährigen Festival Mediaval und Schlosshof Festival hatte ich größte Hoffnungen für das Tanzt!, doch leider verfiel besonders Sänger Holger aka „Hotti“ in alte Verhaltensmuster und strapazierte die Geduld der verbleibenden Fans mit zu langen und vor allem zu wirren Ansagen. Wäre seine Vorliebe für enge, stickige Räume noch halbwegs erträglich, so setzte es spätestens bei Hottis heißer Höschenschnüffelei endgültig aus. Musikalisch kann man dem Septett keine Vorwürfe machen. Zum besten Livesong „Niob“ wurde dieses Mal sogar ein alternatives Intro gewählt. Ansonsten glich die Setliste der des Festivalsommers bis auf wenige Ausnahmen eins zu eins, wobei sich unter den verbliebenen Besuchern z.B. beim leicht melodramatischen „Fernweh“ einfach kein Gemeinschaftsgefühl mehr einstellen konnte. Leider zündeten auch die vereinzelt eingestreuten Songs vom neuen Album „Ardeo“ erstaunlich wenig bzw. fielen der vorherrschenden Ignoranz in Kufstein zum Opfer. Am Ende konnten Nachtgeschrei einem beinahe leidtun, doch die Frankfurter kämpften sich sogar tapfer durch ihre Zugaben und konnten somit immerhin ihre Professionalität unter Beweis stellen.

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