Von Rockstars und Schmucksteinen. Oder: Promi-Prostitution auf Cameo

Die Beziehung zwischen Musiker und Fan ist seit jeher spannend: Der eine braucht den anderen, um zu überleben – der andere glaubt von sich das Gleiche, aus Hingabe, bisweilen gar Besessenheit. Nun wäre es natürlich arg unromantisch, das Verhältnis zwischen beiden auf ein schnödes Tauschgeschäft, Geld gegen Liebe, herunterzubrechen. Doch unaufhaltsam scheint sich die Musikwelt in diese Richtung zu bewegen. Und zwar – das ist die Ironie an der Sache – gerade weil die Beziehung zwischen Musikern und Fans enger und direkter ist denn je.

Waren Rockstars noch vor 20 Jahren quasi unnahbare Fabelwesen, die man allenfalls mal bei einer Signing-Session sitzen oder nach der Show aus der Halle oder ins Hotel huschen sah, ist der Rockstar 2021 quasi omnipräsent: Er hat seine eigenen Social-Media-Kanäle (natürlich auf allen gängigen und nicht so gängigen Plattformen), lässt seine Follower als Influencer an seinem (vermeintlichen) Rockstarleben teilhaben und ist für Geld sogar zu einem Treffen bereit (das Thema VIP-Tickets hatten wir ja bereits). Der neueste Move: Er schickt dir einen personalisierten Gruß. „Cameo Calls“ sind das Stichwort.

Vom Schmuckstein zum Rockstar

Im eigentlichen Sinne ist ein Cameo(-Auftritt) ein unerwarteter Kurzauftritt eines Stars in einem Film, einer Serie, einem Cartoon oder dergleichen. Abgeleitet ist der Begriff aus der eigentlichen Bedeutung des englischen cameo für Schmuckstein: Hier leuchtet etwas heraus und wertet das Werk als Ganzes auf. Als Urheber des Begriffs gilt der US-amerikanische Filmproduzent Michael Todd, der in seinem Film „In 80 Tagen um die Welt“ (1956) ganze 48 Cameos platziert hat – aber auch die Hitchcock’schen Cameos sind legendär. Ich schweife ab, denn „legendär“ ist am heutigen Cameo wenig – zumindest wenn man den Begriff weder auf den Schmuckstein noch auf den Bereich des Films bezieht.

Heute steht Cameo für eine weitere App in der unüberschaubar gewordenen Welt der Social-Media-Plattformen. „Personalized videos feat. your favorite stars“ ist der Slogan, und damit sind wir wieder bei der Beziehung zwischen Musiker und Fan sowie der „Nahbarkeit“ von (Rock-)Stars. Wer sich die Cameo-App installiert und entsprechend tief in die Tasche greift, bekommt auf Cameo die Möglichkeit, mit Stars und „Stars“ aus quasi allen Genres zu „interagieren“. Schauspieler, Footballspieler, Sänger oder Wrestler – und natürlich auch Metal-Musiker – stehen hier zu Diensten und bieten, ganz profan, ihre Zeit gegen Geld an: Ob etwa eine personalisierte Videobotschaft mit Geburtstagsgrüßen oder ein privater Video-Call „to talk about anything“ (Screenshot inklusive!). Alles kann, nichts muss!

Verkaufe: Prominenz

„Privat“, „personalisiert“ … das klingt alles so schön persönlich. Und für Die-hard-Fans mag es am Ende vielleicht wirklich ein Erlebnis sein, mit „ihrem“ Star telefoniert zu haben oder von ihm ein Happy Birthday gesungen bekommen zu haben. Erbärmlich ist es eher für die andere Seite: Rockstars, die es mit ihrem künstlerischen Schaffen zu Ansehen (und meist auch einer erklecklichen Menge Geld) gebracht haben, verkaufen nun nicht mehr ihre Kunst, sondern sich selbst. Von einer Form der Prostitution zu sprechen, wäre nicht allzu weit hergeholt. Selbst das Wording passt: „I am now available on Cameo“, tut Mikkey Dee in seinem Cameo-Vorstellungsvideo kund, und Steve „Zetro“ Souza von Exodus beteuert: „I’ll do anything.“ Im Internet führt diese Bereitschaft, sich zum Clown zu machen, bereits zu den erwartbaren Reaktionen: 2,5 Millionen Views hat auf YouTube ein Video mit dem Titel „We Paid Celebrities on Cameo to say…“, immerhin noch 1,8 Millionen der Clip „These CELEBRITIES Will Say ANYTHING For Money!“ Würde, irgendwo? Ne, sorry, is’ grad aus.

Cameo-basierte Youtube-Videos von Cold Ones. (Screenshot Youtube)

So sehr man es sich vielleicht wünschen würde: Natürlich sind Promis aus Rock und Metal auf Cameo längst keine Exoten mehr. Immerhin 282 Angebote im Bereich „Rock Music“, 181 Gitarristen und 142 Promis aus dem Bereich Metal lassen sich derzeit buchen – darunter Doro (als Doro Pesch WARLOCK DORO Metalqueen), Maurizio Iacono (Kataklysm), Gary Holt (Exodus, Slayer), John 5, Scott Ian (Anthrax), Max Cavalera (Soulfly), Chris Barnes (Six Feet Under), Mikkey Dee (Scorpions, Ex-Motörhead) und Chris Kael (Five Finger Death Punch).

