Combichrist w/ Mortiis, Centhron

  • München, Backstage Werk
  • 09. März 2011

Knapp ein Jahr ist es her, da waren die Norweger COMBICHRIST zuletzt in München zu Gast, genau genommen sogar zweimal: Zunächst Ende November mit Rammstein, im Februar 2010 dann nochmal im Metropolis für einen Headliner-Gig. Nun sind sie zurück, und so viel kann man vorwegnehmen: Die Band ist sich selbst trotz des Höhenflugs treu geblieben, dabei jedoch enorm gewachsen. Doch dazu später mehr…
Zunächst sind nämlich das Elektro-Trio CENTHRON als Local Support sowie MORTIIS, Andy LaPleguas Nachbarn aus Fredrikstad an der Reihe. Diese gehen zwar mit zwei Gitarren im Lineup eine ganze Ecke rockiger zur Sache gehen als die Kollegen – insgesamt bietet ihr Industrial-Rock jedoch eine stimmige Ergänzung zum technoiden Sound COMBICHRISTs, so dass der Stilmix, der an diesem Abend geboten wird, durchaus als risikoarm bezeichnet werden kann.

Der Auftritt der Bremer fällt für uns dabei nahezu gänzlich unserem Interview mit COMBICHRIST-Fronter Andy LaPlegua zum Opfer – beobachtet man die doch recht verhaltenen Reaktionen des Publikums während des letzten Songs, konnte das Trio in seinen Latex-Kostümen mit seinem recht stumpfen Elektro/Techno-Sound trotz engagierten Auftretens zumindest nicht vollends überzeugen…

[Moritz Grütz]

MORTIIS beginnen in der Folge relativ zügig und irritieren in den ersten Minuten ihrer Spielzeit nicht zu knapp. Gerade der namensgebende Mastermind und Sänger des Projekts weiß wenig zu überzeugen – ein schwachbrüstiges, gequetschtes Rock-Organ, das sich zwischen singen und schreien nicht entscheiden mag und deshalb keins von beidem macht, versucht krampfhaft, Songs zusammenzuhalten, die ebenfalls weder hart noch stimmungsvoll sind und auch strukturell kaum ins Ohr gehen.
Stößt die eigentlich recht sympathische Band zu Beginn also vor den Kopf, vollzieht sie nach 20 Minuten auf einmal eine 180°-Wende und packt auf einmal höchst brauchbaren Industrial Rock mit klar grooviger Schlagseite aus. Auch Mortiis selbst geht nun mehr aus sich raus, singt auf der einen Seite klare Gesangslinien, die im Ohr bleiben und vermittelt auf der anderen Seite auch mal durch überzeugendes Geschrei auch mal Aggression. Mit diesem Sound mag man sich durchaus lieber anfreunden, obwohl die Abwesenheit eines Bassisten dafür verantwortlich ist, dass die Norweger auch jetzt noch keine richtige Wucht aufs Parkett bringen. Dennoch eine lohnenswerte Show, die für COMBICHRIST gut einheizt und auch das Publikum zu überzeugen weiß.

[Marius Mutz]

