Lasst uns über Geld reden #3 (Das Underground-Konzert)


Das Verhältnis des Metal-Fans zum Geld ist ein wenig abstrus: Auf der einen Seite kauft er ohne zu mosern zu horrenden, von Jahr zu Jahr absurder werdenden Preisen Tickets für die großen Sommer-Festivals. Wenn sich dann aber ein lokaler Veranstalter oder eine organisierende Band erdreistet, mehr als zehn Euro für ein Underground-Konzert zu verlangen sitzt das Geld auf einmal gar nicht mehr so locker. Warum das so ist, ist schwer zu er- und schwerer noch zu begründen. Doch eines ist klar: Hier wird definitiv am falschen Ende gespart.

Wie schwer es für Underground-Bands geworden ist, allein die laufenden Kosten wie (teils horrende) Proberaum-Mieten, Equipment-Reperaturen und Verschleißteile oder Musikproduktionen zu bezahlen, hatte unsere vorletzte Kolumne „Lasst uns über Geld reden #2 (Die Underground-Band)“ zum Thema. Die Erkenntnis hier war: Außer über Merchandise und – unter bestimmten Umständen – Konzerte verdienen kleinere Bands mit Musik kein Geld mehr. Diese Umstände sollen im Folgenden anhand einiger anschaulicher (Rechen-)Beispiele erläutert werden.

Die Geschäftsmodelle

Im Großen und Ganzen gibt es für kleinere Bands zwei Geschäftsmodelle, nach denen Konzerte für Undergroundbands funktionieren – das unsägliche „Pay-to-Play“-Modell, bei dem Veranstalter ihre Touren durch an kleinere Bands verkaufte Support-Slots querfinanzieren, lassen wir hier mal außen vor. Da wäre also zum einen die komplett selbstorganisierte Show, auch „Door-Deal“ genannt, und zum anderen die vom lokalen Veranstalter gebuchte Show.

1) Der Door-Deal

Das höchste Risiko (aber auch die größte Chance auf Gewinn) birgt ohne Frage die selbstorganisierte Show: Die oder eine der Bands zieht das Event auf, zahlt sämtliche entstehenden Kosten aus der eigenen Tasche – und streicht dafür auch alle Einnahmen durch den Ticketverkauf, meist nur an der Tür („Door“), also der Abendkasse, ein. Die Einnahmen durch den Getränkeverkauf an der Bar verbleiben hingegen in aller Regel beim Club. „Sämtliche entstehenden Kosten“ ist leicht dahergesagt – dass man dabei bereits für eine Einzelshow in vergleichsweise kleinem Rahmen gerne mal Auslagen im vierstelligen Bereich hat, ist vielen Unbeteiligten oft nicht klar.

Sämtliche entstehenden Kosten

Das fängt für gewöhnlich bei der Miete der Location an, die sich meist im Rahmen zwischen 400 Euro und – je nach Größe – schnell auch mal dem Doppelten oder Dreifachen bewegt. Dazu kommen Personalkosten für den Soundtechniker, einen Lichttechniker und je nach Veranstaltungsgröße Sicherheitspersonal. Glücklich hier, wer zumindest jemanden kennt, der jemanden kennt, und Freundschaftspreise bekommt, oder zumindest jemanden aus dem Bekanntenkreis dazu überreden kann, sich hinter den Merch oder an die Kasse zu setzen. Mit weiteren 300 Euro ist hier aber im Regelfall fix zu rechnen. Dazu ein paar Werbeausgaben, Flyer und oder Plakate, und schon beläuft sich der im Vorhinein zu bezahlende Betrag auf rund 800 Euro. Eine Band, die dann am Ende im Mittelpunkt stehen soll, ist da aber noch nicht dabei.

Nur gemeinsam ist man stark

Da die wenigsten Underground-Bands so naiv sind, zu glauben, sie alleine könnten diese Kosten decken, sucht man sich Mitstreiter – und holt damit notgedrungen neue Kosten ins Haus: Verpflegung der Musiker mit Essen und Getränken gehört zum guten Ton (50 €). Und will man nicht komplett lokal bleiben, entstehen schnell nicht mehr zu vernachlässigende Fahrtkosten (knapp kalkuliert: 2 Autos pro Band, 7 l / 100 km, 1,50 € / l Sprit, macht bei nur 100 km Anfahrt frei nach Adam Riese knapp 50 Euro pro zusätzlicher Band – bei zwei externen Bands also weitere 100 Euro auf der Rechnung). Hat dann noch eine der Bands eine längere Anfahrt, steigen nicht nur die Fahrtkosten entsprechend, sondern es kommen, so man sich nicht auf ein Matratzenlager im Wohnzimmer verständigen kann, auch noch Übernachtunskosten dazu (50 €). Zu den bisherigen Kosten zu addierende Summe: 200 Euro.

Mehr als 100 müsst ihr sein

Die Gesamtsumme der Ausgaben liegt damit bei recht optimistisch kalkulierten 1000 Euro. Keine Frage, 1000 Euro sind eine Summe, die über Eintrittsgelder einzunehmen machbar ist. Ein Selbstläufer ist das aber nicht: Bei einem Ticketpreis von 10 Euro braucht es 100 zahlenden Gäste (Gästelistenplätze, Presse etc. nicht mitgerechnet). Das ist zweifelsohne schaffbar. Ohne überregional bekannten Headliner (für den in der Regel eine Fixgage in der Größenordnung ab 300 Euro als zusätzlicher Kostenpunkt einzukalkulieren wäre, der die ganze schöne Rechnung auf den Kopf stellen würde), bei einem reinen Underground-Abend also, aber auch keine Selbstverständlichkeit.

