CD-Review: Scarcity - Brave The Cold

Besetzung

Mitch Harris - Gesang, Gitarre, Bass
Dirk Verbeuren - Schlagzeug

Tracklist

01. Blind Eye
02. Hallmark Of Tyranny
03. Monotheist
04. Retrograde
05. Apparatus
06. Dead Feed
07. Upheaval
08. Refuge
09. Necromatrix
10. Shallow Depth
11. Shame & Ridicule


Passend zur Jahreszeit veröffentlichen BRAVE THE COLD ihr Debüt, denn nichts anderes als der Kälte trotzen (oder auch trotze/trotzt der Kälte) bedeutet der Bandname im Deutschen. Hinter dem bislang unbekannten Namen stecken jedoch bekannte Musiker, nämlich zum einen Mitch Harris, seines Zeichens Ehemals-Vollzeit-Gitarrist von Napalm Death, und zum anderen Schlagzeuger Dirk Verbeuren. Letzterer ist in vielen Projekten aktiv, aber vor allem für seine Drumtätigkeit bei Megadeth und zuvor Soilwork bekannt. Der Albumtitel „Scarcity“ indes bedeutet übersetzt Mangel oder Knappheit – dies will zu der Platte auf den ersten Blick zumindest hinsichtlich ihrer Trackanzahl (elf) und der Spieldauer (38 Minuten) aber glücklicherweise nicht so recht passen. Die nur im Original funktionierende Doppeldeutigkeit mit Scar und City (Narbe und Stadt) ist nach einem zweiten Blick auf das postapokalyptische Cover-Artwork hingegen wieder stimmig und erfordert keine kognitiven Transferleistungen.

Auch darüber, wie nun das Resultat einer Zusammenarbeit dieser beiden Künstler ausgefallen sein könnte, muss man sich nicht allzu lange den Kopf zerbrechen, denn „Scarcity“ bietet die naheliegendste Antwort: ein Album, das mit einer Gitarrenarbeit und Vocals aufwartet, die an Napalm Death oder auch Defecation erinnern, versehen mit einer Schlagzeugdarbietung, die so abwechslungsreich ist wie die zahlreichen aktuellen und ehemaligen Baustellen von Verbeuren. Dass Tracks wie „Apparatus“ oder „Dead Feed“ ergo problemlos auch auf einer Platte der Szene-Veteranen aus Birmingham zu finden sein könnten und man bei den Anfangsriffs von etwa „Hallmark Of Tyranny“ oder „Shallow Depth“ unweigerlich an die Briten denken muss, ist dabei ebenso wenig überraschend wie störend.

Demgegenüber entpuppt sich Harris‘ Gesang im Verlauf des Albums so variabel, wie man es eben nicht von seinem Input bei Napalm Death kennt. Die garstigen Grindcore-Screams, die er auf den Werken seiner langjährigen Stamm-Combo beigesteuert hat, nehmen freilich einen großen Teil von „Scarcity“ ein und begrüßen die Hörer bereits im Uptempo-Opener „Blind Eye“. Doch schon in diesen ersten Track, der mit seinem kalten Riffing und seiner partiellen Synth-Begleitung Assoziationen mit Ministry weckt, baut der Sänger auch Chor-Shouts in den Refrain und Pig-Squeals ins Ende ein. In „Monotheist“ oder den bereits erwähnten „Shallow Depth“ und „Apparatus“ liefert er zudem heisere Shouts und tiefe Growls, die mal eher nach Hardcore, mal eher nach Death Metal klingen. Am auffälligsten sind jedoch die unerwarteten – vor allem unerwartet melodischen – Klargesangspassagen, wie sie z. B. in „Retrograde“, „Refuge“ oder „Hallmark Of Tyranny“ zu hören sind. Der Vergleich mit Fear Factory liegt nahe – nicht nur wegen des Wechsels von harschen mit klaren Vocals, sondern auch wegen der industriellen Kälte des Sounds.

Dass dieser nicht so brachial ausgefallen ist wie auf den letzten Napalm-Releases, mag unter anderem daran liegen, dass nicht Russ Russell im Produzentensessel saß (doch immerhin Logan Mader) – aber eben auch daran, dass „Scarcity“ (man muss sich das Wörtchen „nur“ verkneifen) eine Art Napalm-Nebenprojekt ist. Zwar zieht Verbeuren alle Register von stampfenden Headbang-Parts über fette Doublebass-Teppiche und stumpf-crustpunkigem Uptempo bis hin zu wilden Blastbeats; zwar rifft sich Harris die Finger wund und performt mit seinem Mitstreiter abwechlsungsreich geschriebene Tracks mit passend gesetzten Tempowechseln und Breaks; Euphorie oder ein Gefühl, das dem nahekommt, vermögen BRAVE THE COLD beim Hören allerdings nicht auszulösen. Am Ende des Tages sind die Songs zwar gut gemacht, aber untereinander zu gleichförmig. Und auch wenn sich das Duo mit den Lyrics abseits von Metal-Klischees bewegt – Stichwort Gesellschaftskritik – und Harris Reime wie „Mass AtrocitAYS“ und „AnimositAY“ oder „Police BrutalitAY“ und „Tied to the colonAY“ wunderbar rotzig auf der letzten Silbe betont: Unter mehr als einem Achtungserfolg ist „Scarcity“ nicht zu verbuchen. Ein Achtungserfolg jedoch, der für Fans der beiden Musiker und deren bisherigem Output durchaus anschaffenswert ist.

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Bewertung: 7 / 10

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