Vorab-Streams – Fluch oder Segen?

Früher war das neue Werk einer Band eine „Black Box“, bis es seine erste Runde im heimischen Abspielgerät drehte – heute hören wir uns Songs oder ganze Alben oft bereits Wochen vor der eigentlichen Veröffentlichung in voller Länge im Stream an. Haben Vorab-Veröffentlichungen via Internet die Musikwelt besser gemacht? In einer neuen Folge unserer Serie „Pro – Con“ präsentieren wir euch dazu zwei Meinungen aus der Redaktion. Gerne wollen wir aber auch eure Sichtweise kennenlernen und laden euch deswegen herzlich dazu ein, mit uns im Kommentarbereich über dieses Thema weiterzudiskutieren.

 

PRO

Retro ist zurzeit total in, daran besteht kein Zweifel. Musikstile der 1980er Jahre werden wiederbelebt, Musik erscheint wieder auf LPs und überhaupt distanzieren sich viele von den Vorzügen des digitalen Lebens, am liebsten natürlich über ihren Facebook-Account. Die Kritik am Vorab-Streaming scheint mir ein Paradebeispiel dafür zu sein. Sicherlich ist es irgendwie nostalgisch, eine CD zum ersten Mal zu hören, wenn man sie stolz wie Oskar aus dem heimischen Plattenladen trägt und es kaum erwarten kann, sie anzuhören. Das alles haben die zahlreichen Streaming-Optionen zerstört, geschenkt. Oftmals kennt man nicht nur einen oder zwei Songs, sondern hat das ganze Album zwei oder drei Mal gehört, bevor man es kauft.

Aber jetzt mal im Ernst: Ist es hier nicht so wie bei vielen Dingen aus der Retro-Welle? Die Abneigung basiert weniger auf der Sache an und für sich, sondern darauf, dass man sich daran erinnert, wie das früher mal war, als man mit 15 oder 17 Jahren seine ersten selbstverdienten Scheine Monat für Monat für CDs ausgegeben hat. Ja, das war erhebend, ich habe es genauso gemacht. Aber es war auch aus der damaligen Zeit geboren. Youtube und Spotify gab es noch nicht, und für Streaming hätte die Bandbreite eh nicht gereicht. Die Sampler-CDs vom Rock Hard und Konsorten waren oft die besten Möglichkeiten, vorab in eine CD reinzuhören. Und wer nicht im Plattenladen seines Vertrauens testen wollte oder konnte, tat es eben erst zu Hause. Dass wir uns heute wohlig daran erinnern, liegt vermutlich mehr daran, dass wir uns an unsere Jugend erinnern, als dass es wirklich der Weisheit letzter Schluss gewesen wäre. Hätte es damals die Möglichkeit gegeben, ein Album in Gänze zu hören, ich hätte sie genutzt.

Denn die Vorteile überwiegen glasklar. Ich brauche ohnehin mehrere Durchläufe, bevor ich ein Album bewerten kann. Mit der Menge an gehörter Musik nimmt die Begeisterungsfähigkeit ja langsam ab. Oft weiß ich erst nach dem dritten Hören, ob die Melodien simpel, aber genial sind oder doch nur simpel. Auch abseits der Neuveröffentlichungen kaufe ich fast nie blind, außer ein Freund, der meinen Geschmack gut kennt, hat es mir dringend empfohlen. Fast immer höre ich erst bei Youtube in Alben rein. Warum sollte ich es also bei Neuerscheinungen anders machen? Das scheint mir nicht sinnvoll, und ich verliere dadurch rein gar nichts. Selbst in den wenigen Fällen, in denen ich bei den ersten Klängen umgehauen werde, hält mich doch nichts davon ab, die CD Sekunden später zu kaufen – in der Regel dann gleich mit der Diskografie der Band, damit man auf Nummer sicher geht.