Dementsprechend freudig erwartet ein gesteckt volles Backstage Werk dann auch den Headliner des Abends – und dieser Satz enthält eine durchaus interessante Nebeninformation – war die Ticketnachfrage für diesen Abend doch so hoch, dass das Event in der deutlich kleineren Halle nicht mehr durchführbar gewesen wäre. Wo bei anderen, in größere Hallen verlegten Konzerten die größere dann jedoch nur zu drei Viertel voll ist, oder aber hinten oder an der Seite abgehängt wird, ist selbst dies heute nicht nötig – man halte also fest:
Wo COMBICHRIST bei ihrem letzten Gig noch im Metropolis auftraten, kann man nun einen Sprung um gleich zwei Hallengrößen verzeichenen – sicher nicht zuletzt durch den durch den Support für Rammstein deutlich gesteigerten Bekanntheitsgrad.
Los geht es mit „Just Like Me“ vom aktuellen Album, gefolgt von einer Hits-Only-Tracklist die von älteren Nummern wie „Electrohead“, „Fuck That Shit“, „Blut Royale“ oder „Get Your Body Beat“ bis hin zur neuen Single, „Throat Full Of Glass“ kaum einen Kracher auslässt: Bis auf das live wohl nicht leicht umsetzbare „Everybody Hates You“-Album finden sich alle Alben in der Setlist wieder, die mit Songs wie „Never Surrender“, „Slave To Machine“ oder bereits genanntem „Throat Full Of Glass“ natürlich auch die Tophits des aktuellen Albums nicht vergisst. Lediglich das Fehlen von „All Pain Is Gone“ vom „Demons“-Album ist bedauerlich, würde ich diesen Song doch mit zum Besten zählen, das die Band je hervor gebracht hat… aber man kann schließlich auch nicht alles haben, und sich darüber noch zu beschweren, wäre wahrlich jammern auf hohem Niveau.
Beeindruckend ist dabei auch dieses Mal, wie viel Druck auch Songs, die auf dem Album fast einen Tick zu gemächlich wirken, live und durch zwei leibhaftige Schlagzeuger unterstützt entfalten können… spätestens, als dann mit Mortiis-Drummer Chris Kling noch ein dritter Mann auf die Felle drischt, gibt es kein Halten mehr und der Beat ergreift vom Backstage Werk gänzlich Besitz.
Gemeinsam mit dem Bekanntheitsgrad scheint auch die Souveränität Andys nochmals gestiegen zu sein: War der Fronter immer schon selbstsicher und überzeugend, wirkt er heute noch einen Zacken professioneller als früher: Nicht nur gesanglich stimmt heute nämlich wirklich alles, auch bezüglich seiner Bewegungen und des gesamten Stageactings wirkt der druchtrainierte Fronter einhundert Prozent beherrscht und im positiven Sinne routiniert. Und auch der Rest der Truppe „funktioniert“ einwandfrei – auch wenn es etwas schade ist, dass das kreative Chaos aus Drumstick-Wurfduellen und dergleichen, wie man es von früheren Konzerten kennt, zumindest heute quasi-seriöser Musikdarbietung gewichen ist. Diese Randnotiz stört hier und heute jedoch niemanden, und so dauert es auch nichteinmal einen Song, bis das Publikum Andy aus der Hand frisst.

Möglich macht diesen Siegeszug der Norweger heute zu einem nicht unwesentlichen Teil ein Mann abseits der Bühne: Der Soundtechniker. Denn gerade bei einem technoiden Sound, wie ihn COMBICHRIST fahren, ist das Wummer-Risiko nicht eben gering. Doch nichts dergleichen tritt ein, statt dessen dröhnen die Songs, wenn auch ohrenbetäubend laut, so doch glasklar aus den Boxen.
Dass nach dem finalen „What The Fuck Is Wrong With You People?“ noch nach gewohntem Ritual die Drumkits dran glauben müssen und über die Bühne gezerrt, geschliffen und geschmissen werden, wirkt nach dieser ansonsten sehr „erwachsenen“ Darbietung von COMBICHRIST etwas kindisch, um nicht zu sagen fast ein wenig unpassend – doch auch daran stört sich heute niemand mehr, haben COMBICHRIST doch 90 Minuten lang bewiesen, dass sie nicht ohne Grund eine derartige Popularitätswelle genießen dürfen.

Und ein Rätsel wäre nun auch gelöst: Das Intro von „Just Like Me“ kommt aus dem Bauch eines rosaroten Plüsch-Einhorns. Gut zu wissen.

[Moritz Grütz]

Konzertfotos von: Moritz Grütz


Geschrieben am

Fotos von: Moritz Grütz

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