Review Dio – The Very Beast Of Vol. 2

  • Label: Tonpool
  • Veröffentlicht: 2012
  • Spielart: Heavy Metal

Ich kann mich an keinen Tod eines Musikers aus unserer Szene erinnern, der stärkere Reaktionen aus allen Ecken nach sich zog als der von Ronnie James Dio. Alle gedachten seiner – Festivals benannten Bühnen nach ihm, Bands sprachen auf der Bühne über seinen Tod und was sie dabei empfanden und die Sänger jeder noch so kleinen Vorband konnten sich lauten Applaus sichern, indem sie einen ihrer Songs dem verstorbenen Großmeister widmeten. Angesichts der massiven Verehrung konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass es nun Dio ist, der „zur Rechten Gottes“ sitzt, um „zu richten die Lebenden und die Toten“, wie Christen glauben. Darüber konnte man fast vergessen, dass er mal Musik gemacht hatte.

Keineswegs soll dies alles respektlos klingen, seine Größe als Künstler ist eine so deutliche Tatsache, dass sie keiner Diskussion bedarf. Und schon zu seinen Lebzeiten pilgerten andere Musiker zu ihm wie zum weisen Mann auf dem Berg. Wenn ich nun aber Metal-Fans ohne ausgeprägt kanonische Kenntnisse von Dios Werk nach Titeln fragen würde, was käme wohl dabei heraus? Sicher „Holy Diver“, „Stand Up And Shout“, „Rainbow In The Dark“, „Don’t Talk To Strangers“, „Last In Line“ – aber im Ernst, wer hätte „Push“ genannt? Oder „Along Comes A Spider“? Ja, selbst den Stampfer „Feed My Head“? All diese Titel wären wohl kaum unter den Top Five der genannten Liedern gewesen, und auch in der Top Ten eher zufällig.

Woran liegt es? Sie alle stammen aus dem Spätwerk von DIO, der selbstbetitelten Band des legendären Sängers. Sicher waren die späten 90er ganz grundsätzlich nicht die beste Zeit für klassischen Heavy Metal und interne Streitereien in der Band und mit dem Management drückten wohl auch auf die Kreativität. Ein anderer Grund mag aber sein, dass von seinem Spätwerk keine vernünftige Kompilation vorliegt – ganz im Gegensatz zu den frühen DIO-Jahren, zu denen es gleich zwei gute Sampler gibt, die auch jüngeren Hörern ohne den Willen, gleich vier bis sechs Alben zu kaufen, das Werk erschließen: das 1992 erschienene „Diamonds“ und das 2000 erschienene „The Very Beast Of“. Letzteres verkaufte sich weltweit mehr als 400.000 Mal, was offensichtlich in der Musikindustrie Begehrlichkeiten weckte, denn die Lücke aus den späteren Jahren soll nun gefüllt werden. „The Very Beast Of Vol. 2“ vereint 75 Minuten der letzten vier Alben der Band aus den Jahren 1996 bis 2004.

Dabei wird jedes Album mit drei bis vier Songs bedacht, mit Ausnahme des etwas verrufenen „Angry Machines“, das nur einen Albumtrack und eine Liveaufnahme besteuert. Neues Material gibt es nicht, allerdings werden ein paar Raritäten verbreitet: Mit „Electra“ schafft es eine Single aus dem streng limitierten „Tornado“-Box-Set auf die Scheibe, „Prisoner Of Paradise“ war ein Bonustrack für Japan und „Metal Will Never Die“ erschien ursprünglich auf einem Album von David Rock Feinstein. Alle drei sind allerdings auch qualitativ eher Bonustracks als vollwertige Albumnummern.

Nun aber das entscheidende: Wird die Kenntnis dieses Albums die Antwort auf die Frage nach den Top-Ten-Songs des Heavy-Metal-Heros ändern? Wohl eher marginal. Sicher, es sind einige gute Sachen auf der Scheibe – neben dem schon gelobten „Feed My Head“ z. B. „One More For The Road“ oder auch „Shivers“. Und mittelmäßige oder eben „nur“ gute Songs mit Ronnie James Dio als Sänger sind immer noch um Längen besser als vieles A-Material andere Bands – nicht umsonst ist er inzwischen einer der Säulenheiligen der Szene. Aber eher nebensächliche Balladen wie „As Long As It’s Not About Love“ oder „This Is Your Life“ wären wohl verzichtbar gewesen.

Trotz dieser Kritik füllt diese Kompilation eine relevante Lücke in der DIO-Discografie. Wer sich das Geld für die Alben der Spätphase sparen will, kann also gut zu dieser Zusammenstellung greifen. Ein zweiter „Holy Diver“-Track ist aber nicht dabei, das sollte jedem klar sein.

Keine Wertung

Publiziert am von Marc Lengowski

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