Ist das Merch oder kann das weg? Oder: „Limitiert“ ist kein Qualitätsmerkmal

Sieht man vom Vinyl-Boom ab, ist der Markt für physische Tonträger ein tristes Geschäft geworden: Spotify, iTunes, YouTube, Bandcamp und Konsorten haben direkt von den Musikpiraten übernommen und dem digitalen Musikkonsum weiter Vorschub geleistet. Zurückgeblieben sind ein paar Traditionalisten, Sammler und Musikliebhaber, die ihre Bands gerne durch den Kauf von Musik unterstützen und dafür nicht nur ein paar digitale Megabyte erhalten wollen, sondern etwas, das sie mit der Musik in der realen Welt verbindet.

Um diese Zielgruppe also bemüht sich nun die gesamte Branche: Sie versucht, dem abstrusen Hype um die Schallplatte irgendwie hinterherzukommen und nebenbei auch CDs so attraktiv wie möglich zu gestalten. Das gewöhnliche Jewel-Case ist folglich schon fast die Ausnahme, das Digipak zum Standard geworden – gerne im extravaganten Format mit 37 Falzungen, sodass man es nach Entnehmen der CD zu einem Haus falten, in einen Altar umfunktionieren oder als Dunstabzugshaube in der Küche verbauen kann.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Doch weil der Kampf um den haptisch orientierten Fan immer erbitterter geführt werden muss, reicht auch das schon lange nicht mehr aus. Willkommen in der verrückten Welt der Mediabooks, Collector’s Editions und Box-Sets.

Nun sind derartige Fan-Editions freilich längst nichts Neues mehr – unvergessen die Nightwish-Buchstützen von Nuclear Blast (2005), das Kugellabyrinth zu „A Sense Of Purpose“ von In Flames (2008) oder diverse ahnungsvolle Kästchen von Prophecy Productions – gefüllt mit handgepflücktem Efeu (Alcest, 2005), transylvanischer Erde (Negura Bunget, 2010) oder Stacheldraht (Lifelover, 2011). Aber eines musste man diesen Sets immerhin lassen: Sie waren auf ihre Art kreativ und „wertig“. Natürlich ist ein Buchstützen-Engel von Nightwish am Ende auch nur Plastikmüll und Erde aus Rumänien eben … Erde. Aber immerhin ist beides ein albumbezogenes „Gimmick“. Das lässt sich leider längst nicht mehr von jeder Box behaupten.

Enthielt das Boxset zu „Svartir Sandar“ von Sólstafir noch ein Shirt, vier Schnapsgläser und als Gag eine Eiswürfelform (sie kommen immerhin aus ICEland, höhö), und das zu „Otta“ neben einer Bonus-CD mit Flagge, Patch und Pin zumindest gängige Fan-Utensilien, findet man beim neuen Album in einer grotesk hässlichen, türkisen Samtbox mit Goldprägung: ein „Wristband“ (die ’90er haben angerufen und wollen ihr Schweißband zurück!), einen Kühlschrankmagnet (in Kunstlederoptik – da klingelt das Telefon doch gleich nochmal) und ein Webcam-Shield mit Solstafir-Logo. Klingeling. Das macht dann bitte 10 € extra, danke für nichts.

Doch solche Ramschkästchen voll Plastikschrott sind ja nur die Spitze des Eisberges – denn je kreativer die Marketing-Menschen werden, desto absurder wird oftmals das Produkt, das es dem Fan als „Limited-Collectors-Must-Have-For-Fans-Edition“ einzureden gilt. Gestresst? Dafür gibt’s zu KATAKLYSMs (leider auch musikalisch einschläferndem) Album „Unconquered“ einen „Stressball“ (in Herz-Form) zum Kneten obendrauf! Stromausfall? Gut, dass der EMP der Doppel-LP „The Ballads V“ von Axel Rudi Pell eine exklusive Kerze beigelegt hat! Und wenn man dann schon so schön entspannt bei Kerzenschein sitzt, kann man auch gleich noch das Dildoset von Rammstein aus dem Schrank holen …

Wer das dann auf ein professionelles Level heben möchte, bekommt von Joachim Witt die „gebrandete Selfie-Stange“ obendrauf, für Anonymität ist – je nach musikalischer Vorliebe – wahlweise mit einem Masken-Modell von In Flames (richtig: das Album hieß „I, The Mask“) oder Dimmu Borgir (zu „Abrahadabra“, ganz ohne Kontext, dafür „mit Echtheitszertifikat!“) gesorgt – und für den kleinen Hunger zwischendurch gab’s von Legion Of The Damned ja mal ein Käsehobel-Set (weil das doch Holländer sind! Haha!).

Während man Rammstein zu diesem PR-Coup nur gratulieren kann (sogar Der Spiegel berichtete), bleiben die meisten anderen Box-Sets ein Rätsel mit vielen Fragen: Was zur Hölle soll das? Wer überlegt sich sowas?

Aber nicht zuletzt auch: Wer kauft das? Und warum? Schließlich wird für diese (oft nichtmal „streng“) limitierten Dreingaben von fragwürdigem ideellem und verschwindend geringem tatsächlichem Wert ordentlich abkassiert: Kosten kleinere Boxen (wie bei Sólstafir) meist nur (oder eben: immerhin) 10 € mehr als die Standard-Edition, gehen größere Pakete gerne mal in den mittleren oder gar oberen zweistelligen Bereich – wie etwa Slayers „Repentless METAL EAGLE EDITION“ (7,8 Pfund reines Druckguss-Metall in den Maßen 40x45x8 cm, limitiert auf 3.000 Stück für rund 150 €).

