CD-Review: AC/DC - Power Up

Besetzung

Brian Johnson - Gesang
Angus Young - Gitarre
Stevie Young - Gitarre
Cliff Williams - Bass
Phil Rudd - Schlagzeug

Tracklist

01. Realize
02. Rejection
03. Shot In The Dark
04. Through The Mists Of Time
05. Kick You When You're Down
06. Witch's Spell
07. Demon Fire
08. Wild Reputation
09. No Man's Land
10. Systems Down
11. Money Shot
12. Code Red


Sechs Jahre sind seit dem letzten AC/DC-Album „Rock Or Bust“ vergangen, nun kommen die australischen Hard-Rock-Urgesteine mit einer neuen Platte um die Ecke: „Power Up“. Sieht man sich an, wie lange manche Band ähnlich fortgeschrittenen Dienstalters für ein neues Werk braucht, ging das eigentlich recht schnell. Zittern mussten Fans seit 2014 trotzdem: Drummer Phil Rudd machte kurz nach den Aufnahmen der letzten Platte eine Art öffentliche Kernschmelze mitsamt Gefängnis-Aufenthalt durch und – noch weitaus beunruhigender – Sänger Brian Johnson wurde 2016 absolutes Auftrittsverbot auferlegt, da ihm sonst ein totaler Gehörverlust drohte. Diese nicht gerade unerheblichen Probleme sind nun jedoch überwunden. Es bleibt zu hoffen, dass AC/DC gestärkt aus ihrer Krise hervorgehen konnten.

Ab dem ersten Song wird deutlich, dass AC/DC nicht nur immer noch da sind, sondern auch noch immer etwas zu sagen haben: Schon „Realize“ bietet die typischen Akkordwände, den pumpenden Bass und die unerschütterliche Coolness, die den Sound der Australier seit jeher auszeichnen. Veredelt wird das Ganze von den Whisky-getränkten Leads, wie sie nur aus den Fingern von Angus Young kommen können und dem oft imitierten, aber nie erreichten Gesang von Frontmann Brian Johnson – der allen etwaigen gesundheitlichen Problemen zum Trotz bestens bei Stimme ist. Entsprechend schickt „Power Up“ jeden AC/DC-Fan, ach was, jeden Hard-Rock-Fan ab dem ersten Ton direkt in seine Wohlfühlzone.

Klar, wer knapp 50 Jahre im Geschäft ist, der zitiert sich schon mal selbst. Wenn es so geschieht wie hier, ist das aber kein Problem. „Shot In The Dark“ entwickelt sich beispielsweise rasch zu einem ähnlichen Stampfer wie „Have A Drink On Me“ und das langsam aufbauende „Through The Mists Of Time“ lässt anfangs an „Heatseeker“ denken, punktet dann allerdings mit einem – beinahe – ungewohnt anschmiegsamen Refrain. Insgesamt ist es schlicht beeindruckend, wie AC/DC hier eine knappe Dreiviertelstunde lang mit der Abgezocktheit echter Genre-Urgesteine in jedem Song geballte Coolness transportieren und dabei in ausverkauften Stadien genauso wie in verrauchten Kellerkneipen zuhause sind. In keinem Song ist das besser nachzuhören als im umwerfenden „Witch’s Spell“. Rein technisch können das, was die Männer aus Sydney hier bieten, vermutlich die meisten Musiker spielen – aber niemand tut es mit der Routine und Authentizität von AC/DC.

Selbst, wenn es niemand für möglich halten möchte, sind AC/DC auf „Power Up“ in der Lage, ihren Sound zu entwickeln – nicht radikal, aber doch mehr als in Nuancen. Das zeigt sich auf diesem Album nirgends deutlicher als in „Kick You When You’re Down“. Hier erweisen sich die Herren nämlich als überaus wandlungsfähig und klingen dank innovativer Riffs mehr wie die Rolling Stones als nach ihrem üblichen Schaffen. Das ist beileibe kein stilistischer Wandel, aber es bedeutet mit Sicherheit einen ebenso deutlichen wie unerwarteten Schritt aus der Komfortzone heraus – stark!

AC/DC wird immer wieder vorgeworfen, sie würden auf jedem Album gleich klingen. Das stimmt bedingt, es ist jedoch nicht ganz ersichtlich, warum das ein Problem sein sollte. Gerade „Power Up“ hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können: Die Welt verändert sich zur Zeit rapide – nicht eben zum Guten – und 2020 war in vielerlei Hinsicht ein katastrophales Jahr. Da ist es nicht nur schön, sondern geradezu befreiend, dass es Anachronismen wie AC/DC gibt, die freilich nicht auf jeder Platte gleich klingen, ihrem Sound aber die letzten 47 Jahre absolut treu geblieben sind. Auch „Power Up“ enthält sämtliche prägenden Elemente ihres Sounds im Überfluss. Damit klingt die Band zwar nicht jugendlich, aber in jedem Fall zeitlos, und macht das Hier und Jetzt mit gut gelauntem, kernigem Hard Rock vergessen: „Power Up“ bietet die Möglichkeit, gute 40 Minuten lang die Augen zu schließen und daran zu glauben, dass alles gut wird. Wenn man schon einer alternden Hard-Rock-Band vertrauen will, warum dann nicht dieser?

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Bewertung: 9.5 / 10

Geschrieben am

1 Kommentar zu “AC/DC – Power Up”

  1. Mike

    Schön geschrieben! Dem kann ich so nur 100%ig zustimmen. Mit so einer starken Platte hätte ich nicht mehr gerechnet. Gerade in dieser sehr bescheidenen Zeit macht einen diese Musik einfach nur glücklich und schafft gute Laune… fast so, als wenn man die Lieblingsjogginghose frisch aus dem Trockner anzieht und einem parallel ein frisches Bier gereicht wird.

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