Review Various Artists – Dirt Redux

[Stoner Rock / Doom / Sludge Metal] Das 21. Jahrhundert ist gar nicht mehr so jung und langsam zeichnet sich ab, dass die neunziger Jahre des vorangegangen das eine oder andere legendäre Album hervorgebracht haben, welches auch die kommenden Jahrzehnte als zeitloser Klassiker überdauern wird. In diese Kategorie gehört ohne Frage „Dirt“ von ALICE IN CHAINS. Magnetic Eye Records honoriert diesen Legendenstatus nun in Form einer Tribute-Cover-Platte – ein gewagtes Unterfangen in Anbetracht dessen, dass der einzigartige Gesang des verstorbenen AIC-Frontmanns Layne Staley eine ebenso einzigartige Herausforderung für jeden Vokalisten bei der Interpretation der Songs der Band aus Seattle sind.

„Dirt“ polarisierte 1992: Von manchen als eine von vielen Grunge-Veröffentlichungen abgestempelt, von anderen als herausragenden Alternative-Rock-Hybriden mit Metal- und sogar psychedelischen Stoner-Elementen gelobt, bot das Album musikalisch eine erstaunliche Bandbreite an Rockstilen – und eine einzigartige emotionale Authenzität durch die latent disharmonischen Vocals des von Drogen und psychischer Selbstzerstörung gezeichneten Frontmanns Layne Staley.

Die auf „Dirt Redux“ versammelten Bands rekrutieren sich größtenteils aus den Bereichen Stoner Rock, Sludge und Doom. Der Underground dominiert hierbei das Bild, die bekannteste Band auf der Platte, THOU, darf den Cover-Sampler eröffnen – und bleibt mit ihrer Interpretation von „Them Bones“ erstaunlich nah am Original. Dasselbe gilt für HIGH PRIEST, deren Eins-zu-eins-Kopie von „Rain When I Die“ in jeder Sekunde sowohl von der Qualität der Ursprungsversion als auch von den stimmlichen Fähigkeiten von Justin Pence zeugt – wenn auch hier die oben genannte Staley-Kaputtness kaum zu verzeichnen und die Gesangsperformance harmonisch sauberer ist.

Dass es auch anders geht, zeigen sowohl die LOW FLYING HAWKS als auch THE OTOLITH (die sich unter anderem auch aus Mitgliedern der nicht mehr existenten Doom-Institution SUBROSA zusammensetzen): „Dam That River“ und „Would?“ sind, von den Vocals mal abgesehen, wenig bis gar nicht mehr erkennbar und schleppen sich mit gefühlt einem Viertel des Originaltempos und ziemlich psychedelisch über ihre Laufzeit – was keinesfalls negativ gemeint ist, im Gegenteil: „Dirt Redux“ lebt auch von seiner Varianz, im Rahmen derer sich klassische Coverversionen und komplette Neuinterpretationen die Klinke in die Hand geben.

Interessant auch, wie offensichtlich auf einmal wird, dass „Dirt“ durchaus auch ein Archetyp-Album für eine ganze Generation von Stoner-, Doom- und Sludge-Künstlern ist: So bleibt die Stimmung und Gesamtcharakteristik der ALICE-IN-CHAINS-Version jederzeit erhalten, obwohl die Neuinterpretationen oftmals doch wesentlich metallischer daherkommen. „Rooster“ (HOWLING GIANT) ist ein paar BPM schneller, „Junkhead“ (FORMING THE VOID) und „Down In A Hole“ (KHEMMIS) ein wenig doomiger, trotzdem sind die Originalkompositionen in jeder Sekunde erkennbar und in Sachen Songwriting irgendwie zeitlos.

Prinzipbedingt durch das Sampler-Format gibt es aber auch Kleinigkeiten zu bemeckern: Die einzelnen Produktionen klingen sehr unterschiedlich, wurden aber durch ein ziemlich gutes Mastering mehr als akzeptabel in ein halbwegs homogenes Klangbild gezwungen. Und obwohl jede einzelne Band bei der Interpretation ihres Songs mit großem Respekt vorgegangen ist, gibt es Cover, die dem einen Ohr besser und dem anderen schlechter gefallen werden – dies ist natürlich Geschmackssache. Entscheidend ist jedoch, dass das Experiment als solches erstaunlich gut geglückt ist.

„Dirt Redux“ ist somit unterm Strich eine runde Geschichte und ein schönes Denkmal für eine Albumlegende, die viele jüngere Leser vielleicht gar nicht auf dem Schirm und manche ältere Leser sogar schon wieder vergessen haben – die es aber verdient hat, alle paar Jahre neu entdeckt zu werden. Und die auf der Redux-Version enthaltenen Coverversionen ermöglichen dabei vielleicht sogar die eine oder andere neue Perspektive auf die großartigen Originale, die in den frühen Neunzigern in Seattle entstanden sind.

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Wertung: 8 / 10

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