Dabei geht es auch anders, stilvoller: Was ausgefallenere Produkte angeht, haben sich erst kürzlich Ván Records zum Urfaust-Album „Teufelsgeist“ positiv hervorgetan: Zum Konzeptalbum, auf dem verschiedene Phasen des Betrunkenseins vertont sind, kommt ein vom Urfaust-Schlagzeuger und der Karlsruher Handcraft-Destillerie Hoos London Gin gemeinsam entwickelter, in kleiner Charge (377 Flaschen) produzierter „Teufelsgeist Gin“ heraus.

In der auf 209 Stück limitierten Box-Edition (enthält die Vinyl- und CD-Version) finden sich neben einer Flasche Gin zwei Gläser mit Goldaufdruck, zwei geprägte Lederuntersetzer und eine Plattentellerauflage. Auch diese Gimmicks braucht natürlich kein Mensch – zumindest bekommt man hier aber ein ordentliches Produkt mit Merchandise-Charakter, Album-Bezug und einer glaubhaft vermittelten Exklusivität (die Box war übrigens, anders als manch noch Jahre später verfügbare „Special Edition“, auch zum stolzen Preis von 166 € nach wenigen Minuten ausverkauft – Server-Zusammenbruch inklusive. Special-Editions müssten eben nur tatsächlich „special“ und nicht „especially stupid“ sein.

Natürlich ist ein solches Package weit mehr Aufwand, als die meisten Labels in ein Produkt stecken wollen. Doch es muss ja nicht immer so ausgefallen sein – als Fan ist man ja schon zufrieden, wenn man keinen Schrott angedreht bekommt. Ein umfangreicher Bildband wie bei der limitierten Erstauflage von Rammsteins „Völkerball“-DVD oder auch nur ein schick designtes und hochwertiges Mediabook (wie von Prophecy Productions zuletzt immer wieder umgesetzt, aktuell etwa zu „Allt Þetta Helvítis Myrkur“ von Katla.) sind zeitlose Klassiker der Special-Edition: Das kann sich sehen lassen und ist zugleich nicht bloß Staubfänger auf dem Regal.

Am Ende – es klingt wie eine Binsenweisheit – freut sich jeder Fan auch einfach über anständiges Bonusmaterial (B-Seiten, Live-Bootleg, Making-of etc. pp.) oder tatsächlich exklusives Merchandise … sei das nun ein Shirt oder ein profaner Aufnäher. Aber doch bitte kein Webcam-Shield.

4 Kommentare zu “Ist das Merch oder kann das weg? Oder: „Limitiert“ ist kein Qualitätsmerkmal”

  1. fenrir

    Wie beim letzten Kolumnenartikel schon kann ich hier nur von ganz tief drinnen zustimmen. Exklusives Shirt, vielleicht ein Anhänger oder ein Patch (für die Kutte), in jedem Fall aber ein edles, großformatiges Booklet, das man sich beim Hören immer wieder gern durchsieht (HSB-Wanderer oder alles von Janus), eben ein Gesamtkunstwerk. Mir reicht das, sonst kauf ich das Jewelcase… digital geht gar nicht, da habe ich auch kein gutes Gefühl dabei, nichts von der Band für mich, mein Geld verschwindet im Äther…

  2. Olaf

    Ich verstehe die Aussage, allerdings kann ich, wie auch deinen letzten beiden Artikeln, nur bestimmt zustimmen.

    Auch ich bin ein Fan guter Merchartikel, und hier sind ja gute und hässliche Beispiele aufgeführt.
    Ich gehöre auch zu denen, die eine Band durch Kauf von Merch unterstützen.
    Dies ist meist nichts Besonderes, und ergibt sich aus dem Verhältnis zur Band oder zum Verlauf des Abends.
    So weit, so langweilig.

    Ich denke dein Apell gegen die Durchkommerzialisierung der Metalgemeinde ist zwar nett, kommt aber mindestens 40 Jahre zu spät. Der Zug ist lange abgefahren.

    Meine Meinung ist, solange diese Sachen für irgendjemanden eine Bedeutung haben, solange habe sie auch eine Existenzberechtigung. Völlig unabhängig von deinem oder meinem ästhetischen Empfinden.

    Sicher kann und sollte man ästhetische Diskussionen über Merch führen können, aber es ist ein schmaler Grat von berechtigterer Kritik zum Besserwisser bzw. Richter.

    Es wäre viel interessanter herauszufinden, was einen wirklichen Fan dazu animiert/motiviert sich, aus meiner Sicht ‚hässlichen‘ Merch in die Bude zu stellen. Vielleicht könnte das ja mein Urteil ändern oder mildern.

  3. Johannes

    Was mir auch seit kurzer Zeit auffällt, sind die vielen „streng limitierten“ coloured vinyl Versionen. Es gibt nicht schwarz und eine limitierte Farbe sondern schwarz und daneben eine komplette Farbpalette.
    Da wird Gold, Orange, Blau, black marbeled, translucend, splatter vinyl, Rot, Weiß, halb Rot/halb Weiß etc jeweils limitiert auf 1500 Exemplare parallel angeboten. Dann noch spezielle Farben für bestimmte Mailorder. Einfach, damit die Leute „limitiert“ lesen und deswegen 30 % mehr ausgeben (29,99 statt 19,99 Euro).
    Das ist doch absurd.

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: