Wer aus Deutschland kommt, vergisst es manchmal, weil ihnen der „internationale Glanz“ fehlt. Doch KREATOR sind nicht nur eine der Thrash-Metal-Bands der ersten Stunde, sondern bis heute eine der bedeutendsten Gruppen des Genres weltweit. Insofern ist durchaus gerechtfertigt, dass die Band ihren Platz nun, 40 Jahre nach der Gründung, auch behauptet – mit einer (leider nicht gänzlich gelungenen, mehr dazu hier) Dokumentation und, begleitend dazu, einer Autobiografie von Bandkopf Miland „Mille“ Petrozza, die dieser mit dem Journalisten Torsten Groß geschrieben hat.
Wie schon beim Film („Hate And Hope“) wirkt der Titel des Buches, „Your Heaven, My Hell. Wie Heavy Metal mich gerettet hat“, ziemlich platt – und will nicht ganz zu dem Bild des kultivierten Metalheads Mille Petrozza passen, den die Feuilleton-Journalisten und hippen Podcast-Hosts so lieben. Umso spannender ist es, herauszufinden, wie all das gekommen ist: Wie es das Einwandererkind aus Altenessen in die erste Riege der Metal-Stars geschafft hat. Aber auch, wie sich sein heutiger Lifestyle – kein Alkohol, kein Fleisch, dafür Yoga und Humanismus – mit der Metal-Welt verträgt, in der er (zumindest auf Tour) tagtäglich verkehrt. Und wie er die Entwicklung jener Szene betrachtet, die er vom ersten bis zum heutigen Tag begleitet und geprägt hat.
Diese Fragen beantwortet „Your Heaven, My Hell“ nur zum Teil. Das liegt zum einen daran, dass Mille Petrozza – anders als etwa ANTHRAX-Gitarrist Scott Ian in seiner Biografie „I’m The Man. Die Geschichte dieses Typen von Anthrax“ – gar nicht so weit links und rechts seines eigenen Lebenswegs mit KREATOR blickt. So ist gerade der Einstieg etwas dröge geraten: Streng chronologisch arbeitet sich Petrozza durch seine Kindheit, über das für diese Generation obligatorische Erweckungserlebnis durch KISS hinein in die frühe Jugend. Das eine oder andere hätte man etwas kürzen oder als Einschub später nachreichen können. Andererseits gelingt es Mille dabei, den Ruhrpott der 1980er sehr unaufgeregt zu beschreiben, indem er ihn weder als asoziales Loch niedermacht noch genau dieses Klischee glorifiziert.
Je mehr die Karriere von KREATOR an Fahrt aufnimmt, desto interessanter werden die Einblicke: Dass es sich dabei ausschließlich um Tour- und Studioanekdoten handelt, überrascht wenig – für etwas anderes als Tour und Studio blieb im Leben der jungen Musiker keine Zeit: Zu irrwitzigen fünf Alben in sechs Jahren trieb Karl-U. Walterbach von Noise Records die junge Band – nicht immer zu deren Begeisterung, erwiesenermaßen aber auch nicht zu ihrem Schaden. Über den streitbaren Labelchef, mit dem sich viele seiner ehemaligen Bands, allen voran CELTIC FROST, überworfen haben, erfährt man vergleichsweise viel – die anderen Bands der damaligen Szene sowie deren Entwicklung im Ganzen wiederum bleiben eher ein Vibe am Rande der eigenen Geschichte.
Zum anderen aber beantwortet „Your Heaven, My Hell“ so manch drängende Frage nicht, weil Mille Petrozza das Buch überraschend früh enden lässt: Das bis heute unbeliebteste KREATOR-Album „Renewal“ ist das letzte, dessen Entstehung geschildert wird. Die Deutschland-Tour mit MOTÖRHEAD 1993 wird noch mit einem Satz angerissen, ehe Petrozza knapp konstatiert: „Danach ging es einige Jahre ein bisschen bergab mit KREATOR, die Alben waren nicht mehr so erfolgreich, künstlerisch waren wir ein bisschen orientierungslos. Die Neunzigerjahre waren für die meisten Bands aus unserer Szene eine schwierige Zeit. Heavy Metal durchlitt eine schwere Identitätskrise.“ In eine tiefere Analyse dieser nicht so erfolgreichen Zeit steigt der Sänger und Gitarrist lieber nicht ein: Der (temporäre) Ausstieg seines eigentlich unverzichtbaren Kompagnons und Schlagzeugers Jürgen „Ventor“ Reil und der dauerhafte von Bassist Rob bilden in wenigen Sätzen behandelt den Abschluss des Buches. Im Epilog heißt es dann nur lapidar: „Bis heute spielt Mille Petrozza bei KREATOR, veröffentlicht weiterhin regelmäßig Alben mit der Band und geht weltweit auf Tournee.“ Wie KREATOR es aus der Flaute geschafft haben und mit „Violent Revolution“ und „Enemy Of God“ stärker denn je wurden, oder ganz allgemein: Wie Mille Petrozza auf die restlichen 30 Jahre seines bisherigen Lebens blickt, bleibt – zumindest in diesem Buch – unausgesprochen.
Der Yoga-begeisterte Veganer, der sich am liebsten mit Künstlern und Indie-Musikern umgibt, sein Publikum aber allabendlich fragt, ob es bereit ist, sich gegenseitig umzubringen – man wäre ihm gerne näher gekommen. Genau das gelingt „Your Heaven, My Hell“ aber leider nicht so recht. Vielleicht war das auch gar nicht Petrozzas Ziel, vielleicht ging es ihm dezidiert um eine Rückschau auf die Anfangsjahre des Thrash Metal. Dann jedoch hätte es dem Buch gutgetan, es nicht als reine Autobiografie aufzuziehen, sondern den Blick zumindest etwas weiter zu fassen.
Keine Frage: KREATOR-Fans bekommen in „Your Heaven, My Hell“ einige spannende Fun-Facts für den nächsten Metal-Stammtisch geboten: Mille räumt mit dem aus seiner Sicht völlig überzogenen Kult um den Szene-Film „Thrash Altenessen“ auf, enthüllt, für welche Züricher Metal-Legende Mille KREATOR noch vor dem dritten Album um ein Haar verlassen hätte und relativiert den Mythos um die vorgebliche Konkurrenz zwischen KREATOR und SODOM – für deren Gitarrist Frank Blackfire KREATOR seinerzeit eine Ablöse bezahlen mussten. Auch kommt man dem Werdegang von KREATOR in „Your Heaven, My Hell“ deutlich näher als durch den weitestgehend sehr unpersönlichen Dokumentarfilm. Alles in allem hätte man sich von Mille Petrozza aber etwas mehr erwarten dürfen: mehr Gefühle, mehr Gedanken, mehr Geschichten – vor allem aber eben seine ganze Geschichte, nicht nur die seiner Jugend.
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