Interview mit Daniel Davison von Underoath

Die US-amerikanischen UNDEROATH sind definitiv DER Post-Hardcore-Act der Stunde. Der Vertragsunterzeichnung bei Roadrunner Records folgt nun in Form von „Ø (Disambiguation)“ der neue Studiostreich, zu dem uns Daniel Davison, der Nachfolger von Drummer und Sänger Aaron Gillespie, am Telefon bereitwillig Auskunft gibt. Lest hier, was er zur neuen Scheibe, zerstörten Billig-Instrumenten, den „In Division“-Videodreh und vielem mehr zu sagen hat.

Hey Daniel! Wie gehts dir heute? Alles gut?
Es geht mir gut, danke dir!

Glückwunsch zum neuen Album – ist wirklich ganz großes Kino!
Dankeschön! Freut mich, dass es dir gefällt.

Die Scheibe wurde auf den Namen „Ø (Disambiguation)“ getauft. Was steckt hinter diesem Titel?
Jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen, was der Titel für ihn bedeutet oder symbolisiert. Für mich persönlich steht er ganz klar für die Veränderungen, die die Band die letzten Monate über durchlaufen ist. Viele Leute haben sich gefragt, ob die Band nach dem Ausstieg von Aaron (Gillespie; ex-Schlagzeuger/Sänger – Anm. d. Verf.) überhaupt noch funktionieren würde und wenn ja, wie sich das in Zukunft anhören könnte. Für mich hat der Titel also keine tiefere Bedeutung, sondern ist einfach ein Statement, dass die Band immer noch sie selbst ist. Es wird sozusagen alles auf den Tisch gebracht, so dass es jeder sehen und sich sein eigenes Urteil darüber bilden kann.

Euer mittlerweile siebtes Studioalbum bezeichnet außerdem euer Debüt bei Roadrunner Records. War das Label eure erste Wahl oder habt ihr euch auch noch nach anderen Angeboten umgesehen?
Roadrunner waren definitiv die erste Wahl, soweit ich das beurteilen kann! Die ganze Sache war schon auf dem Weg, als ich zur Band gestoßen bin – der Ball war sozusagen schon am Rollen, als ich bei UNDEROATH angefangen habe. Wir freuen uns aber alle darauf, mit den Jungs und Mädels von Roadrunner arbeiten zu können und bisher war alles wirklich großartig.

Mir kommt es so vor, als würde sich UNDEROATH mit dem neuen Output in eine wesentlich dunklere Richtung bewegen. Würdest du mir zustimmen und wenn ja: Wie erklärst du dir das?
Ich denke, es wurde bereits ein neues Kapitel dieser Band aufgeschlagen, als Aaron sie verlassen hat. Dadurch, dass das Schlagzeug und der Gesang nicht mehr von einer Person gleichzeitig gemacht wurden, kam wesentlich mehr Dynamik ins Spiel. Den letzten Alben hat man, meiner Meinung nach, angehört, dass Aaron nicht mehr die gleichen Vorstellungen wie die anderen hatte, wie die Band klingen und in welche Richtung man sich bewegen sollte.
Ich denke, als ich in die Band kam, gab ihr das auch einen gewissen frischen Wind, einen neuen kreativen Schub. Es gab einfach eine weitere Person, die genau die gleichen Vorstellungen von der Richtung hatte, in die es gehen sollte und musikalisch und persönlich auf dem selben Level war. Dadurch kam, zumindest zu einem Teil, bestimmt auch der Sound des neuen Outputs zustande, der Rest war Teil einer natürlichen Entwicklung.

Wie schon angesprochen hat Aaron die Band im April verlassen. Was waren denn seine Gründe dafür?

Aaron hatte andere musikalische Vorstellungen als der Rest der Band und sie waren sich nicht einig, wo sie sie derzeit sehen und was sie in Zukunft erreichen wollen. Das war letztendlich auch der Grund, weshalb er UNDEROATH verlassen hat. Er spielt jetzt Vollzeit in einer anderen Band, die sich The Almost nennt, und er scheint sehr glücklich damit zu sein. Nach seinem Ausstieg herrschte eine ganz besondere Aufbruchstimmung, die Gewissheit, dass man jetzt etwas Neues ausprobieren und praktisch von Vorne anfangen konnte. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich angerufen und schon von der ersten Probe an, passte alles perfekt zusammen.

