CD-Review: Lord Of The Lost - Die Tomorrow

Besetzung

Chris "The Lord" Harms- Gesang, Gitarre
Bo Six - Gitarre
Class Grenayde - Bass
Gared Dirge - Piano
Christian "Disco" Schellhorn - Schlagzeug

Tracklist

01. Live Today
02. Die Tomorrow
03. Black Lolita
04. Blood For Blood
05. Never Let You Go (feat. Ulrike Goldmann)
06. Shut Up When You're Talking To Me
07. Heart For Sale
08. From Venus To Mars
09. See You Soon
10. My Heart Is Black
11. Your Victories
12. Credo


Drei Alben in drei Jahren sind ein durchaus beachtlicher Output für Newcomer. Und das ist nicht alles: Im Falle der Hamburger Glam-Goth-Metaler LORD OF THE LOST wurden die Releases von „Fears“ (2010) und „Antagony“ (2011) begleitet von Support-Touren für Mono Inc. oder Eisbrecher sowie zahlreichen Festivals und einer ersten eigenen Clubtour. Wenn man einen Blick auf die nähere Zukunft wirft, scheint sich das Pensum des Quintetts nicht merklich zu reduzieren. Im Gegenteil: So werden Chris Harms und seine Jungs u.a. als Support der Letzten Instanz zu sehen sein und erneut mit Mono Inc. im Rahmen der Dark End Festivals die düsteren Bühnen der Republik rocken. Bei all dem Tourstress soll genug Zeit bleiben für ausgefeiltes Songwriting, eine gute Produktion, einen ausgewogenen Mix und vieles mehr? Das dritte Studiowerk „Die Tomorrow“ beweist, dass ein solches Mörderpensum möglich ist – so man gewisse Kompromisse eingeht.

Die Kluft zwischen musikalischem Anspruch und dem, was letztlich die Käufer in die Plattenläden zieht, ist manchmal riesig. LORD OF THE LOST versuchen diesen Spagat zu meistern, indem sie ihr überschaubares Songwriting in unterschiedliche Kleider hüllen. Der Lords Kleider erinnern dabei zum Teil an Eisbrecher, Mono Inc. und auch Marilyn Manson. Glücklicherweise beschränken sich LOTL nicht auf bloße Plakiate bzw. eine willkürliche Mischung aus Bekanntem, sondern lassen ihren eigenen Stil, der Gothic und Metal mit einer guten Portion Elektro und Glam vermengt, in das bunte Potpourri einfließen.

Der Anfang mit „Live Today“ und dem Titeltrack „Die Tomorrow“ nimmt dabei fast alle Stärken und Schwächen des Gesamtwerks vorweg: Melodisch ansprechend unterlegt werden beim Opener sage und schreibe vier verschiedene Textbausteine von Sänger Chris Harms wahlweise gegrowlt oder klar gesungen. Bei „Die Tomorrow“ sind schließlich die Riffs härter und die Elektroeinflüsse ausgeprägter. Dennoch: In Sachen Substanz und Komplexität werden hier keine neuen Maßstäbe gesetzt. Die Songs unterhalten ohne zu begeistern oder neue Seiten von LORD OF THE LOST zu zeigen.

Auf der Habenseite verbuchen LOTL auf „Die Tomorrow“ hingegen das düster-harte „Black Lolita“ und „Blood For Blood“, welches schließlich die bereits zu Beginn bei „Live Today“ und „Die Tomorrow“ angedeuteten Stärken vereint. Auch die Halbballade von Chris Harms und Blutengel-Stimme Ulrike Goldmann namens „Never Let You Go“ gelingt. Stilistisch hat man sich hier am Duett von Ville Valo und Natalie Avelon namens „Summer Wine“ orientiert. So erinnert der Song an einen vertonten Liebesdialog zwischen Mann und Frau.
In der Folge überzeugen Chris Harms und seine Männer besonders in den Refrains wie etwa bei „Heart For Sale“, welches verdächtig an die frühen HIM-Werke erinnert. Ab und an wagen LORD OF THE LOST auch ungewöhnliche Experimente und lassen beispielsweise bei sonst eher durchschnittlichen „From Venus To Mars“ erstmals Cemballo-Klänge einfließen. Gleichzeitig reduzieren die Musiker hierbei – und anschließend besonders bei der Akustikballade „See You Soon“ – ihre Instrumentierung auf ein Minimum. Ein Beweis dafür, dass die Männer auch ruhige Töne ansprechend anschlagen können und Neuem gegenüber nicht abgeneigt sind. Hier steckt in jedem Fall noch eine Menge Potential für die Zukunft, selbst wenn nicht jeder dieser Experimente gelingt.

„My Heart Is Black“ sollte wohl die epische Vorzeigenummer mit Überlänge werden, langweilt allerdings größtenteils mit unspirierten Melodienfolgen und einer arg bedeutungsschwangeren Grundaussage. Mit dem rockigen „Your Victories“ und dem hymnischen „Credo“ als Abschluss reißen die Hamburger das Ruder zwar erneut herum, doch der fade Beigeschmack der 6,5 Minuten davor bleibt ein wenig haften. Gleiches gilt für den eher faden Albeneinstieg, dem starke Rocknummern, ruhige Ausrufezeichen und auch ein paar Filler folgen. Echte Maßstäbe in Sachen Songwriting setzen die fleißigen Norddeutschen dabei nie. So besinnen sie sich eher auf die erfolgreichsten Momente ihrer beiden Vorgängeralben, die um einige Feinheiten erweitert werden. Ein gutes Recht in Anbetracht der bisher erzielten Erfolge. Doch beim nächsten Mal darf es gerne etwas mehr sein. Vielleicht sogar auf Deutsch? Die entsprechende Adaption von „Your Victories“ aka „Deine Siege“ bietet jedenfalls erste Hoffnung. Und nachdem Eisbrecher-Mastermind Alex Wesselsky hierbei bereits seine Finger im Stil hatte, sieht die Zukunft für LORD OF THE LOST alles andere als schlecht aus. Wenn es alleine nicht ganz reicht, dann eben notfalls wieder mit prominenter Unterstützung an den Reglern.

Bewertung: 7 / 10

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