Konzertbericht: Lord Of The Lost w/ The Raven Age, Blitz Union

23.03.2024 München, Backstage (Werk)

Vom Underground-Act zum Maiden-Support, von der Eurovision-Song-Contest-Hoffnung zu Eurovision-Song-Contest-Verlierern und damit wieder zurück in der eigenen Bubble statt im Mainstream angekommen – die letzten Jahre in der Karriere von LORD OF THE LOST waren turbulent. Grund genug, zum 15-jährigen Jubiläum zurückzublicken – und wie ginge das besser als mit einer Jubiläumstour?

Obwohl via Social Media noch kurzfristig kommuniziert, bekommen längst nicht alle Ticketbesitzer:innen mit, dass der Einlass eine Stunde später erfolgt als auf den Tickets steht. Bei unangenehm nasskaltem Wetter bildet sich bis zum tatsächlichen Einlass um 19:00 Uhr eine beträchtliche Schlange vor dem Backstage.

BLITZ UNION im März 2024 in MünchenImmerhin dürfen sich BLITZ UNION deshalb über ein bis auf den letzten Platz gefülltes Werk freuen – für die erst 2019 gegründete Band wohl kein alltägliches Erlebnis. Anzumerken ist das den Pragern allerdings nicht: Was mit einem futuristisch maskierten Ansager beginnt, entpuppt sich als bis ins letzte Detail durchchoreografierte Show. Auf Gothic-Boygroup gestylt, präsentieren BLITZ UNION musikalisch einen Mix aus Rock ’n‘ Roll und EDM. Damit sind Look und Sound zwar gleichermaßen austauschbar, bei druckvollem Sound überzeugen BLITZ UNION aber zumindest durch ihr Engagement. Für 30 Minuten und zum Einheizen reicht es jedenfalls.

THE RAVEN AGE im März 2024 in MünchenUm 20:50 Uhr betreten THE RAVEN AGE unter Applaus die Bühne. Bei der Truppe um Gitarrist George Harris, Sohn von Iron-Maiden-Bassist Steve Harris, kommen Freundinnen und Freunde von Gitarrenmusik auf ihre Kosten: Elektronische Spielereien sucht man hier vergeblich – stattdessen gibt es eine etwas schnulzige Version britischen Heavy Metals zu hören. Ein Solo jagt das nächste, dazwischen singen neben Fronter Matt James auch Harris und Bassist Matt Cox, der der Musik mit seinen Growls etwas zusätzliche Härte verleiht. Mögen auch THE RAVEN AGE stilistisch nicht eben das Rad neu erfunden haben, wissen die Londoner zumindest ganz genau, wie man ein Publikum unterhält: Dynamisches Stageacting und sympathische Ansagen sind ein solides Fundament, und auch ein kurzer Ausflug von Matt James in den Fotograben und zu den Fans verfehlt seine Wirkung nicht. Am Ende des 35-Minuten-Sets ist aber auch wirklich alles gesagt.

Im wortwörtlichen Sinne etwas zu sagen haben LORD OF THE LOST – und so kommen die Hamburger vor Showbeginn auf die Bühne, um ein Update zum Gesundheitszustand von Drummer Nik zu geben, der am Tag vor Tourbeginn mit Bluthochdruck ins Krankenhaus eingeliefert wurde und bis zur Klärung der medizinischen Ursache dort bleiben muss. So muss Chris Harms heute gleich zwei neue Gesichter vorstellen: Den neu aufgenommenen Benji sowie Annisokay-Drummer Nico Vaeen, der wie schon beim gestrigen Tourauftakt in Nürnberg auch heute als Drummer einspringt.

LORD OF THE LOST im März 2024 in MünchenDass sich LORD OF THE LOST mit diesem Einstieg selbst die Show stehlen könnten, wie Harms befürchtet, ist natürlich Unsinn – macht die Aktion die Truppe doch nur noch sympathischer. Als sie wenige Augenblicke später zum echten Showbeginn zurückkehren, ist der Jubel entsprechend umso lauter – zumal LORD OF THE LOST das Konzept der Jubiläumsshow sehr ernst nehmen: Los geht es mit „Till Death Us Do Part“ und „Last Words“ vom Debütalbum „Fears“ (2010). Von da an arbeiten sich LORD OF THE LOST zunächst streng chronologisch von Album zu Album. Die musikalische Entwicklung der Band wird im Showverlauf damit genauso deutlich wie das, was die Band ausmacht: Ihre unglaublich sympathische, Fan-nahe Art. Egal, ob Harms sich beim Publikum dafür bedankt, ein kleiner Teil von jedem und jeder der rund 1400 Anwesenden sein zu dürfen, sich über die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der LORD-OF-THE-LOST-Community freut oder Söders Feldzug gegen das Gendern kritisiert: Schon allein die Atmosphäre der Show ist Wellness für die Seele.

LORD OF THE LOST im März 2024 in MünchenAber auch sonst machen LORD OF THE LOST heute alles richtig: Der Sound hat mächtig Druck, Drummer Nico lässt sich nicht ansatzweise anmerken, dass er das gesamte Set erst 24 Stunden vorher gelernt und die meisten Songs beim Tourauftakt in Nürnberg zum ersten Mal mit der Band gespielt hat, und auch der Rest der Band performt, als gäbe es kein Morgen. So vergeht dann auch die Zeit wie im Fluge, und ehe man sich’s versieht ist man im letzten Viertel der rund 100-minütigen Show angekommen: Der ESC-Hit „Blood & Glitter“ darf hier natürlich nicht fehlen, dazu gibt Chris Harms solo im Handylichtermeer „Lighthouse“ zum Besten, ehe nach drei Cover-Nummern noch das gelungen-pathetische „One Last Song“ erklingt.

LORD OF THE LOST im März 2024 in München

LORD OF THE LOST sind musikalisch sicher nicht die anspruchsvollste Band im Dark-Rock – das macht aber gar nichts, denn hier stimmt einfach das Gesamtpaket: Fannähe, Sympathiewert und das Energielevel, das das Sexstett über mehr als anderthalb Stunden aufrechterhält – und das heute ganz ohne Fritz-Cola – weiß zu begeistern. In Sachen Produktion wäre natürlich noch das eine oder andere Gimmick denkbar gewesen, „Blood & Glitter“ etwa hätte sich natürlich prima für Konfetti angeboten – auch ohne dergleichen kommen Fans bei 45 € für drei Bands und eine Headliner-Spielzeit von 1:40 Stunden voll auf ihre Kosten.


Weitere Bilder aus München folgen in Kürze – wir haben für euch aber auch den Tourauftakt in Nürnberg fotografisch begleitet:

Lord Of The Lost w/ Blitz Union, The Raven Age

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert