Interview mit Brandon von So Hideous

Mit „Laurestine“ haben SO HIDEOUS aus Brooklyn eines der beeindruckendsten Alben des Jahres vorgelegt: Epische Orchesterklänge treffen auf heftige RIffs, Atmosphäre trifft auf markerschütterndes Geschrei, pure Verzweiflung trifft auf unendliche Hoffnung. Wir sprachen mit Songwriter Brandon über musikalische Vorbilder, das Konzept hinter „Laurestine“ und über die stets unterrepräsentierte Rolle klassischer Musik in Musikbesprechungen.

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Hi Brandon, danke, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst! Nachdem ihr bisher noch nicht in Europa getourt seit, kennen euch vermutlich viele unserer Leser noch nicht. Magst du SO HIDEOUS kurz vorstellen?
Wir spielen schon fast unser ganzes Leben gemeinsam Musik, dieses Projekt haben wir offiziell aber erst 2008 ins Leben gerufen. 2009 haben wir unsere erste EP „I Balance A Daydream On The Edge Of A Knife“ veröffentlicht und seitdem ungefähr alle zwei Jahre neue Musik rausgebracht. Musikalisch würden wir uns als laute, verzerrte Kammermusik mit treibenden Rhythmen und aggresivem Gesang beschreiben. Das kann sich in der Zukunft zwar ändern, aber zu diesem Zeitpunkt ist das SO HIDEOUS.

Herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album „Laurestine“, das meiner Meinung nach absolut großartig geworden ist. Kannst du ein bisschen über das Konzept hinter dem Album sprechen, auch was den Titel und das Artwork betrifft?
Vielen Dank! Das Album basiert auf dem Konzept der sieben Minuten Gehirnaktivität, nachdem das Herz zu schlagen aufhört. Wissenschaftlich gesehen ist die erhöhte kognitive Leistung in diesem Moment pure Spekulation, aber die Forschung postuliert, dass hier die Grundlage für den Lebensrückblick stattfindet. Das hat uns alles ziemlich beeindruckt und wollten nicht nur diesen Lebensrückblick erkunden, sondern auch flüchtige Zustände sowie eine Loslösung von der physischen Hülle und derartiges betrachten. Wenn unser Charakter stirbt, wacht er in einer bizarren, sehr empfindlichen Landschaft auf, die eine Mischung aus Erinnerungen, Träumen und anderen Erscheinungen ist, zu der er sonst keinen Zugang hätte. In dieser Welt folgt er einer Blume und einer Frau, die beide Laurestine heißen und ihn zum Ursprung und zum Ende leiten. Die so vergehenden sieben Minuten werden dabei jedes Mal betont, indem sich die Landschaft jedes Mal ändert, wenn die Band ihre Zeitsignatur auf 7/4 oder 7/8 wechselt. Die Blume Laurestine blüht in den unwirtlichsten Gegenden und war für uns ein sehr eindrückliches Bild, wie man durchhält wenn man von Tod umgeben ist. Es war wirklich anstrengend und eine große Herausforderung, aber gleichzeitig auch ein unglaublicher Spaß, diese Erzählung zu verfassen.

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Es gibt viele Interludes und Verbindungen zwischen den einzelnen Nummern auf „Laurestine“ – habt ihr das Album als ein großes Stück geschrieben und betrachtet ihr es auch so?
„Laurestine“ ist definitiv ein großes Stück Musik und ist so geschrieben, dass man es am Stück hört. Insofern stellt es unsere Annäherung an eine Symphonie dar. Aber ich möchte gerne einen Punkt aus deiner Frage korrigieren: Es gibt eindeutig KEINE Interludes auf dem Album. Wir werten unsere Stücke weder auf noch ab, nur weil sie einem bestimmten Kriterium wie verzerrten Gitarren oder Gesang entsprechen oder eben nicht. Ich finde, das wäre ein viel zu enger Blick, sich Musik anzunähern. Die einzelnen Stücke sind alle wichtig für die Form des Albums.

Wie würdet ihr „Laurestine“ im Vergleich zu eurem ersten Album und den vorhergehenden EPs beschreiben?
Dieses Album war das Ziel, von Anfang an. Wir haben solange herumgestöpselt, bis wir dazu imstande waren dieses Album zu verwirklichen, finanziell und als Songwriter. Jede vorangehende Veröffentlichung war ein weiterer Schritt, aber uns ist entweder die Zeit oder das Geld ausgegangen, wenn es daran ging unsere Vision zu verwirklich. „Laurestine“ ist nun diese verwirklichte Vision.

So Hideous - 04Wie schreibt ihr denn generell eure Songs? Sind die Streicher ein direkter Teil des Songwritings oder gibt es erst so etwas wie eine Rohversion ohne orchestrale Elemente?
Es ist so ein bisschen was von alledem, je nach Song. Ich komponiere in den seltensten Fällen auf der Gitarre; das funktioniert sicher gut für andere, aber ich komme mit der Limitierung der Gitarre nicht zurecht. Wenn ich auf dem Klavier, dem Synthie oder sogar auf meinem Telefon komponiere kann ich all die Spuren für Gitarre, Bass, Streicher, Chor, Bläser konzipieren und den Jungs präsentieren, um dann daran zu arbeiten. Wenn grade kein Klavier verfügbar ist, dann schreibe ich mir Noten auf eine Serviette oder ein Stück Papier, falls der Akku meines Telefons gerade leer ist und arbeite dann von dort aus weiter. Wir trennen die orchestralen Elemente aber nicht von den Bandelementen, wenn wir Lieder schreiben. Das muss beides Hand in Hand gehen.

Wie wichtig sind Texte für euch?
Texte sind das finale Puzzleteil, die vervollständigen die komplette Albumerfahrung. Viele der Konzepte auf „Laurestine“ sind dezidiert textlich – wenn wir eine rein instrumentale Band wären, wäre vieles offen für Interpretationen gewesen. Klar, man will auch ein Wechselspiel zwischen Musik und Hörer haben, sodass letztere die Leerstellen selbst ausfüllenmüssen, aber so etwas wie textliche Führung zu haben hilft dabei und fügt dem Album hoffentlich auch eine weitere Dimension hinzu.

The Melodie am Ende von „Relinquish“ erinnert mich sehr stark an die Klimax in Godspeed You! Black Emperors „Moya“, auf eine faszinierende neue Art. Andere Momente in eurer Musik erinnern mich stark an Envy und Mono. Sind diese Bands wirklich Einflüsse und was beeinflusst euch noch?
Als Kind habe ich die frühen Godspeed-Platten geliebt; auch wenn sie mich, ähnlich wie wir dich, oft an Avo Pärt erinnern – vielleicht hat er sich diese Melodie dann auch ausgedacht, aber ich würde sagen, egal an wen einen das erinnert, dass die Ähnlichkeiten in „Relinquish“ nie auf eine Band zurückzuführen sind, oder das eine Band den Anspruch darauf erheben kann, eine bestimmte Tonfolge patentiert zu haben. Envy und Mono sind zwei meiner absoluten Lieblingsbands, die früher extrem wichtig für mich waren und denen wir auch sehr dankbar für ihre Musik sind. Auf der anderen Seite finde ich es erstaunlich: Ich hab jetzt echt einige Interviews geführt, seit unser Album erschienen ist, und nicht einmal, also wirklich kein einziges Mal hat ein Journalist oder Hörer Vivaldis „Gelido In Ogni Vena“, Bachs „Messe in B-Moll“ oder Max Richters „Memoryhouse“ erwähnt. Dabei ist die DNA dieser Stücke ein essenzieller Bestandteil des ganzen Albums, und zwar deutlich stärker, als der Einfluss der gerade von dir genannten Bands. Das zeigt, dass die Journalisten entweder schlampig recherchiert haben oder in ihrem musikalischen Horizont sehr eingeschränkt sind. Egal, was von beidem es ist, das hat ziemlich wenig mit uns zu tun, oder damit, wovon wir wirklich beeinflusst sind.

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In manchen Momenten erinnern mich eure Streichermelodien an den Soundtrack zu einem epischen Computerspiel, wie beispielsweise die The-Legend-Of-Zelda-Reihe. Ist das etwas, das ihr beabsichtigt habt?
Wir machen nur die Musik, die uns gefällt. Der Gedanke hinter diesem Album war demnach, dass wir einfach eine Klangwelt erschafft, die uns gefällt und dem Konzept des Albums entspricht. Am Ende des Tages ist es einfach nur Krach, den man auf CD, Vinyl oder als MP3 hören kann, und wir sind einfach nur froh und dankbar, dass es veröffentlicht ist und dass sich ein Publikum Zeit nimmt, sich unsere Musik anzuhören.

