CD-Review: Neurosis - The Eye Of Every Storm

Besetzung

Scott Kelly - Gitarre, Gesang
Steve Von Till - Gitarre, Gesang
Dave Edwardson - Bass, Synthesizer
Noah Landis - Orgel, Klavier, Samples
Jason Roeder - Schlagzeug

Tracklist

01. Burn
02. No River To Take Me Home
03. The Eye of Every Storm
04. Left to Wander
05. Shelter
06. A Season in the Sky
07. Bridges
08. I Can See You


Die Sonnenstrahlen dringen durch das isolierte Fensterglas und finden auf einem hölzernen Parkettboden ihr Ende, ja der Feuerball, welcher das Leben unseres Erdenrunds aufrecht erhält, erscheint einem an diesem Oktobernachmittag ungewöhnlich heiß, beinahe zu warm für diese Jahreszeit. Doch was ist das? Dunkle Wolkenfetzen ziehen auf und legen sich, einem Trauerschleier gleich, über den azurblauen, strahlenden Himmel. Ein Blick auf die jeweiligen Barometer lässt die furchterregendsten Visionen wahr werden: Der Luftdruck sinkt, die Luftfeuchtigkeit steigt; der Wind peitscht bereits durch die ebenso toten wie menschenleeren, dunklen Gassen, ja selbst die gebrechlichste Katze und der jämmerlichste Köter waren bereits imstande, eine Zuflucht auszumachen. Ich sehe ihn kommen, keineswegs ungestüm oder gar barbarisch, nein, graziös sowie gefasst tänzelt er durch die Hauptbezirke der Stadt, alles in seinen tödlichen Tanz mit einbeziehend, was nicht felsenfest in dem Erdengrund verankert wurde. Bäume, Menschen, Häuser und Fahrzeuge, all diese Dinge und Lebewesen finden sich in einem teuflischen Hochgeschwindigkeitskarussel ohne Aussicht auf einen technischen Schaden, welcher diesem Alptraum ein Ende bereiten könnte, wieder. Ungewöhnlicherweise bewegt er sich mit einer pervers schleppenden Geschwindigkeit vorwärts, ganz so, als ob er jedes Leben, das er auslöscht, jedes Gebäude, welches er einreisst, in vollen Zügen genießen würde.

Dass sich derartige Szenarien vor dem imaginären Auge des jeweiligen Hörers drängen, stellt beim Konsum NEUROSIS´ neuster Platte, welche passenderweise „The eye of every storm“ getauft wurde, eine Selbstverständlichkeit dar. Waren sie doch bereits in der Vergangenheit imstande, durch schwerfällige sowie kaum konsumierbare Tonkunst auf sich aufmerksam zu machen; dennoch maße ich mir nun an zu behaupten, dass sie mit dem mir vorliegenden Werk ihr absolutes Konzeptzenit erreicht haben. Alben wie „The word as law“ – dessen Veröffentlichungsjahr (1991) jedoch bereits relativ weit zurückliegt – fungierten als Wegbereiter für die Position, welche Neurosis am heutigen Tage bekleiden: Gemarterte Könige ungemein schwerfälliger, doomig angehauchter Klangcollagen, die weit über den gesteckten Grenzen des Doom Metals hinausreichen, ja sogar des Metals allgemein. Wusste das eben erwähnte „The word as law“ noch mit einer urigen Ungestümheit aufzuwarten, begannen sie sich mit „A sun that never sets“ weitaus melancholischere Wege zu beschreiten, obgleich stellenweise immernoch der rauhe Kern von „The word as law“ durcheschimmerte.

„The eye of every storm“ entzieht sich einer derartigen Symbiose fast zur Gänze und fängt stattdessen die unverblümte Tristesse, die Farblosigkeit, eines ausgewachsenen Wirbelsturmes ein. Doch das Kunststück, welches das amerikanische Quintett vollbringt, ist ein gänzlich anderes: Sie vermögen es, die Stille eines Hurricaneauges derart überzeugend zu präsentieren, dass man beim Niederschlagen der Augen einer förmlichen Reizüberflutung ausgesetzt wird, es erweckt tatsächlich den Anschein, als ob man sich selbst im Auge des Sturms befinden würde. Die Mittel, mit denen das realisiert wird, sind denkbar minimalistisch. Noisige Ausbrüche lassen sich zwar noch ausmachen, doch sind getrost an einer Hand abzählbar. Weitmehr sticht der Gesang als tragendes und verbindendes Element heraus, ohne jedoch penetrant oder gar aufgesetzt zu wirken. Das Gesamtbild gleicht einer Zeitlupenschneelawine, genauso kalt, atem- und erbarmungslos wie die Musik an sich. Lyrisch hält man sich relativ abstrakt, weswegen es nun unnötig wäre, weiter darauf einzugehen. Es sei bloß gesagt, dass Akustik sowie Lyrik gut miteinander einhergehen.

So sehr ich mich auch abmühe, dieses ungewöhnliche Album von allen Seiten studiere, es drehe und wende, mich auf den Kopf stelle oder Räder schlage – negative Aspekte lassen sich kaum ausmachen. Lediglich die etwas sperrige, minimalistische Produktion wird manch einen vor den Kopf stoßen, doch ohne diese wäre das Album nicht das, was es nun ist: Ein erschütterndes, aufwühlendes Monument, welches manch Tür verschließt, jedoch nicht, ohne ein Fenster zu öffnen.

Redakteur: Andrei Slavescu

Bewertung: 9 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: