CD-Review: Pendragon - Believe

Besetzung

Nick Barrett - Gitarre, Gesang
Clive Nolan - Keyboards
Pete Gee - Bass
Fudge Smith - Schlagzeug

Tracklist

01. Believe
02. No Place For The Innocent
03. The Wisdom Of Solomon
04. The Wishing Well: For Your Journey
05. The Wishing Well: So By Sowest
06. The Wishing Well: We Talked
07. The Wishing Well: Two Roads
08. Learning Curve
09. The Edge Of The World


Normalerweise gilt unter Progressive Rock-Anhängern ein ungeschriebenes Gesetz: Kaufe keine Platte, auf der Clive Nolan mitspielt. Wenn du sie trotzdem gekauft hast, finde sie auf keinen Fall gut. Findest du sie dennoch gut, oute dich bloß nicht auf irgendwelchen Foren über deine neue Liebe. Normalerweise.

Hört man Prog, kommt man um Clive Nolan nunmal nicht herum. Der Tastenmagier hat überall seine Finger drin. Arena. Shadowland. Nolan & Wakeman. Strangers On A Train……..PENDRAGON. Normalerweise findet sich auf Nolan-Platten immer der gleiche, zahme Neoprog, tausendfach gehört, unoriginell und doch irgendwie nett. Nur sollte man es nicht übertreiben mit solchen Platten. PENDRAGON spielen seit Mitte der 80er nun auch schon Neoprog. Und mit „Believe“ gibts nun die nächste Portion. Denkste!

Der Opener und Titeltrack legt gleich mächtig los, massiver Moogbass dröhnt einem entgegen. Der weicht aber urplötzlich lyrischem, an Ethno erinnerndem Frauengesang. Gitarrenwizard Barrett entlockt seinem Instrument ein paar arg verzerrte Klänge, es deutet sich ein Solo an. Alles ziemlich „abgespaced“. Aber ne, das können die doch nicht machen? Doch, können sie, nach gut drei Minuten ists zuende. Ohne einen Ton wirklicher Musik. Dafür aber mit der besten Ansage, die man sich auf einem Progsilberling nach einem solchen Intro vorstellen kann. Nick Barrett kündigt „No Place For The Innocent“ mit dem süßen Statement „And now, everybody to the dancefloor!“ an.

Ich erwarte Technobeats, wäre für PENDRAGON sicherlich ziemlich progressiv, im eigentlichen Sinne des Wortes. Aber nein, es gibt recht atmosphärischen, sanften, gefälligen, hochmelodischen Melodic Rock zu hören. Von der Melodieführung erinnert das schon fast an YES. Oder halt eben ASIA. Es ist ein schmaler Grad. Ein komplett unaufdringlicher Song, der allerdings einfach gute Laune macht. Die Gitarrenchords sind nett.

Nun aber weiter, „The Wisdom Of Solomon“ sollte, dem Titel nach zu urteilen, ein reinrassiger Neoprog-Song der alten Schule sein. Wird ja auch langsam mal Zeit! Wieder gehts los mit diesem chilligen Frauengesang. Und dann, Neoprog-Alarm! Ein Gitarrensolo, ein andächtiges noch dazu. Da kommt wieder der David Gilmour in Nick Barrett durch. Hat er doch zuviel Pink Floyd gehört! Und jetzt erwartet man die typische PENDRAGON-Steigerung, die hymnischen, breiten, bombastischen Keys mit den hoch jubilierenden Gitarren. Und was bekommt man? Kantige Akustikgitarren! Ein harter Bruch für den eingesessenen Neoprogger. Aber ne, das können die doch nicht machen? Doch, können sie! Der einsetzende Gesang beginnt dann doch wieder sehr typisch. Obwohl Barrett teilweise wesentlich niedriger singt als noch zuvor. Nolan packt kurz seine ARENA-Synties aus. Wieder Akustikgitarre, bald darauf ein elegisches Gitarrensolo. Dann singt Barrett wieder ein bisschen. Eigentlich besteht der Song zu 75 Prozent aus Gitarrensolis, die wohl die Hauptmelodie sein sollen. Sei’s drum. Zum Abschluss zeigt Drummonster Fudge Smith am Kit nochmal kurz richtig Einsatz. Also ein durchaus neoproggiger Song, melodisch nicht überzeugend, dafür recht vielseitig, aber auch genauso zerstückelt. Wahrscheinlich Geschmackssache.

Und nun kommt der große Knall: Das vierteilige „The Wishing Well“ buhlt über 20 Minuten um die Aufmerksamkeit des Hörers. In den ersten viereinhalb Minuten von „For Your Journey“, dem ersten Part des Longtracks, passiert genaugenommen gar nichts. Nolan drückt ein paar Tasten. Es ergibt sich wiedermal eine sehr andächtige Stimmung, ziemlich depressiv diesmal, und Barrett beginnt eine paar lyrische Verse herunterzusprechen. Besonders auffällig: Ich vermisse doch arg die so PENDRAGON-typischen Neoprog-hoch-zehn Hymnenrefrains, diese „schöne Welt“-Stimmung, die in immer denselben Bombast und ausgelutschte Gitarrenlicks gipfelt. Aber jetzt kommt ja gottseindank „So By Sowest“, der zweite Teil von „Wishing Well“, der hält das alles bereit. Aber jetzt mal ehrlich: Das ist schon verdammt schön, dieses Gitarrensolo! Und dieser traumhafte Refrain. Das hat was, echt! Weiter mit „We Talked“: Nachdem wieder mit Akustikgitarren übergeleitet wurde, hat die werte Dame ihren nächsten Auftritt. Und dann bekommen wir die Rockgitarren von Pendragon um die Ohren. Barett rifft zehn Sekunden lang. Moderates, tight und locker nach vorn spielendes Schlagzeug, eine Mitsingmelodie, dann ein ziemlich freakiger Mittelpart, grandioses Instrumentalgefrickel, melodische ARENA-Gitarrenlicks, und die Dame ist auch wieder dabei! Geht für PENDRAGON echt ziemlich nach vorn. Nolan weißt uns dann den Weg zu den „Two Roads“. Das hät ich gern mal von Rob Swoden, dem ARENA-Shouter, interpretiert gehört. Dann wär das so richtig mystisch. Gut, der Refrain ist MelodicRock pur. Man nimmt Fahrt auf, wieder so schön tight nach vorn. Dann noch ein nettes Solo obendrauf. Und dann endet das „Wishing Well“ nach vier Parts einfach so. Ohne großes Tamtam.

Zwei Songs erwarten uns noch:
„Learning Curve“ ist dann schon wieder ein Chillsong, ne Flöte aus dem Nolan-Archiv, ein paar Gitarrengriffe, simpler Bass, einfallsloser Text und langweilige Melodie. Das ist schon wie Hawaiiurlaub. Hört sich alles an, wie „es wird schon gut, relax du erstmal!“. Könnte aber auch wieder von ASIA kommen. Dann kommt glatt nochmal ein bisschen Latino-Feeling auf. Aber nur kurz. Denn dann soliert man wieder. Ich frag mich die ganze Zeit, wann Nolan seinen großen Auftritt hat. Gibts doch gar nicht, dass der überhaupt noch mitspielt. Nicht ein Solo, also wirklich!

Mit „Edge Of The World“ wird „Believe“ hingegen aller Befürchtungen und Wünsche nicht bombastisch abgeschlossen, sondern mit einer sehr zurückhaltenden Ballade. Nick Barett wechselt dauerhaft zwischen Sprach- und Gesangspassagen. Ziemlich bedrückend. Nach gut drei Minuten greift man ein Gitarrensolo aus „Wishing Well“ wieder auf. Exakt drei Minuten lang. Lässt sich ziemlich viel Zeit dabei. Wirkt wie gutgemachte Entspannungsmusik. Ein letztes Aufbäumen, dann zurück in die Depressivität. Aber ne, das können die doch nicht machen? Doch, können sie! ENDE

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Ich hoffe, dass dem ein oder anderen Leser aufgefallen ist, dass diese Rezension an vielen Stellen äußerst ironisch und auch übertrieben ist. Der Neoprog bietet sich nunmal immer wieder dafür an. Wahr ist dennoch fast alles, was ich in der Rezi erwähnt habe. Die Länge des Rezitextes steht in Bezug zu der Langatmigkeit, welche „Believe“ während den 51 Spielminuten inne hat. Es ist, zumindest für „normale“ Prog-Hörgewohnheiten, z.B. zum konzentrierten Hören unter dem Kopfhörer, einfach viel zu schleppend. Viele Passagen enthalten kompositorische Luft, sind ins Unendliche gestreckt. Dennoch betreten Pendragon auf diesem Album in gewisser Hinsicht neue Wege. Jener Hymnencharakter und ach so dichter Soundteppich wird auf „Believe“ nur sehr selten erreicht, dafür herrscht eine sehr andächtige, schwelgerische Stimmung vor. Ambient und Ethno scheinen bei PENDRAGON neuerdings großen Eindruck hinterlassen zu haben. Das ist sicherlich sehr löblich, denn ein Ausbruch aus neoproggigen Denkmustern wird bei der Fangemeinde meist mit einem Platzverweis geahndet. Leider „rocken“ die Jungs einfach kein Stück. Der Bezug auf Clive Nolan in der Einleitung trifft natürlich auch hier zu, wenngleich man bedenken muss, dass Nolan bei PENDRAGON für gewöhnlich keinen einzigen Ton komponiert – das macht alles Nick Barrett. Nolan fällt hier durch seine Zurückhaltung und angenehme Soundwahl sogar schon fast positiv auf. In manchen Situationen kann die „Langweile“, die das Album ausstrahlt jedoch in der Tat eine sehr seelenheilende Wirkung haben. Dann spenden PENDRAGON Trost, Wärme und Behaglichkeit. In solchen ungewöhnlichen Momenten kann sich „Believe“ richtig entfalten und wirkt geradezu zu kurz. Da möchte man dann gar nicht mehr aufwachen.

Und so ist „Believe“ eine sprunghafte Scheibe, wie ich sie so gut wie noch nie erlebt habe. Es ist somit unmöglich, sie zu beurteilen. Glaubts, oder glaubts nicht!

Solltet ihr nicht zuende gelesen haben, habt ihr wichtige Informationen verpasst, könnt euch aber sicher sein, dass ihr diese Scheibe nicht braucht. Normalerweise. Habt ihr zuende gelesen, müsst ihr sie haben! Aber dann solltet ihr den ersten Absatz beherzigen! Normalerweise. Das kann ich nicht machen? Doch, kann ich!

Keine Wertung

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