Ich finde, dass eure Musik stellenweise sehr auf Bombast setzt – könntet ihr euch vorstellen, so etwas wie einen Soundtrack zu schreiben?
Zu Beginn war die Band ein Projekt für Filmsoundtracks und ist dann langsam zu dem geworden, was es heute ist. Wir würden unglaublich gerne etwas vertonen, es geht nur darum, die richtigen Gelegenheiten dafür zu finden. Was den Bombast betrifft, finde ich, dass das eine ziemlich vereinfachende Aussage ist, die im Kern einen großen Teil unserer Musik einfach ausblendet. Klar, wir tendieren zu stärkeren Emotionen und so etwas wie „A Faint Whisper“ klingt stark nach dem späten Beethoven, aber eine Minute davor basiert der Song noch auf einer ruhigen, sehr nuancierten cleanen Gitarre. „Hereafter“ ist beispielsweise vollständig auf Atmosphäre und Rhythmus bedacht, ohne diesen Drang, jetzt noch irgendwie zu explodieren, sondern stattdessen einfach mit verhuschten, abfallenden Piano-Arpeggiatios zu enden.

sohidcoverWas sind eure Gedanken zur heutige US-Metal-Szene, in der viele vom Black Metal beeinflusste Bands viel Aufmerksamkeit erhalten? Seht ihr auch als Teil dieser „Bewegung“?
Wenn man der Presse glaubt, scheint es ja so, dass sich da gerade etwas Großes entwickelt, aber wir haben damit nicht sonderlich viel zu tun. Wir wurden erst als Screamo bezeichnet, dann waren wir Post Hardcore, schließlich Atmosphärischer Post Black Metal, und dann haben sie sich diesen „Blackgaze“-Schwachsinn ausgedacht, dem wir jetzt zugeordnet werden. So oder so, wir machen das jetzt seit acht Jahren, und haben das schon gut hingekriegt, bevor es irgendeinen Hype gab. Aber klar, viele Leute stoßen jetzt erst auf unsere Musik. Ich hab das immer so gesehen: Wenn die Presse es durch solche Assoziationen es schafft, dass Hörer uns finden, dann ist das ok. Aber wir schreiben ganz sicher keine Musik, um Teil einer „Bewegung“ zu sein. Ich hoffe, dass wir lange dabei bleiben und wünsche mir, dass wir so lange spielen können, was wir auch selber spielen wollen.

Wie wichtig ist es für euch, live zu spielen? Seht ihr euch eher als Liveband oder Studioband?
Live zu spielen ist genauso wichtig wie das Aufnehmen. Beides verlangt nach großen Investitionen, zeitlich sowie finanziell, und wir versuchen unser Bestes, das realistisch hinzubekommen.

Gibt es denn Pläne, mit echten Streichern live zu spielen?
Ja, die gibt es – aber das hängt eben leider auch vom finanziellen Aspekt hab. Gute Streicher sind nicht billig und schon gar nicht kostenlos zu haben.

So Hideous - 05Plant ihr auch, in Europa zu touren?
Entschuldige, dass ich es schon wieder sage – aber auch hier geht’s ums Geld. Außerhalb der USA zu touren bedeutet, dass man viel stärker an sein Erspartes muss. Wir würden so gerne überall spielen uns unsere Fans auf der ganzen Welt erreichen, weil die Möglichkeit, unsere Arbeit mit anderen zu teilen so viel Spaß macht und mit der schönste Aspekt der ganzen Sache ist. Aber wir können als Band nicht weiterexistieren, wenn wir uns dafür verschulden müssten. Das bedarf wirklich guter Planung und einer feinen Balance unterschiedlicher Faktoren. Aber wir hoffen, dass es nächstes Jahr klappt.

Da sich das Jahr langsam dem Ende zuneigt, was sind deine persönlichen Lieblingsalben aus 2015?
Max Richter “From Sleep”
Olafur Arnalds and Alice Sara Ott “ The Chopin Project”
Future “DS 2”
Blanck Mass “Dumb Flesh”
Johann Johannsson “Sicario OST“

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, dass du unseren Lesern mitteilen willst?
Ich möchte mich bei allen unseren Zuhörern bedanken – ich weiß, viele Bands sagen das klischeemäßig, aber es stimmt einfach: Ohne eure Unterstützung, indem ihr unser Album kauft, auf Konzerte geht, unsere Shirts tragt oder einfach nur von uns erzählt, wären wir nicht dazu in der Lage, weiterzumachen. Wir sind wirklich unendlich dankbar. Danke, vielen vielen Dank!

Brandon, vielen Dank! Wenn du Lust hast, würde ich gerne noch das traditionelle Metal1-Brainstorming mit dir spielen. An was denkst du als erstes, wenn du folgende Begriffe hörst:
Beethoven: Frech
Post Rock: Schläfrig
Brooklyn: Proberaum
Deutschland: Eines Tages
Gefühle: Ärger