Ich nehme an, ihr kanntet euch auch schon seit Längerem und du wurdest nicht ganz zufällig angerufen…
Hehe, ja – so ist es. Wir schon seit über 10 Jahren, wir waren uns vertraut und es fühlte sich alles von Beginn an sehr natürlich an, so dass dann auch das erste Material sehr schnell entstand.

Wohnt ihr alle in der selben Gegend oder kennt ihr euch noch über deine ehemalige Band Norma Jean?
Nein, die Jungs wohnen ja alle in Tampa, Florida, ich aber in Atlanta, Georgia, wobei ich jetzt nach Philadelphia gezogen bin. Ich kenne sie stattdessen – wie du richtig vermutet hast – über meine alte Band Norma Jean, weil wir früher mal zusammen auf Tour waren. Seitdem besteht der Kontakt zwischen ihnen und mir.

War Aarons Ausstieg dann auch eine besondere Herausforderung für euch – im Sinne von „Jetzt erst recht!“?
Ich glaube nicht, dass es eine wirkliche Herausforderung für die Band war. Es war eher eine ziemlich spannende Zeit nach seinem Ausstieg, weil keiner genau wusste, wie es jetzt weitergehen sollte.

Wirklich überraschend war die Meldung von seinem Ausstieg allerdings auch nicht. UNDEROATH haben ihre Bandmitglieder ja eine Zeit lang wie am laufenden Band ausgewechselt.
UNDEROATH war schon immer eine Band, die sich sehr schnell und sehr gut an personelle Veränderungen anpassen konnte. Es gab natürlich viele Wechsel, aber die fanden hauptsächlich in den Anfangstagen statt – das aktuelle Line-Up, mich natürlich ausgenommen, besteht in dieser Konstellation seit mittlerweile fast acht Jahren.

Dann hoffen wir mal, dass es auch noch eine Weile so bleibt! Anderes Thema, Stichwort „Video“. Der Clip, den ihr zu eurem Song „In Division“ gedreht habt, ist wohl einer der besten des laufenden Jahres. Wie waren die Aufnahmen für dich und warum habt ihr euch gerade für diesen Track entschieden? Sieht nach einer definitiv nassen, aber auch sehr spaßigen Angelegenheit aus!

Wir haben uns für speziell diesen Song entschieden, weil er nicht nur der erste auf der Scheibe ist, sondern gleichzeitig eine gute Zusammenfassung dessen, was exemplarisch für die anderen Titel geboten wird. Dieser Titel gibt gleich zu Anfang einen Ausblick auf die meisten Richtungen, in die das Album noch gehen wird, weswegen er dafür perfekt geeignet war.

Die Aufnahmen zum Video selbst waren tatsächlich ein unglaublicher Spaß, vor allem auch, weil wir alle schon lange mit dem Produzenten James Edwin Myers befreundet sind und wir uns deshalb praktisch blind verstehen. Die Aufnahmen dauerten insgesamt zwei Tage und gearbeitet wurde in einem Trainingszentrum von Scuba Diving in St. Augustin in Florida.

Es lässt sich kaum übersehen, dass das Wasser das mit Abstand stärkste Element des Videos ist. Was hat es damit auf sich und wie ist es mit der Scheibe an sich verbunden?
Das ganze Album hat in vielerlei Hinsicht als übergreifendes Element das Wasser, obwohl ich jetzt nicht so weit gehen und sagen würde, dass es konzeptionell in diese Richtung geht. Wir haben das James allerdings gar nicht erzählt, er kam nach dem ersten Hören des Albums selbst auf diesen Gedanken und letztendlich auch auf die Idee zur Umsetzung des Videos, wollte unbedingt mit viel Wasser arbeiten. Für uns war das natürlich perfekt, weil wir ja wussten, dass dieses Element sehr stark mit unserer Scheibe verbunden ist.
Der Song selbst bezieht sich mit seinen Texten allerdings nicht plakativ auf das Wasser – wir dachten nur, dass diese Umsetzung eine ziemlich coole sein sollte. Ich bin mir auch gar nicht ganz sicher, worum es in den Lyrics des Songs genau geht, weil Spencer dafür allein zuständig ist. Meistens handeln sie von sehr persönlichen Dingen, reichen aber von Themen wie Gott und Glauben bis hin zu Erfahrungen, die er mit Freunden und seiner Familie gemacht hat und von persönlichen Kämpfen, die man so ausfechten muss.

