Infected Rain Ecdysis Coverartwork

Review Infected Rain – Ecdysis

“Ecdysis” beschreibt bei Häutungstieren und Reptilien den Vorgang, die eigene Haut abzuwerfen. Die Tiere kriechen aus der alten Haut heraus, da diese mit dem eigenen Wachstum nicht schritthält. Warum haben INFECTED RAIN nun für ihr fünftes Album eben diesen Titel gewählt?

Die Band aus dem kleinen Staat Moldau – komplett umschlossen von Rumänien und der Ukraine – wird seit jeher von den ukrainischen Nachbarn von Jinjer überstrahlt. Beide Bands stammen aus Osteuropa, spielen modernen Metal auf ihre ganz eigene Art und werden von einer charismatischen Frontfrau angeführt. Musikalisch sind die Ähnlichkeiten seit jeher nicht von der Hand zu weisen und auch wenn sich INFECTED RAIN seit ihrem 2019er Album „Endorphin“ eine stetig wachsende Fanbasis aufbauen konnten, sind sie ihren Status als kleine Schwester von Jinjer noch nicht losgeworden.

Sanfte Pianoklänge und verträumte Synthesizer erklingen, wenn der Opener „Postmortem Pt. 1“ aus den Boxen schallt. Schon bald aber wird die melancholische Stimmung durch die rohe Aggression tiefer, schneidender Riffs und das Brüllen von Lena Scissorhands ergänzt. „Fighter“ ist ähnlich aufgebaut und vor allem stechen die langsamen Build-ups der Songs heraus: Oft erwartet man einen Uptempo-Ausbruch, brutale Raserei oder heftige Breakdowns. INFECTED RAIN brechen aber fast immer mit diesen Erwartungen und halten ihre Lieder im Midtempobereich. Dadurch fühlen sich diese enorm wuchtig an, die tief gestimmten Gitarren erzeugen dazu schwere, walzende Riffs und verstärken diese Härte noch mehr. Der wohl gewaltigste Track „Ecdysis“-Track neben „Fighter“ ist „The Realm Of Chaos“ mit Heidi Shepard von den Butcher Babies als Gastsängerin. Im Duett mit Lena entfalten beide Sängerinnen ihre ganze Wut auf die „rotten society“ und beklagen ein „gaslighting into self destruction“, eine manipulative Form psychischer Gewalt.

Prominenter als je zuvor setzen INFECTED RAIN auf elektrische und verzerrte Klänge und machen ihr Soundbild dadurch noch vielschichtiger. „Everlasting Lethargy“ etwa startet brutal, zeigt nach einem plötzlichen Break mit leisen elektronischen Klängen, einem sanften Beat und vor allem der ruhigen Stimme Lenas die fragile Seite von INFECTED RAIN. Hier agiert sie überaus zerbrechlich und eindringlich emotional, ein heftiger Kontrast zu ihrem aggressiven Gesang. „What is wrong with the world today?“ – eine Frage, die wir uns alle wohl schon mehr als oft genug gestellt haben, nicht zuletzt in den letzten Pandemiemonaten. Lena verarbeitet in ihren Lyrics viele persönliche Gedanken und auch psychische Probleme, Depressionen und den Umgang damit. Das macht „Ecdysis“ zu einem sehr offenherzigen, textlich gefühlvollen Album und auch hierauf kann der Albumtitel bezogen werden: Die emotionale Häutung durch das Abwerfen des sensiblen Schutzpanzers und das Freilegen der Gedanken.

Vor allem in der zweiten Albumhälfte kommen elektronische Elemente verstärkt zum Einsatz, vom melancholischen „These Walls“ bis hin zum vollständig elektronischen „Nine, Ten“, das mit eindringlichen Beats und einem immer wieder aufgesagten „never sleep again“ Schlafprobleme aufgrund sich ständig drehender Gedanken behandelt. Ein ungewöhnlicher Track, der sich aber wunderbar in den Verlauf des Albums einfügt und einen weiteren Höhepunkt markiert. Wie „Nine, Ten“ hat jeder Song seinen eigenen Charakter, im Albumkontext fügen sich alle zwölf Teile aber perfekt zu einem großen Ganzen zusammen. „Postmortem Pt. 2“ verdeutlicht dies als schließende Klammer: Musikalische Themen und Lyrics des Openers „Postmortem Pt. 1“ werden aufgegriffen, passend zum Verlauf der knapp 55-minütigen Reise ist der letzte Track jedoch von elektronischen Klängen durchzogen, Wut und Aggression weichen zunehmend intensiven emotionalen, ruhigen Klängen. So deprimierend und zerstörerisch die Texte oft wirkten, schließt „Ecdysis“ mit hoffnungsvollen Worten: „Let the demons dance and thrive […] Dive fearlessly into a new chapter | Full with life, full with laughter!“

„Ecdysis“ ist ein forderndes Album, die schiere Menge an kreativem Chaos kann anfangs durchaus überwältigend sein. Um beim Thema der Häutung zu bleiben: „Jinjer Jr.“ entwickeln sich endgültig zu INFECTED RAIN und vollziehen die Metamorphose zu einer eigenständigen, einzigartigen und beeindruckenden Band.
“You got this, you’re a winner, a fight machine, a killer!” ist nicht nur eine ermutigende Zeile aus “Fighter”, sondern lässt sich auch auf INFECTED RAIN als Band beziehen – mit „Ecdysis“ sind sie wahre Gewinner und legen nicht nur ein mutiges und emotionales wie brutales Werk vor, sondern auch ihr bisher bestes und ein erstes großes Highlight des Musikjahres 2022.

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Wertung: 9 / 10

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