Kreator – „Hate & Hope“ in der Weltpremiere

Gut vier Dekaden reicht die Geschichte des deutschen Thrash Metal nun zurück. Und weil damit die Ära der „Big Teutonic 4“ – so stark die aktuell auch noch sein mögen – unweigerlich dem Ende entgegengeht, ist die Zeit der Biografien und Biopics gekommen. Nach DESTRUCTION bringen nun auch KREATOR einen Film ins Kino.

Der Größe der Band entsprechend wird dabei mit deutlich größerem Kaliber geschossen: Waren so manche bisherigen Thrash-Dokus eher Fanprojekte (mehr dazu im Interview mit den Filmemacher:innen von „The Art Of Destuction“), steht hinter „Hate & Hope“ ein ganzes Filmteam um Regisseurin Cordula Kablitz-Post, deren letzte Projekte Dokumentationen über DIE TOTEN HOSEN und SCOOTER waren. Das sorgt für Aufmerksamkeit, weit über die Szene hinaus – und so feiert „Hate & Hope“ seine Weltpremiere im Rahmen des Filmfests München.

© Andreas Brückner/Metal1.info

Mit der rebellischen Gegenkultur, als die (Thrash) Metal einst verstanden werden wollte, ist es da nicht mehr weit her. Ganz im Establishment angekommen ist das Geprügel aber offenkundig auch noch nicht: Vom „normalen“ Filmfest-Publikum haben sich an diesem Mittwoch nur ein paar Aufgeschlossene vor den City Kinos eingefunden – und die Metal-Szene mit entsprechender Promotion ins Boot zu holen scheint niemand für nötig befunden zu haben. So verteilen sich schlussendlich nur rund 100 Personen im größten Saal der City Kinos – inklusive des Produktionsteams und Mille Petrozza persönlich.

Mille (KREATOR) und Moritz (Metal1.info) bei der Premiere.

Während bei sommerlichen Temperaturen im Innenhof in kleinem Rahmen großer Festspiel-Trubel zelebriert wird, nimmt sich der Lockenkopf im schwarzen Leinen-Gewand vor dem Filmstart nicht nur Zeit für Fernsehinterviews, sondern auch für Selfies, Autogramme und Gespräche mit den Fans. So nah kommt man dem KREATOR-Fronter leider nicht nur im echten Leben selten: Auch in den 110 Minuten, die „Hate & Hope“ dauert, stellt sich nur in einzelnen Szenen das Gefühl ein, der Band wirklich nah zu sein.

So geschickt die Live-Aufnahmen im Film arrangiert sind, indem immer wieder alte und neue Konzertaufnahmen gegeneinander geschnitten werden, so wenig überzeugt das für den Film konzipierte Material: Wenn Mille mit „Fremdenführer“ Maik Weichert (HEAVEN SHALL BURN) durch die KZ-Gedenkstätte Buchenwald geschickt wird, um die politische Seite des Musikers herauszuarbeiten, wirkt das bei aller Sympathie für beide Protagonisten vom Storytelling her doch ziemlich dick aufgetragen. Und auch wenn Mille mit Schauspieler Lars Eidinger im Restaurant sitzt („Du bist vegan?“ – „Ja, ganz lange schon!“) hört man ihn wieder herab sausen, den Holzhammer: Seht her, der Mann verkehrt in Künstlerkreisen!

Die Interviews dagegen kratzen oft nur an der Oberfläche. Wer von KREATOR bislang nichts wusste (Filmfest-Publikum), bekommt wenig Kontext oder Fakten, etwa über Karrierehöhepunkte oder Krisen, die es in vier Dekaden unweigerlich auch gegeben haben muss. Obwohl alle Beteiligten im anschließenden Q&A bemüht sind, zu betonen, dass „Hate & Hope“ eben kein Imagefilm werden sollte, fehlt dem Film gerade jene Selbstverständlichkeit, mit der die Kamera bei einer gelungenen Dokumentation auch in ungünstigen Momenten im Raum ist: „The Art Of Destruction“ ist gerade deswegen stark, weil Schmier auch mal in Rage oder Unterhose festgehalten wurde. KREATOR dagegen wollten nach dem großen Abbruch-Debakel beim „Klash Of The Ruhrpott“ erst einmal Zeit für sich: Der Backstage-Türsteher habe die (also nicht) Filmenden unerbittlich abgewiesen, so die Regisseurin. Am Ende gibt es zwar doch noch Backstage-Aufnahmen der frustrierten Band – ungefilterte Emotionen sind das aber natürlich nicht.