Der ganze Dreh dürfte eine ziemlich kostspielige Sache gewesen sein, wenn ihr eure Instrumente nicht ohnehin gerade verschrotten wolltet.
Die ganzen Instrumente haben wir natürlich speziell für den Videodreh gekauft. Meine Drums zum Beispiel stammen aus einem Second Hand-Shop und wir haben nur ein paar Peanuts dafür gezahlt, nahmen das Billigste, das wir bekommen konnten, um es im Wasser zerstören zu können (lacht).

Du bist außerdem Produzent für Musik Videos und hast schon mit zahlreichen Bands aus dem Metalcore- und Hardcore-Sektor gearbeitet. Bestreitest du deinen eigentlichen Lebensunterhalt damit oder mit UNDEROATH?
Zur Zeit definitiv mit UNDEROATH. Bei all den Touren, die wir jetzt die nächste Zeit über fahren, habe ich gar keine Zeit, nebenher noch Musikvideos zu produzieren. Hauptberuflich habe ich das vor allem zwischen meiner Tätigkeit bei Norma Jean und UNDEROATH getan.

Zum Song „Catch Myself Catching Myself“ habt ihr einen Fancontest veranstaltet. Der Song wurde ohne Gesangsspuren veröffentlicht, so dass eure Fans ihren eigenen Gesang über das Instrumental legen konnten. Wie wichtig sind euch solche Aktionen?
Wir lieben solche Sachen und versuchen, immer neue Wege zu finden, mit unseren Fans und Hörern zu interagieren. Das ist, meiner Meinung nach, etwas sehr Wichtiges in der heutigen Zeit, um mit seinen Fans in Kontakt zu bleiben und ihr Interesse in einer Band aufrechtzuerhalten.


Tampa in Florida ist vor allem für seine zahlreichen Death Metal-Exporte bekannt – weniger für seinen Hardcore und Metalcore. Gibt es dort denn überhaupt eine vernünftige Szene?
Ja, wir haben auf jeden Fall eine sehr große Hardcore- und Metalcore-Szene. Ich glaube auch gar nicht, dass es in Tampa oder Florida allgemein noch eine sehr große Death Metal-Szene gibt. Wir sind davon allerdings auch nicht betroffen und dementsprechend kenn ich mich auch nicht sonderlich gut damit aus.

Ihr werdet oft als christliche Band bezeichnet. Auf der einen Seite gibt es bei Konzerten Aussagen im Sinne von „Wir lieben es Musik zu spielen und all das, aber wenn ihr uns hört und seht, hoffen wir, dass ihr nicht UNDEROATH seht, sondern Jesus Christus“. Auf der anderen Seite sagt Spencer aber auch, dass er die Band nicht allein für ihren christlichen Backgrounds, sondern wegen der Musik an sich im Gespräch haben möchte. Wie passt das zusammen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass eine Band oder die Musik auch bis einem gewissen Grad eine Nachricht zu überbringen hat. Aber auf der anderen Seite denke ich nicht, dass das an erster Stelle stehen sollte. An erster Stelle steht bei uns definitiv die Musik selbst, die Lyrics oder verschiedene Aussagen spielen zuerst mal eine untergeordnete Rolle. Jeder in der Band sieht solche Sachen verschieden und es geht auch nicht jeder von uns gleich mit seinem Glauben um.

Ihr seid jetzt noch einige Zeit auf großer Tour durch die Staaten unterwegs. Wie stehen die Chancen, dass wir euch danach in Europa zu Gesicht bekommen?
Daran arbeiten wir gerade! Es gibt noch keine finalen Daten, aber wir sollten im Frühling im Rahmen einer Headlinertour zu euch kommen und freuen uns auch schon sehr darauf!

Perfekt. Jetzt fehlt nur noch unser traditionelles Metal1.Brainstorming. Was kommt dir in den Sinn, wenn du die folgenden Begriffe hörst:

Terrorismus: Flugzeug
Sarah Palin: Bescheuert
Miami: Sonnentanz
Armband: Uhr (lacht)
Metal1.info: Hat Spaß gemacht!

Daniel, ich danke dir sehr für deine Zeit und wünsch euch noch viel Spaß auf der Tour und alles gute für die neue Scheibe!
Danke für das Interview, man sieht sich nächstes Jahr auf Tour!

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