CD-Review: Evergrey - Glorious Collision

Besetzung

Tom S. Englund - Gesang, Gitarre
Marcus Jidell - Gitarre
Johan Niemann - Bass
Hannes Van Dahl - Schlagzeug
Rickard Zander - Keyboard

Gastmusiker:
Carina Englund - Gesang

Tracklist

01. Leave It Behind Us
02. You
03. Wrong
04. Frozen
05. Restoring The Loss
06. To Fit The Mold
07. Out Of Reach
08. The Phantom Letters
09. The Disease...
10. It Comes From Within
11. Free
12. I'm Drowning Alone
13. ...And The Distance

Limited Edition Bonus Track:
14. ...And The Distance (Carina Bonus Track)


Großreinemachen im Hause EVERGREY. 2010 schmiss Bandkopf Tom S. Englund mal wieder quasi die komplette Band raus (nur der langjährige Keyboarder Rickard Zander durfte bleiben), suchte sich ein neues Lineup zusammen (bestehend aus ehemaligen Mitgliedern von Pain und Tiamat) und schloss sich mit den drei neuen und dem einen alten Kollegen im Studio ein, um den Nachfolger des 2008er Opus „Torn“ aufzunehmen. Das wurde ja, genau wie die beiden Vorgänger „Monday Morning Apocalypse“ und „The Inner Circle“ schon mit eher gemischten Gefühlen aufgenommen. Zu wenig Progressivität, zu wenig Härte, zu viel selbstmitleidiges Gewinsel… Ich persönlich mag alle drei Alben ganz gern, „Monday Morning Apocalypse“ ist sogar mein absoluter EVERGREY-Liebling, aber man muss schon anerkennen, dass die Musik vor allem auf den letzten beiden Alben nicht mehr so besonders viel mit dem zu tun hatte, was die Schweden in ihrer Anfangszeit zelebrierten. Die neue Scheibe mit dem griffigen Titel „Glorious Collision“ solle wieder mehr Back to the Roots gehen, so wurde im Vorfeld postuliert. Ob das Quintet aus Götheborg seine sich selbst gesteckten Ziele erfüllen konnte? Mal sehen…

Feierlich, geradezu sakral wird der Opener „Leave It Behind Us“ angestimmt, mit sanft gehauchten Chören, bevor nach ziemlich genau einer halben Minute Gitarren, Bass und Schlagzeug einsetzen. EVERGREY liefern zum Einstand einen relativ klassischen Song ab, viel Keyboard (besonders im Refrain), dominanter (und – aber das muss man wohl nicht dazu sagen – grandioser) Gesang aus der Kehle von Tom S. Englund, allerdings kommen auch Gitarrengeschrubbe und Double-Bass nicht zu kurz. Sonderlich progressiv ist das alles nicht, obschon handwerklich auf glänzendem Niveau, aber trotzdem fühlt man sich hier und da definitiv an die guten alten Tage mit Alben wie „Recreation Day“ erinnert. Allerdings auf eine frische, moderne Art und Weise, auch wenn die Produktion für meinen Geschmack etwas mehr brezeln könnte.
Dieser Weg wird dann auch konsequent fortgesetzt. EVERGREY verhehlen die Entwicklung, die sie auf den letzten Alben durchgemacht haben, nicht. „You“ weckt im Strophenpart einige Reminiszenzen an das „Torn“-Album, schafft es aber mühelos wesentlich härter und direkter zu wirken. Und ganz im Sinne der „Monday Morning Apocalypse“ wird extrem eingängig gearbeitet. Englund selbst schüttelt einen ohrwurmigen Leadpart nach dem anderen aus dem Ärmel, was wohl bei „Frozen“ seinen Höhepunkt erreicht, der Rest der gerade erst neu zusammengewürfelten Band kommt auch erstaunlich gut mit dem Material zurecht, gerade in Anbetracht des musikalischen Anspruchs klingt das nach so kurzer Zeit schon erstaunlich routiniert.

Wie schon angedeutet sollten Fans der ersten Alben aber nicht auf ein übermäßiges Feuerwerk an Progressivität hoffen. Einerseits waren EVERGREY ja noch nie die Art von Band, die Hörbarkeit zugunsten von erzwungen komplexem Songwriting opfern würde, andererseits haben die letzten Alben ihre Spuren hinterlassen. Hin und wieder wird mal ein etwas vertrackterer Part zum Besten gegeben, ein furioses Solo heruntergezockt oder was weiß ich. Aber prinzipiell spielen die Schweden straighte, gut rockende, düstere Musik irgendwo zwischen Heavy, Power und Progressive Metal herunter, die niemanden überfordern sollte, letzten Endes aber immer noch vielschichtig genug ist, um Platz für „persönliche Entdeckungen“ zu bieten.
Davon abgesehen ist „Glorious Collision“ mal wieder ein emotionales Highlight des modernen Metals geworden, nicht zuletzt durch Tom Englunds charakterstarke Stimme. So ein Sänger alleine könnte halt quasi jede Band stark aufwerten. Schade, dass seine Frau Carina, die auf „The Inner Circle“ recht großes leistete, auf der aktuellen Scheibe nur noch marginal was zu tun hat, immerhin auf der limitierten Edition ihre eigene Version des Rausschmeißers „…And The Distance“ spendiert bekam (die, wenn sie direkt nach der eigentlichen, von Tom gesungenen Fassung weggehört wird, sehr passend, fast wie eine Art „AntworT“ darauf klingt, ziemlich stark, hätte man eigentlich auch einfach einen doppelt so langen Song draus machen können, hätte auch nicht gestört). Das ist aber Erbsenzählerei.

Denn wer EVERGREY mag und nicht zu böse darum ist, dass er auf einem Back-to-the-Roots-Album Abstriche in Sachen Progressivität machen muss und dafür mehr epische, keyboardlastige Momente spendiert bekommt, der kann mit „Glorious Collision“ kaum was falsch machen. Mission erfolgreich, EVERGREY sind auf den Pfad, von dem sie vor sieben Jahren ein Stück weit abgekommen sind, zurückgekehrt, ohne die Umwege komplett vergessen zu haben. Und das ist gut so.

Bewertung: 9 / 10

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