Die Auswahl an potenziellen Geburtstagsgratulanten ist groß … (Screenshot Cameo.com)

Preis, Leistung, Qualität

Die angebotenen Services sind recht einheitlich: Gary Holt möchte deine Kündigung übernehmen, Maurizio Iacono bietet an, deinem Chef „Fuck you!“ zu sagen (was wohl auf das Gleiche hinausläuft), Steve Souza will für dich Schluss machen und Max Cavalera ist „für alles zu haben“. Und klar, den obligatorischen Geburtstagsgruß haben sie alle im Programm. Unterschiedlich ist hingegen die Fallhöhe für den Promi: Während Randy Blythe (Lamb Of God) das Ganze mit viel Humor angeht und mit seinen Clips so tatsächlich Unterhaltsames liefert, ist etwa die auf Cameo abrufbare abgelesene Geburtstagsbotschaft von Marky Ramone nurmehr peinlich.

Cameo-Angebot von Chris Kael von Five Finger Death Punch; (Screenshot Cameo.com)

Neben der (mutmaßlichen) Qualität variieren auch die von den Stars selbst festgelegten Preise gewaltig. So machte sich erst unlängst Dave Mustaine (Megadeth … ach ja, und in grauer Vorzeit auch mal Metallica) einmal mehr zum Gespött der Szene, als er seine Cameo-Grußbotschaft-Gage von 150 $ auf 200 $, 250 $ und schließlich 300 $ erhöhte. Auch mit 25 % Gebührenverlust an Cameo und dem aktuell auf rund 200 $ reduzierten Preis … bleibt da noch was hängen. Gerade einmal 66 (durchweg 5/5-Stern-glückliche) Bewertungen hat Mustaine bereits erhalten – doch selbst damit und mit dem billigsten Tarif, die Gebühren bereits abgezogen, 5850 $. Deutlich realistischer mit ihren Preisvorstellungen und entsprechend gefragter sind etwa Max Cavalera (50 $, 445 Reviews) oder Gary Holt (35 $, 927 Reviews). Der bezahlte Gratulant will also mit Bedacht gewählt sein – wenngleich die Wertungen unter allen Profilen eine Fünf-Sterne-Quote von 100 % haben.

Abzocke oder fairer Deal?

Menschen zahlen Geld für Dienstleistungen – und andere Menschen erfüllen diese Wünsche gegen Geld. So weit, so normal, online wie offline. Moralisch fragwürdig am Cameo-Modell ist, dass hier nicht eine Dienstleistung, sondern allein der individuelle Kultstatus geldwert ist. Wer anderweitig etwas geleistet hat, kann hier noch ein paar Kirschen pflücken – und die hängen auf Cameo ziemlich tief: ein paar Sekunden vorlesen, ein paar Glückwünsche oder Ermunterungen für hunderte Dollar? Das Musikerleben war wahrlich schon härter. Andererseits funktionieren diverse Erwerbsmodelle im Internet ähnlich – beim Webdienst OnlyFans etwa. Und gerade in der Coronakrise mag das Geschäftsmodell dem einen oder anderen auf Cameo vertretenen Musiker durchaus über die Runden helfen. So muss sich, wer auf Cameo „käufliche Liebe“ in Form von Videogrußbotschaften anbietet, dafür sicher nicht schämen, solange er seinen Schauspielerjob gewissenhaft angeht. Oder zumindest nicht mehr als Leute, die einem wildfremden Menschen 50 $ für einen Geburtstagsgruß bezahlen und eine wirklich persönliche Nachricht erwarten.

Unter diesen Umständen ist es natürlich nachvollziehbar, dass Scott Ian (Anthrax) gerne Cameos macht: Ein Video stinkt nicht.

2 Kommentare zu “Von Rockstars und Schmucksteinen. Oder: Promi-Prostitution auf Cameo”

  1. fenrir

    … tja, Zeit ist Geld. Und ach ja, Merch ist Geld (da gab’s doch auch ne Kolumnde zu Dingen, die niemand braucht) und Meet and Greed (!) is Geld und wie nah darf ich ran (Front of Stage, VIP, Acker Buxtehude?) is Geld und …
    Vielleicht berauben sich auch die Herren irgendwie doch auch einer goldenen Zeit, wenn sie sich die Zeit immer vergolden lassen wollen…
    Danke für den Hinweis, Moritz. Danke Metal 1Info für diese wertvolle kostenlose Seite, die für mich so ein Inbegriff für den Metal-Spirit ist.

    1. Moritz Grütz Beitragsautor

      Hi Fenrir,
      „Vielleicht berauben sich auch die Herren irgendwie doch auch einer goldenen Zeit, wenn sie sich die Zeit immer vergolden lassen wollen…“ trifft den Nagel wohl auf den Kopf. Die Frage ist einzig, ob die jetzige Generation an „Stars“, die es ja gar nicht anders kennt, das je merken wird …

      Ansonsten danke für die netten Worte – es ist immer wieder schön, wenn man zu lesen bekommt, dass die hier ja tatsächlich komplett unentgeltlich investierte Zeit und Arbeit wertgeschätzt wird. :)

      Viele Grüße

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