© Andreas Brückner/Metal1.info

Etwas näher als Mille kommt man über den Verlauf des Films den anderen (aktuellen) Bandmitgliedern: dem stets etwas überdrehten Franzosen Fred. Sami, dem stillen Finnen mit dem verschmitzten Lächeln. Vor allem aber Jürgen „Ventor“ Reil, dem „Mike von Kreator“: Wenn der so bodenständige wie sympathische Mann über die Planlosigkeit der Anfangsjahre erzählt, im Wohnzimmer Bassist Fred tätowiert oder wie ein begossener Pudel daneben steht, wenn seine Söhne von der (meist) ohne Vater verlebten Jugend erzählen, menschelt es in „Hate & Hope“ endlich doch noch. Für ein paar nette Sätze über die Rolle von KREATOR in der Szene kommen dann noch diverse Musiker-Kollegen sowie Boggi Kopec zu Wort, der die Band in den Anfangsjahren als Manager begleitete. Unerwähnt bleiben hingegen der Rauswurf von Bassist Christian Giesler (2019), aber auch Karriere-Meilensteine wie das legendäre „At The Pulse Of Kapitulation“ Konzert in Berlin 1990. Und auch die Fans sind schlussendlich allenfalls Statisten.

Metal ist ein besonderes Genre und folgt seinen eigenen Regeln. Vielleicht reicht es deswegen nicht zu einer guten Dokumentation, einfach nur Profis mit hinreichend Budget auszustatten. Denn so gut „Hate & Hope“ auch gemacht sein mag, so steril und unpersönlich bleibt der Film – insbesondere im direkten Vergleich zu den deutlich hemdsärmliger gedrehten Thrash-Filmen „Total Thrash – The Teutonic Story“ und „The Art Of Destruction“, die sowohl den Zeitgeist der 1980er-Jahre als auch den ungebrochenen Charme des Genres viel lebendiger eingefangen haben.

War „The Art Of Destuction“ Currywurst Schranke, ist „Hate & Hope“ genau, was in der Szene mit Eidinger in noblem Ambiente serviert wird: blanchierte Karotte an Saucenspiegel und Couscous. Bleibt zu hoffen, dass Mille Petrozzas nicht minder tumb betitelte Autobiografie („Your Heaven, My Hell – Wie Heavy Metal mich gerettet hat“), die zeitgleich zum Kinostart am 28. August erscheint, mehr zu bieten hat.

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Ein Kommentar zu “Kreator – „Hate & Hope“ in der Weltpremiere

  1. Teile ich. Ich hab den Film gerade gesehen, und fand ihn erschreckend platt und langatmig. Gute Dokus sind wie Spielfilme und erzählen – idealerweise spannend – eine Story. Die hier ist nach der Hälfte des Films erzählt – und wenn man Kreator kennt, sorry, dann kennt man die sowieso. Boggie Kopecs Stories sind ein kleines Highlight, und wenn Mille und Ventor direkt befragt erzählen, ist das nett. Aber im Vergleich finde ich sogar Thrash – Altenessen (Doku Anfang 90er über Kreator) besser, weil komplett ungefiltert, und DER hat wirklich Längen. Man kann ihn anschauen, die alten Aufnahmen sind nett, aber nicht zu viel erwarten. Und kein Vergleich zu richtig guten Musik-/Band Dokus, das hier ist Kreisklasse.

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