Im Namen des Folkes #2

„Die meinungsbildende Presse hat doch keine Ahnung“, „Soll er erst einmal selbst Musik machen und nicht von außen alles schlechtreden“, „Die Bands sind nicht schuld!“ – nur drei von vielen Reaktionen und Statements, die uns im Nachgang zu „Im Namen des Folkes“ erreicht haben. Musiker, Fans, Veranstalter, kleine und große Bands haben sich in kurzer Zeit zu Wort gemeldet, sich selbst in Artikeln erklärt, uns teils wüst beschimpft, aber auch viele interessante Gedanken und Denkanstöße geliefert. Ist eine mangelnde sichtbare Veränderung nur stellvertretend für die Situation im Folk oder auch für viele andere Genres wie die Schwarze Szene? Ist die Mittelalter- und Folk-Szene hierzulande zu deutsch? Was ist mit all den Gruppen, die nicht einmal eine einzige Chance bekommen? Hat Musik für jüngere Generationen überhaupt noch einen ähnlichen Stellenwert wie früher?

Einer dieser Fragen widmen wir uns in der 2. Episode von „Im Namen des Folkes“, die Robert von TIR NAN OG aus Sicht eines ambitionierten Musikers geschrieben hat:

„Demnächst ist wieder St. Patrick’s Day, genauer gesagt am 17. März. Dieses Jahr fällt der irische Feiertag wieder einmal auf ein Wochenende und in allen Pubs, Kneipen und auch in vielen anderen Locations spielt dann eine Irish-Folk-(-Rock-)Band. Bis kurz vor knapp trudeln die Auftrittsanfragen bei uns ein und wir könnten, wenn es denn ginge, auf zehn verschiedenen Veranstaltungen spielen. Also, eigentlich scheint es Bedarf zu geben, und damit in der weiteren Schlussfolgerung auch ein Publikum, das uns und unsere Musik hören will. Ein Auftritt pro Jahr ist gesichert. Aber was ist mit den übrigen 364 Tagen?
Als unbekanntere Irish-Folk-Rock-Band versucht man natürlich sein Glück bei allen möglichen Locations, Festivals, Veranstaltern und veranstaltet sogar noch selbst. Der Rücklauf bei Bewerbungen ist gelinde gesagt ernüchternd: Wenn man niemanden kennt, dann kann man über eine Rücklaufquote von 5 bis 15 Prozent noch froh sein. Das heißt in anderen Worten, bei 100 E-Mails, Briefen, Bewerbungsmappen, Demo-CDs usw. bekommt in 5 bis 15 Prozent aller Fälle vielleicht eine Antwort. Das ist aber noch lange keine Zusage für einen Auftritt.

Woran liegt das?
Ein altes Sprichwort besagt „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“ oder auf das Musikgeschäft bezogen: Wer schon viele Auftritte hat, dem fällt es leichter, noch weitere zu bekommen. Das liegt natürlich daran, dass man als Band so einen gewissen Ruf bekommt und die Veranstalter relativ sichergehen können, dass diese Kapellen auch entsprechend Publikum ziehen.

Ein Veranstalter eines der bekanntesten Mittelalterfeste Deutschlands hat das in einem Facebook Post so formuliert:
„Wir können und wir wollen auf der […] Bühne […] keine Bands präsentieren, die hier mal von 20 oder 100 oder von 200 Personen gewünscht werden […] Wir müssen und wir werden die Bands […] präsentieren, die von abertausenden Menschen gewünscht und geliebt werden.“

Aus Sicht eines Veranstalters ist diese Vorgehensweise durchaus verständlich, denn er muss dafür sorgen, dass sich die Veranstaltungen finanziell rechnen. Deshalb greift er zu renommierten Künstlern, und die sind in der Mittelalter- und Folk-Szene überschaubar: Saltatio Mortis, Fiddler’s Green, Versengold, Feuerschwanz und so weiter. Die Liste ist durchaus noch länger, aber wenn man ehrlich ist, ist sie auch nicht so lang, dass man nicht alle davon schon auf dem ein oder anderen Festival gesehen hat.

