CD-Review: Jethro Tull's Ian Anderson - Thick As A Brick 2

Besetzung

Ian Anderson – Gesang, Flöte, Akustikgitarre
Florian Opahle – Gitarre
David Goodier – Bass, Glockenspiel
Scott Hammond – Schlagzeug
John O'Hara – Keyboards

Gastmusiker:
Ryan O'Donnell – Gesang
Pete Judge – Trompete, Tuba, Horn, Flügelhorn

Tracklist

01. From A Pebble Thrown
02. Pebbles Instrumental
03. Might-have-beens
04. Upper Sixth Loan Shark
05. Banker Bets, Banker Wins
06. Swing It Far
07. Adrift And Dumfounded
08. Old School Song
09. Wootton Bassett Town
10. Power And Spirit
11. Give Till It Hurts
12. Cosy Corner
13. Shunt And Shuffle
14. A Change Of Horses
15. Confessional
16. Kismet In Suburbia
17. What-ifs, Maybes And Might-have-beens


Die vierfache Sensation
Wer hätte das gedacht: Neun Jahre nach seinen letzten Studioaufnahmen mit JETHRO TULL und als Solokünstler veröffentlicht Ian Anderson, eines der letzten verbliebenen Originale einer längst vergangenen Epoche der Rockmusik, noch einmal eine neue Platte.
Als wäre das allein nicht schon Sensation genug, handelt es sich bei dem neuen Werk um nichts geringeres als den Nachfolger des legendären Prog-Konzeptalbums „Thick As A Brick“, das vor 40 Jahren veröffentlicht wurde. Dass Herr Anderson die neue Scheibe allerdings nicht unter dem Banner JETHRO TULL und erst recht nicht mit Martin Barre – Jahrzehnte lang Gitarrist von JETHRO TULL – eingespielt hat, dürfte den Speichelfluss des ein oder anderen Fans schnell gestoppt haben. Ein gewagter Schritt, schließlich wird sich der 64-Jährige sehr klar darüber gewesen sein, welche Erwartungen Presse und Fans an die vorliegende CD haben werden. Wiederum eine kleine Sensation und ein mehr als deutlicher Beweis dafür, dass der egomanische Querflöten-Spieler bei all seinen Projekten der absolute Chef ist.

Die größte, vierte Sensation allerdings offenbart sich erst nach dem ersten Hördurchgang von „Thick As A Brick 2“: Die Platte hält nicht nur, was ihr Titel verspricht; sie ist schlichtweg umwerfend. Im Gegensatz zu vielen seiner gleichaltrigen Kollegen aus Bands wie Kansas, Yes oder Genesis hat Ian Anderson im Jahr 2012 noch etwas musikalisch Relevantes zu sagen. Alles, was JETHRO TULL im Allgemeinen und den Klassiker „Thick As A Brick“ im Speziellen je ausmachte, ist da: Eine übermächtige Schippe Prog und Folk, ein gesundes Maß an Rock’n’Roll und Blues sowie natürlich das virtuose Flötenspiel und der charakteristische Gesang. Die Instrumentalparts sind zwar etwas gesetzter und Andersons Stimme etwas tiefer, dafür ist der Sound, für den sich niemand geringeres als Steven Wilson verantwortlich zeichnet, absolut Oscar verdächtig. Der Porcupine Tree-Chef hat es geschafft, den Spirit des Originals einzufangen und die Platte trotzdem kristallklar und dynamisch klingen zu lassen. Das merkt man vor allem an der Lautstärke: Mir ist in den letzten 10 Jahren keine CD untergekommen, die so leise aufgenommen ist. „Loudness War“ ist hier ein Fremdwort.

Die Rückbezüge zum ersten Teil stellt Anderson auf vielen Ebenen her: Er baut immer wieder kleine Zitate aus bisherigen JETHRO TULL-Alben ein, natürlich auch aus „Thick As A Brick“; und zwar auf eine spannende Art und Weise, die zu keiner Zeit den Verdacht aufkommen lässt, der Altmeister hätte nicht genug Ideen gehabt. Eher das Gegenteil ist der Fall, vor allem lyrisch: Statt direkt an der Geschichte des ersten Teils anzusetzen, die sich um den 10-jährigen Gerald Bostock dreht, hat er den Jungen mit sich altern lassen. Gerald ist jetzt bereits 50 Jahre alt. Anderson blickt nun zurück auf sein Leben und zeichnet fünf verschiedene Lebenswege für seinen Protagonisten. War er Bänker, Obdachloser, Militär, Chorsänger – oder doch nur ein ganz normaler Durchschnitts-Mann? Dieses Konzept ist nicht nur vielschichtig und spannend, sondern gibt Anderson auch die Chance, über unsere Vorstellungen eines idealen Lebens, die Stolpersteine und unerwarteten Einschnitte, verpasste Gelegenheiten und vieles mehr zu philosophieren – „What-ifs, Maybes und Might-Have-Beens“, wie er sie nennt. Auch das Cover ist eine klare Remiszenz an den ersten Teil: Berichtete 1972 die Zeitung „St. Cleve Chronicle“ über unseren kleinen Gerald, ist es jetzt die Online-Ausgabe „www.StCleve.com“, die selbstverständlich wirklich abrufbar ist.

Als wäre das nicht schon genug Beweis dafür, wie ernst es Anderson mit dem Nachfolger ist, bietet die Special Edition der CD noch eine Bonus-DVD, die die Konsequenz des Musikers und Lachszüchters Anderson nochmal mit Nachdruck klar macht: Hier finden wir nicht nur das Album im 5.1.-Surround-Mix und im detailreicheren 24-Bit-Stereo-Mix; oben drauf gibt es auch noch zwei 15-minütige Videos (Making Of & Interviews mit den Bandmitgliedern) sowie ein „Lyrics Reading Video“, in dem uns der Chef höchstselbst die Texte der Platte in unterschiedlichsten Umgebungen vorliest – ihr werdet’s kaum glauben, aber das ist sogar unterhaltsam. Wer die DVD dann noch in den PC packt, findet darauf die Lyrics in unterschiedlichen Übersetzungen sowie die Website www.StCleve.com als PDF-Datei – das nenne ich mal Service!

Auf der bevorstehenden Tour wird Ian Anderson selbstverständlich das neue Album in Gänze präsentieren. Begleitet wird er dabei von den hier zu hörenden Studiomusikern. Und da 2012 schließlich der 40. Geburtstag des ersten Teils ist, wird dieser natürlich ebenfalls tutto completto gespielt. Wer’s noch nicht gemerkt hat: Hier meint es einer ernst und hat allen Grund dazu. Danke, Mr. Anderson, für so ein tolles Album und so viel Konsequenz!

Bewertung: 9 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: