Underoath - Voyeurist Cover

Review Underoath – Voyeurist

Christliche Rock- und Metal-Musik wird von der säkularen Sparte der Community oft belächelt – aus ideologischen Gründen, aber nicht zuletzt auch aufgrund künstlerisch seichter Acts wie Skillet oder Creed. Dennoch gibt es ein paar Ausnahmegruppen, die sich auch außerhalb ihrer gottesfürchtigen Bubble Respekt verschaffen konnten – zum Beispiel UNDEROATH. Nach zwei alles andere als andächtigen Alben zwischen ruppigem Black und Death Metal mauserten sich die Amerikaner auf „They’re Only Chasing Safety“ (2004) zu einer der führenden Post-Hardcore-Bands im Emo-Sektor, ehe sie ab „Define The Great Line“ (2006) mehr und mehr in sperrige Metalcore- und Post-Metal-Gefilde vordrangen. „Voyeurist“ zeigt UNDEROATH nun erneut in einem anderen Licht.

Mit dem furiosen Opener „Damn Excuses“ erteilen UNDEROATH ihrer aus Sicht vieler Fans missglückten Romanze mit glattgebügeltem Alternative Rock auf „Erase Me“ (2018) sogleich eine harsche Abfuhr. In weniger als drei Minuten zerschlägt das Sextett mit wutentbrannten Screams sowie brutalen Gitarren und Drums jede Sanftheit, die die Band sich auf der Vorgängerplatte noch erlaubt hat. Zorn nimmt auf „Voyeurist“ eine Schlüsselrolle ein. Er richtet sich gegen die trügerische Spiegelwelt der sozialen Medien, das zentrale Thema der Platte.

Aus den Songtexten lässt sich allerdings auch herauslesen, dass UNDEROATH noch immer mit ihrer so plötzlichen wie unerwarteten Abkehr vom Glauben vor dem Release von „Erase Me“ zu kämpfen haben. Dementsprechend klingt die Gruppe auf ihrem neunten Album nicht einfach nur angepisster als zuvor – ihre Musik ist zu einem Ausdruck desillusionierter Verbitterung geworden. Enttäuscht von der Suche nach etwas Höherem geben UNDEROATH sich ganz dem Nihilismus hin, lassen ihren Sound zur Stimme der Viewer und Follower der sinnentleerten Gesellschaft des Spektakels werden.

Über den altbekannten Emo-Clean-Vocals, die sich mit vielseitigem, gewaltsam hervorgepresstem Screaming abwechseln, liegt nun ein künstlich anmutender Filter („Hallelujah“). Schummrige Electro-Sounds und kalte Beats umgeben die brachiale Instrumentierung, die phasenweise atmosphärischem Ambient („(No Oasis)“) und desolatem Post-Rock („Pneumonia“) weicht. Im drängenden „Cycle“ liefert sich die Band sogar ein manisches Schreiduell mit Trap-Metal-Obskurant Ghostemane – nie waren UNDEROATH näher am Puls der Zeit. Und doch sind die Amerikaner mit dem Album als Gesamtwerk ziemlich „late to the party“. Den Stil, den die Band sich in Tracks wie „Numb“ zu eigen macht, haben Bring Me The Horizon ansatzweise schon auf „Sempiternal“ (2013) vorgemacht.

„Voyeurist“ ist das Ergebnis einer interessanten, wenn auch für UNDEROATH offensichtlich sehr belastenden Entwicklung. Aggressiver als der Vorgänger, zugleich jedoch poppiger als alle Veröffentlichungen der Band bis „Ø (Disambiguation)“ (2010), ist die knapp 40 Minuten lange Platte ein Versuch der Orientierung in einer digitalisierten, gottlosen Welt. Der dumpfe und zugleich überproduzierte Klang, an dem einige Bandmitglieder diesmal selbst mitgewirkt haben, sowie der trotz seiner betonten Modernität fast schon wieder überholte Stil der Songs hat zwar einen ebenso bitteren Beigeschmack wie die missgünstigen Lyrics. Dennoch gelingt es UNDEROATH, mit den so eingängigen wie aufrüttelnden Tracks auf „Voyeurist“ ein nach wie vor aktuelles Statement zu setzen.

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Wertung: 7.5 / 10

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