Ein ungünstiger Termin (es war nur noch der Montag frei) oder eine ungünstige Fügung (als alles organisiert war, wurde ein Slayer-Konzert in der gleichen Stadt bestätigt) reicht aus, die ganze Kalkulation durcheinanderzuwerfen. Wer deswegen aber die Besucherzahl zu niedrig ansetzt, deswegen zu ängstlich kalkuliert und mehr als den guten, alten 10er Eintritt verlangt, riskiert sofort, dass Freunde und Bekannte, aber auch der an sich interessierte Szenegänger gar nicht erst erscheinen.

Und der Gewinn?

Dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein: Von „Gewinn“ war bislang noch nicht die Rede.  Denn richtig: Selbst wenn unsere Rechnung aufgeht, am Ende 100 Fans Spaß haben, der Club guten Umsatz mit Getränken macht und alle Dienstleister mit ihren vereinbarten Gehältern heimgehen, nimmt von den rund 15 Musikern der drei Bands, um die sich eigentlich alles dreht, bei alledem keiner auch nur einen Cent mit nach Hause.

In die Kassen der Bands fließt das Geld nämlich erst dann, wenn die Veranstaltung wirklich zum Erfolg wird – in unserem Beispiel liegt der Break-Even Point, also die Schwelle, ab der wirklich Gewinn gemacht wird, bei besagten 100 zahlenden Gästen. Wird diese Schwelle nicht überschritten, kann oftmals nur der noch vergleichsweise lukrative Merchandise-Verkauf (übliche Gewinnspanne: 5 € pro CD, 10 € pro T-Shirt) die Band davor bewahren, mit dem zeitaufwändig organisierten Konzert am Ende sogar Miesen zu machen.

2) Die gebuchte Show

Etwas stressfreier, weil unkomplizierter und weniter riskant, sieht es bei der gebuchten Show aus: Hier bietet die Band (bei größeren Bands natürlich deren Booker, aber das würde hier zu weit führen) der Location eine selbstorganisierte Tour oder Einzelshow zum Fixpreis an. Eine Gage für die Bands ist in dieser nicht zu überschätzenden Summe allerdings oft auch nicht enthalten – schlicht und ergreifend, weil das nicht zum Budget des Veranstalters passt, der die Ausgaben und Risiken natürlich gering halten will. Die Aussichten auf ein dickes Plus sind damit gleich Null – zumindest liegt das Risiko bei diesem Geschäftsmodell aber nicht mehr beim Musiker.

Das größte Problem: Für einzelne Konzerte steht dieses Modell nur selten überhaupt zur Debatte. Die große Zahl kleiner Bands, die ständig auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten sind, reduzieren die Chancen, an einen solch raren Slot zu kommen, enorm. Die große Zahl wirklich lukrativer Touren mit internationalen Acts haben es für die meisten Veranstalter schlicht unattraktiv gemacht, noch Underground-Events, die in der Regel nicht zum Kassenschlager avancieren, selbst zu veranstalten.

Am ehesten in diese Veranstaltungs-Kategorie fallen noch regelmäßig abgehaltene Event-Serien wie Indoor-Festivals, die der Veranstalter beispielsweise einmal jährlich aufzieht und hierfür auch regionale Bands einläd – im Regelfall ist „einladen“ hier aber auch finanziell zu verstehen: auf Sprit, Chilli und Freibier.

Fazit: Das Bier-Gleichnis

Es mag nach abgedroschener Plattitüde klingen, aber es bleibt nun einmal die Wahrheit: Wer kleine Bands unterstützen will, muss auch mal den Hintern hoch bekommen und ihre Konzerte besuchen. Und zwar nicht nur, wenn diese gratis sind, oder der Eintritt nur vier oder fünf Euro kostet. Denn dass von dem Budget, das bei solchen Preisen erwartbar ist, kein Konzertabend mit zwei, drei oder gar mehr Bands organisiert werden kann, ist anhand obigen Rechenbeispiels schnell nachvollzogen. Wer aber 15 Euro Eintritt, „bloß für ein paar Underground-Bands“, bereits für Abzocke hält, sollte sich eines vor Augen führen: In Zeiten, in denen ein Bier im Club  (mit Trinkgeld) 4 Euro kostet, können 5 Euro pro Band nicht zu viel sein.

3 Kommentare zu “Lasst uns über Geld reden #3 (Das Underground-Konzert)”

  1. johnny

    In einem laden in dem das Bier 4 Euro kostet finden keine „underground“ Konzerte statt!

    Diese sind in der Regel im AZ oder einer Punker Kneipe wo das Bier 70 cent – max. 2 € kostet.

    4€ sind klare Kommerz Strukturen.

  2. arno nyhm

    Ich war genau einmal in münchen auf nem konzert und da hat der halbe nen € gekostet.
    konnte mich da jetzt nicht beklagen, laden war auch gut gefüllt.

    In Hannover ist es ja meist eher so das NICHT plakatiert wird, und Promo für die show heisst, wir erstellen eine FB veranstaltung wo unsere freunde von wissen.
    dann steht man wieder mit 3 zahlenden gästen vor der bühne und die 3 bands aus schweden freuen sich tierisch.
    ausnahmen bestätigen die regel, allerdings sind die konzert kollektive auch schon etwas länger dabei.
    Auf den Veranstaltungs seiten der läden werden shows teilweise nicht aufgeführt bzw muss man auf seiten anderer läden gehen da die so nett sind einfach mal alles zusammen zufassen was so grob los ist.

    bin aber auch eher im punk/diy/g.baller shows unterwegs

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