Das Vorab-Streaming an und für sich aber schützt mich und schafft mir Freiräume, gerade bei begrenztem Budget. Ich erkenne das Belanglose und Repetitive im Vorfeld und werde geschützt. Hätte es das schon vor zehn Jahren gegeben, stünden jetzt nicht solche belanglosen CDs wie Edguys „Tinnitus Sanctus“ oder Rhapsodys „Symphony of Enchanted Lands II“ in meinem Regal. Die habe ich nämlich blind gekauft, im Vertrauen auf die Bands – schade drum. Hätte ich da mal vorher reinhören können.

[Marc Lengowski]

CON

Ungeduldig reiße ich die Post vom Versandhändler meines Vertrauens auf und ziehe das Objekt meiner Begierde aus dem Karton. Meine leicht schweißigen Hände hinterlassen kleine Tapser auf dem hauchdünnen Cellophan, als ich mal wieder erfolglos nach einer Reißleine zum Öffnen suche, bevor ich ungeduldig mit der Nagelfeile in die Verklebung fahre und die transparente Schutzfolie herunterreiße. Andächtig klappe ich die Hülle auf, mit spitzen Fingern greife ich nach dem Silberling und lasse ihn ins CD-Laufwerk gleiten. Play drücken. Augen schließen. Ein leises Summen, ein kaum zu vernehmendes Piepsen – dann beginnt, worauf ich mich Monate, manchmal Jahre gefreut habe. Es ist der Release-Termin des neuen Albums einer meiner Lieblingsbands und all meine Erwartungen, all meine Befürchtungen treffen in diesem Moment zum ersten Mal auf die Realität. Es ist grandios, weil: neue Musik. Aber es ist auch spannend: weil ich nicht weiß, was mich erwartet.

Weil ich standhaft geblieben bin, weil ich die ganzen, mir in den letzten Wochen in den sozialen Netzwerken vorgeschlagenen, zugesendeten und beworbenen Links ignoriert habe. Weil ich mir das Album nicht schon Wochen vor der eigentlichen Veröffentlichung auf Youtube angehört habe.

Was früher die Single war, mit der man schon damals keinen Album-Fan begeistern konnte und die folgerichtig im Metal eher eine Randerscheinung war, ist heute der Vorab-Stream. Ein Song wird – bestenfalls mit Musikvideo, meist jedoch mit Standbild, oder, schlimmer noch, einem sogenannten „Lyric-Video“ – zur Promotion des Albums ins Internet gestellt. Man bekommt einen ersten, oftmals falschen Eindruck davon, was einen erwartet, beurteilt die Atmosphäre, lange, bevor man den Kontext kennt, in dem der Song eigentlich steht. Und verliert vielleicht wegen eines Stücks, das einem nicht gefällt, die Lust auf das ganze Werk.

Doch damit nicht genug: Im Kampf um Aufmerksamkeit und potentielle Käufer gehen Labels und Bands mittlerweile so weit, ganze Alben vorab zum Gratisgenuss freizugeben. Zum „Querhören“ und Kennenlernen. Was bei Bands, die man bislang nicht kannte, zugegebenermaßen nichts anderes ist als eine praktische Form der altehrwürdigen Abspieltheke im mittlerweile ebenso antiquierten Musikladen (Gott habe beide selig), ist für das knisternde erste Mal mit der potentiellen großen, neuen Liebe wie das Tennissöckchen am Fuß: ein absoluter Stimmungskiller.