Wie kommt man denn dann zu Auftritten?
Tatsächlich ist es schwierig, als unbekannte Band in diese Riege aufzusteigen und mitzumischen. Was nicht heißt, dass es nicht möglich ist. Ein Beispiel für eine Band, die sich nicht nur in der Folk-Szene ganz nach vorne gespielt haben, ist Versengold. Aber wie lange hat das gedauert und wieviele Bands haben wirklich diesen langen Atem so etwas durchzuhalten?

Selbst bekannte Künstler haben es mitunter schwer, von ihrer Musik zu leben. Die Idee der Superstars, die Hotelzimmer verwüsten und das Geld mit Drogen und Groupies in Tausendern verschleudern, ist so überholt wie falsch. Man kann natürlich versuchen sich mit Dumping-Preisen einzelne Auftritte auf größeren Events zu erschleichen oder per Pay-to-Play einen Auftritt als Vorband einer bekannten Szeneband zu erkaufen, aber ob das zielführend ist und wieviel Geld man für sowas zur Verfügung hat, ist eine andere Sache.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Natur der Musik, die wir alle so mögen: Auch hier setzen die Veranstalter lieber auf Bekanntes und Sicheres. Lieber eine Folkpunk-Band, die genauso klingt wie ein Dropkick Murphy’s Tribute Act, oder eine Mittelalterband, die klingt wie die zwanzigste Kopie von Saltatio Mortis oder Corvus Corax, als einen neueren, unbekannteren Sound, der unter Umständen zu Publikumseinbußen führt. So ist es klar, dass eine Verjüngung und Erneuerung des Sounds sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. So etwas funktioniert nur, wenn die Band schon so bekannt ist, dass sie der Szene quasi ihren eigenen Stempel aufdrücken kann.

Aber kann man denn da nichts machen?
Es gibt eine Lösung für das Problem und sie ist nicht einmal besonders schwer. Die Lösung liegt beim Konsumenten, also bei allen, die CDs kaufen und auf Konzerte gehen. Mit anderen Worten: BEI DIR!
Die Antwort heißt: Geht auch auf kleinere Gigs, schaut euch das Konzert der Newcomer-Band aus dem Nachbarkaff an. Wenn Veranstalter merken, dass Bands, abseits des Mainstreams Zulauf bekommen, dann werden sie diesen auch die Chancen auf die größeren Bühnen geben.

Es ist mir wirklich schleierhaft, warum Konzertgänger für eine Eintrittskarte von Justin Bieber über 100 Euro bezahlen, und selbst für Heino noch knappe 50 Euro, aber für die Unterstützung des Nachwuchses und der lokalen Musikszene meistens 5 Euro schon zu viel verlangt sind. Wenn man nur das Alte und Bekannte bezahlt, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn sich nichts mehr Neues ergibt.

Sigi schrieb in seiner Kolumne, dass sich Bands, die auf Mittelaltermärkten nachmittags spielen mehr Mühe geben sollen: Man sollte sich als Zuschauer schon bewusstmachen, dass eine Newcomer-Band nicht die Finanzkraft mitbringt eine Show in der Größenordnung von Rammstein auf die Bühne zu stellen. Aber vielleicht hat die Band ja andere Stärken. Vielleicht schaffen sie es, Altes mit Neuem zu verbinden und so einen coolen Sound zu erschaffen. Die Aufgabe eines Musikers ist es, sich für das Publikum den Arsch aufzureißen, egal ob es 5 oder 5000 Leute sind. Aber bitte gebt ihnen auch die Chance das zu tun.

In diesem Zusammenhang noch ein Wort in eigener Sache: Ganz besonders schlimm ist es für kleinere Bands, wenn die Musik, die sie machen, illegal aus dem Netz heruntergeladen wird. Aber das ist ein Thema für eine andere Kolumne.“

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2 Kommentare zu “Im Namen des Folkes #2”

  1. Umbriel

    Die ersten Sätze der Einleitung klingen ja dramatisch. Kann man denn einige der Reaktionen nachlesen, ich hab davon gar nichts mitbekommen.

  2. Sigi Maier

    Private Mails/Nachrichten werden wir sicher nicht veröffentlichen. Für alles andere empfehle ich die Kommentarspalte bei Facebook und hier.

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