Wie bei allen Beiträgen, die sich um Musik und deren physische Medien drehen, haftet auch dieser Aussage natürlich ein nicht zu leugnender Charme vergangener Zeiten an. CDs sind als überholt verschrien, seit am Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen in Erlangen Mitte der 90er die so genannte „MP3“-Datei erfunden wurde und das gute, alte Vinyl hat vornehmlich die Tatsache vor dem Aussterben bewahrt, dass die schwarzen Scheiben nunmehr eher ein Medium für einen Lifestyle denn für Musik sind. Es gibt mittlerweile digitale Musik in bester Audioqualität und die Vorzüge von überall zugänglichen Mediatheken wie Spotify, iTunes oder eben Youtube sind nicht zu leugnen. Und doch gibt es eben diesen einen Moment, in dem all diese Dienste ihr wahres Gesicht zeigen – und damit wir selbst: In mittelprächtiger Qualität dröhnt dann das Resultat oft mehrjähriger Arbeit aus den Laptop-Boxen – weil am Ende eben doch die Neugierde gesiegt hat. Und gänzlich unbemerkt verstreicht ein theoretisch unvergesslicher Moment. Schade eigentlich.

[Moritz Grütz]

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5 Kommentare zu “Vorab-Streams – Fluch oder Segen?”

  1. arno nyhm

    irgendwie fehlt das contra… da ist nicht viel zu lesen was substanz hat.
    aber schön das ihr euch wenigstens mühe gegeben habt.

    muss bei sowas immer dran denken wie die damals zeter und mordio geschriehen haben als der erste tonträger mit „minderer quali“ rausgekommen ist. Musik muss man live erleben wenn das orchester aufspielt!

    1. Markus Frey

      Was fehlt dir denn genau im Contra-Teil? Welche passenden Argumente (mit mehr Substanz) fallen dir dazu ein?
      Dass das Live-Erlebnis von Musik alles andere toppt, darüber sind sich sowohl Befürworter als auch Gegner von Vorab-Streams bestimmt einig. :)

  2. arno nyhm

    das contra ist ein GEFÜHL (postfaktisch sozusagen). wo geht er denn im Contra auf die eingangsfrage, haben vorab streams die musikwelt besser gemacht, ein ?

    das zweite war eher ein verweiß auf die historie, wie damals die leute reagiert haben als das aller erste mal musik auf einen tonträger festgehalten wurde. so wie jetzt, son vorab stream macht den hörgenuß von einem album kaputt… das ist genauso abstrus.

    lange rede kurzer sinn, hier gibt es vielleicht 2 meinungen, aber kein pro oder contra… bzw die pros sind vielleicht argumente, aber contra ist nur ein gefühl eines einzelnen (wo es bestimmt noch mehr gibt die so fühlen was hier aber kein punkt sein sollte), und das ist unter „mimimi“ zusammenzufassen ;)
    ich hoffe ich konnte meinen standpunkt halbwegs darstellen :)

  3. Moritz Grütz

    Ich verstehe, was du sagen willst, sehe es aber (natürlich) anders ;) Zugegebenermaßen ist ein Thema, zu dem man schwer objektive Argumente anbringen kann, zumindest aus der Con-Seite, da gebe ich dir Recht. Allerdings ist Musik generell eine Gefühlssache, von vorne bis hinten. Für den vinyl-Fetischisten sind CDs schon Teufelswerk, und für den CD-Sammler sind es eben Streaming-Angebote Stimmungskiller. Insofern denke ich, kann man eben dieses Gefühl durchaus auch als Argument zählen lassen. Ob es dich überzeugt, ist natürlich eine andere Frage – wenn nicht, hat mein Kollege Marc seinen Job gut gemacht. ;)

  4. eNKa

    Ich finde, „vorab-Streams“, erinnern mich ein wenig an die alten Tage des Tapetradings oder als’n Kumpel mit nem überspieltem 90min Tape ankam und wir die neuste „x-y-z“ gehört haben. Nichts anderes sehe ich in vorab Streaming.

    Man konnte wunderbar entscheiden ob man sich das neue Album von „x-y-z“ zulegt oder ob es als Tape im Regal landet oder sogar ggf. überspielt wurde.

    Betrifft übrigens auch die heutigen MP3 Files auf den Rechner.
    Wenn’s gefällt und wenn man das Geld dafür hat kauft man sich die LP/CD und wenn’s solala ist bleiben die Files auf der Festplatte.

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